»Auf einer Passagierliste?«
»Yessir. Sie und drei weitere Personen fliegen in den Orbit zum Raumschiff Starpower.«
»Jetzt gleich? Heute noch?«
»Der Flug ist für acht Uhr geplant, Sir.«
In vier Stunden, sagte Humphries sich. »Und diese Passagierliste ist gerade eben in den Flugplan eingestellt worden?«
»Etwa vor einer Stunde, Sir.«
»Wieso wollen sie gerade zur Starpower I?«, fragte Humphries sich laut.
»Dieses Schiff wird um neun Uhr zu einem Testflug starten, Sir.«
»Das weiß ich«, knurrte Humphries. »Es ist ein unbemannter Langzeitflug.«
»Vielleicht wollen sie das Schiff in letzter Minute ausprüfen, bevor das Schiff den Orbit verlässt.«
»Sie wird von drei Personen begleitet, sagen Sie? Um wen handelt es sich?«
Der Sicherheitschef las die Namen vor. »P. Lane, Pilot; L. Fuchs, Missions-Wissenschaftler. Und C. N. Barnard, Bordarzt.«
»Ich kenne Lane«, sagte Humphries. »Wer sind die anderen zwei?«
»Fuchs ist ein Hochschulabsolvent vom Polytechnischen Institut Zürich. Er ist erst vor ein paar Tagen in Selene eingetroffen. Barnard ist anscheinend eine Art Mediziner.«
»Anscheinend?«
»Er ist ein Astro-Mitarbeiter«, sagte der Sicherheitschef mit gequälter Miene. »Wir haben keine Hintergrunddaten über Barnard, Sir. Auch kein Ausweisfoto. Alles, was wir Astros Daten zu entnehmen vermochten, waren Name und Position sowie die Fingerabdrücke und ein Netzhaut-Scan.«
»Dan Randolph«, knurrte Humphries. »Das ist ein Alias für Randolph.«
»Sir?«
»Gleichen Sie diese Fingerabdrücke und Netzhaut-Scans mit Dan Randolphs Datei ab.«
»Yessir.«
»Und schicken Sie zwei Männer zu Amanda Cunninghams Unterkunft. Die sollen sie dann zu mir bringen.«
»Wird sofort erledigt, Sir.«
Der Wandbildschirm wurde für einen Moment schwarz, und dann erschien wieder das Picasso-Bild. Humphries beachtete es nicht. Er sprang aus dem Bett und knurrte laut: »Dieser abgefuckte Randolph glaubt, er könne zum Gürtel abzischen und Amanda mitnehmen. Da hat er sich aber geschnitten!«
Dan war schon auf und hatte sich eine weiße Fliegerkombi angezogen — die Art von Overall, wie die Angehörigen des medizinischen Personals von Selene ihn trugen. ›C. N. Barnard‹ war eine der falschen Identitäten, die er in Astros Personaldateien gespeichert hatte. Das war eine bewährte Praxis aus den Tagen, als er noch seine ganze Kraft in den Aufbau des Unternehmens gesteckt hatte. Außerdem hatte er noch immer unter verschiedenen Decknamen ein paar Bankkonten mit moderatem Guthaben auf der Erde verstreut; nur für den Fall, dass er einmal für eine Weile untertauchen musste.
Er grinste, als er zum Tunnel aufbrach, der zum Raumhafen führte. Also werde ich für eine Weile verschwinden und mich aus dem Erde-Mond-System in den Asteroidengürtel verziehen. Die IAA wird im Dreieck springen, wenn sie herausfindet, dass wir an Bord der Starpower I sind. Und Humphries wird einen Rappel kriegen.
Astros Aktien müssten in die Höhe schießen, wenn wir die Schürfrechte an ein paar schönen, ergiebigen Asteroiden anmelden. Sollen die Anwälte sich mit den Details befassen, aber hochwertiges Erz im Wert von ein paar Milliarden Dollar wird die Warenterminbörsen in Tollhäuser verwandeln. Und öffentlichkeitswirksam ist es obendrein.
Das Grinsen verging ihm aber, als er den Tunneleingang erreichte. Ein Elektrowagen stand für den Transport zum Raumhafen bereit, aber es waren weder Pancho noch Amanda zu sehen. Bei allen Teufeln der Hölle, wütete Dan. Wir waren um Punkt Fünf hier verabredet. Weiber!
»Komm schon, Mandy«, drängte Pancho. »Dan wartet vielleicht schon auf uns.«
»Noch eine Minute«, sagte Amanda aus dem Bad. »Ich muss nur noch…«
Jemand klopfte heftig an die Tür.
»Verdammt!«, sagte Pancho.
Amanda kam aus dem Bad. »Ich bin fertig, Pancho. Tut mir Leid, dass du warten musstest.«
Pancho öffnete die Tür. Anstelle von Dan Randolph standen zwei Fremde draußen im Gang. Es handelte sich um Männer in identischen dunkelgrauen Geschäftsanzügen. Der eine hatte langes blondes Haar und einen schönen Vollbart, der andere war ein größerer Dunkelhaariger mit einem militärischen Bürstenhaarschnitt. Beide waren breitschultrig und verzogen keine Miene. Pancho hielt sie für Polizisten.
Scheiße!, sagte Pancho sich. Sie wissen, dass ich in den Flugplan gehackt habe.
Doch der Blonde sagte: »Amanda Cunningham? Bitte kommen Sie mit uns.«
Pancho wies mit dem Daumen über die Schulter. »Das ist sie. Und sie wird mit Ihnen nirgendwo hingehen. Wir kommen eh schon zu spät zur Arbeit.«
Sie drängten sich an Pancho vorbei und betraten den Raum. »Sie werden mit uns kommen müssen, Ms. Cunningham«, sagte der Blonde.
»Und wieso? Auf wessen Anordnung?«
»Mr. Humphries will Sie sprechen«, sagte der Stoppelkopf. Sein Partner schaute ihn mit gerunzelter Stirn an.
»Nun warten Sie mal…«, sagte Pancho.
»Mischen Sie sich nicht ein«, sagte der Blonde scharf. »Unser Befehl lautet, Ms. Cunningham in Mr. Humphries' Residenz zu bringen. Den werden wir auch ausführen.«
»Ruf den Sicherheitsdienst, Mandy«, sagte Pancho. »Diese Typen arbeiten für Humphries.«
Amanda wollte ums Bett zum Telefon gehen, das auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten stand, aber der Blonde stellte sich ihr in den Weg.
»Wir wollen keine Gewalt anwenden«, sagte er zu Amanda, »aber wir haben einen Auftrag auszuführen und werden ihn auch ausführen.«
Sie starrte die beiden mit großen Augen und einer Mischung aus Verwirrung und Entsetzen an.
Der Blonde machte noch einen Schritt auf Amanda zu. »Komm schon mit, Süße. Wir wollen niemandem wehtun.«
Mandy wich stolpernd vor ihm zurück. Pancho sah, das beide Männer sich auf Amanda konzentrierten. Sie bückte sich und wickelte Elly vom Knöchel ab.
»Guck mal, du Pappnase«, sagte Pancho und schleuderte die metallic-blaue Schlange gegen den Blonden.
Er drehte sich um und sah den Krait in Mond-Zeitlupe auf sein Gesicht zufliegen. Instinktiv hob er den Arm, um sie abzuwehren.
»Was, zum Teufel…!«
Elly prallte vom Arm des Manns ab und fiel auf den Boden. Dann richtete sie sich auf und zischte zornig.
»Mein Gott, was ist denn das?«
Der mit dem Bürstenhaarschnitt wollte etwas unterm Jacket hervorziehen. Pancho versetzte ihm einen Handkantenschlag in den Nacken, und er ging zu Boden. Elly kroch auf ihn zu. Der Blonde starrte schreckensstarr auf die Schlange.
Pancho bedeutete Amanda, zu ihr zu kommen. Sie ging an dem Blonden, dem fast die Augen aus dem Kopf fielen, vorbei und stellte sich neben Pancho.
Der Typ auf dem Boden stützte sich auf einen Ellbogen und sah die Schlange kaum zehn Zentimeter vorm Gesicht. Sie fixierte ihn mit ihren Knopfaugen.
»Arrrggh«, stöhnte er.
Der Blonde zog eine kleine Pistole aus dem Schulterholster unterm Jacket. Pancho sah, dass seine Hand heftig zitterte.
»Auf Lärm reagiert sie allergisch«, sagte sie. »Sei still und beweg dich nicht.«
Der Blonde schaute sie an und richtete den Blick wieder auf die Schlange. Der Stoppelkopf schwitzte im Angesicht von Elly, die eifrig züngelte.
»T… tun Sie etwas«, flüsterte er heiser.
»Du wirfst die Knarre besser aufs Bett«, sagte Pancho zum Blonden. »Wenn du schießt und sie verfehlst, wird sie ihn mit Sicherheit beißen.«
Pancho bückte sich langsam und vorsichtig über Elly. Doch dann verlor der Stoppelkopf die Nerven. Er hieb nach der Schlange und versuchte aufzustehen. Elly schlug ihm die Giftzähne in die Hand.
Er schrie auf, dann sackte er bewusstlos zu Boden. Pancho bückte sich und hob Elly auf, wobei sie den Krait so fasste, dass er sich nicht zu drehen und sie auch noch zu beißen vermochte.