Manch einer hatte sich seinen Glauben, seine religiösen Überzeugungen bewahrt, selbst in diesen Zeiten des zügellos wuchernden Individualismus, selbst inmitten eines Universums, das überdeutlich geprägt war von Gottlosigkeit, von der Abwesenheit Gottes. Aber er hatte die Erfahrung gemacht, dass auch die Gläubigen nicht gegen die Verzweiflung gefeit waren, ihr Glaube war eine Last, selbst wenn sie ihn verleugneten, noch etwas, das man verlieren und worum man trauern konnte.
Die Leute machten weiter, kämpften um ihr Leben und ließen sich auch von Hoffnungslosigkeit und Schmerz nicht davon abbringen. Niemand wollte sterben, jeder klammerte sich an das Leben, als wäre es das kostbarste Gut, obwohl es doch immer nur noch mehr Hoffnungslosigkeit, noch mehr Schmerz brachte und bringen würde.
Alle Welt gebärdete sich so, als stünde die Wende unmittelbar bevor, als wären die schlimmen Zeiten morgen vorüber, doch das war gewöhnlich ein Irrtum. das Leben schleppte sich mühsam weiter. Manchmal entwickelte es sich zum Besseren, aber oft wurde es schlechter, und am Ende stand immer der Tod. Und doch tat jeder so, als wäre der Tod die größte Überraschung – Du meine Güte, wo kommt der denn auf einmal her? Vielleicht war es sogar am besten, so damit umzugehen. Vielleicht war es das einzig Vernünftige, so zu tun, als hätte es nichts gegeben, bevor man selbst das Bewusstsein erlangte, und als würde auch mit dem eigenen Tod jegliche Existenz erlöschen, als wäre das ganze Universum um das eigene individuelle Bewusstsein herum gebaut. Es war eine Arbeitshypothese, eine nützliche Halbwahrheit.
Aber ergab sich daraus zwangsläufig, dass die Gier nach Leben nur einer Illusion entsprang? Während die Wirklichkeit darin bestand, dass nichts zählte und jeder, der anders dachte, ein Narr war? Hatte man nur die Wahl zwischen Verzweiflung, der Abkehr von der Vernunft zu Gunsten eines schwachsinnigen Glaubens und einem defensiven Solipsismus?
Valseir hätte dazu vielleicht einen erhellenden Beitrag leisten können, dachte Fassin. aber auch er war tot.
Er sah Oazil an und fragte sich, ob dieser selbsternannte Wanderer tatsächlich ein Bekannter des toten Schwellen-Choal war, dem dieses Haus gehört hatte. Oder nur ein Glücksritter, ein Aufschneider, ein Phantast und Lügner?
In solche Gedanken versunken und vollauf damit beschäftigt, die eigene Verzweiflung zu kultivieren, hörte Fassin nur mit halbem Ohr zu, wie der alte Dweller seine Theorien zur Entwicklung der Gasriesenfauna darlegte und von seinen Wanderungen erzählte.
Oazil schilderte, wie er einmal das Südliche Tropenband umrundet hatte, ohne auf den einhundertvierzigtausend Kilometern einem einzigen Dweller zu begegnen. Einmal habe er sich einer Bande von adoleszenten Skulpturpiraten angeschlossen, Halbrenegaten, die in öffentlichem Auftrag Wurzel-Wolken-und AmmoniakSchleusen-Wälder anpflanzten, und sei ihre Galionsfigur geworden, ihr Maskottchen, ihr Totem. Und vor vielen Jahrtausenden sei er in der verlassenen Ödnis der Südlichen Polarregion in ein ganzes Labyrinth verlassener WolkenTunnel geraten. (Das Werk einer Truppe außer Kontrolle geratener und irgendwann verschwundener Tunnelbaumaschinen? Ein Kunstwerk? Der vergessene Prototyp einer neuen Stadtform? Er wisse es nicht – niemand hätte jemals von diesem Ort, diesem Bauwerk gehört.) Tausend Jahre lang sei er in diesem weitläufigen Baum, dieser Riesenlunge, diesem gewaltigen Wurzelgeflecht von einem Labyrinth umhergeirrt, bevor er schließlich, zu elf Zwölfteln verhungert und dem Wahnsinn nahe, den Ausgang gefunden habe. Er habe den Fund gemeldet, und andere hätten nach dem Tunnel gesucht, aber er sei nie wiedergefunden worden. Die meisten Leute glaubten, er hätte sich das alles nur eingebildet, aber das sei nicht wahr. Sie glaubten ihm doch hoffentlich?
Das Klopfen war wieder da. Er hatte es am Rande wahrgenommen, aber nicht darauf geachtet, er war nicht einmal so weit gegangen, es den Leitungen des Hauses zuzuordnen oder als Dehnungsgeräusch beziehungsweise als Reaktion auf eine kurze Strömungsunruhe im Gas der Umgebung zu identifizieren. Nach einer Weile hatte es aufgehört – auch das hatte er nebenbei bemerkt, aber immer noch nicht weiter darüber nachgedacht. Jetzt war es wieder da, und es war lauter geworden.
Fassin befand sich in Bibliothek Drei, einem der Räume im Innern der Traube, und las sich im Schnellverfahren durch den Bestand einer Unterabteilung, die Valseir offenbar vor Urzeiten mit einem Auftrag übernommen hatte. Ausgehend von dem frühesten Zeitpunkt, den irgendjemand festgehalten hatte, lagen diese Texte seit dreißigtausend Jahren herum, ohne je abgerufen oder gelesen zu werden. Seit ihrer Entstehung, lange bevor die Menschen nach Ulubis kamen, waren mehrere Generationen von ›Langsamen‹-Sehern verschiedener Spezies über Nasqueron hinweggegangen. Fassin hielt das Material für Tauschware – Daten aus zweiter, dritter oder x-ter Hand –, irgendwo ausgegraben, womöglich maschinell übersetzt (so las es sich jedenfalls, wo immer er an den ursprünglichen Text ging, um sich zu vergewissern, dass der Inhalt auch mit den Kurzfassungen übereinstimmte), zusammengefasst, von einer längst abgelösten (oder ausgestorbenen) Seher-Spezies den Dwellern von Nasqueron vorgelegt und im Austausch für – vermutlich – noch ältere Informationen übergeben. Er überlegte, wann die Mehrheit der Daten im Dweller-Besitz Tauschware sein würde, vielleicht war dieser Punkt sogar schon erreicht. Er war nicht der erste Seher, der diesen Verdacht hegte, und bei der heillosen Unübersichtlichkeit aller Dweller-Archive würde er sicherlich auch nicht der letzte sein.
Die Texte, die er durchsah, berichteten hauptsächlich von den romantischen Abenteuern und den philosophischen Reflexionen einer Gruppe von Sternenfeldfahrern. Sie waren allerdings mehrfach übersetzt oder stammten nicht nur von einer anderen Spezies, sondern von einem anderen Speziestyp. Auf jeden Fall waren sie sehr phantasievoll.
Das Klopfen wollte nicht aufhören.
Er schaute hinauf zu dem runden Fenster in der Decke. Bibliothek Drei war inzwischen von anderen, teilweise größeren Sphären umgeben, hatte sich aber einst an der Oberseite befunden und war am Scheitelpunkt großflächig mit Diamantfolie gedeckt. Heutzutage hätte auch dann nur wenig natürliches Licht eindringen können, wenn es draußen weniger düster gewesen wäre.
Hinter der Folie bewegte sich ein kleines, fahles Etwas. Als Fassin nach oben schaute, hörte das Klopfen auf, und das Ding winkte. Es sah aus wie ein Dweller-Junges, ein Haus-kind. Fassin beobachtete es eine Weile, dann wandte er sich wieder seinem Bildschirm und den ziemlich unwahrscheinlichen Heldentaten der S-Fahrer zu. Das Klopfen fing wieder an. Er versuchte, in seinem Gasschiffchen zu seufzen. Endlich hielt er den scrollenden Text an, löste sich aus der Sitzgrube und schwebte zur Deckenmitte empor.
Es war tatsächlich ein Dweller-kind: ein lang gestrecktes, deformiert wirkendes Exemplar, das für menschliche Augen eher einem Tintenfisch als einem Mantarochen glich. Es war in Lumpen gekleidet und mit ein paar kümmerlichen Lebensamuletten behängt. Fassin hatte noch nie ein kind mit Kleidern oder Schmuck gesehen. Für einen so jungen Dweller war es auffallend dunkel. Es deutete nach innen. An einer der sechseckigen Oberlichtscheiben befand sich eine Klinke oder ein Schloss.
Fassin beobachtete das seltsame kind eine Weile. Es wies unermüdlich immer wieder auf die Klinke. Seit sie hier waren hatte er im ganzen Komplex kein einziges Haus-kind gesehen. Dieses hier sah so aus, als könnte es Oazil gehören, aber er hatte bisher kein Junges bei sich getragen und auch nicht erwähnt, dass er eines besäße. Das kind deutete immer noch auf die Scheibenverriegelung und machte ihm mit Gesten begreiflich, er solle erst dagegendrücken, dann drehen und schließlich ziehen.