»Die Wassermoleküle sind mit anderen Molekülen im Gestein eine chemische Verbindung eingegangen«, sagte Amanda. »Man muss Wärme oder eine andere Form von Energie zuführen, um das Wasser zu gewinnen.«
»Aber es ist trotzdem Wasser«, sagte Dan und schaute zu, wie Pancho ein in Alufolie verpacktes Fertiggericht aus der Gefriertruhe holte. »Selene braucht Wasser. Wie überhaupt jeder, der im Weltraum arbeitet.«
»›Du wirst dein Werk mit Wasser verrichten‹«, murmelte Amanda. »›Und du wirst dem die Stiefel lecken, der es dir bringt‹«.
»Was bedeutet das?«, fragte Dan verwirrt.
Sie schaute fast pikiert. »Ach so… Kipling. Rudyard Kipling.«
»›Gunga Din‹«, beeilte Fuchs sich zu sagen. »Ein sehr schönes Gedicht.«
»Von einem weißen europäischen männlichen Chauvinisten«, sagte Pancho, als sie das Gericht ins Mikrowellengerät schob.
»Hast du etwa schon wieder Hunger?«, fragte Amanda. »Du hast doch erst vor ein paar Stunden wie ein Scheunendrescher gefuttert.«
Pancho grinste sie an. »Ich brauche nicht auf die Figur zu achten. Ich verheize die Kalorien einfach so.« Sie schnippte mit den Fingern.
»Aber diese Fertiggerichte«, sagte Amanda. »Sie sind so… vorgekaut.«
»Mir schmecken sie aber«, sagte Pancho.
»Wie dem auch sei«, sagte Dan mit leicht erhobener Stimme, um einen eventuellen Disput im Keim zu ersticken, »auf diese beiden Asteroiden konzentrieren wir uns. Wir nehmen ein paar Proben, um unseren Anspruch zu untermauern. Dann werden wir in die äußere Region des Gürtels vorstoßen und nach einem metallischen Körper suchen.«
»Ich frage mich die ganze Zeit, welchen rechtlichen Status die von uns erhobenen Ansprüche überhaupt haben«, sagte Amanda. »Wenn die IAA diesen Flug als illegal betrachtet… ich meine, wenn wir als Gesetzlose gelten…«
»Sie könnten unsere Ansprüche auf die Asteroiden ablehnen«, beendete Dan den Satz für sie. »Darüber habe ich auch schon nachgedacht.«
»Und?«
Ein einzelnes, schrilles ping drang durch die offene Luke auf die Brücke. Pancho ließ das Mikrowellengerät im Stich und rannte durch die Luke.
Im nächsten Moment kam sie mit angespanntem Ausdruck in die Messe. »Protuberanzen.«
Amanda stand auf, zwängte sich an Pancho vorbei und ging auf die Brücke. Fuchs wirkte besorgt.
»Ich werde die Elektronenkanonen durchchecken«, sagte Dan.
»Vielleicht erwischt es uns gar nicht«, sagte Pancho. »Die Plasmawolke ist noch zu weit entfernt, als dass man sagen könnte, ob sie uns erreicht oder nicht.«
»Ich werde die Elektronenkanonen trotzdem ausprüfen«, sagte Dan und erhob sich vom Stuhl. »Ich habe schon genug Strahlung für ein ganzes Leben abbekommen. Mein Bedarf ist gedeckt.«
Restaurant »Erdblick«
In dem Moment, wo Martin Humphries Kris Cardenas sah, erkannte er, dass sie von Schuldgefühlen geplagt wurde. Das würde er sich zunutze machen. Die Wissenschaftlerin sah so aus, als ob sie in letzter Zeit nicht gut geschlafen hätte; sie hatte dunkel geränderte Augen und einen verdrießlichen Gesichtsausdruck.
Er erhob sich, als der Empfangschef sie an den Tisch führte und lächelte, als der dunkel gekleidete Mann den Stuhl für Cardenas zurechtrückte. Cardenas erwiderte das Lächeln nicht.
»Das schönste Restaurant im Umkreis von vierhundert Millionen Kilometern«, sagte Humphries mit einer ausladenden Geste.
Das war ein alter Scherz in Selene. Das ›Erdblick‹ war das einzige Restaurant auf dem Mond, das diese Bezeichnung auch verdiente. Die beiden anderen ›Futterkrippen‹ waren bessere Imbissbuden. Vor zehn Jahren hatte die Yamagata Corporation in Selene ein erstklassiges Touristenhotel mit einem Fünf-Sterne-Restaurant eröffnet. Yamagata musste das Restaurant jedoch schließen, als der Tourismus wegen der Erderwärmung praktisch zum Erliegen kam. Nun schickten sie die paar Gäste ins ›Erdblick‹.
Immerhin war Cardenas angemessen gekleidet, wie Humphries feststellte. Sie trug ein ärmelloses moosgrünes Kleid, das mit geschmackvollen Goldapplikationen verziert war. Aber sie machte ein Gesicht, als hätte sie sich zu einer Beerdigung eingefunden anstatt zu einem gediegenen Dinner.
Ohne Umschweife beugte sie sich so weit über den Tisch, dass sie fast Körperkontakt mit Humphries bekam. »Sie müssen sie warnen«, flüsterte sie eindringlich.
»Dafür ist noch reichlich Zeit«, sagte er leichthin. »Entspannen Sie sich und genießen Sie das Essen.«
Das ›Erdblick‹ war in jeder Hinsicht ein ausgezeichnetes Restaurant. Das Personal war jung bis auf den steifen und formellen Empfangschef, der dem Etablissement ein gediegenes Flair vermittelte. Das Restaurant war vier Ebenen unter der Oberfläche aus dem Mondgestein gehauen worden und verdankte seinen Namen den breiten Panoramafenstern, die eine Aussicht von der Mondoberfläche simulierten. Man hatte fast den Eindruck, eine Aussicht auf den öden, minimalistisch schönen Boden des großen Alphonsus-Kraters zu haben. Die Erde stand immer am dunklen Himmel. Sie hing dort wie ein glühendes blau-weißes Juwel, das sich periodisch veränderte und doch immer präsent war.
Im Restaurant ›Erdblick‹ waren keine Roboter zu sehen, obwohl die Speise- und Weinkarte auf Monitoren angezeigt wurden, die in die Tischplatten integriert waren. Anstelle von Tischdecken standen die Gedecke auf Platzdecken aus einem glänzenden Wabenkern-Mondmetall, das so dünn und weich wie Seide war.
Humphries bestellte Wein bei ihrem Ober. Als der junge Mann sich vom Tisch abwandte, beugte Cardenas sich wieder nach vorn und flüsterte: »Sofort! Sagen Sie es ihnen sofort! Je eher sie es wissen, desto schneller können sie darauf reagieren.«
Er musterte sie. Anscheinend sind die Nanobots in ihrem Blutkreislauf nicht imstande, die Folgen des Schlafmangels zu kompensieren. Oder vielleicht hat sie auch Albträume. Sie hat einen ausgewachsenen Schuldkomplex entwickelt, das steht jedenfalls fest.
»Wir waren übereingekommen, Dr. Cardenas«, sagte er leise, »dass wir sie warnen würden, sobald sie die Peripherie des Gürtels erreichen. Das wird aber erst in anderthalb Tagen der Fall sein.«
»Ich will aber, dass Sie sie jetzt warnen«, insistierte sie. »Es ist mir egal, was wir vereinbart haben.«
»Ich befürchte, dazu bin ich nicht in der Lage«, sagte Humphries mit einem unmerklichen Kopfschütteln. »Wir müssen uns an den Plan halten.«
»Ich muss verrückt gewesen sein, dass ich dem überhaupt zugestimmt habe«, zischte Cardenas.
»Aber Sie haben zugestimmt«, sagte Humphries. »Langfristig werden Sie froh darüber sein.«
Es war so leicht gewesen, sie rumzukriegen. Humphries hielt es für eins seiner größten Talente, die Schwachstellen in der Persönlichkeit anderer Menschen zu finden und auf der Klaviatur dieser Schwächen zu spielen, um seine Ziele zu erreichen. Es hatte bei Dan Randolph mit seinem lächerlichen Kreuzzug zur Rettung der Erde funktioniert. Es hatte bei Dr. Cardenas mit ihrem brennenden Hass auf die Erde und die Leute funktioniert, die sie von ihrem Mann und ihrer Familie getrennt hatten.
Der Wein kam. Humphries kostete ihn und ließ ihn zurückgehen. Mit dem Wein war eigentlich alles in Ordnung, doch Humphries hatte das Bedürfnis, sich dicke zu tun. Subtil. Cardenas hat wahrscheinlich keine Ahnung davon, was Sache ist — jedenfalls nicht auf der bewussten Ebene, sagte er sich. Aber im tiefsten Innern muss sie wissen, dass ich hier den Ton angebe. Ich treffe die Entscheidungen. Ich gewähre die Belohnungen und verhänge die Strafen.
Sie saß wortlos da, während der düpierte Ober den Wein fortbrachte und umgehend mit einer anderen Flasche erschien. Humphries verkostete den Wein. Er war nicht einmal so gut wie der erste, aber Humphries hatte sein Image gepflegt.
Sie bestellten das Essen. Cardenas stocherte nur lustlos auf dem Teller herum. Humphries ließ es sich schmecken. Fast genoss er sogar Cardenas' Unbehagen.