»Fliegen liegt mir mehr als spionieren«, sagte sie.
Randolph schaute sie an. Er hat wirklich schöne Augen, sagte sie sich. Grau, aber nicht kalt. Tief. Mit goldenen Einsprengseln. Schöne Augen.
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt in Humphries' Dateien herumschnüffeln will«, sagte er.
»Nicht?«
»Ein Mann namens Stimson war vor etwa hundert Jahren Außenminister der USA«, sagte Randolph. »Als er herausfand, dass das Außenministerium routinemäßig die Post der ausländischen Botschaften in Washington abfing, unterband er diese Praktiken. ›Gentlemen lesen nicht anderer Leute Post‹, sagte er. Oder etwas in der Art.«
Pancho schnaubte. »Sie sind vielleicht ein Gentleman, aber Humphries ist bestimmt keiner.«
»Ich glaube, zur Hälfte haben Sie Recht.«
»Zu welcher Hälfte?«
Anstelle einer Antwort drückte Randolph eine Taste der Telefonanlage. Der große Australier kam fast sofort vom Vorzimmer durch die Tür.
»Ihr beiden kennt euch?«, fragte Randolph und sagte, ohne eine Erwiderung von den beiden abzuwarten: »George Ambrose, Pancho Lane.«
»Angenehm«, sagte Big George. Pancho erwiderte mit einem flüchtigen Lächeln.
»George, wen haben wir, der fähig wäre, einen kompletten Festplatten-Download durchzuführen, ohne dass der Besitzer der Festplatte etwas davon merkt?«
Big George warf einen Blick auf Pancho. »Du willst, dass das möglichst geräuschlos über die Bühne geht, stimmt's?«, fragte er dann.
»Stimmt genau.«
»Dann werde ich es selbst erledigen.«
»Du?«
»Mach nicht so ein Gesicht, als ob du Bauklötze staunen würdest«, sagte George. »Ich war Ingenieur, bevor ich bei dir eingestiegen bin.«
»Du warst ein Justizflüchtling, bevor du bei mir eingestiegen bist«, konterte Randolph.
»Ja, ja, aber ich meine doch vorher. Ich bin zum Mond geflogen, um auf der Oberfläche Zugmaschinen fernzusteuern. Ich habe einen Abschluss in Software-Architektur, meine Güte.«
»Das wusste ich nicht«, sagte Randolph.
»Und nun weißt du's. Was liegt also an?«
»Ich möchte, dass du mit Pancho zusammenarbeitest. Sie wird dir das Problem erläutern.«
George schaute zu ihr auf. »In Ordnung. Wann sollen wir anfangen?«
»Sofort«, sagte Randolph und wandte sich an Pancho: »Sie können George alles sagen, was Sie auch mir gesagt haben.«
»Sicher«, entgegnete Pancho. Vielleicht, sagte sie sich insgeheim.
Werk Nr. 4
»Das haut schon eher hin«, sagte Dan.
Er hörte Kris Cardenas' nervöses Lachen in den Helmlautsprechern.
Sie standen zu fünft auf dem Boden der Fabrik. Bekleidet waren sie mit weißen Raumanzügen, in denen sie wie ein Team von Astronauten oder eine Touristengruppe wirkten, die zu einem Ausflug auf die Mondoberfläche aufbrechen wollten. Vor ihnen standen auf dem Boden der sonst leeren Fabrik ein paar sphärische Brennstofftanks, die kleinere Kugel einer Fusionsreaktorkammer und der noch unfertige Kanal eines MHD-Generators. Diese Komponenten waren durch dicke Röhren verbunden und wurden von Kisten mit diversen Metallpulvern und Containern umgeben, die reinen Kohlenstaub enthielten. Dan, Cardenas und drei ihrer Nanotechniker standen in Raumanzüge gehüllt in einer Gruppe beisammen und verfolgten die Arbeitsergebnisse der emsigen Nanomaschinen.
Dan wusste, dass es draußen Tag war. Durch die offenen Seiten der Fabrik sah er, wie das gleißende Sonnenlicht auf die öde Mondlandschaft fiel. Doch im Innern der Fabrik, deren gewölbtes Dach das Licht der Sonne und der Erde ausblendete, wirkten die Komponenten des Fusionssystems dunkel und matt wie ein ungeschliffener Diamant, der sie in gewissem Sinn auch waren.
»Wir machen als Nächstes mit den Pumpen weiter«, sagte Cardenas, »sobald der MHD-Kanal fertig ist. Und dann kommen die Raketendüsen dran.«
Dan hörte eine Dissonanz in ihrer Stimme mitschwingen. Sie war nur sehr ungern draußen auf der Oberfläche. Trotz der vielen Jahre, die sie schon auf dem Mond lebte — oder vielleicht gerade deswegen — verursachte der Aufenthalt an der Oberfläche ihr Unbehagen.
Selenes Fabriken waren draußen auf der Oberfläche im Vakuum des Alls errichtet worden. Sie waren fast vollständig automatisiert oder wurden von Personal ferngesteuert, das in sicheren Kontrollzentren in der Tiefe des Mondes saß.
»Sind Sie in Ordnung, Kris?«, fragte er.
»Unten würde ich mich wohler fühlen«, sagte sie geradeheraus.
»In Ordnung, dann lassen Sie uns gehen. Es tut mir Leid, dass ich Sie hier heraufgeschleppt habe. Ich wollte mich nur selbst vom Fortschritt der Arbeiten überzeugen.«
»Schon gut«, sagte sie, machte kehrt und ging zielstrebig zum Luftschleusenschott und dem Fahrzeug, das sie zur Fabrik gebracht hatte.
»Ich weiß, dass das Vakuum hier draußen ideal ist für industrielle Fertigungsprozesse«, sagte sie, als wolle sie sich entschuldigen. »Aber ich gerate hier immer in Panik.«
»Selbst wenn Sie rundum sicher in einen Raumanzug eingepackt sind?«, fragte Dan, der neben ihr ging.
»Vielleicht ist es auch der Anzug«, sagte sie. »Vielleicht leide ich an Klaustrophobie.«
Kontaminierung war etwas, das Erdbewohner als gegeben hinnahmen. Für die Erdlinge, die auf einem Planeten lebten, der von Bakterien bis zu Walen von Leben nur so wimmelte, der aus menschlichen und natürlichen Quellen verschmutzt wurde und der von einer dicken Atmosphäre umhüllt war, die Sporen, Staub, Pollen, Smog, Feuchtigkeit und andere Stoffe überallhin transportierte, war Sauberkeit eine Frage der graduellen Abstufung. Deshalb trug Dan mit seinem durch die Strahlungsdosen, denen er im All ausgesetzt gewesen war, geschwächten Immunsystem Filterstöpsel und Mundschutz, wenn er auf der Erde war.
Im harten Vakuum der Mondoberfläche, das tausendmal besser war als das Vakuum im niedrigen Erdorbit, war die Umwelt frei von externen Verschmutzungsquellen, und die Schadstoffe in den meisten Materialien vermochte man praktisch kostenlos zu entsorgen. In Metallen eingeschlossene mikroskopische Gasbläschen lösten sich aus der Kristallstruktur der Metalle und verflüchtigten sich im Nichts. Deshalb standen Selenes Fabriken oben auf der Mondoberfläche, wo sie dem reinigenden Vakuum des Monds ausgesetzt waren.
»Wir müssen die ›Waschanlage‹ nicht noch mal durchlaufen«, sagte Dan und berührte den Arm von Cardenas' Raumanzug. »Wir können direkt zum Fahrzeug gehen.«
Er ging um die massive Luftschleuse herum. Dann sprang er vom Betonfundament, das den Fabrikboden darstellte, in der schwachen Mondgravitation wie in Zeitlupe drei Meter tief auf den Regolith. Die Stiefel wirbelten eine Staubwolke auf, die sich bis auf Kniehöhe ausdehnte.
Cardenas trat an die Kante der Betonschicht und sprang dann nach kurzem Zögern zu Dan herunter.
Wie alle Mond-Fabriken war auch diese auf einer dicken Betonplattform errichtet worden, um den Fabrikboden über den staubigen Boden zu erheben. Wegen der Windstille war die Gefahr minimal, dass Schadstoffe von außerhalb eingetragen wurden. Ein Wabenkern-Kuppeldach aus Mond-Aluminium schützte die Fabrik vorm steten Strom der Mikrometeoriten und der harten Strahlung von der Sonne und dem tiefen Weltraum.
Die größten ›Umweltverschmutzer‹ waren aber die Menschen, wenn sie die Fabriken betraten — selbst wenn sie Raumanzüge trugen. Bevor sie den Fabrikboden betreten durften, hatten Dan und die anderen die ›Waschanlage‹ durchlaufen müssen — eine spezielle Luftschleuse, die Spuren von Öl, Schweiß und anderen mikroskopischen Verunreinigungen beseitigte, die an der Außenseite der Raumanzüge hafteten.
Während die Zugmaschine langsam zur Haupt-Luftschleuse von Selene zurückfuhr, ließ Dan Revue passieren, was er kürzlich gesehen hatte. Vor seinen Augen wuchs der MHD-Kanaclass="underline" zwar nur langsam, wie er sich eingestand; aber dennoch wurde er sichtlich länger, während die virusgroßen Nanomaschinen Kohlenstoff- und andere Atome aus den Vorratsbehältern holten und sie wie Kinder zusammenfügten, die eine Stadt aus Legosteinen bauten.