Humphries machte ein nachdenkliches Gesicht. »Vielleicht weiß er, dass Sie für mich arbeiten. Vielleicht hat er Sie fürs Erste auf Eis gelegt, bis er entschieden hat, wie er Sie am besten loswird.«
Pancho hoffte, dass Humphries nicht die Möglichkeit in Betracht zog, dass sie Randolph alles erzählt hatte.
»Wäre es dann nicht leichter für ihn, wenn er mich einfach feuerte?«, fragte sie treudoof.
»Er ist in diesem Moment hierher unterwegs, wissen Sie«, murmelte Humphries.
»Wirklich?« Pancho vermochte ihre Überraschung nicht zu verbergen.
»Sie wissen nicht einmal, wo er sich aufhält?«
»Er teilt es mir in der Regel nicht mit, wenn er sich auf Reisen begibt«, sagte Pancho patzig.
»Nun hören Sie mir mal zu, Lady. Ich habe Ihren Namen ganz oben auf Astros Personalliste gesetzt, damit Randolph Sie in dieses Fusionsraketen-Programm aufnimmt. Ich bin derjenige, der Ihre Beförderung arrangiert hat. Ich will Ergebnisse! Ich will wissen, wann Randolph zum Pinkeln geht, ich will überhaupt alles über ihn wissen.«
»Dann suchen Sie sich einen anderen Spion«, hatte Pancho gesagt und versucht, den aufsteigenden Zorn zu unterdrücken. »Was auch immer er vorhat, die meiste Zeit ist er nicht einmal auf demselben Kontinent gewesen wie ich. Ich habe ihn nur dieses eine Mal beim ersten Flugversuch in Venezuela gesehen. Sie haben die Falsche angeheuert, Mr. Humphries. Sie brauchen eine Bettgefährtin für Randolph, aber keine Pilotin.«
Humphries hatte sie über den Esstisch hinweg grimmig angeschaut und gemurmelt: »Sie haben wahrscheinlich Recht. Trotzdem… ich will Sie für den Job. Es wird vielleicht noch eine Weile dauern, aber früher oder später wird er Sie mit der Erprobung des Fusionsantriebs beauftragen. Dann werden Sie wertvoll für mich. Ich habe Sie nur zu früh angeheuert, mehr nicht.« Er rang sich ein Lächeln ab. »War wohl mein Fehler.«
Ja, es wird Zeit, dass Humphries Amandas Bekanntschaft macht, sagte Pancho sich, während sie an der Gewichtsmaschine schnaufte und schwitzte.
Sie lachte stumm. Wie in Dallas! Humphries setzt Mandy auf Randolph an, aber sie weiß nicht, dass ich Randolph bereits gesagt habe, dass der Kerl mich als Spion auf ihn angesetzt hat. Mandy hätte aber ihren Spaß daran, denn sie würde nur zu gern mit Randolph vögeln.
Und inzwischen spioniere ich Humphries für Randolph aus, sagte sie sich. Wie nennt man das gleich noch mal? Ich bin dann ein Doppelagent. Ja, das isses. Ein Doppelagent. Vollends der Wahnsinn.
Aber was, wenn Humphries mich fallen lässt, sobald er Amanda sieht? Das wäre eine Möglichkeit. Dann wäre ich gar kein Agent mehr, sondern würde draußen in der Kälte stehen.
Aber was soll's?, sagte sie sich. Dann gibt's kein Extra-Gehalt mehr von Humphries, sagte eine innere Stimme. Dann wirst du deine Schwester weiterhin mit dem Gehalt von Astro unterstützen müssen. Ja, ja, sagte sie sich, das mache ich nun seit Jahren. Es wird schon gehen.
Warte einen Moment, sagte sie sich. Humphries kann dich gar nicht feuern. Sonst müsste er nämlich befürchten, dass ich bei Randolph auspacke. Der Kerl muss mich weiter auf der Lohnliste führen — oder mich ganz beseitigen.
Pancho stieg von der Gewichtsmaschine und ging zum Heimtrainer. Der Trick ist der, mich bei Humphries und Randolph unentbehrlich zu machen, sagte sie sich, während sie mit Elan in die Pedale trat. Ich will nicht draußen in der Kälte stehen müssen. Und ich will nicht, dass Humphries auf den Gedanken kommt, es sei günstiger für ihn, wenn ich bei einem ›Unfall‹ umkomme. Nein, Sir!
Masterson Aerospace Corp.
»Sie können sie nicht sehen, Mr. Randolph.«
Dan wurde von Douglas Stavengers Worten peinlich berührt.
»Ich habe Sie angestarrt, nicht wahr?«, sagt er.
Stavenger lächelte verständnisvoll. »Die meisten Leute tun das, wenn sie mich zum ersten Mal sehen. Die Nanomaschinen sind aber sicher in mir drin. Sie können nicht von ihnen infiziert werden.«
Die beiden Männer saßen in Stavengers großzügigem Büro, das eher einem komfortablen Wohnzimmer als einem Geschäftsraum glich. Zwei Wände des Raums bestanden aus Panoramafenstern. Es war kein Schreibtisch zu sehen, nicht einmal ein Computerbildschirm; nur Polsterstühle, ein kleines Sofa an einer Seite des Raums und ein paar niedrige Tische, die hier und da verstreut waren. Dan musste sich daran erinnern, dass die Fenster wirklich transparent und keine Holoscheiben waren. Sie gingen auf Selenes Grand Plaza hinaus, die einzige öffentliche Grünfläche im Umkreis von fast einer halben Million Kilometern.
Douglas Stavengers Büro war kein Mond-Tiefbunker. Es befand sich im fünfzehnten Stock eines der drei Bürotürme, die auch als Träger für die mächtige Kuppel dienten, die die Grand Plaza überwölbten. Die Büros der Masterson Aerospace Corporation belegten das ganze fünfzehnte Stockwerk.
Unter diesen Fenstern breitete sich die sechshundert Meter lange Plaza aus, eine Grünanlage mit gepflasterten Fußwegen, blühenden Büschen und sogar ein paar vereinzelten kleinen Bäumen. Dan sah, dass Leute auf den Wegen spazieren gingen, die Auslagen der Geschäfte betrachteten und im großen Käfig neben der Orchestermuschel Mond-Basketball spielten. Kinder machten phantastische Kunstsprünge vom Dreißig-Meter-Turm am Rand des Schwimmbads, das olympische Dimensionen hatte. Sie schraubten und rollten sich in traumgleicher Zeitlupe durch die Luft und tauchten dann ins träge aufspritzende Wasser ein. Zwei Touristen flogen auf grellbunten Plastikflügeln an den Fenstern vorbei, wobei sie nur mit Muskelkraft wie Vögel in der niedrigen Schwerkraft des Monds flatterten.
»Das ist ein schöner Ausblick, nicht wahr?«, fragte Stavenger.
Dan nickte zustimmend. Während die meisten Menschen auf dem Mond dem Instinkt folgten und sich möglichst tief unter die Oberfläche verkrochen, blieb Stavenger hier oben. Von den Gefahren, die auf der Mondoberfläche lauerten, trennten ihn nur die Plaza-Kuppel aus armiertem Beton und ein Meter Regolithgeröll, mit dem man die Kuppel bestreut hatte.
Wieso auch nicht? fragte Dan sich. Stavenger und seine Familie hatten bei der Gründung der ursprünglichen Mondbasis Pate gestanden. Sie hatten einen kurzen Unabhängigkeitskrieg gegen die alten Vereinten Nationen geführt — und hatten das Recht auf Nutzung der Nanotechnologie erkämpft, die auf der Erde geächtet war.
Stavenger war mit Nanomaschinen gespickt. Dan drehte sich wieder zu ihm um und sah einen gut aussehenden jungen Mitt-Dreißiger, der ihn wohlwollend anlächelte. Stavenger war kaum größer als Dan, schien aber kräftiger gebaut. Er hatte einen olivfarbenen Teint und funkelnde blaue Augen. Dan wusste aber, dass Douglas Stavenger mindestens genauso alt war wie er, also Mitte Sechzig. In seinem Körper wimmelte es von Nanomaschinen, winzigen virengroßen Mechanismen, die eindringende Mikroben zerstörten, die Haut jung und straff hielten und Ablagerungen in den Blutgefäßen in ihre Atome zerlegten und aus dem Körper ausschieden.
Darüber hinaus schienen die Nanomaschinen die jugendliche Spannkraft zu erhalten. Viel besser als alle Verjüngungs-Therapien, mit denen Dan sich beschäftigt hatte. Es gab nur einen Haken bei den Nanos: Douglas Stavenger war der Rückweg zur Erde verbaut. Regierungen, Kirchen, die Medien und die breite Masse befürchteten, dass Nanomaschinen sich irgendwie selbständig machen, unheilbare Krankheiten hervorrufen oder sich gar in neue biologische Massenvernichtungswaffen verwandeln könnten.
Also lebte Stavenger als Exilant auf dem Mond. Er sah die verlockend scheinende Erde am dunklen Mondhimmel hängen, doch die Rückkehr auf seine Heimatwelt war ihm für immer verwehrt.