Pancho überbrückte die Zeit auf den Rolltreppen zu Selenes unterster Ebene, indem sie Mandy alles erzählte, was sie über Humphries wusste. Alles außer dem Umstand, dass er sie engagiert hatte, um Dan Randolph auszuspionieren.
»Er ist wirklich ein Milliardär?« Amandas große blaue Augen wurden noch größer, als Pancho Humphries' Untergrund-Palazzo beschrieb.
»Humphries Biotech«, sagte Pancho. »Der Humphries Trust und Gott weiß was nicht noch alles. Auf den Finanz-Webseiten des Internets findest du alles über ihn.«
»Und du triffst dich mit ihm!«
Pancho runzelte die Stirn wegen ihrer Ungläubigkeit und sagte: »Ich sagte dir doch, das ist rein geschäftlich. Er… äh… er versucht mich von Astro abzuwerben.«
»Wirklich?« Dieses eine Wort troff nur so von Zweifel und Überheblichkeit.
Pancho grinste sie an. »Mehr oder weniger.«
Schließlich traten sie durch die schleusenartige Tür in Humphries' Untergrund-Garten. Amanda verschlug es schier die Sprache. »Einfach himmlisch!«
»Ja, ganz nett«, bestätigte Pancho.
Humphries stand in der offenen Tür des Hauses und wartete auf sie. Er musterte Amanda, während sie und Pancho den Weg entlanggingen.
»Martin Humphries«, unternahm Pancho den Versuch einer formellen Vorstellung, »ich möchte Ihnen…«
»Ms. Amanda Cunningham«, sagte Humphries mit einem entzückten Lächeln. »Ich habe in Ihrem Dossier geblättert, nachdem ich von Pancho die Mitteilung erhalten hatte, dass Sie uns heute Abend Gesellschaft leisten möchten.«
Pancho nickte beeindruckt. Humphries hat Zugang zu Astros Personaldaten. Er muss Dans Büros mit Schnüfflern regelrecht unterwandert haben.
Humphries ergriff Amandas ausgestreckte Hand, verneigte sich und hauchte ihr einen Handkuss auf die alabasterfarbene Haut. Amanda machte den Eindruck, als ob sie jeden Moment in Ohnmacht fallen wollte.
»Treten Sie ein, meine Damen«, sagte Humphries und hakte sich bei Amanda unter. »Treten Sie ein und seien herzlich willkommen.«
Zu Panchos Erstaunen wurde Humphries nicht zudringlich gegenüber Amanda. Zumindest nicht allzu offensichtlich. Ein menschlicher Diener kredenzte Aperitifs in der Biblio-Vidiothek, und Humphries zeigte ihnen stolz seine Sammlung von Erstausgaben.
»Ein paar sind ziemlich selten«, sagte er mit gelinder Angabe. »Ich bewahre sie wegen des Klimaregulierungs-Systems hier auf. Zuhause in Connecticut käme es ziemlich teuer, den alten Familiensitz auf einer konstanten Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu halten. Hier in Selene geschieht das automatisch.«
»Oder wir atmen Vakuum«, bemerkte Pancho. Amanda schaute sie mit einem bezeichnenden Blick an.
Der Butler führte sie ins Esszimmer, wo die Frauen zu beiden Seiten von Humphries Platz nahmen. Zwei kompakte Roboter mit platten Oberflächen rollten zwischen Küche und Esszimmer hin und her und brachten Teller und Gläser. Pancho verfolgte gebannt, wie die gepolsterten Greifer der Roboter mit dem Porzellan und Kristallglas hantierten. Sie ließen kein einziges Teil fallen, obwohl ein Roboter beim Abtragen der Salatteller Panchos Gedeck nur um den Bruchteil eines Millimeters verfehlte und es fast vom Tisch gefegt hätte. Bevor das Malheur aber passierte, fing der Roboter sich, packte den Teller und legte ihn in den Sammelbehälter.
»Sie haben ein gutes optisches Erkennungssystem«, sagte Pancho.
»Ich glaube nicht, dass es ein optisches System ist«, wischte Amanda ihr eins aus. »Oder doch?«, wandte sie sich an Humphries.
»Sehr gut beobachtet, Amanda«, sagte er beeindruckt. »Sehr gut. Das Geschirr ist an der Unterseite mit monomolekularen Signaturen versehen. Die Roboter erfassen die Mikrowellen-Signale.«
Pancho hob das Wasserglas und musterte angestrengt den Boden.
»Der Chip ist zu klein, als dass er mit dem bloßen Auge zu erkennen wäre«, sagte Humphries.
»Und wie wird er aktiviert?«
»Durch die Wärme des Essens oder des Getränks. Bei kalten Getränken… und Ihrem Salat hapert es allerdings etwas mit der Erkennung.«
»Das Geschirr nimmt doch die Restwärme auf, wenn wir damit hantieren, oder?«, fragte Pancho nach kurzem Nachdenken.
»Das ist richtig.«
Pancho lächelte, als der andere Roboter einen dampfenden Teller mit Froschschenkeln vor ihr abstellte. Ich wollte Humphries nur mal zeigen, dass Mandy nicht das einzige Schlauköpfchen hier ist.
Beim Essen gab Humphries sich charmant, gesprächsbereit und gut gelaunt. Er widmete Pancho fast genauso viel Aufmerksamkeit wie Amanda, wobei er Mandy sogar ermunterte, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Nachdem sie die anfängliche Zurückhaltung überwunden hatte, erzählte sie, dass sie in London aufgewachsen sei und ein Stipendium für die Internationale Weltraum-Universität gewonnen habe.
»Es war nicht leicht«, sagte Amanda mit einer beinahe naiv anmutenden Offenheit. »Die Männer schienen alle zu glauben, dass ich mich eher zum Fotomodell als zur Astronautin eignen würde.«
Humphries artikulierte ein mitfühlendes Murmeln. Pancho nickte und sagte sich erneut, dass Mandys gutes Aussehen Segen und Fluch zugleich war.
«Aber ich habe es geschafft«, sagte sie fröhlich, »und da sind wir nun.«
»Ich freue mich für Sie«, sagte Humphries und tätschelte ihr die Hand. »Sie haben sich gut geschlagen.«
Als das Dessert serviert wurde — frisches Obst aus dem botanischen Garten mit Eiscreme aus Sojamilch —, fragte Amanda, wo die Toilette sei.
Nachdem sie den Raum verlassen hatte, beugte Pancho sich zu Humphries hinüber und fragte mit gesenkter Stimme: »Na, was meinen Sie?«
Er runzelte irritiert die Stirn. »Wozu?«
»Zu Mandy.« Sie Trottel, hätte sie fast noch hinzugefügt, verkniff sich das aber lieber.
»Sie ist wunderbar«, sagte Humphries strahlend. »Schön und klug dazu. So etwas sieht man nicht allzu oft.«
Frauen gehen mit ihrem Verstand nicht unbedingt hausieren, sagte Pancho sich; zumindest dann nicht, wenn sie mit ihrem Aussehen bestechen können.
»Dann glauben Sie also, sie sei die Richtige, um sich an Dan Randolph ranzumachen?«
»Nein!«, rief er.
»Nein?«, fragte Pancho erstaunt. »Wieso denn nicht?«
»Ich will nicht, dass sie in Randolphs Nähe kommt. Er wird sie in einem schwachen Moment verführen.«
Pancho starrte den Mann an. Ich dachte, das sei gerade der Sinn der Sache, sagte sie sich. Dass Mandy Randolph ins Bett bekommt. Ich dachte, darum würde es ihm gehen.
»Sie ist eine viel zu feine Frau, um auf diese Art und Weise benutzt zu werden«, fügte Humphries hinzu.
Da brat mir doch einer 'nen Storch, sagte Pancho sich. Er ist in sie verschossen! Dieser Kerl, der Frauen wie Büroklammern sammelt und sie nach Gebrauch wegwirft, ist nicht nur scharf auf Mandy. Er hat sich in sie verliebt. Knall auf Fall!
Der Regierungsrat von Selene
Unwillkürlich verglich Dan diese Sitzung des Regierungsrats von Selene mit dem Meeting beim GEC-Leitungsgremium, an dem er vor ein paar Wochen in London teilgenommen hatte.
Die Veranstaltung fand in Selenes Theater statt, wobei der Rat an Schulbänken saß, die halbkreisförmig auf der Bühne aufgestellt waren. Fast jeder Platz im Parkett und auf den Rängen war belegt, doch die Logen auf beiden Seiten der Bühne waren leer. Vielleicht sind sie aus irgendeinem Grund gesperrt worden, sagte Dan sich. Es müssen zweitausend Leute anwesend sein, mutmaßte er und lugte zwischen den Vorhängen, welche die Bühnenflügel von der eigentlichen Bühne abtrennten, aufs Publikum. Fast jeder wahlberechtigte Bürger Selenes war zu dieser Versammlung erschienen.
Während er im Backstage-Bereich stand, gingen die Ratsmitglieder an ihm vorbei und nahmen ihre Plätze ein. Sie machten überwiegend einen jungen und agilen Eindruck. Sechs Frauen und fünf Männer, von denen noch keiner graues Haar hatte. Zwei Männer waren aber von vorzeitigem Haarausfall betroffen; das mussten Ingenieure sein, sagte Dan sich. Die Ratsmitgliedschaft war eine ›Teilzeitbeschäftigung‹, die im Losverfahren vergeben wurde. Es vermochte sich niemand vorm Dienst an der Gemeinschaft zu drücken, aber den Amtsinhabern wurde von ihren Arbeitgebern Sonderurlaub gewährt, um diesen zusätzlichen Verpflichtungen nachzukommen.