»Sie meinen Regolith«, präzisierte der Vertreter des Vereinten Europas.
»Richtig, Regolith«, sagte Randolph.
»Und wie wollen Sie den Brennstoff aus dem Sonnenwind gewinnen?«
»Auf die gleiche Art, wie ein Flugzeug die Triebwerke mit Luft versorgt«, erwiderte Randolph. »Wir saugen ihn im Flug an.«
Malik sah, dass der schottische Ingenieur, der neben Randolph saß, unbehaglich auf dem Stuhl herumrutschte.
»Ansaugen? Wirklich?«
»Sicher«, sagte Randolph. »Wir verwenden einen elektromagnetischen Einlass… ein großes trichterförmiges Magnetfeld. Damit werden wir den benötigten Brennstoff im Flug ansaugen.«
»Und welche Größe muss dieser Einlass haben?«
Randolph zuckte in theatralischer Manier die Achseln. »Das herauszufinden ist Sache der Techniker. Auf den ersten Missionen zum Gürtel werden wir — wie eine konventionelle Rakete — den Brennstoff in Tanks mitführen. Später werden wir dann imstande sein, Brennstoff aus dem Sonnenwind zu gewinnen. Was uns wiederum in die Lage versetzen wird, eine größere Nutzlast pro Schub-Einheit zu transportieren.« Randolph drehte sich auf dem Stuhl und fragte: »Ist das so richtig, Lyall?«
Duncan, der Ingenieur, schaute zweifelnd, gab aber die opportune Antwort: »Ja.«
Mit einem Blick auf die Uhr tippte Malik wieder mit dem Griffel auf den Tisch und sagte: »Mr. Randolph, ich danke Ihnen für diesen überaus interessanten Vortrag.«
Randolph heftete seine grauen Augen auf Malik. »Das Gremium wird über Ihren Antrag beraten und Sie von seiner Entscheidung in Kenntnis setzen«, fuhr der Russe fort.
»Der Zeitfaktor ist ausschlaggebend«, sagte Randolph.
»Das wissen wir«, sagte Malik. »Aber wir müssen dieses Konzept umfassend und gründlich erörtern, bevor wir darüber zu befinden vermögen, ob wir es finanziell unterstützen oder nicht.«
Zögernd stand Randolph auf. »Ich verstehe. Auf jeden Fall danke ich Ihnen, dass Sie mich angehört haben. Es eröffnet sich Ihnen hier eine großartige Möglichkeit… und Sie tragen zugleich eine enorme Verantwortung.«
»Dessen sind wir uns wohl bewusst«, sagte Malik. »Noch einmal vielen Dank.«
Randolph nickte und verließ, gefolgt vom Ingenieur und der Blondine, den Konferenzraum.
Malik musste sich nun der Formalität unterziehen, eine Diskussion mit den anderen Mitgliedern des Gremiums zu führen, aber er wusste jetzt schon, wie die Antwort lauten würde. Im Geiste formulierte er schon den Bescheid des Gremiums an Randolph, als Dan den Raum noch nicht einmal verlassen hatte.
Lieber Mr. Randolph:
Obwohl Ihr Vorschlag der Entwicklung eines Fusionsraketen-Systems technisch machbar erscheint, ist der Globale Wirtschaftsrat nicht in der Lage, einen signifikanten Teil seiner Ressourcen in ein Vorhaben zu investieren, bei dem es sich um ein reines Weltraum-Projekt handelt. Die Fördermittel des GEC sind für die nächsten fünf Jahre ausschließlich Programmen vorbehalten, die darauf abzielen, die Auswirkungen der globalen Klimaänderung zu lindern und nationale Regierungen beim Wiederaufbau und der Umsiedlung von Bevölkerungsgruppen zu unterstützen.
Selene
Nach dem Vortrag beim GEC-Leitungsgremium fuhr Dan mit der U-Bahn zum Raumhafen, dem alten Flughafen Heathrow. Er flog mit einem Linien-Raumclipper zur Raumstation Galileo und setzte dann mit einer Hochgeschwindigkeits-Raumfähre nach Selene über. So kam es, dass er bereits einen Tag nach der GEC-Besprechung um Mitternacht, Greenwich Mean Time, in den Büros eintraf, die Astro Manufacturing in Selene angemietet hatte.
Duncan und die Elektronikingenieurin waren in der Hoffnung nach Glasgow zurückgekehrt, dass das GEC-Leitungsgremium wenigstens die Mittel für den Bau eines Raumschiff-Prototyps bewilligen würde. Dan war anderer Ansicht. Er hatte es in Maliks Augen gesehen: Der GEC wird keinen müden Euro für uns rausrücken.
Dan ging eilig durch die leere Büroetage. Deckenlampen leuchteten auf seinem Weg auf und erloschen wieder, während er durch die einzelnen Abteilungen ging und den Blick über die leeren Schreibtische und dunklen Holofenster schweifen ließ. Dann erreichte er die Privatsuite, in der er während des Aufenthalts in Selene logierte. Er streifte das Jacket ab, warf die Reisetasche auf das große Bett und ging, mit Hemd und Mikrofaserhose bekleidet ins Badezimmer. Er kickte die Stiefel weg und drehte das Wasser auf. Dann zog er die Stopfen aus der Nase und entledigte sich der restlichen Kleidung, während das warme Wasser die Verspannung im Rücken und in den Schultern löste.
Das war eine alte und sehr persönliche Leidenschaft, der er frönte: eine ausgiebige heiße Dusche. Als er in jungen Jahren bei den frühen Bauprojekten im Orbit und dann auf dem Mond mitgearbeitet hatte, war eine warme Dusche ein schier unglaublicher Luxus gewesen. Und er hatte sich den zweiten Nasenbeinbruch zugezogen, als er das Recht auf eine lange Dusche einforderte. In den Jahren, bevor die Mondbasis als die Nation Selene ihre Unabhängigkeit erklärt hatte, waren Duschkabinen auf dem Mond seltener gewesen als kleine grüne Männchen auf der Erde. Und selbst wenn man eine fürstliche Wohneinheit mit einer richtigen Dusche fand, wurde einem in den alten Zeiten das Wasser nach zwei Minuten automatisch abgestellt, und man musste eine geschlagene Stunde warten, bis es wieder angestellt wurde.
Noch heute, sagte Dan sich, während er sich im warmen Wasserschwall aalte, hat ein Sitz im Wasser-Ausschuss von Selene ein höheres politisches Gewicht als die Zugehörigkeit zum Regierungsrat.
Schließlich stellte er das Wasser ab und ließ sich von den integrierten Warmluftdüsen trocknen. Dan bevorzugte zwar die altmodischen Handtücher, aber ein Gebläse war billiger.
Nackt legte er sich ins Bett und versuchte etwas Schlaf zu finden. Aber die Hoffnungen, Pläne und Frustrationen, die ihm im Kopf umherschwirrten, hielten ihn wach.
Yamagata wird mir das Geld nicht geben, wurde er sich bewusst. Nobo hätte mich schon angerufen, wenn die Sache klar ginge. Er hat sich noch nicht gemeldet, weil er sich scheut, mir die schlechte Nachricht zu verkünden. Von Malik und dem GEC habe ich ohnehin nichts zu erwarten. Es war von vornherein eine Zeitverschwendung, dort überhaupt vorstellig zu werden. Aber falls und wenn wir den Fusionsantrieb zur Serienreife bringen, können wir wenigstens sagen, dass wir ihn den verdammten Bürokraten angeboten haben und sie uns haben abblitzen lassen. Dann hätten sie auch keine wie auch immer gearteten Ansprüche an uns.
Astro steht das Wasser schon bis Oberkante Unterlippe. Das Konkursverfahren ist so gut wie eröffnet, und ich muss zwei Milliarden auftreiben, um das Fusionssystem praxistauglich zu machen. Humphries wedelt mir zwar mit dem Geld vor der Nase herum, aber er will im Gegenzug einen großen Anteil an Astro. Ich muss jemand anders finden. Aber was kann ich tun? An wen soll ich mich, verdammt noch mal, wenden?
Selene, sagte er sich. Sie haben zwar nicht das Kapital, aber dafür haben sie ausgebildete Leute, Ausrüstung und Ressourcen. Wenn es mir gelänge, sie zu einer Kooperation zu bewegen…
Dann kam ihm die zündende Idee. Selenes Regierungsrat wird übergangen. Oder erst in der Endphase involviert. Douglas Stavengers Stimme zählt hier oben immer noch am meisten. Und Masterson Aerospace ist sein Familienunternehmen. Wenn er darauf anspringt, wird Masterson mein Fürsprecher sein, und der Rat von Selene wird ihm folgen.
Doug Stavenger.
Der Gedanke an die Möglichkeiten begleitete ihn in den Schlaf. Und er träumte davon, am Mars vorbei zum Asteroiden-Gürtel zu fliegen.
»Wer ist denn dein Freund?«, fragte Amanda.
Sie und Pancho trainierten in Selenes großem Sportkomplex und waren durch die Arbeit an den Fitnessstationen schon mit einem feinen Schweißfilm überzogen. Durch das große Fenster an der einen Seite des Raums sah sie zwei Männer, die in der Zentrifuge angeschnallt waren. Beiden entgleisten die Gesichtszüge, als die Ausleger der großen Maschine immer schneller rotierten. Sie kannte einen der Männer; er war ein Wartungstechniker im Fahrzeugpark und ein ganz netter Kerl.