»Ich werde mich nicht mit Ihnen streiten«, sagte Greenleaf leidenschaftslos. »Es wird Ihnen hiermit aufgegeben, Ihren Prototyp vier Wochen unter Volllast zu fliegen, bevor Sie die Zulassung für einen bemannten Raumflug zum Asteroiden-Gürtel bekommen.«
Er schob den Stuhl zurück und erhob sich, wobei er trotz der beschwerten Schuhe, die er trug, in der schwachen Mond-Gravitation taumelte.
»Vier Wochen!«, entfuhr es Dan. »In vier Wochen könnten wir mit Vollgas zum Gürtel und zurück fliegen.«
»Dann tun Sie das«, sagte Greenleaf selbstgefällig. »Aber tun Sie es per Fernsteuerung. Ohne Besatzung.«
Er ging zur Tür. Dan blieb zornig am Tisch sitzen. Er fühlte sich verraten und verkauft.
»Ich gehe ihm lieber nach«, sagte Humphries und erhob sich vom Stuhl. »Wir wollen ihn doch nicht verärgern.«
»Wieso denn nicht, zum Teufel?«, knurrte Dan.
Humphries verließ den Konferenzraum. Dan sackte auf dem Stuhl zusammen. »Eine unbemannte Mission zum Gürtel hat doch gar keinen Wert«, murmelte er. »Es wäre nur eine Übung, die uns vier Wochen Zeit kostet und fast genauso teuer ist wie eine bemannte Mission.«
»Vier Wochen sind doch gar nicht so schlimm«, sagte Pancho. »Oder?«
»Damit rückt der Konkurs vier Wochen näher, Mädchen. Und die Übernahme meiner Firma durch den Stecher.«
»Das ist eigentlich meine Schuld«, sagte Amanda mit einem zaghaften Stimmchen.
Dan schaute sie an.
»Martin…« Sie hielt inne und sagte dann: »Martin will nicht, dass ich an der Mission teilnehme. Ich bin sicher, dass er Dr. Greenleaf beeinflusst hat.«
»Er will nicht, dass Sie mitfliegen?«, fragte Dan.
»Er ist spitz auf Mandy«, erläuterte Pancho.
Dan musste diese Mitteilung erst einmal verdauen. »Und wie stehen Sie zu ihm, Amanda?«, fragte er dann.
»Gefangen«, sagte sie wie aus der Pistole geschossen. »Ich habe das Gefühl, dass ich an keinem Ort der Welt — und auf dem Mond — sicher vor ihm bin. Ich fühle mich wie ein Tier in der Falle.«
Dan verließ die beiden Frauen und ging in sein Büro. Als er sich auf den Schreibtischstuhl setzte, wies er das Telefon an, ihn mit seiner Justitiarin zu verbinden, der Frau, die Astros Rechtsabteilung leitete.
Das telefonische Computersystem machte sie in einem Skigebiet in Nepal ausfindig. Sie musste sich das Armband-Telefon direkt vors Gesicht halten, sagte Dan sich. Er sah den Ausschnitt eines strahlend blauen Himmels hinter ihr. Sie trug einen Skianzug, hatte sich eine Sonnenbrille in die Stirn geschoben und war über den Anruf ihres Chefs überhaupt nicht erfreut.
»Was, in drei Teufels Namen, machen Sie denn in Nepal?«, fragte Dan gereizt. Dann setzte er sich wutschnaubend hin, denn es dauerte ein paar Sekunden, bis seine Nachricht die Frau erreichte und ihre Antwort bei ihm eintraf.
»Ich will ein bisschen Ski fahren, so lange überhaupt noch Schnee liegt«, sagte sie gleichermaßen gereizt.
»Skifahren?«
»Ich brauche auch hin und wieder etwas Urlaub«, sagte sie nach der obligatorischen Pause. »Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich zuletzt welchen genommen hatte.«
Mit knirschenden Zähnen teilte Dan ihr die Entscheidung des IAA-Inspektors mit.
»Sie könnten Widerspruch einlegen«, sagte sie, nachdem sie die Situation erfasst hatte, »aber das würde länger dauern als der unbemannte Testflug, den Sie nach seiner Maßgabe durchführen sollen.«
»Wäre es nicht möglich, eine erneute Anhörung mit einem anderen Inspektor zu beantragen?«, fragte Dan. »Dieser Typ ist ein Neue Moralität-Fanatiker und ein eingefleischter Gegner der Erforschung des Weltraums.«
Das Gesicht der Justitiarin verhärtete sich, als sie Dans Ausführungen vernahm. »Mr. Randolph«, sagte sie, »ich bin selbst auch ein Anhänger der Neuen Moralität, aber ich bin weder ein Fanatiker noch bin ich gegen die Erforschung des Weltraums.«
»Schon gut, schon gut«, sagte Dan und wähnte sich von Feinden umzingelt. »Dann habe ich eben etwas übertrieben.«
Sie sagte nichts.
»Wäre es möglich, einen Asteroiden mit einem unbemannten Raumfahrzeug zu beanspruchen?«
»Niemand ist berechtigt, rechtliche Ansprüche auf einen Himmelskörper zu erheben«, erwiderte sie. Damit hatte Dan auch schon gerechnet. »Nicht auf Planeten, Monde, Kometen und Asteroiden — auf überhaupt keinen Himmelskörper. Das ist internationales Recht seit dem Weltraumvertrag von 1967 mit allen Zusätzen und Protokollen.«
Wieso brauchen Anwälte immer zwei Dutzend Worte, wenn auch eins genügen würde, fragte Dan sich.
»Personen sind ausschließlich zum Zweck der Errichtung eines menschlichen Habitats oder der Gewinnung natürlicher Ressourcen zur teilweisen oder vollständigen Nutzung eines Himmelskörpers berechtigt. In diesem Fall gelten Firmen als Personen.«
»Dann könnte die Astro Corporation also Anspruch auf die Nutzung eines Asteroiden erheben, der von einem unbemannten Raumschiff angeflogen wird?«
»Nein«, antwortete sie fast drei Sekunden später. »Ein solcher Anspruch kann nur von Menschen auf dem Schauplatz der Beanspruchung selbst erhoben werden.«
»Aber das verdammte Raumschiff wäre doch von Selene aus unter menschlicher Kontrolle — wenn auch ferngesteuert.«
Erneut die zeitverzögerte Antwort: »Nein, Dan. Das ist nicht zulässig. Sonst könnte schließlich jedes Unternehmen Minisonden im ganzen Sonnensystem ausschwärmen lassen und sich alles aneignen, was in Sicht kommt! Das wäre in etwa damit zu vergleichen, als man um die Jahrhundertwende DNA-Segmente und lebende Organismen patentieren lassen wollte.«
»Dann würde uns ein unbemannter Testflug also gar nichts bringen«, sagte er.
»Das ist eine Entscheidung, die Sie treffen müssen, Dan«, sagte die Juristin, nachdem sie seine Frage vernommen hatte. »Ich bin nur die Justitiarin; Sie sind der Vorsitzende des Vorstands.«
»Vielen Dank«, murmelte Dan.
Martin Humphries hatte sich dann doch nicht die Mühe gemacht, dem IAA-Inspektor nachzulaufen. Wieso auch? Der junge Bürokrat hatte schließlich genau in Humphries' Sinn gehandelt. Er fuhr mit der Rolltreppe zu seinem Heim tief unter der Mondoberfläche zurück, wobei er seine Genugtuung kaum zu verbergen vermochte.
Es läuft alles wie geschmiert, beglückwünschte er sich, als er durch den Korridor zur Kaverne ging. Die Verzögerung ist gerade lang genug, um Randolph das Genick zu brechen. Astros Aktien gehen in den Keller, und die anderen Großaktionäre werden nur zu gern verkaufen, wenn sie hören, dass die Asteroiden-Mission wegen weiterer Tests verschoben werden muss. Wenn die Mission endlich startet, werde ich Astro besitzen, und Dan Randolph kriegt einen Tritt in den Arsch.
Und noch besser, sagte er sich — wenn ich erst einmal das Sagen habe, werde ich dafür sorgen, dass Amanda hier auf dem Boden bleibt. Bei mir.
Mondorbit
»Nun macht es schon etwas mehr her, oder?«, fragte Dan, als der Raumgleiter auf das fusionsgetriebene Raumschiff zuflog.
Pancho bekundete mit einem Kopfnicken ihre Zustimmung. Beim Schiff dominierte zwar noch immer die Zweckmäßigkeit über die Ästhetik, doch lenkten nun sechs große, glänzende sphärische Brennstofftanks vom unverkleideten Antriebssystem ab. Große weiße Lettern, die ans zylindrische Crewmodul schabloniert waren, wiesen das Schiff als die Starpower I aus, und die Logos der Astro Manufacturing Corporation, von Humphries Space Systems und Selene prangten an einem der Brennstofftanks.
Der Raumgleiter war kaum mehr als eine gewöhnliche Mond-Fähre mit Zusatztanks und einem stärkeren Triebwerk, um von der Mondoberfläche in den Mondorbit aufzusteigen und zum Mond zurückzukehren. Dan und Pancho waren mit beigefarbenen Astro-Overalls bekleidet und befanden sich im bauchigen Besatzungsmodul aus Glasstahl. Sie hatten die gestiefelten Füße in Bodenschlaufen verankert, weil für diesen kurzen Flug in der Schwerelosigkeit keine Sitze erforderlich waren. An der Vorderseite des Moduls wuchs eine Instrumentenkonsole aus dem Boden, deren Bedienelemente jedoch nicht gebraucht wurden, weil das Schiff von den Flug-Controllern in Armstrong ferngesteuert wurde. Trotzdem war Dan froh, Pancho als qualifizierte Pilotin dabeizuhaben. Man weiß schließlich nie, sagte er sich.