»Wie lange noch?«, fragte er ins eingebaute Helmmikrofon.
Die neben ihm sitzende Cardenas verstand die Frage. »Drei Wochen, wenn es programmgemäß weitergeht.«
»Drei Wochen?«, entfuhr es Dan. »Sieht aber so aus, als ob sie jetzt schon fast fertig wären.«
»Sie müssen noch den MHD-Kanal fertigstellen, und das ist eine ziemlich diffizile Arbeit. Elektroden für eine hohe Stromdichte, supraleitende Magnete und dergleichen. Dann kommen die Pumpen, die man auch nicht auf die Schnelle zu bauen vermag, und zum Schluss die Raketendüsen, die nicht minder komplex sind: Mikroröhren aus Buckminster-Fullerenen, die flüssigen Wasserstoff führen — nur ein paar Zentimeter von einem zehntausend Grad heißen Plasmastrom entfernt. Und dann wären da noch…«
»In Ordnung, in Ordnung«, sagte Dan und hob die behandschuhten Hände. »Drei Wochen.«
»So lautet der Zeitplan.«
Dan kannte den Zeitplan auch. Trotzdem hatte er sich eine bessere Nachricht von Cardenas erhofft. In den letzten sechs Wochen hatten seine Anwälte die Einzelheiten des Starpower-Kooperationsvertrags ausgearbeitet. Humphries' Anwälte hatten sich förmlich in jedes Detail verbissen, während der Part von Selenes Vertretern in den Verhandlungen nur darin bestanden hatte, die Vereinbarung einer flüchtigen Prüfung zu unterziehen. Dieses Arrangement war maßgeblich durch Doug Stavengers Einflussnahme zustande gekommen.
Das war also der Stand der Dinge. Dan hatte die Mittel, um die Fusionsrakete Wirklichkeit werden zu lassen, und er übte immer noch die Kontrolle über Astro Manufacturing aus. Astro befand sich finanziell in schwierigem Fahrwasser, aber Dan glaubte, dass die Gesellschaft sich so lange über Wasser halten würde, bis das Fusionssystem endlich Gewinn abwarf.
Trotzdem trieb er Cardenas ständig zur Eile. Es würde äußerst knapp werden: Astro hatte bereits mit dem Bau des letzten Solarenergie-Satelliten begonnen. Wenn der fertig ist, sagte Dan sich, dann gehen wir den Bach runter. Es sind nämlich keine neuen raumfahrttechnischen Aufträge in Sicht.
»Fährt die Karre denn nicht schneller?«, fragte Cardenas gereizt.
»Ich geb doch schon Vollgas, Ma'am«, sagte der Techniker am Steuer ungerührt.
»Haben Sie die Morgennachrichten von der Erde gesehen?«, fragte Dan sie, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
»Die Hungeraufstände in Delhi? Ja, die habe ich gesehen.«
»Sie verhungern, Kris. Wenn der Monsun dieses Jahr wieder ausbleibt, wird in der ganzen Region eine unvorstellbare Hungersnot ausbrechen.«
»Wir können aber nichts daran ändern«, sagte Cardenas.
»Noch nicht«, murmelte Dan.
»Sie haben sich selbst in diese Lage gebracht«, sagte sie kalt. »Haben sich hirnlos vermehrt wie die Karnickel.«
Sie ist ganz schön verbittert, sagte Dan sich. Vielleicht würde es ihr besser gehen, wenn ihr Mann und die Kinder sich entschieden hätten, bei ihr auf dem Mond zu bleiben. So hat sie auch allen Grund, verbittert zu sein, sagte er sich mit einem Seufzer.
Big George wartete in Dans Privatbüro auf ihn. Er saß auf dem Sofa und hatte einen Stapel Ausdrucke auf dem Kaffeetisch platziert.
»Was soll das darstellen?«, fragte Dan und setzte sich in den Sessel am anderen Ende des Kaffeetischs. Wo George auf der Couch saß, hätte kaum noch jemand anders im Raum Platz gefunden.
»Der Krempel stellt Auszüge von Humphries' Dateien dar«, sagte George, wobei er das rotbärtige Gesicht in sorgenvolle Falten legte. »Er will dir an die Eier, weißte.«
»Ich weiß.«
George tippte mit einem dicken Finger auf den Papierstapel und sagte: »Er kauft alle Astro-Aktien auf, die er nur kriegt. Im Stillen. Er macht keine Übernahmeangebote und hängt die Sache auch nicht an die große Glocke. Aber er weist seine Broker an, zu jedem Preis zu kaufen.«
»Großartig«, grunzte Dan. »Vielleicht steigt der verdammte Kurs dadurch ein wenig.«
George grinste. »Das wäre gut. Er hat sich schließlich lang genug im freien Fall befunden.«
»Du denkst doch nicht etwa daran, zu verkaufen, oder?«
»Die paar Aktien, die ich halte?«, erwiderte George mit einem Lachen. »Würde eh keinen großen Unterschied machen, ob sie nun steigen oder fallen.«
Dan war nicht amüsiert. »Falls du irgendwann verkaufen willst, kommst du zuerst zu mir, verstanden? Ich werde zum Marktpreis kaufen.«
»Humphries kauft aber zwei Punkte über dem Marktpreis.«
»Ach ja?«
»In manchen Fällen, wo es sich um große Aktienpakete handelt.«
»Dieser Hurensohn«, sagte Dan, wobei er jede Silbe einzeln betonte. »Er weiß, dass ich nicht das Geld habe, um die Kleinaktionäre auszukaufen.«
»Ganz so schlimm ist es nicht«, sagte George. »Ich habe eine Berechnung angestellt. Bei der Geschwindigkeit, mit der er Astro-Aktien erwirbt, wird er zwei Jahre brauchen, um eine Mehrheitsposition aufzubauen.«
Dan schaute in die Luft und dachte nach. »Zwei Jahre. Bis dahin ziehen wir vielleicht schon Profit aus dem Asteroiden-Gürtel. Müssten wir zumindest, wenn alles klappt.«
»Und wenn es nicht klappt?«
Dan zuckte die Achseln. »Dann wird Humphries die Kontrolle über Astro übernehmen und mich rausschmeißen.«
»Vorher reiß ich ihm aber noch den Kopf ab«, knurrte George.
»Das ist zwar gut gemeint, Kumpel, aber dann müssten wir uns mit seinen Anwälten rumärgern.«
George verdrehte die Augen zum Himmel.
Grand Plaza
Das wird mir langsam zu dumm, sagte sich Pancho. Humphries misstraut Telefonen und der elektronischen Kommunikation überhaupt — wegen der Abhörgefahr, wie er sagt. Deshalb müssen wir uns persönlich treffen, aber an Orten, wo uns niemand erkennt. Und ihm gehen die Treffpunkte aus.
Er lud Pancho nicht mehr in sein Haus auf der untersten Ebene ein. Er wollte angeblich vermeiden, dass jemand sie dort unten sah, wo sie nichts verloren hatte. Pancho wusste aber, dass er keine Einladung mehr ausgesprochen hatte, seit sie ihm Mandy vorgestellt hatte. Also schied sein Haus als Treffpunkt aus.
Ausflüge zu unternehmen, bringt es auf Dauer aber auch nicht, sagte sie sich. Zumal früher oder später ein Tourist merken wird, dass der erhabene und mächtige Martin Humphries sich mit ihm im selben Bus befindet. Und wie oft kann ein Astro-Mitarbeiter sich den Nachmittag freinehmen, um auf der Oberfläche eine Busreise zu unternehmen? Das ist doch Quatsch.
Also spazierte sie allein auf einem der gepflasterten Wege entlang, die sich durch die Grand Plaza schlängelten. Sie war mit Gras, blühenden Sträuchern und sogar ein paar Bäumen bewachsen. Die Plaza hatte zwar keine so üppige Vegetation wie Humphries' Grotte, war aber auch ein schöner Ort der Entspannung mit viel Grün und einer lichten Weite.
Für eine Stadt, die nur etwa dreitausend ständige Bewohner hat, ist hier ganz schön viel los, sagte sich Pancho. Die Wege waren nicht gerade überfüllt, aber es waren doch viele Leute unterwegs. Pancho vermochte die Bürger von Selene leicht von den vereinzelten Touristen zu unterscheiden: Die Einheimischen waren mit Overalls oder Trainingsanzügen bekleidet und schlurften in der niedrigen Gravitation lässig einher. Die paar Touristen, die sie ausmachte, trugen Hawaii-Hemden und Bermuda-Shorts und stolperten trotz der bleibeschwerten Stiefel umher. Ein paar Frauen hatten sich in den Läden an der Plaza teure Kleider gekauft und führten sie stolz vor, während sie mit vorsichtigen Trippelschritten die gewundenen Wege entlang flanierten.
Die Seleniten grüßten sich lächelnd im Vorbeigehen, während die Touristen eher einen reservierten und unsicheren Eindruck machten. Komisch, sagte sich Pancho. Wer genug Geld und Muße hatte, um hier Urlaub zu machen, hätte eigentlich entspannter wirken müssen.