Dan strich sich nachdenklich übers Kinn. »Wäre gar keine schlechte Idee. Wenn wir ein Interview geben, dann müssten wir es aber tun, bevor wir so weit entfernt sind, dass durch die Zeitverzögerung ein Echtzeit-Gespräch unmöglich wird.«
»Dann sollten wir es sofort tun«, sagte Pancho. »Wenn wir den Vogel erst einmal auf ein Drittel G gebracht haben, zischen wir ab.«
Dan bekundete seine Zustimmung mit einem Kopfnicken. »Würdest du mir eine Verbindung schalten?«, fragte er und wies auf das in die Wand integrierte Funkgerät.
»Klar.«
»In Ordnung. «
»… verbinde mich mit La Guaira.«
Die Leiterin der PR-Abteilung der Astro Corporation war eine hübsche Brünette, die aber älter — und viel härter — war, als sie aussah. Dan bat sie, eine Pressekonferenz mit den größten Nachrichtensendern der Welt zu arrangieren.
»Es muss aber noch heute sein«, sagte er. »Wir fliegen so schnell, dass wir morgen schon mit einer Zeitverzögerung von fünf Minuten kommunizieren würden.«
»Verstanden«, sagte die PR-Frau.
»Schaffen Sie das?«
Sie hob eine sorgfältig gezogene Braue. »Eine große Pressekonferenz mit dem Mann arrangieren, der sein eigenes Super-Duper-Raumschiff gekapert hat, um am Mars vorbei zu den Asteroiden zu fliegen und dort zu schürfen? Gehen Sie einfach aus der Leitung, Boss, und lassen Sie mich alles arrangieren.«
Dan lachte und tat wie geheißen. Im Nachhinein war er froh über die Entscheidung, trotz des Stellenabbaus in anderen Unternehmensbereichen die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit in vollem Umfang beibehalten zu haben. Die Buchhalter und Juristen feuern, sagte er sich. Weg mit den Bürohengsten und Erbsenzählern. Aber die Leute behalten, die das öffentliche Image aufpolieren. Sie sind die Letzten, die gehen — außer den Leuten, die die eigentliche Arbeit tun: die Ingenieure und Wissenschaftler.
Pancho beobachtete ihn, während sie den Saft trank. »Und was geschieht nun?«, fragte sie, als Dan das Gespräch mit La Guaira beendet hatte.
»Nun warten wir darauf, dass meine PR-Leute ihre Arbeit tun.«
»Was glaubst du, wie lang das dauert?«
»Wir werden es in etwa einer Stunde wissen«, sagte Dan. »Wenn es länger dauert, wird nichts daraus.«
Pancho nickte. »Ich habe es gehört. Die Pause zwischen dir und ihr war nämlich schon länger als die übliche Erde-Mond-Verzögerung.«
Dan stand auf und ging zur Kaffeemaschine. Er hätte sich eigentlich ein Glas Amontillado gewünscht, aber es gab keinen Alkohol auf dem Schiff.
Dann erinnerte er sich an die Geschichte, die die beiden Frauen ihm erzählt hatten — es ging um die Handlanger, die Humphries auf Amanda angesetzt hatte. »Was ist denn mit deiner Schlange passiert?«, fragte Dan.
»Elly?«
»Heißt die Schlange so?«
»Ja.«
»Was hast du also mit ihr gemacht?«
Pancho bückte sich und wickelte den glitzernden blauen Krait vom Knöchel ab.
Dan zuckte zurück. »Du hast das Ding an Bord gebracht?«
Pancho zuckte die Achseln und sagte: »Ich hatte sie eigentlich bei Pistol Pete lassen wollen; das ist der Kerl, dem die Pelican Bar gehört. Aber wegen dieser Schlägertypen bin ich nicht mehr dazu gekommen.«
»Wir haben eine Giftschlange auf dem Schiff!«
»Entspann dich, Boss«, sagte Pancho unbekümmert. »Ich habe vier Mäuse in der Reisetasche. Daran kann Elly sich für über einen Monat satt fressen.«
Dan starrte auf die Schlange. Sie erwiderte den Blick mit ihren Knopfaugen.
Er schüttelte den Kopf. »Ich will das Vieh nicht an Bord haben.«
»Elly wird kein Problem sein«, versicherte Pancho ihm. »Ich werde sie an einem schön kühlen Ort aufbewahren. Sie wird die meiste Zeit schlafen. Und verdauen«, fügte sie mit einem verschmitzten Lächeln hinzu.
»Wenn aber doch etwas passiert …«
Pancho bekam einen todernsten Gesichtsausdruck. Dan hatte den Eindruck, dass sie einen inneren Kampf ausfocht.
»Vielleicht könnten wir die Schlange für die Dauer des Flugs einfrieren«, schlug er vor. »Und nach der Landung auf Selene wieder auftauen.«
»Sie ist nicht giftig«, platzte Pancho heraus.
»Was?«
»Ich gestehe es nur ungern, aber Elly ist überhaupt nicht giftig. Das sage ich den Leuten nur, um ihnen Respekt einzuflößen. Glaubst du wirklich, Selenes Sicherheitsrat würde giftiges Kroppzeug in die Stadt lassen?«
»Aber du sagtest doch…«
»Ach, du musst doch nicht alles glauben, was ich sage, Boss«, sagte Pancho mit einem um Entschuldigung heischenden Blick. »Eine Frau muss sich schließlich irgendwie schützen, oder?«
»Aber was ist mit dem Kerl, den sie gebissen hat?«
»Elly ist genetisch modifiziert worden. Man hat ihr Gift so verändert, dass es nicht mehr tödlich wirkt, sondern wie ein Betäubungsmittel.«
Dan musterte sie skeptisch. Kann ich ihr überhaupt noch etwas glauben, fragte er sich.
»Die Wissenschaftsfritzen wollten Elly einsetzen, um zu Forschungszwecken in freier Wildbahn Tiere zu betäuben. Das hat aber nicht funktioniert.«
»Und du hältst die Schlange nun als Haustier.«
»Als Leibwächter«, stellte Pancho richtig.
»Was ist mit dem Antiserum?«
Sie lachte. »Es war eine Salzlösung. Nur ein Placebo. Der Typ wäre wieder aufgewacht, ob man es ihm verabreicht hätte oder nicht.«
Nun musste Dan auch lachen. »Pancho, du bist schon eine Schmierenkomödiantin.«
»Wird wohl so sein«, pflichtete sie ihm bei.
Amandas Stimme drang aus dem Lautsprecher: »Ich habe einen Anruf von La Guaira.«
Nach mehrstündigen intensiven Bemühungen hatte Dans PR-Direktorin schließlich eine interaktive Pressekonferenz mit Reportern der weltweit größten Nachrichtenagenturen zustande gebracht. Und mit Edith Elgin, Selenes Programmdirektorin, die sich im Privatleben als die Frau von Douglas Stavenger erwies.
Dan lehnte sich in der Messe der Starpower auf dem kleinen Plastikstuhl zurück und lächelte in die Kamera der in die Wand eingelassenen Funkanlage. Seine PR-Direktorin fungierte als Moderatorin und wählte die Reporter aus, die jeweils eine Frage stellen und noch einmal nachhaken durften. In diesem Fall profitierte Dan sogar von der Zeitverzögerung zwischen Schiff und Erde, weil er sich dadurch besser für die nächste Frage zu wappnen vermochte.
Es ist ratsam, zuerst zu denken und dann zu reden, sagte er sich. Erst das Gehirn einschalten, bevor das Mundwerk betätigt wird.
Das Interview
Cable News: Wieso haben Sie Ihr eigenes Schiff entführt?
Dan Randolph: Von Entführung kann gar keine Rede sein. Es ist schließlich mein Schiff, auch wenn es mir nur zum Teil gehört. Die Starpower I ist Eigentum der Starpower GmbH, die sich wiederum im Besitz dreier Organisationen befindet: von Humphries Space Systems, Astro Manufacturing und dem Volk von Selene. Soweit ich weiß, haben weder Humphries noch Selene Einwände erhoben, sodass ich es nicht als Entführung betrachte.
Cable News: Aber die Internationale Raumfahrtbehörde sagt, Sie hielten sich widerrechtlich an Bord der Starpower I auf.
Dan Randolph: Bürokratische [GELÖSCHT]. Es gibt keinen Grund, weshalb eine menschliche Besatzung nicht mit diesem Schiff fliegen sollte. Die IAA will uns nur Knüppel zwischen die Beine werfen.
BBC: Was ist Ihrer Ansicht nach der Grund, dass die IAA dem Schiff die Zulassung für den Flug mit einer menschlichen Besatzung verweigert hat?
Dan Randolph: Ich habe keine Ahnung. Fragen Sie sie!
BBC: Sie haben aber doch sicher eine Meinung in dieser Angelegenheit.
Dan Randolph: Bürokraten sind in der Regel ängstliche Naturen. Es ist immer riskant, Neuland zu betreten, und diese Sessel … [GELÖSCHT] hassen es nun einmal, ein Risiko einzugehen. Da ist es viel sicherer für sie, den Antrag abzulehnen und zu sagen, man müsste erst noch weitere Tests durchführen oder ein weiteres Genehmigungsverfahren durchlaufen. Sich immer nach oben absichern und nicht aus der Deckung wagen. Wenn die IAA im neunzehnten Jahrhundert für die Erschließung des amerikanischen Westens zuständig gewesen wäre, dann würden wir heute noch am Mississippi stehen.