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»Genau.«

»Brillant. Mach weiter.«

»Viele Offs sind darüber nicht glücklich«, wiederholte Thay, »deshalb greifen die ’yonds – die Beyonder – uns nur an, um uns in der Defensive zu halten.« Sie nickte. »Das sagt meine Cousine Lain.«

»Yippie! Verrücktes Yonder-Geschwätz«, rief Mome und hielt sich die Ohren zu. »Ihr bringt uns noch alle ins Gefängnis.« Sie lachten.

»Wenigstens haben wir die Freiheit, so etwas zu sagen«, gab Fassin zu bedenken.

Worauf Mome sein ganz spezielles Hohles Gelächter erschallen ließ.

Auf dem Hauptplatz grüßte Fassin viele Bekannte und schwelgte in der allgemeinen Solidarität und der etwas schrillen Heiterkeit – viele phantasievolle Kostüme, riesige Wergskulpturen und summende Schwebeballons (die Spruchbänder hinter sich herzogen, Lieder brüllten und Narkonfetti verstreuten) – fühlte sich aber doch irgendwie fremd zwischen den zumeist menschlichen Demonstranten inmitten der prächtigen Kuppelbauten. Er hob den Kopf und sah sich um.

Das Habitat war eine riesige grüne Stadt in einer rotierenden Röhre: kleine Hügel, viele Berge und lange Alleen, die kreuz und quer zwischen niedrigen Wohnblöcken mit hängenden Gärten und vielfach gewundenen Flüssen verliefen. Schmale Türme ragten, teils bogenförmig gekrümmt, bis hinauf zur Sonnenröhre, wo sie sich zu den Türmen auf der anderen Seite hinüberneigten – oder sie gar berührten. trauben von Nestern – von Spiegeln umgeben und Friktionsröhren wie Dschungellianen hinter sich her ziehend – drängten sich um die Längsachse, darunter schwebten wie seltsam geformte Wolken halb transparente Lenkballons.

Da hörte Fassin vom Rand der Menge, die dem Palast des Diegesian, gegen den die Proteste sich richteten, am nächsten war, einen Aufschrei. Es roch auch etwas merkwürdig, aber wahrscheinlich hatte nur einer der Schwebeballons irgendeine Droge versprüht, die Fassins Immedio-Immunsystem nicht kannte. Doch dann begriff er, dass wohl doch irgendetwas nicht stimmte, denn plötzlich fielen wie auf ein Stichwort alle Schwebeballons herab. Außerdem erlosch die Sonne in der Sonnenröhre. Und das kam einfach nie vor. viele ungewohnte Geräusche drangen zu ihm, vielleicht schrie auch jemand. Es wurde rasch sehr kalt. Auch das war ungewöhnlich. Leute liefen an ihm vorbei, rammten ihn anfangs nur mit den Schultern, dann stolperten sie über ihn, und er erkannte, dass er Fassin?, dass er Fassin am Boden lag, dann wurde er Fassin geschlagen, aber er Fassin versuchte wieder aufzustehen, und er lag Fassin, er lag Fassin auf den Knien und wollte sich Fassin vollends aufrichten – er schwankte, ihm war ganz komisch, warum lagen ringsum so viele Leute auf dem Boden? – dann – Fassin – wurde er wieder zusammengeschlagen. Von einem Mann in stahlgrauer Panzerung mit einem riesigen Knüppel von Polizeikeule und keinem Gesicht und zwei kleinen surrenden Drohnen auf jeder Schulter, die Gas versprühten und ein schrecklich schrilles Winseln ausstießen, von dem er – Fassin! – nur möglichst schnell wegwollte, aber seine Nase, seine Augen und alles andere brannte und schmerzte, und er wusste nicht, was er tun sollte, er stand Fasssin! einfach nur da, und der Kerl mit der großen Keule so lang wie ein Speer stand vor ihm und er Fasssin? dachte noch, er könnte ihn ja fragen, was eigentlich vorging und was passiert Faaasssssiiinnn? passiert war, doch da holte der Mann mit seinem Keulen-Speer-Knüppel-Ding weit aus und knallte es ihm ins Gesicht, dass ihm die Zähne wegbrachen und er kopfüber

»Fassin ?«

Sein Name rüttelte ihn endlich wach.

»Wieder da? Gut.«

Der Sprecher war ein kleiner Mann in einem großen Stuhl hinter einem viel zu kleinen Metallschreibtisch. Der Raum – ein Raum? – war so dunkel, dass man nicht einmal mit Infrarot etwas sah. Die Stimme hörte sich an, als sei es kein sehr großer Raum. allmählich spürte Fassin Schmerzen im Gesicht, besonders der Mund tat weh. Er wollte ihn abwischen, aber er konnte die Hände nicht bewegen. Er schaute nach unten. Die Unterarme waren – er fand nicht gleich das richtige Wort – angekettet? Sie waren an den Stuhl gefesselt, auf dem er saß. was ›zum Teufel‹ hatte das zu bedeuten? Er fing an zu lachen.

Ein Schlag, der durch Mark und Bein ging. Sein ganzes Skelett erbebte wie ein Glockenspiel, sein Fleisch, seine Muskeln und seine Organe hatten sich gelöst, waren noch in der Nähe, noch mit ihm verbunden, und ein Dreckskerl – oder gar ein ganzer Haufen von Dreckskerlen – hatte mit vielen Hämmern gleichzeitig und mit voller Wucht auf jeden Einzelnen seiner Knochen eingeschlagen. Der Schmerz verschwand fast so schnell, wie er gekommen war, und ließ nur ein unheimliches Echo in seinen Nerven zurück.

»Wasch zum Teufel war dasch?«, fragte er das Männchen. Es klang komisch, weil ihm einige Zähne fehlten. seine Zunge betastete die Lücken. Zwei waren offenbar ganz weg, einer war locker. Er suchte sich zu erinnern, wie lange es dauerte, bis einem Erwachsenen die Zähne nachwuchsen. Der Mann sah mit seinem dicken, freundlichen Gesicht und den rosigen Pausbäckchen recht gutmütig aus. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten. Er trug eine Uniform, die Fassin unbekannt war. »Verdammt, wollen Schie mich foltern ?«, fragte Fassin.

»Nein«, sagte das Männchen sehr sachlich. »Ich will nur, dass Sie mir genau zuhören.« Er bewegte eine Hand über die Schreibtischplatte.

Fassins Knochen klapperten schon wieder, als hätte jemand darauf gespielt. Beim zweiten Mal fanden seine Nerven das Ganze nun wirklich nicht mehr lustig und protestierten mit heftigen Schmerzen.

»Schön! Schön!«, hörte er sich sagen. »Verdammt, ich habe verschanden. Verstanden«, wiederholte er. Er musste lernen, sich beim Sprechen auf seinen neuen Zahnstatus einzustellen.

»Sie sollten nicht fluchen«, sagte das Männchen und tat ihm wieder weh.

»Okay!«, schrie er. Sein Kopf hing nach unten. Der Rotz lief ihm aus der Nase, und Speichel und Blut tropften ihm aus dem Mund.

»Bitte fluchen Sie nicht«, sagte das Männchen. »Fluchen ist das Zeichen eines undisziplinierten Verstandes.«

»V…, sagen Sie mir einfach, was Sie von mir wollen«, bat Fassin. War das Wirklichkeit? Oder war er in einem unheimlichen VR-Traum gefangen, seit er K geholfen hatte, aus den Untiefen ihres T-Traums herauszukommen. war das die Strafe, wenn man sich billige Vorlagen oder illegale Kopien für seine T-Träume beschaffte? War das alles wirkich? Schmerzhaft genug wäre es gewesen. Er schaute auf seine Beine hinab, der Saum seiner Shorts triefte von Blut und Schleim und Rotz. Er konnte die einzelnen Haare unterscheiden, einige waren aufgerichtet, andere klebten auf der Haut. Er sah auch die Poren. war das kein Beweis, dass alles wirklich war? Nein, natürlich nicht. T-Träume, Simspiele, VR, sie alle beruhten auf der Erkenntnis, dass sich der Verstand nur auf eine Sache auf einmal konzentrieren konnte. Der Rest war Illusion. Das menschliche Sehvermögen, der komplexeste Sinn, den die Gattung besaß, arbeitete seit Jahrmillionen nach diesem Prinzip, um das Bewusstsein hinter den Augen zu täuschen. Man glaubte nur, Farben und verschiedene Einzelheiten im Weitwinkelformat (über die ganze Breite) zu sehen, aber das stimmte nicht; scharfes, farbiges Sehen war auf einen ganz kleinen Bereich des Sichtfeldes beschränkt, der Rest war verschwommen, schwarzweiß und registrierte nur Bewegungen.

Das Gehirn arbeitete mit verschiedenen Tricks, um sich vorzugaukeln, es sähe die Randbereiche seines Zielobjekts genauso scharf wie das Zentrum. Intelligente VR verwendete die gleichen Verfahren; sie fuhr an ein Detail heran und gestaltete es messerscharf mit aller Präzision aus, alles, was im Moment nicht Gegenstand des Interesses war, konnte gefahrlos ignoriert werden, bis der Betrachter seine Aufmerksamkeit darauf richtete. So wurde der Verarbeitungsaufwand in vernünftigen Grenzen gehalten.