Выбрать главу

Er lebte, so hatte er erzählt, in seinem Panzer und seinen zerschlissenen und kunterbunt zusammengewürfelten Kleidern. Dennoch war er eine imposante Erscheinung. Er schmückte sich mit kunstvoll gemalten Bildern von Sternen, Planeten und Monden, mit konservierten Blüten von mehreren Dutzend WolkenPflanzenarten und mit polierten Knochen und glänzenden, in Buchsen steckenden Schädeln verschiedener kleinerer Vertreter der Gasriesenfauna. Eine nicht ganz so umfangreiche und nicht ganz so wilde Kollektion von so genannten Lebensamuletten hatte auch Valseir getragen, wenn er nicht gerade an irgendeinem offiziellen Anlass teilnehmen musste.

Bei der ersten Begegnung mit dem Dweller-Tramp hatte Fassin zunächst sogar vermutet, es handle sich um Valseir, der sich verkleidet hatte, um unerkannt zurückkommen und alle foppen zu können. Vielleicht wollte er sehen, wie sie den armen Wanderer behandelten, bevor er sich als rechtmäßiger Eigentümer des Hauses zu erkennen gab und zurückforderte, was ihm gehörte. Aber die Unterschiede zwischen Valseir und Oazil waren zu groß. Oazil war massiger, sein Panzer eine Winzigkeit weniger symmetrisch und seine Zeichnungen weniger verschnörkelt, er hatte eine deutlich tiefere Stimme, und auch die Anzahl an Flügelrädern und Gliedmaßen, die ihm noch verblieben war, stimmte nicht überein. Am meisten fiel auf, dass Oazils Panzer sehr viel dunkler war als der von Valseir. Die beiden waren etwa im gleichen Alter – Oazil wäre etwas jünger gewesen, wenn er die Hierarchie nicht verlassen hätte: ein Schwellen-Baloan oder – Nompar vielleicht, während Valseir ein Schwellen-Choal war –, aber Oazil wirkte viel älter. Er war dunkler, verwitterter, fast so dunkel wie Jundriance, der zehnmal so alt war, aber weite Strecken seines Lebens als Gelehrter in ›Langsam‹-Zeit verbracht hatte, anstatt, den Elementen ausgesetzt, durch die Atmosphäre zu wandern.

Oazil zog einen Schwebekarren hinter sich her, der die Form eines kleinen Dwellers hatte und ähnlich herausgeputzt war. Der Karren enthielt Kleidung zum Wechseln, einige Kostbarkeiten von eher sentimentalem Wert und eine Auswahl von kleinen Schnitzereien, die er aus OxyWolkenBaum-Wurzeln selbst gefertigt hatte. Eine davon, eine Nachbildung des Blasenhauses, hatte er Nuern gegeben, ein Geschenk für Jundriance, wenn der aus den Tiefen der ›Langsam‹-Zeit wieder auftauchte.

Nuerns Begeisterung über die kleine Gabe hatte sich stark in Grenzen gehalten. Oazil behauptete jedoch, Valseirs Haus auf seinen Wanderfahrten in den letzten fünfzig-bis sechzigtausend Jahren regelmäßig aufgesucht zu haben. Außerdem sei die Gastfreundschaft für Wanderer besonders abseits der Städte eine geheiligte Tradition, deren Missachtung schwere Kudos-Verluste nach sich ziehe, besonders, wenn andere Gäste Zeuge einer solchen Kränkung würden.

»Willst du lange bleiben?«, fragte Nuern.

»Ja, was hast du vor?«, wollte auch Livilido wissen.

»Oh nein, ich ziehe morgen wieder weiter«, beschwichtigte Oazil den jüngeren Dweller. »Das Haus ist immer noch sehr schön, auch wenn ich natürlich sehr bedauere, dass mein alter Freund nicht mehr ist. Aber ich roste ein, wenn ich zu lange an einem Ort bleibe, und obwohl ich Häuser nicht so beängstigend finde wie Städte, wecken sie doch eine gewisse Unruhe in mir. Ein Haus kann noch so viele Annehmlichkeiten bieten und seine Bewohner mögen noch so freundlich sein, ich kann es jedes Mal kaum erwarten, mich wieder auf den Weg zu machen.«

Sie befanden sich auf einem der vielen Balkone vor den Wohnräumen. Ursprünglich hatten sie sich zu Oazils Ehren zu einem Frühstück im mit Netzen verhangenen Speisezimmer getroffen. Doch dort hatte sich der alte Dweller von Anfang an unwohl gefühlt, er war nervös und zappelig gewesen und hatte noch vor dem Ende des ersten Gangs verlegen und mit weinerlicher Stimme gefragt, ob er nicht draußen essen dürfe, vielleicht vor einem Fenster, so dass man die Unterhaltung fortsetzen könne. Nachdem er auf seinen Wanderungen durch die endlosen Weiten des Gasriesen Jahrtausende unter freiem Himmel verbracht hatte, litt er unter einer besonderen Form von Klaustrophobie und ertrug es nur schwer, sich in geschlossenen Räumen aufhalten zu müssen. Nuern und Livilido hatten die jüngeren Diener sofort angewiesen, den Tisch abzuräumen und auf dem nächstgelegenen Balkon weiter zu servieren.

Alle waren mit nach draußen gegangen. Oazil hatte zunächst wortreich beteuert, er wolle wahrhaftig niemandem seinen Willen aufzwingen, doch dann hatte er sich niedergelassen und mit Appetit gegessen. Und nachdem er einige Aura-Körner und etwas Timbre-Pulver aus der Narkotika-Kollektion in der Tischmitte probiert hatte – als Tafelaufsatz diente das Modell einer kugelförmigen Universitätsstadt –, hatte er sich so weit entspannt, dass er seine Ansichten zur Herkunft der Dweller zum Besten geben konnte. Da alle Dweller gerade dieses Thema gern zum Nachtisch erörterten, gab es im Grunde nichts Originelles dazu zu sagen, aber es war immerhin Oazils wissenschaftliches Spezialgebiet gewesen, bevor er die Fesseln des Gelehrtenlebens abgestreift hatte, um sich auf Wanderschaft durch die Himmelshöhen zu begeben.

Hatherence hatte den alten Dweller gefragt, ob seine Spezies nach seiner Meinung von Anfang an schmerzunempfindlich gewesen sei, oder ob man ihr diese Fähigkeit abgezüchtet hätte.

»Ach! Wenn wir das wüssten! Ich bin Ihnen für die Frage sehr dankbar, denn wenn wir die Bedeutung unserer Spezies in diesem Universum ergründen wollen, ist sie von größter Wichtigkeit …«

Fassin hatte es sich genau gegenüber dem alten Wanderer in einer gepolsterten Sitzgrube bequem gemacht und ertappte sich dabei, wie seine Gedanken abschweiften. Das passierte ihm in letzter Zeit häufig. Seit er die Nachricht von der Zerstörung des Winterhauses erhalten hatte, waren etwa ein Dutzend Nasqueron-Tage vergangen. Er hatte sich fast die ganze Zeit in den verschiedenen Bibliotheken vergraben und nach irgendetwas gesucht, das ihn zu seinem Ziel führen könnte, dem dritten Band des Werkes, das er vor zweihundert Jahren von hier mitgenommen hatte. Dieses Buch, das zumindest für ihn immer mehr zum Mythos wurde, könnte immerhin der Grund für so vieles von dem sein, was seither geschehen war. Er sah sich um, er suchte alles ab, er durchkämmte, durchforstete die Regale und durchstöberte jeden Winkel, aber selbst wenn er glaubte, ganz bei der Sache zu sein, fiel ihm irgendwann auf, dass er schon seit Minuten ins Leere starrte und irgendein Bild des Sept, eine Szene des Familienlebens an sich vorüberziehen ließ, das es nicht mehr gab. Es konnte auch ein Gespräch sein, das vor Jahrzehnten stattgefunden hatte, eine damals ganz unwichtige Plauderei, die er längst vergessen geglaubt hatte. wieso erinnerte er sich gerade jetzt wieder daran, nachdem alle fort waren und er sich so weit entfernt in einer fremden Welt befand?

Manchmal traten ihm die Tränen in die Augen. Aber das Schockgel saugte sie behutsam ab.

Bisweilen dachte er auch wieder an Selbstmord und sehnte sich wie nach einer verlorenen Liebe oder einer vergangenen Zeit, die ihm lieb und teuer gewesen war, nach der Willenskraft, der Entschlossenheit, ein Ende zu machen. Mit einem aufrichtigen Todeswunsch wäre der Freitod zu einer realistischen Möglichkeit geworden. Doch stattdessen erschien er ihm so sinnlos und vergeblich wie alles andere in diesem Leben. Man musste Verlangen nach dem Tod empfinden, um sich zu töten. wenn man keine Wünsche, keine Gefühle, keine Triebe mehr hatte – wenn alles nur noch Schatten, Gewohnheit war –, wurde der Selbstmord ebenso zur Unmöglichkeit wie die Liebe.

Dann und wann schaute er auf von den Büchern und Schriftrollen, den Filmen und Kristallen, den geritzten Diamantfolien und den leuchtenden Bildschirmen und Holos und fragte sich, ob das alles denn irgendeinen Sinn hätte. Die Standardantworten waren ihm natürlich geläufig: Angehörige aller Spezies und Untergruppen wünschten sich ein Leben in Behaglichkeit, frei von Bedrohung. Alle brauchten Energie in irgendeiner Form – direkt aufgenommen wie etwa das Sonnenlicht, oder eher indirekt wie bei den Fleischfressern – alle wollten sich fortpflanzen, alle waren neugierig, alle strebten nach Wissen, nach Ruhm und/oder Erfolg und/oder nach Reichtum in seinen vielen Ausprägungen, aber letztlich – wozu ? Alle mussten sterben. Auch Unsterbliche mussten sterben. Sogar die Götter.