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Fassin hatte das Gespräch aufgezeichnet, das er tief unter dem Haus mit dem wandernden Dweller geführt hatte, und sendete es nun dem Colonel.

Die Flotte von Zuschauerschiffen zog wie ein aufgescheuchter Schwarm von fetten Vögeln am Startraster vorbei. Wieder erhob sich lauter Jubel. Die GasClipper blieben auf der Startebene und warteten auf ihr Zeichen.

Trotz alledem, wenig Greifbares, Major, bemerkte Hatherence. – Sie hätten mich früher informieren und die Entscheidung über das weitere Vorgehen mir überlassen müssen. Vielleicht habe ich Ihnen zu viel Freiraum gegeben. Natürlich habe ich nach wie vor Verständnis für Ihre Trauer. Aber ich bin wohl doch etwas zu nachlässig gewesen.

– Wenn Sie es niemandem verraten, schweige ich auch, sendete Fassin ohne jede Ironie.

Die GasClipper – größere Versionen der Ein-Dweller-SturmJammer mit mehrköpfiger Besatzung – erinnerten mit ihren hohen Masten und den Erzkielen an Ritter in voller Rüstung. Fünfzig Meter lang – fünfzig Meter auch in den anderen Dimensionen  – mit Segeln, die wie riesige Messerklingen blitzten, sahen sie aus, als hätte man einen Magneten in einen Haufen scharfer, exotischer Waffen geworfen. Zwischen den Silberklingen erblühten Wimpel und Standarten mit Erkennungszeichen wie bunte Blumen unter dem winzigen Glitzerpunkt, der Sonne Ulubis.

Ein einziges Medium reichte für diesen Sport nicht aus. Um richtig zu segeln, musste sich ein Kiel (oder etwas Vergleichbares) in einem Medium befinden, und Segel (oder etwas Vergleichbares) in einem zweiten. In einem tiefen Gasstrom allein konnte man nicht segeln, sondern nur fliegen. Wo sich zwei Ströme berührten, an der Grenze zwischen einer Zone, die sich in eine Richtung bewegte, und einem Gürtel, der in die Gegenrichtung zog, konnte man theoretisch segeln, wenn es gelang, Schiffe zu bauen, die dafür groß genug waren. Die Dweller hatten versucht, Schiffe in dieser Größe zu bauen, die nicht auseinander fielen. Sie waren gescheitert.

Stattdessen nutzten SturmJammer und GasClipper die gewaltigen Magnetfelder, die in den meisten Gasriesen vorhanden waren. Feldlinien waren ihr Wasser, der Ort, wo die stabilisierenden Kiele lagen. Mit einem gewaltigen Magnetfeld, das sie auf einem Kurs voranzutreiben suchte, und den planetenumspannenden Atmosphärebändern eines von Dwellern bewohnten Gasriesen, die in ganz andere Richtungen drängten, waren die nötigen Voraussetzungen geschaffen. Und wenn man zudem mit den Segeln von innen her in ein riesiges Sturmsystem eintauchte, wurde der Sport auch so gefährlich, dass man Spaß daran haben konnte.

Wir können nur hoffen, dass dies kein Trick war, um uns vom Haus wegzulocken, erklärte der Colonel. – Und wir können nur hoffen, dass Valseir auch wirklich Kontakt zu Ihnen aufnimmt. Immer vorausgesetzt, er ist noch am Leben. Wir haben keinen Beweis dafür bekommen. Sie sah ihn an. – Oder?

– Nein.

Jetzt hatte die Flotte von Zuschauerschiffen das Startraster fast passiert. Die GasClipper erbebten wie auf ein Stichwort, dann schwenkten sie – unglaublich schnell, wenn man bedachte, dass sie eigentlich keine Triebwerke hatten – auf die massive schwarze Wolkenwand zu, die an der Innengrenze des mächtigen Sturms vorüberraste. Sie drängelten so sehr, dass sie sich beinahe streiften, fuhren in Schlangenlinien durch das Gas und schnitten einander den Weg ab. Jeder versuchte, sich die günstigste Position zu verschaffen. Zum Steuern nützten sie die leichten Winde und ganz einfach die Trägheit des Mediums, während sie auf ihren Feldlinien auf die Sturmwand zurasten.

Aber seine Leiche wurde nie gefunden. Das ist doch richtig?, fragte Hatherence.

Das ist richtig, bestätigte Fassin. – In einer Böe, die einen SturmJammer entzweireißen konnte, hätte er kaum Chancen gehabt, dennoch kann man nicht ausschließen, dass er noch lebt.

– Aber es gibt doch … kein Wasser oder etwas dergleichen? Die Segler können nicht ertrinken, und es ist weder zu kalt, noch zu heiß. Wie kann es sein, dass ein starker Wind genügt, um sie zu töten ?

– Der Wind reißt sie auseinander. Er wirbelt sie so schnell und lange im Kreis, bis sie zuerst das Bewusstsein verlieren und sich irgendwann in ihre Bestandteile auflösen. Oder sie fallen ins Koma und sinken in die Tiefe. Auch Dweller müssen atmen. Und das können sie nicht mehr, wenn der Druck zu hoch wird.

– Hmm.

Die GasClipper hatten die Innenseite des Sturms erreicht, fuhren ihre Klingensegel aus und tauchten sie in den Gasstrom. Nun waren die Schiffe nur noch zur Hälfte zu sehen. Die Zuschauerschiffe beschleunigten stark, doch obwohl sie einen Vorsprung hatten, obwohl die brüllenden Triebwerke ihr Letztes gaben, und obwohl sie die Innenbahn und damit den kürzeren Weg hatten, begannen sie hinter die kleine GasClipper-flotte zurückzufallen.

Könnte es sein, dass Valseir den Unfall selbst inszeniert hat?, fragte der Colonel.

Möglich. vielleicht hat er es so eingerichtet, dass irgendein Freund, ein Komplize in der Nähe war und ihn retten konnte. Das hätte seine Überlebenschancen erheblich verbessert.

– Kommt es oft vor, dass ein Dweller seinen eigenen Tod vortäuscht?

– So gut wie nie.

– Das dachte ich mir.

Die GasClipper befanden sich jetzt auf gleicher Höhe mit der größeren Flotte der Zuschauerschiffe. Dort wurde das Geschrei und Gejohle noch lauter und schriller, als der ganze Pulk von GasClippern und die Begleitgeschwader aus Luftschiffen und Versorgungsfahrzeugen für einen Moment wie ein einziges Schiff dahinflogen. Vor ihnen türmte sich die schwarze Sturmwand auf wie ein senkrechtes Meer, das aufgewühlt und in Fetzen an ihnen vorüberraste. von unten kam ihnen ein breites schemenhaftes Band entgegen. Sie traten in den Schatten des Sturms ein. Ulubis, ein matter Lichtpunkt, verschwand hinter einem tosenden, wie wahnsinnig rotierenden Gasring von hundert Kilometern Dicke und zehntausend Kilometern Durchmesser.

»Fassin. Hast du Wetten abgeschlossen?«, fragte Y’sul und steuerte seine Sitzgrube an. Ein Haus-kind in Kellneruniform schwebte mit einem Tablett voller Drogen und den dazugehörigen Gerätschaften an seine Seite, wartete, bis sich der ältere Dweller niedergelassen hatte, klemmte das Tablett an den Sitz und zog sich zurück.

»Nein. Ich könnte doch nur dein Kudos einsetzen, oder nicht?«

»Ach so! Kann sein«, sagte Y’sul. Das hatte er sich offenbar noch nicht überlegt. »Mein Unterbewusstsein scheint dir blind zu vertrauen. Sehr merkwürdig.« Er drehte sich zur Seite und durchwühlte die verschiedenen Drogen.

»Wie geht es Ihrem Freund?«, fragte Hatherence.

»Oh, er war bester Laune«, versicherte Y’sul, ohne sie anzusehen. »Sein Vater ist gestern im Kampf gefallen. Nun erbt er vermutlich Kudos-Punkte für Tapferkeit.« Er kramte weiter. »Ich hätte schwören können, dass auch HirnFieber dabei war …«

»Wie schön, dass er den Verlust so gut verkraftet«, sagte Fassin.

»Aha! Da haben wir’s doch!« Y’sul hielt eine große, leuchtend orangefarbene Kapsel hoch und betrachtete sie von allen Seiten. »Ach ja, Fassin: ich bin mit einem Bürschchen zusammengestoßen, das behauptet, dich zu kennen. Hat mir das hier gegeben.« Y’sul griff in eine Vordertasche, förderte ein winziges Bildblatt zutage und reichte es Fassin.

Der Mensch nahm das Foto mit einem der Feinmotorik-Manipulatoren seines Gasschiffs und sah es sich an. Es zeigte einen blauen Himmel mit weißen Wolken.