»Ja«, sagte Fassin. »Ich auch, Colonel.«
»Viel Glück dabei!«, dröhnte die Oerileithe.
»Danke«, sagte Fassin. »Ich nehme an, Glück wird nötig sein, auch wenn es allein nicht ausreicht.«
Wenige Stunden später hatte er gerade noch Zeit, um sich zu vergegenwärtigen, dass sich ausgerechnet durch ein Unglück die Gelegenheit ergab, nach der sie gesucht hatten, dann musste er um sein Leben rennen.
Schließlich ließ er sich doch überreden. thay, Sonj und Mome kamen mit. Warum wollte er denn nicht? Er war doch wohl nicht nervös? Oder vielleicht nur zu faul?
Er war nicht nervös und auch nicht – ganz – so faul. Er wollte nur im Nest zurückbleiben, um bei K zu sein, die im Traumalysator steckte und an einem damit verbundenen Narko-Infusor dem Ende eines T-Traums entgegendämmerte. Ihr schlanker, graziler Körper schwebte, leicht vertäut, in halb fötaler Stellung in dem sanften Strom, der aus dem Luftstuhl kam. Ihre Arme schwangen hin und her, das lange, zu einem Pferdeschwanz gebundene kastanienbraune Haar erblühte über ihr wie der Schild einer Kobra, legte sich um ihren Kopf und wurde wieder nach hinten geweht. Das NMR-Netz umfasste ihren Kopf von hinten wie eine Hand mit mehr als zwanzig schlanken Fingern. Der durchsichtige Schlauch des Narko-Infusors verschwand in einem winzigen Neuro-Anschluss gleich hinter ihrem linken Ohrläppchen. K’s Augen bewegten sich träge hinter den Lidern, ein starres Lächeln lag auf ihrem Gesicht.
Sie befand sich im Endstadium eines langen T-Traums, so als wäre sie aus unergründlichen Tiefen aufgetaucht und als schwämme sie nun langsam durch mehrere Kilometer sonnenbeschienenen seichten Wassers ans Ufer. Er konnte natürlich hinauswaten, konnte ihr entgegengehen, ohne selbst in das Pseudobewusstsein des chemisch/NMR-holo-induzierten Traumzustands einzutreten, er konnte sozusagen mit ihr schnorcheln, während sie, noch mit Kiemen atmend, dem Strand der weltlichen Realität zustrebte.
– He, Fass!, hatte sie gesendet, als er zum ersten Mal eingetaucht war. Er hatte sich einen kleinen NMR-Kragen übergestreift und war Teil ihres sich langsam verflüchtigenden Traums geworden. Sie war anderthalb Tage fort gewesen; ein langer Trau m. – Du kommst mir entgegen? Danke, Partner!
– Hat es Spaß gemacht?, fragte er.
– Mehr als das. Rate mal, wo ich war?
Er sendete ein Achselzucken. – Keine Ahnung.
– Ich war auf einem Trip! Ein Trip im T-Traum, wie es die Seher machen. Nach Nasqueron! Nun, es war nicht wirklich Nasq, es war ein anderer Gasriese namens Furenasyle. Das muss die Vorlage für den Chip gewesen sein. Hast du schon einmal von Furenasyle gehört?
– Ja, das ist auch ein Planet, wo man Dweller-Forschung betreibt. In deinem T-Traum warst du also dort? Auf einem Trip? Tatsächlich?
– Klar doch. Warum tust du so, als wäre das was Besonderes? Fass, es war toll! Der beste T-Traum … nun ja, der zweitbeste T-Traum, den ich jemals hatte! K schickte ein verschwörerischanzügliches Grinsen in seine Richtung. Er konnte sich denken, welchen T-Traum sie meinte. Sie hatten ihn zusammen erlebt. Ein Liebes-T-Traum, eine gemeinsame Immersion in die Gefühle, die sie füreinander hegten. vermutlich jedenfalls. Liebes-T-Träume waren in mancher Beziehung kitschig – man konnte auch darin noch über seine Gefühle lügen, und wenn man die richtige Vorlage aus dem Traumalysator wählte und die dazu passenden Chemikalien in den Narko-Infusor gab, war ein unvergleichlicher T-Traum mit großen Augen, Herzklopfen und blinder Glückseligkeit praktisch garantiert, sogar bei zwei Personen, die einander im Grunde hassten. aber für sie beide war es ein guter Traum gewesen. Gut, aber nichts, was er hätte wiederholen wollen. vermutlich stand er allen VR-Erlebnissen mit Misstrauen gegenüber, und T-Träume, besonders mit zugeschaltetem Narko-Infusor, der die entsprechenden synthetischen Chemikalien ins Gehirn einspeiste, waren die immersivste VR, die man finden konnte. Jedenfalls im Bereich der Legalität oder Halblegaliltät.
– Du solltest es probieren! Wirklich! Glaubst du nicht, dass das eine gute Übung für dich wäre?
– Schon möglich. Falls ich solche Trips irgendwann zu meinem Beruf machen sollte. Du würdest es also empfehlen?
– Wenn es so ist wie eben, dann sicher.
Er war keineswegs sicher. Er war noch jung, hatte sich noch nicht entschieden. Sollte er ein ›Langsamen‹-Seher werden, wie es offenbar alle Welt von ihm erwartete, auch die Leute, mit denen er das Nest auf Hab 4409 (dem ›Happy Hab‹) teilte? Oder sollte er etwas ganz anderes machen? Er wusste es immer noch nicht. Allein die Tatsache. dass jedermann glaubte, er würde nach ein paar wilden Jahren doch irgendwann Seher werden – und es waren wirklich wilde Jahre, kein Leben, wie man es für immer oder auch nur für längere Zeit führen konnte – stärkte seine Entschlossenheit, solche Erwartungen nicht zu erfüllen … wobei ›Entschlossenheit‹ sicher ein zu starkes Wort war. Widerstreben. Stärkte sein Widerstreben. Das war vermutlich besser. trotzdem, vielleicht würden sie sich alle noch wundern. vielleicht zog er davon und suchte sich etwas völlig anderes, etwas, das unerhört aufregend war. Er musste nur sehr viele verschiedene Dinge ausprobieren, bis er das Richtige gefunden hatte.
– Hör zu, ich gehe wahrscheinlich mit den anderen zur Demo. Es sei denn, du brauchst mich, du weißt schon …
– Wunderbar! Ich habe nichts dagegen. Geh nur. Ich würde auch mitkommen. Aber ich muss erst aus diesen Untiefen raus. Als ich beim letzten Mal untergetaucht bin, bekam ich eine richtige Gänsehaut. Igitt!
– Okay. Bis später.
– Bis später, Partner!
Er verließ das Nest.
Das Nest – eine Kapsel mit niedriger Schwerkraft, bestehend aus etwa vierzig zumeist kleinen kugelförmigen Räumen, eine Art Kommune aus (ausschließlich menschlichen) Aussteigern, Neinsagern, T-Träumern, ausgeflippten Wohlstandskindern, Eiferern und Fixern – befand sich mit vielen anderen Wohneinheiten nahe an der Längsachse des Habitats, unweit des (ziemlich willkürlich) so genannten Westends, nicht weit unter dem Sonnenrohr. Offiziell gehörte das Nest der Mutter eines der Wohlstandskinder, inoffiziell war es jedoch die Volksrepublik der Unreifen und Unentschlossenen (und konnte das auch mit halb offiziellen Dokumenten und Computerprogrammen belegen.)
Hab 4409 war eines von etlichen hunderttausend Habitaten, die um Sepekte kreisten. Es war von der Größe her durchschnittlich, ein Zylinder aus umgeformten Asteroidenmaterial, fünfzig Kilometer lang und zehn Kilometer breit, der auf der Innenfläche durch Drehung eine Schwerkraft von etwa zwei Drittel einer Ge erzeugte, und drehte sich im ewigen Sonnenschein wie eine riesige, die Photonen platt drückende Gartenwalze. Zwei zwölf Kilometer große Spiegellinsensysteme – eins an jedem Ende – waren auf die Sonne Ulubis gerichtet wie zwei riesige, unerträglich dünne Blüten. Weitere Spiegelkomplexe leiteten das eingefangene Sonnenlicht durch zwei Fenster aus Diamantfolie in die Längsachse des Habitats, wo ein letzter Spiegelsatz – der an der Sonnenröhre auf und ab wanderte, um so etwas wie den Eindruck eines Planetentages zu erzeugen – das Licht schließlich auf die Innenfläche lenkte. Oder das Licht zumindest dort auf die Innenfläche lenkte, wo kein traubenförmiger Nestkomplex (mit weiteren Spiegeln) im Weg war.
In diesem System lebten viel mehr Leute in Habitaten als auf Planeten, und die meisten Habitate befanden sich irgendwo im Umkreis von Sepekte. Hab 4409 war fast seit seiner Gründung vor zwei Jahrtausenden – im Zuge eines heillos unübersichtlichen Manövers von Vermögenstransfers und Wertberichtigungen zwischen den ansässigen Spezies – ein liberaler, toleranter Hafen gewesen, wo Leute ein und aus gingen, denen alles egal war. Selbst die Besitzverhältnisse waren nie endgültig geklärt worden, und inzwischen hatten sich schon mehrere Generationen von Anwälten in einen finanziell wohl versorgten Ruhestand zurückgezogen – nachdem sie seit ihrer Referendariatszeit die epische Provenienz-und Prozessgeschichte von Hab 4409 verfolgt hatten, ohne dass jemals ein abschließendes Urteil in Sicht gewesen wäre.