Выбрать главу

Vielleicht war die Zielprogrammierung in letzter Instanz von einer Automatik eingegeben worden. Sollte er dann auch noch den Programmierer aufspüren und ihn zusammen mit dem Verbrecher an den Stuhl fesseln, der die Genehmigung zum Angriff gegeben oder sich den ganzen beschissenen Plan zur Eroberung des Ulubis-Systems überhaupt erst ausgedacht hatte?

Wenn es wirklich Beyonder gewesen sein sollten, könnte eine KI den Angriff ausgeführt haben, aus welchem Grund auch immer. in diesem Fall müsste er die verdammte Maschine eben finden und abschalten. Andererseits war gerade der mörderische Hass der Merkatoria auf die KIs einer der Gründe, warum er diese Institution so sehr verabscheute.

Und vielleicht war auch alles ein Irrtum gewesen, ein Irrtum, den er verursacht hatte. vielleicht hatten die Angreifer geglaubt, ein leeres Haus zu treffen, und nur seine Wichtigtuerei, sein schwachsinniger Rat hatten es mit Menschen gefüllt. wie sähe die Schuldzuweisung in diesem Fall wohl aus?

Seine Augen brannten jetzt so heftig, als hätte ihm jemand Sand hineingestreut. Die Tränen ließen alles verschwimmen, er konnte kaum noch etwas erkennen. (Er konnte allerdings immer noch mit dem Kragen sehen, eine sehr ungewöhnliche Erfahrung, das klare, leicht schräge Bild, das die Sinne des Pfeilschiffs lieferten, war dem Bild überlagert, das ihm sein eigener Körper zeigte.) Er konnte sich nicht umbringen. Er musste weitermachen, musste tun, was er konnte, musste seinen Tribut entrichten, sich um Wiedergutmachung bemühen, musste zusehen, ob er diese Welt nicht um ein klein wenig besser zurücklassen konnte, als er sie vorgefunden hatte, musste Gutes tun, soweit es in seinen Kräften stand.

Er wartete darauf, dass die ›Wahrheit‹ eingriffe, dass die Simulation an ihr Ende käme, und als das nicht geschah – er hatte es gewusst, aber doch beinahe darauf gehofft –, da stiegen Bitterkeit, Resignation und eine grimmige Belustigung in ihm hoch.

Er befahl dem Gasschiffchen, sich wieder gerade zu richten und ihn einzuschließen. Gehorsam kippte es nach hinten, das Kanzeldach klappte zu. Die weichen Polster des Schockgels schmiegten sich an ihn, darin enthaltene Salbenfäden legten sich auf seine Fleischwunden und kühlten seine tränenden Augen. Er glaubte, in den Aktionen der Maschine eine gewisse Erleichterung zu spüren, aber er wusste, dass das ein Irrtum war. Die Erleichterung kam von ihm selbst.

»Aha, die Meinungen gehen auseinander, wie sich das so gehört. So war es immer, so wird es immer sein. Könnte es sein, dass wir gezüchtet wurden? Wer weiß? Vielleicht waren wir Haustiere. vielleicht auch zur Beute bestimmt. Oder wir waren nur zur Zierde da, als Hofnarren oder Prügelwesen. Auch galaxisverändernde Saatmaschinen könnten wir gewesen sein, die aus dem Ruder liefen. (Das sind nur einige von unseren Mythen.) Vielleicht sind unsere Schöpfer verschwunden, vielleicht haben wir sie gestürzt (auch das ein Mythos – Prahlerei, zu viel der Ehre –, ich glaube nicht daran). waren sie am Ende gar Protoplasmawesen? Ein sehr verbreiteter Tropus, wie ich erwähnen möchte, der sich hartnäckig hält. Warum Plasmawesen? Warum sollten Wesen, die im Fluss leben – ob er nun von Sternen ausgeht oder von Planeten – vor so langer Zeit den Wunsch verspürt haben, etwas wie uns zu erschaffen? Wir haben keine Ahnung, aber das Gerücht will nicht verstummen.

Wir wissen nur, dass wir hier sind, und das seit mehr als zehn Milliarden Jahren. wir kommen und gehen, wir leben unser Leben in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, im Allgemeinen immer langsamer, je älter wir werden, was ihr in unseren Mauern selbst beobachten könnt, aber davon abgesehen, wozu sind wir hier? Warum existieren wir? Was ist der Sinn unseres Daseins? Wir haben keine Ahnung. Du wirst mir verzeihen; diese Fragen scheinen an Bedeutung zu gewinnen, wenn sie an uns, die Dweller, gestellt werden, denn wir sind offenbar – nun, wenn es schon nicht unsere Bestimmung ist, so haben wir doch zumindest die Tendenz, uns lange zu halten.

Bei aller Hochachtung, versteh mich richtig, aber wenn man genau die gleichen Fragen an die ›Schnellen‹ stellt, die Menschen oder gar – ich bitte die Gleichsetzung der Arten zu entschuldigen, lieber Colonel – die Oerileithe, dann haben sie nicht das gleiche Gewicht, denn ihr habt nicht unsere Geschichte, unsere Herkunft, unsere schiere, verdammte, völlig unbegründete und allen Göttern trotzende Langlebigkeit. wer weiß? Vielleicht kommt das eines Tages noch! Das Universum ist immerhin noch jung, auch wenn wir in unserer grenzenlosen Egozentrik wie unsere Vorfahren überzeugt sind, die Krone der Schöpfung zu sein. vielleicht werden unsere noch unbekannten Erben dereinst in die Letzte Chronik schreiben müssen, die Dweller hätten in der ersten stürmischen Frühphase des Universums nur ein Dutzend Milliarden Jahre überdauert, bevor sie in der Versenkung verschwanden. Menschen und Oerileithe dagegen, wesen von geradezu sprichwörtlicher Hartnäckigkeit, beherzte Lebensverlängerer, hätten Zivilisationen von mustergültiger Beständigkeit gegründet, die sich jeweils mindestens zwei-oder gar dreihundert Milliarden Jahre halten konnten. Dann könnte man die gleichen Fragen an euch stellen: Warum? Wozu? Zu welchem Zweck? Und – wer weiß? – wenn es dazu kommt, findet ihr vielleicht sogar eine Antwort, mehr noch, eine Antwort, die sinnvoll ist.

Doch im Moment sind wir die Einzigen, die sich mit solch schwierigen Problemen auseinander setzen müssen. Alle anderen kommen und gehen, und das ist der Lauf der Welt, es wird nicht anders erwartet, es ist vorgegeben: Arten tauchen auf, entwickeln sich, gelangen zur Blüte und zur Reife, breiten sich aus, erkunden ihre Umgebung, schrumpfen wieder und gehen zugrunde. Ein Zyniker könnte sagen: Ha! Das ist ein Naturgesetz  – niemand kann sich dessen rühmen, niemand hat Schuld daran. Ich aber sage: Bravo! Respekt vor allen, die sich Mühe geben, die den Mut haben, sich an dem Spiel zu beteiligen! Aber wir? Wir? Nein, wir sind anders. Wir sind verflucht, gezeichnet, vom Schicksal dazu verdammt, länger zu bleiben, als wir willkommen sind, eine Nische zu besetzen, in der auch viele andere – ja, viele! – Platz finden könnten. Alle Welt fühlt sich bedrängt, weil wir immer noch hier sind, obwohl wir uns schon längst zusammen mit unseren damaligen Zeitgenossen aus dem Staub gemacht haben sollten. Es ist eine Schande, ich gebe es gerne zu. Unter Freunden kann man offen sein. außerdem bin ich nur ein verrückter alter Dweller, ein Tramp, von allen verachtet, ein Zugvogel, der von Ort zu Ort schwebt und sich, wenn er Glück hat, von Almosen ernährt. aber ich nehme eure Geduld über Gebühr in Anspruch. vergebt mir. Bis auf die Stimmen, die ich selbst erfinde, habe ich so selten einen Gesprächspartner.«

Der Sprecher hieß Oazil und war ein ausgegliederter Dweller im Schwellenalter. Ein Ausgegliederter hatte irgendwann erklärt, er sei an der stetigen Progression von Alter und Rang, die ein Bürger nach Ansicht der Dweller-Gesellschaft üblicherweise einzuhalten hatte, nicht interessiert oder distanziere sich davon. Manchmal wurde diese Erklärung auch von seinen Altersgenossen abgegeben. Ausgegliedert zu sein war nicht zwangsläufig eine Schande – man verglich es oft damit, dass jemand Mönch oder Nonne wurde – aber wenn sich ein Dweller nicht aus freien Stücken, sondern auf Druck von außen für diese Daseinsform entschied, musste man davon ausgehen, dass er früher oder später zum Ausgestoßenen würde und man ihn von seinem Heimatplaneten verbannte. Bei der Unbefangenheit, mit der die Dweller an interstellare Entfernungen und an die Qualitätskontrolle im Raumschiffbau herangingen, käme dies einer Verurteilung zu mehreren tausend Jahren Einzelhaft oder zum Tode gleich.

Oazil war ein Herumtreiber, ein Tramp, ein ewiger Wanderer. Er hatte den Kontakt zu seiner Familie, an die er sich nach eigener Aussage nur noch vage erinnerte, ganz und gar verloren, er hatte so gut wie keine echten Freunde, gehörte keinem Club, keiner Bruderschaft, keiner Gesellschaft, Liga oder sonstigen Gruppierung an und hatte keinen festen Wohnsitz.