Malik unterdrückte ein Stöhnen und rief die Versammlung zur Ordnung.
Sie gingen zuerst die üblichen Tagesordnungspunkte durch, derweil Randolph angespannt dasaß und sie beobachtete wie ein Leopard, der eine Antilopenherde ins Visier genommen hat. Schließlich kamen sie zu Randolphs Anliegen: Antrag auf die Finanzierung eines neuen Raketenantriebssystems.
Malik stellte Randolph formell den anderen Mitgliedern des Gremiums vor, obwohl die meisten Dan bereits kannten. Dann — wobei er sich ganz weit weg wünschte — bat Malik Dan, seinen Antrag zu begründen.
Randolph schaute zum Gremium hinüber und ließ den Blick über die ganze Länge des Tischs schweifen. Er hatte weder Notizen vor sich liegen noch Dias oder Videos. Es befand sich nichts auf dem kleinen Tisch außer einer Silberkaraffe und einem Kristallglas. Langsam stand er auf.
»Seit dem Eintritt des Klimakollaps«, hob er an, »als das Erdklima sich auf so dramatische Art und Weise veränderte — nein, sogar schon vor dem Klimakollaps —, steht fest, dass die Menschen der Erde die Ressourcen des Weltalls brauchen. Energie, Rohstoffe, Mineralien: Alle Ressourcen, die die Erde braucht, um die daniederliegende Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen, sind im Überfluss im interplanetaren Raum vorhanden.«
Er legte eine kurze Pause ein und fuhr dann fort: »Und nicht nur das; wenn es uns überhaupt gelingen soll, das globale Klima zu stabilisieren und ein weitere Zunahme der ohnehin schon katastrophalen Erwärmung zu verhindern, dann muss ein großer Anteil der irdischen Schwerindustrie ins All verlegt werden.«
»Das ist unmöglich«, blaffte der Vertreter Nordamerikas, ein teiggesichtiger weißhaariger Professor in der für Akademiker typischen Tweedjacke.
Randolph schaute ihn verdrießlich an. Früher hatte Jane Scaldwell Nordamerika im Gremium vertreten.
»Heute ist es wirtschaftlich nicht durchführbar«, sagte er leise. »Wenn Sie aber die Finanzierung bewilligen, wird es in einem Jahr möglich sein.«
»In einem Jahr?«
»Unmöglich!«
»Wie können Sie…«
Malik tippte mit dem Notebook-Griffel leicht auf den Tisch, und die Stimmen verstummten.
Randolph lächelte ihm angespannt zu. »Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender.«
»Bitte erläutern Sie das näher«, sagte Malik.
»Das Problem bei der wirtschaftlichen Erschließung des Alls sind die Kosten, die für die Rohstoffgewinnung im Asteroidengürtel anfallen. Mit den Metallen und organischen Mineralien von den Asteroiden werden die Menschen Zugang zu einem Pool von natürlichen Ressourcen bekommen, der die Reserven des Planeten Erde bei weitem übersteigt.«
»Die Menschen der Erde«, fragte der Vertreter von Pan-Asien. »Oder die Firmen, die zu den Asteroiden fliegen und sie ausbeuten?«
»Die Menschen«, sagte Randolph ungerührt. »Wenn Sie die hierfür erforderlichen Geldmittel bereitstellen, wird meine Firma die Arbeit zum Selbstkostenpreis ausführen.«
»Zum Selbstkostenpreis?«
»Ohne irgendwelche Aufschläge?«
»Zum Selbstkostenpreis«, wiederholte Randolph.
»Vorher würden wir Ihre Kostenrechnung aber von unseren Sachverständigen überprüfen lassen«, sagte die Frau, die Schwarzafrika vertrat, mit ernster Miene.
»Natürlich«, erwiderte Randolph mit einem angedeuteten Lächeln.
»Warten Sie einen Moment«, sagte Malik. »Was genau würden wir mit unserem Geld finanzieren? Sie haben uns noch nicht einmal gesagt, was Sie überhaupt vorhaben.«
Randolph atmete tief durch und sagte dann: »Wir müssen ein Fusionsraketen-System entwickeln.«
Wieder redete das Gremium lautstark durcheinander. Malik musste diesmal etwas lauter mit dem Griffel tippen, bis die Anwesenden verstummten.
»Ein Fusionsraketen-System?«, fragte er Randolph.
»Wir haben bereits einen kleinen Prototyp einer Fusionsrakete entwickelt und getestet«, sagte Randolph und drehte sich in Richtung von Duncan. »Dr. Duncan wird es Ihnen erklären, wenn Sie das wünschen. Als wir diese Anhörung beantragten, haben wir detaillierte Protokolle für jeden von Ihnen eingereicht. Ich bin sicher, dass Ihre Technikexperten sich schon damit befasst haben.«
Ein zögerliches Kopfnicken des Gremiums.
»Wenn Sie es wünschen, kann ich Ihnen auch ein Video der Flugversuche vorführen, die wir durchgeführt haben.«
»Das wird wohl nicht nötig sein«, sagte Malik.
»Der Schlüssel für jegliche Operation im Weltraum sind die Transportkosten«, sagte Randolph. »Die Raumclipper, die von Masterson Aerospace entwickelt wurden, haben die Kosten für den Flug zum Erdorbit reduziert. Sie haben die Erschließung des Erde-Mond-Systems ermöglicht.«
»Und es Selene ermöglicht, uns wie Bittsteller zu behandeln«, knurrte der Vertreter Südamerikas.
»Wozu brauchen wir überhaupt Fusionsraketen?«, fragte Malik. Dabei hob er die Stimme, um eine Diskussion darüber zu unterdrücken, dass die Mond-Nation auf der Unabhängigkeit vom GEC beharrte.
»Wegen der Transportkosten«, beeilte Randolph sich zu sagen. »Fusionsraketen werden die Flugdauer und Brennstoff-Kosten für Missionen zu den Asteroiden auf ein Niveau senken, wo sie unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt vertretbar werden.«
»Vertretbar für wen?«
»Für die gesamte Menschheit«, sagte Randolph schroff und schaute leicht gereizt. »Wie schon gesagt, bin ich bereit, das Fusionssystem zu entwickeln und die Expedition zum Asteroidengürtel zum Selbstkostenpreis durchzuführen.«
»Unter der Leitung des GEC?«
Randolph knirschte vernehmlich mit den Zähnen. »Nein. Das wäre ein bürokratisches Desaster. Aber ich wäre bereit, das Projekt unter die Aufsicht des GEC zu stellen. Sie werden uneingeschränkten Zugang zu unseren Büchern haben. Das ist wohl fair genug.«
Malik lehnte sich im Polstersessel zurück und überließ Randolph der Befragung durch die anderen Mitglieder des Gremiums. Die Fragestellungen waren überwiegend trivial, oder es handelte sich um Fragen, die früher schon gestellt und auch beantwortet worden waren. Malik wusste, dass die meisten Mitglieder des Gremiums sich nur aus dem Grund verlauten ließen, weil sie sich selbst so gern reden hörten.
Er hatte das Video von Randolphs Flugversuchen schon gesehen. Er hatte die technischen Daten der Fusionsrakete mit den besten Wissenschaftlern und Ingenieuren der Welt erörtert. Der Duncan-Antrieb funktionierte. Es gab vom technischen Standpunkt keinen Grund zu der Annahme, dass er nicht auch in einem interplanetaren Raumschiff funktionieren würde.
Wir sollten es finanzieren, sagte Malik sich. Wir sollten Randolph jede erdenkliche Unterstützung gewähren. Aber das werden wir natürlich nicht tun.
»Mit welchem Brennstoff wird diese Rakete eigentlich betrieben?«, fragte jemand.
»Mit dem Brennstoff, der auch für die Fusionskraftwerke verwendet wird, die hier auf der Erde Strom erzeugen«, sagte Randolph geduldig. »Wasserstoff- und Heliumisotope.«
»Wie das Helium-drei, das auf dem Mond gewonnen wird?«
»Richtig«, sagte Randolph und nickte.
»Das ist aber ein sehr teurer Brennstoff«, murmelte der Vertreter des indischen Subkontinents. »Sehr teuer.«
»Dafür ist der Verbrauch sehr gering«, sagte Dan mit einem gezwungenen Lächeln.
»Selene hat den Preis für Helium-drei im letzten Jahr zweimal erhöht«, wandte der Vertreter der Islamischen Liga ein. »Gleich zweimal! Und ich habe keinen Zweifel, dass sie ihn demnächst wieder erhöhen werden.«
»Wir gewinnen den Brennstoff aus dem All selbst«, sagte Randolph mit leicht erhobener Stimme.
»Aus dem All selbst?«
»Und wie?«
»Der Sonnenwind weht durch den interplanetaren Raum. Und es ist auch der Sonnenwind, der Helium-drei und Wasserstoff-Isotope im Mondboden ablagert.«