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»Eine intelligente Mine? Hier in der Nähe?«

»Deine Sorgen sind berechtigt, mein Freund«, hatte Y’sul in feierlichem Ton verkündet. »Hier fliegt allerlei herum, und das ist ein weiterer – sogar der eigentliche – Grund, warum ich mit meinem Schiff die Gegend absuchen möchte.«

»Und dein Diener wurde verletzt? Wie schrecklich.«

»Ich weiß. Kriege sind schrecklich. Davon abgesehen haben die Feindseligkeiten bisher kaum so viele Opfer gefordert, wie mein Rücken Gliedmaßen hat. auf jeder Seite zwei manövrierunfähige Panzerkreuzer. Man kann wirklich noch nicht sagen, wer gewinnt. Ich lasse meinen Sensorsaum auf Empfang und halte euch auf dem Laufenden.«

»Danke.«

»Keine Ursache.«

Sie haben Recht, hatte Hatherence während dieses Gespräches signalgeflüstert. – Wir sollten ihn gehen lassen.

– Können Sie mit Ihrem Schutzanzug Signalkontakt zum Schiff halten, während Sie auf ›Langsam‹ laufen?

– Ja.

– Gut.

Fassin hatte sich an Y’sul gewandt. »Du bleibst doch in der Nähe?«, hatte er ihn ermahnt. »Du lässt nicht zu, dass sich die Poaflias zu weit entfernt?«

»Natürlich! Ich schwöre es! Und ich werde diese beiden Prachtkerle hier bitten, euch an meiner Stelle in jeder Hinsicht zu Diensten zu sein.«

Jundriance empfing sie sofort. Nuern hatte sie in eine der äußeren Bibliothekskugeln geführt. Die Bibliothek hatte ein Dach aus Diamantplättchen, durch das man direkt in den zinnoberroten Himmel sehen konnte. Jundriance saß in einer Schreibgrube etwa in der Mitte des nahezu kugelförmigen Raums vor einem Leseschirm. An den Wänden standen Regale, manche so breit, dass ein Mensch darin hätte schlafen können, andere so schmal, dass kaum ein Kinderfinger darauf gepasst hätte. Die meisten enthielten Bücher irgendwelcher Art. In Karussellregalen, die horizontal zwischen die Wände oder vertikal zwischen den Boden geklemmt waren, lagerten hunderte von anderen Speichermedien: S-Wellen-Kristalle, Holoscherben, Pikospulen und viele noch ausgefallenere Systeme.

Fassin und Hatherence waren durch die dichte Atmosphäre zu Jundriance und seinem Schreibtisch geschwebt. Nuern hatte für Sitzgruben gesorgt, und die beiden hatten sich niedergelassen, wobei Hatherence es so eingerichtet hatte, dass Fassin sich zwischen ihr und dem Weisen befand. Jundriance ließ natürlich nicht erkennen, dass er sie überhaupt bemerkt hatte.

Dann hatten sie auf ›Langsam‹ geschaltet. Das war Fassin viel leichter gefallen als Hatherence. Er hatte seit Jahrhunderten Übung darin, während sie die Technik zwar erlernt, aber noch nie in der Praxis angewendet hatte. So gelang es ihr erst nach einer anstrengenden Rüttelpartie, sich zusammen mit Fassin an das Tempo des Weisen anzugleichen.

Es wurde rasch dunkel, und die Nacht dauerte scheinbar weniger als eine Stunde. Fassin konzentrierte sich darauf, seine Verlangsamung möglichst gleichmäßig zu gestalten, ohne dass ihm entgangen wäre, wie unruhig der Colonel in ihrer Sitzgrube hin und her rutschte. Dann regte sich der Weise Jundriance. Als es Morgen wurde, hatte sich auf dem Bildschirm tatsächlich etwas verändert. Eine neue Seite war erschienen. Der Tag verging schnell, die nächste Nacht noch schneller. Sie verlangsamten weiter, bis sie einen Faktor von eins zu vierundsechzig erreicht hatten. Hier sollte sich Jundriance mit ihnen treffen – vor ihrer Ankunft war er noch langsamer gewesen.

Etwa auf halbem Wege hatte ein Flüstersignal das kleine Gasschiff erreicht. – Können Sie mich empfangen, Major?

– Ja. Warum?

– Ich habe eben den Lesebildschirm abgefragt. Er lief bis zur Ankunft der Poaflias in Echtzeit.

– Sind Sie sicher?

– Absolut.

– Interessant.

Endlich waren sie am Ziel, ihr Lebenstempo war mit dem des Weisen synchron. Über ihnen flackerten langsam, langsam die kurzen Tage vorbei, der orange-violette Himmel über der Diamantfolie wechselte zwischen Hell und Dunkel hin und her. Auch jetzt hingen die mächtigen Gasschleier noch scheinbar reglos über ihnen am Himmel. Fassin erging es wie immer, wenn er bei einem Trip zum ersten Mal auf ›Langsam‹ schaltete, er hatte das beunruhigende Gefühl, eine verlorene Seele in einem tiefen Kerker zu sein, ein Gefangener der Zeit, dem draußen, weit über ihm in einer anderen Welt, das Leben davonlief.

Jundriance hatte sich von seinem Leseschirm abgewandt, um sie zu begrüßen. Fassin hatte eigentlich nach Valseir gefragt, aber irgendwie waren sie auf das Thema Lebenstempo gekommen.

»Die ›Schnellen‹ sollten einem wohl Leid tun«, sagte der Weise. »Sie scheinen in diesem Universum nicht am rechten Platz zu sein. Die weiten Wege zwischen den Sternen, die Zeit, die man braucht, um von einem System zum anderen zu reisen … Und wenn man erst an die Entfernungen zwischen den Galaxien denkt …«

Eine Pause trat ein. »Natürlich«, sagte Fassin, um sie zu füllen. Wonach willst du mich aushorchen, alter?, dachte er.

»Die Maschinen waren natürlich noch viel schlimmer. Es muss doch unerträglich sein, so schnell zu leben.«

»Inzwischen leben die meisten gar nicht mehr, Weiser«, sagte Fassin.

»Vielleicht ist das ganz gut so.«

»Weiser, können Sie uns mehr über Valseirs Tod erzählen?«

»Ich war nicht dabei. Ich weiß nicht mehr als du.«

»Sie waren mit ihm … befreundet?«

»Befreundet? Nein. Nein, das würde ich so nicht sagen. Wir hatten über die Verifizierung von Texten und ihre Herkunftsbestimmung korrespondiert und Ferndebatten über verschiedene akademische Fragen und Interpretationsmöglichkeiten geführt, aber nicht regelmäßig. Persönlich haben wir uns nie kennen gelernt. würdest du das als ›Freundschaft‹ bezeichnen?«

»Wohl eher nicht. aber dann frage ich mich, was Sie hierher geführt hat.«

»Oh, ich wollte mir seine Bibliothek ansehen und so viel wie möglich an mich nehmen. Deshalb bin ich hier. Seine Diener haben einiges an Material fortgeschafft, bevor sie gingen, dann kamen andere – zumeist Wissenschaftler oder Leute, die sich als solche bezeichnen – und bedienten sich, aber es ist immer noch vieles geblieben. Die größten Schätze sind zwar nicht mehr da, aber vielleicht findet sich doch noch so manches Kleinod, das man sich nicht entgehen lassen sollte.«

»Ich verstehe. Und was geschieht mit Valseirs Bibliotheken? Wie ich hörte, wollen Sie die Katalogisierung fortsetzen?«

Eine Pause. »Fortsetzen. Ja.« Der alte Weise mit dem dunklen Panzer starrte auf den schwarzen Leseschirm. »Hmm«, sagte er, drehte sich ein wenig zur Seite und sah Fassin an. »Mal sehen. In welchem Sinn verwendest du das Wort ›fortsetzen‹?«

»Valseir soll dabei gewesen sein, seine Bibliotheken zu katalogisieren. Ist das nicht richtig?«

»Er war immer so verschwiegen. Nicht wahr?«

Ich fange Streustrahlung von Lichtbotschaften auf, sendete Hatherence.

Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie gleich wieder etwas empfangen.

»Und er trödelte gern. Hapuerele sagte immer, eher würde Valseir den Segelcup ›Alle Stürme‹ gewinnen als jemals die Katalogisierung seiner Bibliothek abzuschließen.«

Wieder eine Pause. »Ganz recht, ganz recht. Hapuerele, jawohl.«

Streustrahlung. Hapuerele existiert nicht?

– Doch, aber er musste sich eben nach ihm erkundigen. Hätte er besser nicht getan.

»Ich würde mich gern selbst in einigen der Bibliotheken umsehen. Sie haben hoffentlich nichts dagegen. Ich werde Sie nicht stören.«