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Walton stieß ein meckerndes Lachen aus. Er hieb Pancho auf den Rücken und sagte: »Das mag ich so an dir, Pancho, alte Freundin. Du bist OK — OK groß geschrieben.«

Walton bog in den nächsten Quergang ein und führte Pancho in die Ebene direkt unter der Grand Plaza, wo der Großteil von Selenes Lebenserhaltungsmaschinen untergebracht war. Sie reinigten die Luft, klärten das Wasser und transformierten den elektrischen Strom, der in den Solarfarmen erzeugt wurde. Pumpen summten. Die Luft knisterte. Die Decken dieser Kammern bestanden aus nacktem, unbehauenem Gestein. Pancho wusste, dass an der Oberseite entweder der gepflegte Rasen der Grand Plaza war oder der Regolith der Mondoberfläche. Und in einem Korridor nicht weit von hier befanden sich die Katakomben.

»Ist das Dingens denn nicht hinter Schloss und Riegel?«, fragte Pancho, während Walton sie an einer langen Reihe von Metallspinden vorbeiführte.

»Sie wissen nicht einmal, dass es überhaupt existiert. Sie glauben, dass ich es zerstört hätte, nachdem sie mir ihren lausigen Preis gegeben haben. Es ist das einzige Exemplar im ganzen weiten Sonnensystem.«

»Wahnsinn.«

Er nickte abwesend. »Und es ist auch kein ›Dingens‹, sondern ein Tarnanzug.«

»Tarnanzug?«, sagte Pancho.

»Er bedeckt einen wie ein Nassanzug von Kopf bis Fuß«, sagte er mit gedämpfter Stimme, als ob er befürchtete, dass jemand ihn belauschte. Pancho musste sich anstrengen, ihn vor der vielfältigen Geräuschkulisse der Maschinen überhaupt zu verstehen.

Pancho folgte Walton die lange Spindreihe entlang. Im Gang roch es nach Staub. Er schien sehr selten benutzt zu werden. Die Oberlichter standen so weit auseinander, dass sie sich alle paar Meter als Schattenriss abzeichneten. Walton blieb vor einem Spind mit einer Seriennummer stehen. Pancho sah, dass er ein elektronisches Sicherheitsschloss hatte.

»Läuft denn hier niemand Streife?«, fragte Pancho mit einem unbehaglichen Gefühl.

»Nee. Wozu auch? Es gibt Kameras am anderen Ende des Gangs, aber dieser alte Tunnel ist eine Sackgasse. Die Leute laden hier ihren Kram ab — persönliche Gegenstände, für die sie in den Unterkünften keinen Platz mehr haben.«

Walton gab den Sicherheitscode ins elektronische Schloss ein und zog die Metalltür auf. Sie quietschte leise, als ob sie sich beschweren wolle.

»Hier ist es«, sagte er leise.

Im Spind hing ein schlaffer tiefschwarzer Ganzkörperanzug.

»Ist er nicht ein Schmuckstück?«, fragte Walton und nahm den Anzug vorsichtig und liebevoll aus dem Schrank. Dann präsentierte er ihn Pancho am Kleiderbügel, damit sie ihn gebührend bewundere.

»Sieht beinahe aus wie ein Nassanzug«, sagte Pancho und fragte sich, wie er jemanden wohl unsichtbar machen solle. Er glitzerte dunkel im trüben Licht der Deckenbeleuchtung, als ob er mit Pailletten aus Onyx besetzt wäre.

»Der Anzug ist mit Nanokameras und Projektoren besetzt, die nur ein paar Molekülschichten dick sind. Ich kann dir sagen, ich wäre fast bekloppt geworden, bis ich die Dinger so weit hatte, dass sie funktionierten.«

»Uh-huh«, sagte Pancho und betastete einen Ärmel mit dem integrierten Handschuh. Das Gewebe fühlte sich weich und elastisch an, aber auch irgendwie körnig wie Sandpapier.

»Die Kameras nehmen dein Umfeld auf«, erläuterte Walton. »Und die Projektoren bilden es ab. Wenn jemand vor dir steht, sieht er, was sich hinter dir befindet. Und wenn jemand links von dir steht, sieht er, was sich rechts von dir befindet. Als ob man durch dich hindurchschauen würde. Du bist praktisch unsichtbar.«

»Und das funktioniert wirklich?«, fragte sie.

»Dafür sorgt ein in den Gürtel integriertes Steuergerät«, sagte Walton. »Die Batterien sind wahrscheinlich leer, aber das Aufladen ist kein Problem.« Er deutete auf ein paar Stromanschlüsse in der glasierten Felswand des Korridors an der gegenüberliegenden Seite der Spinde.

»Und das funktioniert?«, wiederholte sie.

Er lächelte wie ein stolzer Vater. »Willst du ihn einmal anprobieren?«

»Sicher«, sagte Pancho und erwiderte sein Grinsen.

Während Pancho sich in den hautengen Anzug zwängte, hängte Walton die beiden handtellergroßen Akkus ans Netz. Als sie die Handschuhe übergestreift und sich die Kapuze übergezogen hatte, schob er die vollgeladenen Akkus in die Taillenpartie des Anzugs.

»In Ordnung«, sagte Walton und musterte sie kritisch. »Nun zieh die Gesichtsmaske herunter und verbinde sie mit der Kapuze.«

Kleine Brillengläser verdeckten Panchos Augen. »Ich muss wie ein Terrorist aussehen, Ike«, murmelte sie, wobei das Gewebe der Maske auf den Lippen kitzelte.

»Gleich wirst du nach gar nichts mehr aussehen«, sagte er. »Öffne den Sicherheitsverschluss am Gürtel und drück auf den Schalter.«

Pancho ließ die kleine Plastikabdeckung aufschnappen und berührte den darunter verborgenen Schalter. »In Ordnung, und was nun?«, fragte sie.

»Warte fünfzehn Sekunden.«

Pancho wartete. »Na und?«

»Halt dir die Hand vors Gesicht«, sagte Walton mit einem schiefen Grinsen.

Pancho hob den Arm. Ein Schreck durchfuhr sie. »Ich sehe ihn nicht!«

»Natürlich nicht. Du bist doch unsichtbar.«

»Echt?«

»Siehst du dich denn?«

Pancho sah sich nicht. Arme, Beine, gestiefelte Füße: Sie spürte sie ganz normal, sah sie aber nicht.

»Hast du einen Ganzkörperspiegel im Spind?«, fragte sie aufgeregt.

»Wieso, zum Teufel, sollte ich einen Ganzkörperspiegel im Spind haben?«

»Ich will sehen, wie ich aussehe.«

»Verdammt, Pancho, du siehst nach überhaupt nichts aus. Du bist komplett unsichtbar.«

Pancho lachte überdreht. In diesem Moment beschloss sie, sich Ike's Tarnanzug auszuleihen. Natürlich ohne es ihm zu sagen.

Forschungszentrum des Humphries Trust

Die in den Tarnanzug gehüllte Pancho schlich langsam und lautlos durch den Gang von Martin Humphries' unterirdischem Palast. Sie war mit Amanda hierher gekommen, nur dass Mandy davon nichts gewusst hatte.

Schon seit Wochen hatte Pancho förmlich danach gelechzt, in Humphries' Anwesen herumzuschnüffeln. Der Mann war so stinkreich, mächtig und selbstsicher, dass er nach Panchos Auffassung ein paar Dutzend Leichen im Keller haben musste. Vielleicht fand sie etwas, das Dan helfen würde. Vielleicht fand sie auch etwas, das ihr nützen würde. Oder vielleicht war der Einbruch in Humphries' Haus auch nur ein Gag, sagte sie sich, eine willkommene Abwechslung von der langweiligen Paukerei, der sie und Mandy sich unterzogen. Außerdem würde es ihr Genugtuung verschaffen, wenn dieses selbstgefällige Grinsen einmal aus dem Gesicht des Stechers verschwand.

Also hatte sie sich gleich am nächsten Morgen, nachdem Walton ihn ihr gezeigt hatte, den Tarnanzug aus seinem Spind geborgt. Pancho war in der Nacht zuvor mit der quälenden Frage ins Bett gegangen, ob sie Ike wegen der Benutzung des Anzugs um Erlaubnis bitten solle oder nicht. Am Morgen war sie dann in der festen Überzeugung aufgewacht, dass es für sie beide am besten wäre, wenn Ike nichts davon wusste. Also hatte sie sich eine Einkaufstasche umgehängt und war in die Katakomben gegangen anstatt mit Mandy zur Arbeit. Von dort war sie in den staubigen, kaum benutzten Korridor abgebogen, wo Walton den Anzug verstaut hatte. Sie erinnerte sich an die Melodie des elektronischen Sicherheitscodes des Spinds und gab sie auf Anhieb richtig ein. Die Sicherheitsleute können nicht ständig jeden Bildschirm im Auge behalten, sagte sie sich. Und selbst wenn mich einer sieht, tue ich nichts, was den Alarm auslösen würde.

Pancho ging dann wieder in ihre Unterkunft zurück. Amanda arbeitete fleißig im Simulations-Labor, so dass Pancho das Apartment für sich allein hatte. Sie schlüpfte sofort in den Tarnanzug.

Nachdem sie ihn übergezogen hatte — und im Ganzkörper-Spiegel des Schlafzimmers sah, dass sie wirklich unsichtbar war —, ging sie aus, um den Anzug zu testen. Es klappte wunderbar. Pancho spazierte gemächlich und vorsichtig durch Selenes Korridore und schlängelte sich zwischen den Fußgängern hindurch. Hin und wieder schaute jemand in ihre Richtung, als ob die betreffende Person aus dem Augenwinkel etwas gesehen hätte. Ein Lichtreflex von den Oberlichtern, sagte Pancho sich, ein unvermeidliches Funkeln der vielen Nanokameras und Projektoren. Niemand sah sie aber wirklich; sie driftete wie ein Phantom durch die Menge.