»Sie sind für den Flug zum Asteroidengürtel bereit?«, fragte ›Mama-San‹.
»Sobald wir von der IAA die erforderliche Zulassung für den bemannten Flug erhalten haben.«
Am anderen Ende des Tisches meldete Humphries sich zu Wort. »Wir müssten die IAA-Genehmigung in zwei bis drei Wochen haben, falls es keine unvorhergesehenen Komplikationen gibt.«
»Komplikationen?«
»Ein Unfall«, sagte Humphries leichthin. »Ein technisches Versagen oder etwas in der Art.«
Oder ein korrupter IAA-Inspektor, sagte Dan sich. Zwar war das die Ausnahme, aber es kam dennoch vor.
»Wie teuer wird diese Mission zu den Asteroiden uns zu stehen kommen?«, fragte der verbindliche, propere Schweizer Herr, den Dan als ›Der Bankier‹ bezeichnete.
»Die Mission wird voll von der Starpower GmbH finanziert«, erwiderte Dan.
»Astro besitzt ein Drittel von Starpower«, legte Humphries dar.
»Und Sie besitzen den Rest?«, fragte ›Der Bankier‹.
»Nein, Humphries Space Systems hält ein Drittel, und das letzte Drittel befindet sich im Besitz von Selene.«
»Wie kann eine Stadt einen Teil eines Unternehmens besitzen?«
»Der vor Ihnen liegende Bericht enthält alle Details«, sagte Dan und tippte mit dem Griffel auf den in den Tisch integrierten Computermonitor.
»Ja, aber…«
»Ich werde es Ihnen nach der Besprechung erläutern«, erbot Humphries sich.
›Der Bankier‹ nickte, wirkte aber noch immer unzufrieden.
»Der Punkt ist«, führte Dan aus, »dass, wenn dieser Flug zum Asteroidengürtel erst einmal erfolgt ist, Astros Aktien wieder steigen werden. Wir werden dann den ersten Schritt in der Erschließung einer gewaltigen Ressourcenbasis getan haben, die den gesamten irdischen Bergbau in den Schatten stellt.«
»Für mich sieht es eher so aus, als ob die Starpower-Aktien steigen würden«, wandte der ›Weihnachtsmann‹ ein.
»Die von Astro aber auch«, sagte Dan. »Weil wir den Vorsprung beim Bau der Fusionstriebwerke haben.«
»Und die Aktien von Humphries Space Systems nicht?« Alle Blicke richteten sich auf Humphries.
Der lächelte verhalten und wissend zugleich. »Nein, das ist Astros Produkt. Mein Unternehmen steuert nur das Kapital bei und ermöglicht die Finanzierung.«
Humphries wirkte auf Dan in diesem Moment wie eine Katze, die einen hilflosen Kanarienvogel beäugt.
Selene
»Hier haben Sie es schwarz auf weiß«, sagte Dan zum IAA-Inspektor. »Das System arbeitet gemäß der konstruktiven Vorgaben.«
Sie saßen im einzigen Konferenzraum der Starpower GmbH, einem engen Zimmer mit einem ovalen Tisch, an dem nicht einmal fünf Leute Platz zu finden schienen. Die Bildschirme an allen vier Smartwalls zeigten Daten von den Testflügen des Fusionsantriebs. Das erste halbe Dutzend Flüge war vom Untergrund-Kontrollzentrum des Raumhafens Armstrong ferngesteuert worden. Die zweite Tranche von sechs Flügen war von Pancho und Amanda absolviert worden.
»Wir haben Beschleunigung, Schub, spezifischen Impuls, Steuerbarkeit, Abschaltung und Neustart demonstriert… jede Facette des vollen Testprogramms«, sagte Dan und wies auf die Bildschirme.
Der Inspektor nickte bedächtig. Er war ein junger Mann mit einem nordisch blassen Teint und fahlen Augen. Bekleidet war er mit einem schlichten grauen Pullover und einer schwarzen Hose. Das Haar war eine schmutzig-blonde Mähne, die ihm fast bis auf die Schultern fiel. Im Kontrast zum konservativen Outfit standen jedoch ein paar silberne Ohrringe, silberne Fingerringe, ein silbernes Armband am rechten Handgelenk und eine silberne Halskette. Der Anhänger der Kette war unter dem Pullover verborgen.
Pancho und Amanda flankierten Dan, und Humphries saß an der anderen Seite des ovalen Tischs neben dem Inspektor. Für eine Weile herrschte Stille im Konferenzraum. Dan hörte das Hintergrund-Summen der elektrischen Ausrüstung und das leise Surren der Lüfter.
»Nun, was sagen Sie dazu, Mr. Greenleaf?«, fragte Dan schließlich.
»Doktor Greenleaf, wenn ich bitten darf«, erwiderte der IAA-Inspektor. »Ich bin Doktor der Soziologie.«
Dan runzelte die Stirn. Weshalb schickte die IAA einen Soziologen, um ein neues Raumschiff-Antriebssystem auszuprüfen? Und wieso gerade diesen kleinen Soziologen-Klugscheißer?
Greenleaf legte die Hände aufeinander. »Sie werden sich fragen, weshalb ein Soziologe Ihre Testdaten evaluiert?«
»Nun ja… das frage ich mich schon«, sagte Dan mit einem ausgesprochen unbehaglichen Gefühl.
»Ich kann Ihnen versichern, Mr. Randolph…«
»Dan.«
»Ich kann Ihnen versichern, Mr. Randolph, dass Ihre Daten von den besten Ingenieuren und Physikern untersucht wurden, über die das IAA verfügt«, sagte Greenleaf. »Wir nehmen Ihren Antrag durchaus ernst.«
»Diesbezüglich wollte ich auch gar nichts unterstellen«, sagte Dan. Der Kerl will mir eines reinwürgen, sagte er sich.
Greenleafs Blick wanderte von Dan zum Wandbildschirm. »Wie ich sehe, hat Ihr Triebwerk die Konstruktionskriterien zuverlässig erfüllt.«
»Gut«, sagte Dan erleichtert.
»Mit einer Ausnahme«, fuhr Greenleaf fort.
»Wie? Was meinen Sie?«
»Die Langzeit-Zuverlässigkeit«, sagte Greenleaf. »Der längste Flug in Ihrem Testprogramm dauerte gerade einmal zwei Wochen, und noch dazu im Unterlastbereich.«
»Ich würde eine konstante Beschleunigung von einem Zehntel G nicht unbedingt dem Unterlastbereich zuordnen«, sagte Dan unwirsch. »Zumal die IAA sehr zufrieden mit den Daten schien, die wir auf diesem Probeflug gewonnen hatten.«
Pancho und Amanda waren mit dem Testraumschiff auf einer parabolischen Trajektorie geflogen, die sie um den Planeten Venus herumführte. Das Schiff war mit einem kompletten Instrumentensatz bestückt, um Beobachtungen des Planeten durchzuführen, während es in knapp tausend Kilometern Höhe über die glühenden Wolken der Venus dahinflog. Eine Gruppe planetarer Astronomen von der IAA hatte die Ausrüstung bereitgestellt und den Flug beobachtet. Die Leute waren schier verzückt und dankbar für die Daten, die sie auf dem Flug gewannen — und ohne dass es sie etwas gekostet hätte.
»Zwei Wochen sind für einen hinreichenden Langzeittest zu kurz«, konstatierte Greenleaf.
»Um zum Gürtel zu fliegen, ist das aber lang genug«, sagte Pancho schroff.
»Mit Höchstleistung.«
»Womit denn sonst?«
»Ich bin außerstande, einen bemannten Flug zum Asteroiden-Gürtel zu genehmigen, solange Sie nicht gezeigt haben, dass Ihr Antriebssystem für den Zeitraum, der zur Durchführung der Mission veranschlagt wurde, unter Volllast zuverlässig funktioniert.«
Dan spürte heißen Zorn in sich aufwallen. Pancho schaute, als ob sie den Kerl am liebsten über den Tisch ziehen und vermöbeln wollte. Und dann stellte er fest, dass Amanda nicht etwa Greenleaf anschaute, sondern Humphries. Der saß ruhig auf dem Stuhl, machte ein Pokerface und hatte die Hände im Schoß gefaltet.
»Schon Ihr letzter Flug stellte einen Verstoß gegen die Bestimmungen der IAA dar«, sagte Greenleaf, als ob er sich rechtfertigen wolle.
»Wir haben den Flugplan bei der IAA eingereicht«, sagte Dan hitzig.
»Aber Sie haben nicht auf die Genehmigung gewartet, nicht wahr?«
»Es war ein Testflug, verdammt!«
Greenleaf bekam einen hochroten Kopf. Und schließlich wurde Dan sich bewusst, wie der Hase lief. Bei der Heiligen Nutte von Puff City, sagte er sich, er ist ein Bi-gottischer der Neuen Moralität. Die IAA haben sie auch schon infiltriert.