Dann hatte die Poaflias die tosende Sturmwolke durchbrochen, geriet in eine riesige, dunstige Flaute und stürzte wie ein Eisenklumpen in die Tiefe. Slyne atmete Gas ein, um einen Jubelschrei auszustoßen, und bekam dabei etwas von dem mit, was Y’sul von sich gegeben hatte. Der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken. Er hustete und würgte und verfluchte Y’suls Vorfahren bis zurück in die Zeit kurz nach dem Urknall. Es gelang ihm nur mit Mühe, das Schiff abzufangen und wieder auf ebenen Kiel zu legen. Er nahm Verbindung zur Regattaleitung auf, und sie schleppten sich mit letzter Kraft – die Poaflias hatte alles Takelwerk, die Relinge und vier von ihren sechs Triebwerken verloren – zum Unteren Jachthafen und auf einen Liegeplatz in einer Reparaturwerft für Sturmgeschädigte.
Wenn man hinaufschaute in das mächtige Gewölbe des Sturms und weiter durch den Dunst in den sternenübersäten Himmel, konnte man winzige Punkte erkennen, die langsam vor dem harten Lichtschein kreisten.
– Die Abholflotte und alle Relaisschiffe befinden sich im Orbit, teilte Hatherence Fassin mit.
Sie befanden sich auf einer steil ansteigenden Aussichtsgalerie mit vielen, mit Dwellern voll besetzten Rängen. Die Galerie hing an der Dzunda, einem Luftschiff von einem Kilometer Länge, das dicht an der Sturmmauer schwebte, und war durch Rippen aus Carbonfaser geschützt, die sich explosionsartig aufrichten würden, falls ein Schiff zu nahe käme – ein halbwegs sicherer Ort also, um sich ein GasClipper-Rennen anzusehen. Zu beiden Seiten der fächerförmig angebrachten Sitzgruben konnten sich riesige Bildschirme aufrollen, um die Höhepunkte anderer Rennen zu zeigen und Ereignisse zu übertragen, die zu weit entfernt waren, um sie direkt verfolgen zu können.
– Die Abholflotte?, fragte Fassin.
– So wurde sie mir beschrieben, sagte Hatherence und ließ sich neben ihm nieder. Die Dweller um sie herum waren sichtlich fasziniert von ihrer Fremdartigkeit. Y’sul war weggegangen, um sich mit einem alten Freund zu treffen. Solange er da war, hatten die Dweller Fassin und Hatherence nur hin und wieder einen verstohlenen Blick zugeworfen, doch seit sie allein waren, wurden sie schamlos angestarrt. Sie hatten sich inzwischen daran gewöhnt, und Fassin dachte, wenn Valseir tatsächlich hier wäre und nach ihm suchte, würde er es nicht allzu schwer haben, ihn zu finden.
– Wie groß ist die Flotte?, fragte Fassin.
– Weiß nicht genau.
Hunderte von Luftschiffen, die Quartiere bereitstellten oder Zuschauer ins Auge des Sturms brachten, Dutzende von GasClippern und Begleitschiffen, die an der Regatta teilnahmen, sowie Dutzende von Medien-und Versorgungsschiffen waren unterwegs, ganz zu schweigen von einem Protokollschiff, dem kriegsneutralen Panzerkreuzer Puisiel. Sie war mit bunten Wimpeln, reihenweise antiken Signalflaggen und Girlanden von dwellergroßen BallonBlüten geschmückt, um ja nicht mit einem der Panzerkreuzer verwechselt zu werden, die an dem größeren und geringfügig ernsthafteren Wettstreit hinter der Sturmwand beteiligt waren.
Die seitlichen Bildschirme leuchteten auf und zeigten die Anfangsphase eines Rennens, das tags zuvor stattgefunden hatte. Ringsum johlten, schrien und lachten tausend Dweller, warfen mit Speisen um sich, schlossen mündliche Kudos-Wetten ab, um sie später je nach Ausgang abzustreiten oder hochzutreiben, und bewarfen sich mit Beleidigungen.
– Andere Nachrichten von draußen?, fragte Fassin.
– Unsere Befehle bleiben unverändert. Es hat weitere Angriffe im System gegeben, auf mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Ziele. Nichts in der Größenordnung der Überfälle auf die Seher-Standorte. Man bereitet sich mit Hochdruck auf die Verteidigung vor. Die Fabrikanten unternehmen weiterhin heroische Anstrengungen. Die Bevölkerung bringt unverdrossen die größten Opfer. Die Moral bleibt hoch. Doch inoffiziell wird gemeldet, dass die Angst wächst. Da und dort kommt es zu Unruhen. Tiefraummonitoren haben bislang noch nicht eindeutige Spuren einer großen Flotte aufgezeichnet, die aus der Gegend des E-5-Separats auf uns zukommt.
– Wie groß?
– Groß genug, um uns zu bedrohen.
– Viele Unruhen ?
– Nicht allzu viele.
Das Luftschiff beschleunigte, man hörte von ferne das Jaulen der Triebwerke. Heiserer Jubel brandete auf. Die Dweller erkannten, dass die Dinge in Bewegung kamen.
– Nun, Major, sendete der Colonel mit niedriger Signalstärke durch den Höllenlärm. – Wir haben das Schiff Poaflias endlich verlassen, wir sind allein, ich halte es für unwahrscheinlich, dass man uns belauschen kann, und der Wunsch zu erfahren, was wir hier wollen, droht mich zu überwältigen. ich nehme nicht an, Sie hätten im Verlauf Ihrer Forschungen eine glühende Begeisterung für GasClipper entwickelt?
– Oazil behauptet, Valseir sei am Leben.
Der Colonel schwieg eine Weile. Dann sendete sie – Und das sagen Sie mir einfach so?
– Natürlich könnte Oazil verrückt sein oder unter Wahnvorstellungen leiden, vielleicht ist er auch ein Phantast oder will nur Schindluder mit mir treiben, aber nach allem, was er sagte, kannte er Valseir oder hatte zumindest Anweisungen von ihm erhalten, mit welcher Frage er sich vergewissern sollte, dass ich wirklich der war, als der ich mich ausgab.
– Ich verstehe. Sein Besuch in Valseirs Haus war also kein Zufall?
– Ich vermute, er hatte es seit längerem beobachtet. Er oder jemand anderer hatte gewartet, dass wir – dass ich – dort auftauchten.
– Und Oazil hat Sie also hierher geschickt ?
– So ist es.
– Und nun?
– Soll Valseir irgendwann auf mich zukommen.
Wieder erhob sich lauter Jubel. Die Dzunda nahm Fahrt auf, reihte sich ein in eine kleine Flotte von Zuschauerschiffen und schwebte mit ihnen durch das Gas auf das zwei Kilometer entfernte Startraster zu, wo die GasClipper Aufstellung genommen hatten. Es war ein kurzes Rennen, nicht länger als etwa eine Stunde, mit Wendungen an Bojen, die in die Sturmmauer gesetzt waren. Im Verlauf der Regatta würden die Wettbewerbe länger und härter werden und in einem letzten epischen Rennen um die ganze Innenfläche des riesigen Sturmes gipfeln.
– Valseir wusste also, dass Sie eventuell nach ihm suchen würden, und hatte Vorkehrungen getroffen, um … Hmm. Das ist interessant. Hat er schon Kontakt aufgenommen?
– Noch nicht. Aber jetzt wissen Sie, warum wir hier sind.
– Sie halten mich auf dem Laufenden?
– Gewiss. Aber Sie werden hoffentlich verstehen, dass ich irgendwann einmal alleine losziehen muss. Ihre Gegenwart könnte Valseir oder jemand anderen nervös machen.
Das Luftschiff nahm mehr Fahrt auf und hielt weiter Kurs auf die innerhalb des Sturms gelegene Seite des Startrasters. Der Gasstrom riss die ersten nicht befestigten Ballons und Tabletts davon.
– Nervös? Sie nehmen das alles so … ernst?
– Was meinen Sie?
– Ich denke, Oazil spielt wahrscheinlich eine oder mehrere von den Rollen, die Sie ihm zuschreiben. aber jetzt sind wir hier, und wenn er die Wahrheit sagte, wird die Kontaktaufnahme ohne Zweifel auch erfolgen. Die Alternative ist natürlich, dass wir in Valseirs Haus zu dicht an eine interessante Sache herangekommen waren und man uns weglocken wollte. Was hat Oazil genau zu Ihnen gesagt?