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Die Sporthalle war mit schwitzenden, grunzenden und Grimassen schneidenden Männern und Frauen überfüllt, die sich an den Tretmühlen, Heimtrainern und Fitnessstationen abrackerten. Die Einzigen, die kein verdrießliches Gesicht machten, waren die Kinder. Sie flitzten lachend zwischen den Geräten umher und kreischten dabei manchmal so laut, dass die Erwachsenen sie missbilligend anschauten.

Jede Person in Selene, Erwachsener oder Kind, Einwohner oder Besucher musste an einem obligatorischen Sport-Programm teilnehmen, oder ihr wurde der Rückflug zur Erde untersagt. Die geringe Mondschwerkraft bewirkte nämlich einen schnellen Muskelschwund bis zu dem Punkt, wo die Erdschwerkraft ein körperliches Risiko darstellte. Dem vermochte man nur durch tägliche, aber eben auch langweilige sportliche Betätigung vorzubeugen.

Pancho trug ein labbriges T-Shirt und eine ausgeblichene alte Hose als Sportdress. Im Gegensatz dazu war Amanda aufgedonnert, als ob sie für einen Modefotografen Modell stünde: topmodische Sportschuhe, pinkfarbene Söckchen und einen figurbetonten Body, bei dessen Anblick die Männer über die eigenen Füße stolperten. Sogar die Frauen starrten sie unverhohlen an.

»Ich habe keinen Freund«, erwiderte Pancho und zerrte grunzend an den mit Gewichten beschwerten Griffen. Eine Touristenattraktion war, sich dabei fotografieren zu lassen, wie man eine mit enormen Gewichten bepackte Hantel stemmte. Was irdischen Augen als übermenschlich erscheinen musste, war in der nur ein Sechstel des irdischen Werts betragenden Mondgravitation eine leichte Übung.

»Du hast schon zwei Verabredungen zum Abendessen gehabt, seit wir hier angekommen sind, und für heute hast du schon wieder eine, stimmt's… Ich habe den Eindruck, dass es sich jedes Mal um denselben Typen handelte«, fügte Amanda hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten.

Mandy saß an der Maschine neben Pancho und trainierte die Rückenmuskeln, indem sie an zwei Metallstangen zog. Dann führte sie die Hände vor sich zusammen und zog an den mit Gewichten beschwerten Griffen, wodurch sie die Brustmuskeln stärkte.

Wer schon viel hat, bekommt immer noch mehr dazu, sagte Pancho sich.

»Also?«, hakte Amanda nach. »Wer ist dein Freund?«

»Das ist rein geschäftlich«, sagte Pancho.

»Wirklich? Und was für ein Geschäft mag das wohl sein?«

Pancho unterdrückte den plötzlichen Drang, Mandy eins in die grinsende Visage zu hauen.

»Hör zu«, zischte sie zornig, »du gehst doch fast jeden Abend aus, oder? Was ist dann dagegen zu sagen, verdammt noch mal, wenn ich hin und wieder eine Verabredung habe?«

»Nichts, Pancho, wirklich«, beschwichtigte Mandy sie. »Ich bin nur neugierig, das ist alles. Ich freue mich doch für dich, wenn du ein vergnügliches Sozialleben hast.«

»Ja, sicher. Du willst doch nur wissen, mit wem ich mich treffe, weil du die anderen Männer von Selene schon für dich klargemacht hast.«

»Pancho, das ist nicht wahr!«

»Wie die Hölle.«

»Ich kann doch nichts dafür, wenn die Männer sich zu mir hingezogen fühlen! Ich ermutige sie aber nicht dazu.«

Pancho lachte laut.

»Echt nicht!«

»Mandy, du brauchst doch nur einmal Luft zu holen, und schon fallen die Männer über dich her wie Fliegen über einen Batzen Pferdeapfel.«

Amanda errötete bei Panchos bewusst kränkendem Vergleich. Doch dann lächelte sie wissend. »Flirten macht halt Spaß. Wenn ein Mann mich zum Abendessen einladen will, wieso denn nicht? Ich klimpere nur mit den Wimpern und höre mir an, was für ein toller Hecht er sei.«

»Und dann gehst du mit ihm ins Bett, und alle sind glücklich.«

Das brachte Amanda in Rage. Sie setzte zu einer Antwort an, sagte dann aber doch nichts. Für eine Weile betrachtete sie angelegentlich ihre Schuhspitzen. »Schätzt du mich so ein?«, fragte sie schließlich.

»Es ist doch die Wahrheit, oder?«

»Wirklich, Pancho, ich bin kein Flittchen. Ich schlafe nicht mit ihnen.«

»Nicht?«

»Doch… hin und wieder. Aber in großen Abständen.«

Pancho schaute Amanda an, nahm sie wirklich als Mensch wahr und erblickte eine wunderschöne junge Frau, die ihren Weg in einer Welt zu gehen versuchte, wo Männer eine Frau noch immer nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilten. O je, sagte sie sich, Mandy muss wahrscheinlich die Hälfte ihrer Zeit damit verbringen, sich der Zudringlichkeiten der Männer zu erwehren. Sie macht ihnen schöne Augen, spielt ein wenig mit ihnen und zieht sich dann zurück, ehe es ernst wird. Entweder das, oder sie hält sie sich mit einer Waffe vom Leib. Oder mit einer Schlange.

»Vielleicht könnten wir dich etwas auf hässlich trimmen«, murmelte Pancho.

Amanda lächelte verlegen. »Genau das hat Mr. Randolph auch gesagt.«

»Huh? Randolph?«

»Er sagte mir, wenn ich dich auf der Mission begleiten wolle, dürfte ich auf die Männer, die uns begleiten, nicht so attraktiv wirken.«

Pancho nickte. »Wir müssen ein paar übergroße, hässliche Sweatshirts für dich auftreiben. Oder vielleicht behältst du auf dem ganzen verdammten Flug den Raumanzug an.«

Die beiden Frauen lachten darüber. Doch nach einer Weile stellte Amanda wieder die heikle Frage: »Also, Pancho, wer ist denn nun dein Freund?«

»Du willst ihn kennen lernen?«, fragte Pancho genervt. »Dann komm heute Abend mit.«

»Wirklich? Ist das dein Ernst?«

»Sicher, warum nicht?«, sagte Pancho. »Ich wette, er wird sich freuen, deine Bekanntschaft zu machen.«

Pancho wusste, dass Humphries bei Mandys Anblick schier den Verstand verlieren würde. Gut. Der Mann hatte von ihr verlangt, mehr über Dan Randolphs Pläne in Erfahrung zu bringen. Humphries war deswegen sogar richtig unfreundlich geworden.

Humphries hatte Pancho beim Abendessen, zu dem sie noch am Tag ihrer Ankunft in Selene erschienen war, ›auf den Senkel‹ gestellt. Zuerst hatte er sie noch recht herzlich ins große Esszimmer des Hauses in der untersten Ebene von Selene gebeten. Nachdem er sie gefragt hatte, welche Informationen sie für ihn hätte und Pancho wahrheitsgemäß geantwortet hatte, dass sie ihm nur wenig berichten könne, war seine Stimmung jedoch umgeschlagen.

»Mehr nicht? Ist das alles, was Sie für mich haben?«, hatte Humphries geblafft.

»Er hat uns auf La Guaira interniert und zum Studium des Fusionssystems vergattert«, hatte Pancho mit einem hilflosen Achselzucken geantwortet.

»Ich zahle Ihnen ein kleines Vermögen und bekomme keine einzige verdammte Information von Ihnen. Nichts! Rein gar nichts!«

Von wegen Vermögen, sagte Pancho sich. Trotzdem hatte sie den Mann zu besänftigen versucht. »Aber Mr. Humphries, außer den Flugversuchen mit der ramponierten alten Cruise Missile hat er überhaupt nichts gemacht

»Er flitzt auf der ganzen abgefuckten Welt rum«, hatte Humphries genölt, »von Kyoto über New York und über Genf nach London. Er hat mit Bankiers und Entwicklungsbehörden gesprochen — sogar mit dem GEC, und er hasst den GEC!«

Pancho hatte versucht, vernünftig mit ihm zu reden. »Sehen Sie, ich bin nur ein Raketen-Jockey. Er sagt, ich solle den Testflug mit dem Fusionsantrieb durchführen, wenn er fertig gestellt ist. Aber es kann noch Jahre dauern, bis es so weit ist.«

»Und womit hat er Sie in der Zwischenzeit beauftragt?«, fragte Humphries ungehalten.

Pancho zuckte die Achseln. »Mit nichts Besonderem. Er hat mich und Mandy hierher nach Selene geschickt. Das hat er persönlich angeordnet. Wir sollen uns mit den Asteroiden im Gürtel beschäftigen. Er hat eigens einen Astronomen vom Observatorium auf der Mondrückseite engagiert, um uns zu unterrichten.«