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Sie hatten gehofft, unversehens vom Himmel fallen und die Hungerleider überraschen zu können, aber man hatte sie schon Stunden vor ihrem Eintreffen entdeckt. Ein ganzer Schwarm von Schiffen kam ihnen entgegen: acht oder neun an der Zahl, jedes einzelne der Carronade mehr als ebenbürtig und mit einer Hand voll kleinerer Begleiter im Schlepptau. Sie hatten ihre Formation verlassen und sich verteilt, um kein allzu kompaktes Ziel für Hochgeschwindigkeitsmunition zu bieten, aber das hatte nicht viel genützt. Die Zerstörer wurden vernichtet und der Schlachtkreuzer schwer bedrängt. Er wurde nur deshalb als Letzter zerstört, weil er seinem unentrinnbaren Schicksal nicht entgegenraste, sondern schwerfällig darauf zustolperte.

Brimiaice hatte gewusst, dass es so enden würde. Alle hatten es gewusst. Die Mission war seine Idee gewesen, und er hatte darauf bestanden, sie anzuführen, weil ihm klar war, dass ihr wahrscheinlich kein Erfolg beschieden sein würde. Am liebsten hätte er für die Besatzungen nur Freiwillige genommen, aber das war aus Gründen der Geheimhaltung unmöglich gewesen. Er hatte mit einigen Schwierigkeiten gerechnet, aber unter den Leuten war kein Hasenfuß gewesen. Und wenn es wie durch ein Wunder doch geklappt hätte, nun, dann hätte man ihn und seine Mannschaft zu den größten Helden der Merkatoria-Epoche gezählt. Er hatte es nicht deshalb getan, auch die anderen nicht, aber es war doch die Wahrheit. Und selbst wenn dieser tollkühne, von vornherein zum Scheitern verurteilte Versuch, den Feind ins Herz zu treffen, die Invasoren nur ein paar Sekunden lang aufhielte, hätte er sich gelohnt. Wenigstens hätte Ulubis ein wenig Courage, ein wenig Heldenmut an den Tag gelegt und den Beweis erbracht, dass man sich weder einschüchtern ließ, noch vor Angst erstarrte oder feige kapitulierte.

Wieder erschütterte ein Treffer das Schiff und ließ seinen Sessel erbeben. Links von ihm gerieten die Trümmer in Bewegung, ein verbogenes Metallstück schwebte wie ein großes eingerolltes Blatt auf ihn zu und verfehlte ihn nur knapp. Diese Explosion schien ihm stärker zu sein, machte aber viel weniger Lärm als alle bisherigen, vielleicht deshalb, weil inzwischen fast alle Luft aus dem Kontrollraum entwichen war. Man spürte sie mehr, als dass man sie hörte.

Dunkelheit. Alle Lichter waren ausgegangen, der Bildschirm erlosch allmählich, das Bild war auf die Netzhaut gebrannt, aber in Wirklichkeit nicht mehr da, nur sein Schatten hüpfte vor seinen Augen hin und her, während er nach einem Licht, einer Konsole oder einem Bildschirmfenster suchte. Irgendetwas musste doch noch funktionieren!

Er fand nichts.

Mit der Dunkelheit wuchs die Stille. Die letzte Luft entwich aus dem Kontrollraum und dem Schutzanzug.

Brimiaice spürte, wie in seinem Innern etwas nachgab, und hörte ein Gluckern, als sich seine Eingeweide in den Hohlraum zwischen seinem Körper und der Innenseite des Schutzanzugs ergossen. Er hatte erwartet, dass es schmerzen würde, und er wurde nicht enttäuscht.

Irgendwo neben ihm flammte ein Licht auf. Er hob den Kopf. Das Licht erfasste die ganze Seite des Kontrollraums, und er begriff, dass er die Rumpfkonstruktion des Schlachtkreuzers sehen konnte, von außen angestrahlt von einer überwältigend hellen …

Lieutenant Inesiji von der Palastwache in Borquille lag lang ausgestreckt in einem kraterförmigen Nest zwischen den Trümmern einer zerstörten Atmosphäreenergiesäule. Der Platz vor dem Palast des Hierchon war mit braunen und roten Röhren, Platten und Staubhügeln bedeckt. Die mehrere Kilometer hohe Säule war an diesem Morgen beim ersten Angriff in den Sockel getroffen worden, mit der Basis voran umgestürzt und unglaublich langsam in einem Umkreis von etwa der Hälfte ihrer Höhe zusammengebrochen. Als schließlich die kreisrunde Spitze, ein massiver Turm – mit einem mächtigen, den Platz, den Palast und alle umliegenden Stadtteile erschütternden Donnerschlag –, in die niedrigeren umstehenden Gebäude krachte, war ein gewaltiger Ring aus Staub und Dampf, eine riesige, brodelnde, in sich rotierende O-förmige Schlinge von hundert Metern im Durchmesser himmelwärts gerast.

Inesiji hatte die Katastrophe aus einem der oberen Stockwerke des Palastes beobachtet, hinter die Bedienungselemente einer Impulskanone gezwängt, die hundert Meter über der großen Trümmerwolke unter Tarnnetzen verborgen war. Seine Kameraden, Menschen wie Whule, waren gefallen und lagen um das Geschütz mit seinen drei langen Federbeinen herum. Die Invasoren hatten mit Neutronenwaffen, bomben und Energiestrahlen fast alle Biowesen in der näheren Umgebung getötet. Jajuejein waren nicht so leicht umzubringen. Jedenfalls dauerte es länger. Inesiji hatte Schmerzen und wurde allmählich steif. Er würde die nächsten Tage sicherlich nicht überleben, aber noch konnte er handeln.

Die Hungerleider hatten diese Waffen gewählt, weil sie den Palast unbeschädigt übernehmen wollten. Um dieses symbolische Ziel zu erreichen, mussten sie landen und Bodentruppen in Marsch setzen. Endlich ein Angriffspunkt, eine Chance, ihnen echte Verluste zuzufügen und die eigene Ehre zu retten.

Die ersten Geschützplattformen, die herangesurrt kamen, hatte der Lieutenant ignoriert. Eine Drohne war dicht an ihm vorbeigezogen, hatte kurz innegehalten und war dann weitergeflogen. Auch als die ersten Landefähren auf dem mit Schutt und Leichen übersäten Platz niedergingen, hielt sich Inesiji zurück. Vier, fünf, sechs Maschinen setzten auf und spuckten schwer bewaffnete und gepanzerte Soldaten aus, viele davon in Exoskeletten, die sie riesengroß aussehen ließen.

Als hinter der ersten Welle eine größere, pompösere Maschine landete, hatte Inesiji die Impulskanone auf Maximalleistung gestellt, die Sicherheitspuffer deaktiviert und losgelegt. Zuerst hatte er das große Schiff mit Feuer übergossen, dann hatte er die kleineren Fähren mit einbezogen und schließlich die Schwenkautomatik angestellt. Er selbst war, nur mit seiner Handwaffe, teils rollend, teils kriechend die lange, geschwungene Galerie hinabgeeilt, Sekunden bevor der Feind seine Position gefunden und ein zwanzig Meter großes Loch in die Wand des großen kugelförmigen Gebäudes gesprengt hatte.

Das Loch war sogar von hier unten zu sehen, wo er zwischen den Trümmern der Atmosphäreenergiesäule lag. Der Schutt hatte erst vor kurzem zu qualmen aufgehört. Stunden waren vergangen. Er hatte ein Dutzend weiterer Feinde getötet und zwei Landefähren abgeschossen. Nach jedem Schuss hatte er sich zwischen den Trümmern oder in den umliegenden Gebäuden einen neuen Standort gesucht. Der Feind hatte ihn nicht entdeckt, weil er glaubte, nach einem Menschen Ausschau halten zu müssen. Ein Jajuejein, der sich ohne Uniform oder andere Kleidung irgendwo zwischen die Trümmer kauerte, entsprach nicht der Vorstellung dieser Leute von einem Soldaten; er glich eher einem Bündel zu Boden gefallener Metallstäbe oder einem Gewirr von Stromkabeln. Ein Soldat war in seinem Exoskelett umgekommen, als er geradewegs auf Inesiji zuging und die Waffe aufheben wollte, die er in einem sonderbaren Netz zwischen den Trümmern liegen sah. Der verblüffte Soldat hatte nicht erkannt, dass das Netz Inesiji war. Er musste die Waffe für lebendig gehalten haben, als sie sich wie von selbst hob und ihn in den Kopf schoss.

Aber jetzt fühlte sich Inesiji nicht mehr allzu wohl. Die Strahlenschäden machten sich bemerkbar. Er versteifte sich zusehends. Die Nacht brach herein, und er glaubte nicht, dass er den Morgen noch erleben würde. Von der Stadt zog Rauch herüber, Blitze zuckten über den Himmel und schossen vom Boden auf. Dumpf und hohl rollte der Donner der Geschütze über ihn hinweg.

Gleich hinter dem Rand seines kleinen Kraternests ertönten die schweren Schritte eines weiteren Exoskeletts. Sie kamen näher.