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Fassin überlegte einen Moment.

Haben Sie etwas von meinem Sept gehört, dem Sept Bantrabal?

– Nein. Es wurde bestätigt, dass auf oder in Third Fury niemand überlebt hat. Leider habe ich auch zu vermelden, dass Meistertechniker Hervil Apsile als tot gilt. Es gibt kein Lebenszeichen vom und keine Verbindung zum Absetzschiff. Die Ocula lässt Ihnen durch mich ihr Bedauern angesichts der ums Leben gekommenen Seher und ihres Personals ausdrücken, und ich schließe mich dem natürlich an.

– Vielen Dank.

Der Colonel antwortete mit einer rollenden Verbeugung, vielleicht war sie auch nur in den Wirbeln des Propellerstroms kurzzeitig aus dem Gleichgewicht geraten.

Unter den Sklavenkindern hatte es keine weiteren Opfer gegeben. Die Reparaturen schienen erfolgreich gewesen zu sein. Selbst da, wo sie noch nicht völlig abgeschlossen waren, vibrierten die beschädigten Rotorflügel nicht mehr so stark, so konnten die restlichen Arbeiten leichter erledigt werden.

– Wie viele Schiffe wollte man nach Nasqueron schicken, um alle diese Aufgaben zu erfüllen? Oder glaubte man, ein kleines Boot und zwei winzige Satelliten würden genügen?

– Davon wurde nichts erwähnt.

Fassin sagte nichts.

Ein fester Glaube an die ›Wahrheit‹ konnte unerwünschte Folgen haben. zum einen bestand damit auch die Möglichkeit, dass mit dem Ende der Simulation alle simulierten Wesen schlagartig zu existieren aufhörten. Wenn das Sim abgeschaltet wurde, starb alles innerhalb des Substrats. Womöglich gab es keine Erhebung, keine Erlösung, keine Rückkehr in ein größeres, besseres, schöneres Draußen: vielleicht stand am Ende nur die Massenvernichtung.

Auch gab es in der (scheinbar) realen Welt Stimmen, die behaupteten, mit der ›Wahrheit‹ sei die Billigung der eigenen Ausrottung verbunden, die Religion ermutige stillschweigend zu Massen-und Völkermord. Ein Weg, um den Prozentsatz an wahren Gläubigen zu erhöhen, mochte Missionierung, Überzeugung und Bekehrung sein, doch eine zweite Möglichkeit bestand logischerweise darin, diejenigen zu dezimieren, die sich standhaft weigerten, die ›Wahrheit‹ anzunehmen – notfalls, indem man sie tötete. Um den Übergang herbeizuführen, der Offenbarung und Erlösung für alle brachte, musste nicht zwangsläufig ein Skeptiker zum Glauben finden, vielleicht genügte es auch, wenn ein hartgesottener Heide seinen letzten Atemzug tat.

Die Sturmschere stürzte in eine mächtige schwarze Wolkenmauer. Ringsum wurde es dunkel. An den Verstrebungen und in den Dweller-Jollen gingen die Lichter an. Bald war nur noch wenig zu sehen, und die aberwitzige, alles übertönende Kakophonie aus Propellerkreischen und Triebwerksdröhnen machte jede akustische Verständigung nahezu unmöglich. Ein Methanschauer prasselte durch die Finsternis.

Vielleicht sollten wir hineingehen, sagte der Colonel.

Amen.

Am nächsten Tag wurden Schießübungen veranstaltet, um Geschütze und Mannschaft der Sturmschere ein wenig auf den Krieg einzustimmen. Y’sul, Hatherence und Fassin durften zusehen, mussten aber ganz vorne im Schiff in einer improvisierten Beobachtungskuppel bleiben, einer kleinen Diamantblase, die wie eine Warze auf der gepanzerten Schiffsnase saß. Sie teilten den Raum mit ein paar Dutzend interessierten Zivilisten, zumeist Administratoren der verschiedenen Städte, denen die Sturmschere während der letzten langen Friedensperiode Höflichkeitsvisiten abgestattet hatte. Haus-kinder in Uniform schwebten zwischen den VIPs und reichten Platten mit Speisen und Drogen herum.

Weit vorne schwebte hinter einer Zehn-Kilometer-Lücke in den Wolken ein Zielobjekt, das wie ein kleines, leuchtend blaues Schiff aussah. Es befand sich im Schlepptau eines zweiten mehr als hundert Kilometer entfernten Panzerkreuzers.

Ein heftiger Schauer durchlief die Sturmschere, gleich darauf gab es einen gewaltigen Knall. Unter und über ihnen erschienen Dutzende von Spuren wie Kondensstreifen, riesige Kämme aus dünnen Gaszöpfen rasten vor ihnen her, angeführt von kaum sichtbaren schwarzen Punkten, den Granaten, die dem Ziel zustrebten. In jede Sitzgrube war ein Bildschirm eingelassen, der – wenn er funktionierte – das blaue Ziel in Vergrößerung zeigte; der Hohlkörper erbebte, als ihn die Granaten durchschlugen, und im Rumpf taten sich Löcher auf, die sich aber gleich wieder schlossen.

Von einigen der sonst eher gelangweilt wirkenden Dweller in der Kuppel erhob sich matter Jubel, wurde aber vom Schnippen vielen Greiferfinger gleich wieder übertönt. Die Dienste der Haus-kinder wurden verlangt.

»Ich habe nie gefragt«, sagte Hatherence und neigte sich zu Y’sul, der aus einem qualmenden Stopfrohr violette Rauchschwaden einsaugte. »Worum geht es denn eigentlich bei diesem Krieg?«

Y’sul fuhr hektisch herum und hatte offenbar Mühe, seine äußeren Sinnesregionen auf den Colonel zu richten. »Worum es geht?«, fragte er verwirrt. Der Stopfen am Ende des Rohrs war verbraucht und erlosch mit einem lauten Plopp. »Na ja, Krieg gibt’s doch wohl, wenn zwei, äh, gegnerische Gruppen von … äh … Leuten … äh … das heißt, in diesem Fall von Dwellern, beschließen, miteinander … hm … zu kämpfen. Kämpfen! Ja, gewöhnlich weil irgendwas strittig ist, und … und sie verwenden dazu Kriegswaffen, bis die eine oder andere Seite – hab’ ich schon gesagt, dass es meistens nur zwei Seiten sind? Ich glaube, das ist die übliche Zahl. So was wie ein Quorum, könnte man sagen. aber …«

»Ich habe Sie nicht nach einer Definition von Krieg gefragt, Y’sul.«

»Nicht? Na schön. Ich dachte mir schon, dass es bei euch so etwas wahrscheinlich auch gibt. Das ist wohl bei den meisten Spezies so.«

»Ich wollte wissen, um welchen Streitpunkt es geht. Was ist der Grund für den Krieg?«

»Der Grund?«, fragte Y’sul überrascht und rotterte in seiner Sitzgrube so weit wie möglich zurück. Ein neuer Schauer durchlief das Schiff, und eine weitere Salve raste, diesmal von zwei Seiten, dem fernen Ziel entgegen. »Nun«, sagte er und schaute zerstreut den tanzenden Granatenpunkten mit den Gasschwänzen nach. »Nun, einen Grund gibt es ganz sicher …« Er verfiel in unverständliches Gemurmel. Hatherence lehnte sich mit einem Seufzer in ihrem Sitz zurück. Sie hatte wohl eingesehen, dass sie kein weiteres vernünftiges Wort aus ihm herausbekommen würde, solange er an dem Stopfrohr zog.

Die Formalkriege der Dweller sind wie Duelle in großem Stil, erklärte Fassin. Der Colonel drehte sich ein wenig in seine Richtung. – Im Allgemeinen geht es um eine ästhetische Streitfrage. Oft sind sie das letzte Stadium eines Planetenplanungsstreits.

– Planetenplanung?

– Häufig kommt es zum Krieg, weil man sich nicht über die Zahl der Gürtel und Zonen einigen kann, die ein Planet haben sollte. Dann stehen sich gewöhnlich Gerade und Ungerade gegenüber.

– Planetenplanung?, wiederholte der Colonel, als hätte sie das Wort nicht richtig verstanden. – Ich hätte nicht gedacht, dass Gasriesen, nun ja, geplant würden.

– Die Dweller behaupten, sie könnten die Zahl der Bänder eines Planeten verändern, sie bräuchten nur ausreichend lange Zeit dafür. Man konnte sie bisher nie zuverlässig dabei beobachten, aber das hindert sie nicht, die Behauptung aufrecht zu erhalten. Es geht ohnehin nicht um die Aktion an sich, sondern um das Prinzip. In was für einer Welt wollen wir leben? Das ist die Frage.