Die Erkenntnis, dass er wahrscheinlich auch Jaal verloren hatte, war fast tröstlich. Er kam sich vor, als hänge er über einem tiefen Abgrund und würde gleich stürzen, es war seine Bestimmung, und am meisten Schmerz bereitete ihm, dass er sich immer noch festhielt, sich mit brechenden Fingernägeln in den Felsen krallte. Er brauchte nur den letzten Schritt zu tun und das Einzige loszulassen, woran er sich klammerte. Der Sturz selbst wäre schmerzlos.
Er würde sich nicht das Leben nehmen. Zu wissen, dass er die Möglichkeit dazu hatte, bereitete ihm eine grimmige Genugtuung, aber er würde es nicht tun. Schon weil er ziemlich sicher war, dass Hatherence ihm gefolgt war und sich mit der Tarneinrichtung ihres Schutzanzugs vor den Sensoren seines Gasschiffs verbarg. Sie würde versuchen, ihn davon abzuhalten. Das könnte zu einem unwürdigen Gerangel führen, und womöglich hätte sie sogar Erfolg. wenn er wirklich Selbstmord begehen wollte, gäbe es sicher einfachere Wege. Er brauchte nur tiefer in die Kriegszone einzufliegen und mit Höchstgeschwindigkeit auf einen Panzerkreuzer zuzusteuern, das sollte genügen.
Außerdem wäre der Freitod eine zu einfache, zu egoistische Lösung. Er würde den Schuldgefühlen ein Ende machen, die so schrecklich an ihm nagten, und einen Strich unter das Ganze ziehen. Aber womit hätte er diesen einfachen Ausweg verdient? Er fühlte sich also schuldig? Und wenn schon? Er hatte nichts Böses gewollt – ganz im Gegenteil –, er hatte sich nur geirrt. Seine Schuldgefühle waren dumm. Sie waren verständlich, aber sie waren dumm, eine Fehlreaktion. Die Seinen waren tot, und er war am Leben. Sein Verhalten mochte der direkte Anlass für ihren Tod gewesen sein, aber nicht er hatte sie getötet.
Was blieb ihm noch? Rache vielleicht. Aber wer war der Schuldige? Wenn es wirklich die Beyonder gewesen wären, stünde er mit seinem alten Verrat (man konnte auch von einem Opfer für seine Prinzipien sprechen) ziemlich töricht da. Er verabscheute die Merkatoria nach wie vor, das ganze grausame, schwachsinnige, aufgeblasene und eitle, die Empfindungsfähigkeit verachtende System war ihm verhasst. Aber er hatte sich nie der Illusion hingegeben, die Beyonder oder eine andere der großen Gruppierungen wären die Güte selbst, und er hatte immer gewusst, dass der Kampf gegen die Merkatoria nur langwierig, schmerzhaft und blutig sein konnte. Auch er musste vielleicht eines langen und grausamen Todes sterben – er würde alles tun, um das zu vermeiden, aber manchmal war man einfach machtlos. Er wusste auch, dass in einem gerechten Krieg eine ebenso große Zahl von Unschuldigen ebenso jämmerlich verrecken konnte wie in einem ungerechten. Ein Krieg sollte immer und fast um jeden Preis vermieden werden, denn Kriege vergrößerten die Fehler und vervielfachten die Irrtümer. Dennoch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, seine Rolle im Kampf gegen die Merkatoria mit einer gewissen Eleganz, einem Hauch von strahlendem Heldentum spielen zu können.
Stattdessen: heilloses Durcheinander, Dummheit, maßlose Verschwendung, sinnlose Qualen, Elend und Massensterben – die üblichen Begleiterscheinungen eines Krieges hatten ihn getroffen wie jeden anderen auch. Es war keine gerechte Strafe, es hatte keine moralischen Gründe, nicht einmal Gehässigkeit war im Spiel. Es handelte sich lediglich um die grässlich banalen Folgen von Naturgesetzen wie Physik, Chemie, Biochemie und Orbitalmechanik. Und darum, dass alle empfindungsfähigen Wesen, die miteinander im Streit lagen, die gleichen Verhaltensmuster zeigten.
Vielleicht hatte er alles heraufbeschworen. Nicht weil er Slovius geraten hatte, das Herbsthaus zu verlassen. Sein Trip, jener berühmte Trip, die Bekanntschaft mit Valseir, der Austausch von Informationen mochten der eigentliche Grund für die Misere sein. vielleicht war er tatsächlich der Schuldige. Wenn er alles für bare Münze nahm, was man ihm gesagt hatte, dann ja.
Er wollte lachen, aber das Kiemenwasser in Mund, Kehle und Lungen hinderte ihn daran. »Nun komm schon«, wollte er in Nasquerons Gashimmel rufen (brachte aber nur ein unverständliches Gemurmel zustande), »beweise mir, dass alles nur Simulation ist, zeige mir, dass die Cessoria Recht hat. Das war die letzte Runde. Das Spiel ist aus. Hol mich hier raus.«
Ein Murmeln, ein Gurgeln in der Kehle. Er steckte, halb stehend, halb liegend, in der sargförmigen Aussparung, und das Gasschiffchen schwebte in der Atmosphäre des Gasriesen in einer Zone, wo sich ein Mensch den Elementen aussetzen konnte, ohne sofort zu sterben, vorausgesetzt, er hatte etwas, was ihm beim Atmen half.
Auch Rache war kein guter Ausweg, dachte er unter Tränen. Sie lag in der Natur des Menschen wie der Tiere, sie lag in der Natur fast aller Wesen, die Zorn empfinden oder sich verletzt fühlen konnten, aber als Ausweg war sie fast ebenso kläglich wie der Selbstmord. Egoistisch, egozentrisch, ichbezogen. Gewiss, wenn man ihm denjenigen präsentierte, der befohlen hatte, eine Bombe auf einen Gebäudekomplex voller unbewaffneter und ahnungsloser Zivilisten zu werfen, wäre die Versuchung groß, ihn töten zu wollen, aber damit brächte er die Verstorbenen nicht zurück.
Und diese Gelegenheit würde er natürlich nicht bekommen – noch einmal, so sauber arbeitete die Realität nur selten –, aber nur einmal angenommen, das legendäre Szenario fände tatsächlich statt: Der Schurke wäre an einen Stuhl gefesselt und er hätte die Waffe in der Hand und könnte denjenigen, der fast alle seine Lieben auf dem Gewissen hatte, verletzen oder töten. Vielleicht würde er es tun. Man könnte ihm vorhalten, er stellte sich damit auf eine Stufe mit diesem Schurken, aber irgendwo stand er auf dieser Stufe doch schon längst. Für einen solchen Mord gäbe es nur eine einzige moralische Rechtfertigung: Man würde die Welt, die Galaxis, das Universum von einem ruchlosen Verbrecher befreien. Allerdings herrschte an ruchlosen Verbrechern wahrhaftig kein Mangel, die Nische wäre sofort wieder besetzt.
Im Übrigen wäre der Bösewicht ohnehin keine Person sondern eine Militärmaschinerie, eine Hierarchie. Ein Verantwortlicher ließe sich kaum festmachen. Jemand – eine Gruppe – hätte die entsprechende Strategie ausgearbeitet, jemand anderer hätte einen wahrscheinlich unklaren Befehl gegeben, eine Ebene darunter wären die allgemeinen und die spezifischen Zielkriterien aufgestellt worden, und noch weiter unten hätte irgendein hirnloses Frontschwein oder ein gleichgültiger Techniker einen Knopf gedrückt, auf einen Bildschirm getippt oder mit Gedankenkraft ein Symbol in einem Holotank angeklickt. Dieser Letzte in der Kette wäre zweifellos geprägt durch den üblichen militärischen Induktions-und Indoktrinations-prozess, der das Individuum mit der Raffinesse eines Holzhammers niedermachte und aus den Scherben einen nützlichen, gehorsamen, halbautomatischen Befehlsempfänger aufbaute, einen Soldaten, dessen Gefühle seinen engsten Kameraden und dessen Treue irgendeinem alten Ehrenkodex gehörten. Und selbst dann wäre man noch nicht ganz sicher, dass all diese Leute wirklich schuldig waren, dass man nicht von jemandem hinters Licht geführt wurde, der den Stuhl und die Fesseln besorgt und einem selbst die Waffe in die Hand gedrückt hatte.