TORCHIA (Aristide). De Umbrarum Regni Novem Portis. Venetiae, apud Aristidem Torchiam. MLCLXVI. In Folio. 160 5., einschl. Titelblatt. 9 Holzschnitte außerhalb des Textes, Von außergewöhnlicher Seltenheit. Nur in 3 Exemplaren bekannt. Bibliothek Fargas, Sintra, Portugal (s. Abbildung). Bibliothek Coy, Madrid, Spanien (Bildtafel 9 fehlt). Bibliothek Morel, Paris, Frankreich.
Bildtafel neun fehlt. Das war nicht richtig. Corso hatte ihn ja vor sich, den Holzschnitt Nummer neun in dem Buchexemplar aus der Coy-Bibliothek, später Terral-Coy-Bibliothek, und jetzt Besitz von Varo Borja. Hier mußte es sich um einen Druckfehler handeln, oder aber Mateu selbst hatte sich geirrt. Im fahr 1929, dem Erscheinungsjahr der Bibliografia Universal, waren die Verfahren des Buchdrucks und des Buchvertriebs noch lange nicht so entwickelt gewesen wie heute, und viele Gelehrten erwähnten in ihren Schriften Bücher, die sie nur aus den Beschreibungen anderer kannten. Wahrscheinlich war das lückenhafte Exemplar eines der anderen beiden: das in Sintra oder das in Paris. Corso machte sich am Rand der Fotokopie einen Vermerk. Das mußte überprüft werden. Die Uhr des Kirchturms schlug dreimal, und von den umliegenden Dächern flogen Schwärme von Tauben auf. Corso zuckte leicht zusammen, als komme er plötzlich zu sich. Er klopfte suchend die verschiedenen Taschen seiner Kleidung ab, zog schließlich einen Geldschein aus der Hosentasche, legte ihn auf den Tisch und erhob sich. Der Gin gab ihm ein angenehmes Gefühl der Abgehobenheit, er dämpfte die Geräusche und Bilder, die von außen auf ihn eindrangen. Corso verstaute Buch und Dossier in seiner Segeltuchtasche und hängte sie sich über die Schulter. Dann betrachtete er gedankenversunken den erzürnten Pantokrator über dem Kirchenportal. Da er keine Eile hatte und sich ein wenig die Beine vertreten wollte, beschloß er, zu Fuß zum Bahnhof zu gehen.
Bei der Kathedrale angekommen, wählte er die Abkürzung durch den Kreuzweg. Er ging an der Souvenirbude vorbei, die geschlossen war, und blieb einen Moment lang vor den leeren Gerüsten der Restauratoren stehen, die man vor den Wandmalereien aufgebaut hatte. Der Ort war völlig verlassen, und seine Schritte hallten unter dem Bogengang. Einmal glaubte er, hinter sich etwas zu hören. Wahrscheinlich ein Pfarrer, der mit Verspätung in seinen Beichtstuhl eilte.
Corso verließ den Kreuzgang durch ein schmiedeeisernes Tor, das auf eine dunkle Gasse hinausführte. Sie war so eng, daß die Autos sie beim Durchfahren streiften, hier und da bröckelten schon die Wände ab. Kaum war er auf die Gasse hinausgetreten, als von hinten das Geräusch eines laufenden Motors an sein Ohr drang. Vor ihm wies ein Verkehrsschild, ein Dreieck mit rotem Rand, auf eine Verengung der Straße hin, und als er es beinahe erreicht hatte, heulte der Motor hinter ihm plötzlich auf. Corso hörte den Wagen näher kommen. >Der fährt zu schnelle, dachte er und wollte sich umdrehen, aber da nahm er auch schon eine große, dunkle Masse wahr, die direkt auf ihn zuschoß. Der Gin hatte sein Reaktionsvermögen stark beeinträchtigt, aber seine Aufmerksamkeit war zufällig noch immer auf das Verkehrsschild gerichtet. Instinktiv lief er darauf zu, zwischen Metallpfosten und Wand sah er eine Lücke. Wie ein Stierkämpfer, der hinter der Holzbarriere in der Arena in Deckung geht, zwängte er sich in den wenige Zentimeter breiten Zwischenraum, so daß der Wagen im Vorbeifahren nur seine Hand erwischte. Das allerdings so heftig, daß Corso vor Schmerz in die Knie ging. Er fiel auf die holprigen Pflastersteine und sah dem Auto nach, das sich quietschend entfernte und am Ende der Straße verschwand. Corso massierte seine geprellte Hand und lief weiter zum Bahnhof. Aber jetzt warf er manchmal einen Blick nach hinten, und der Tragegurt seiner Tasche, in der ja die Neun Pforten lagen, brannte auf der Schulter. Er hatte ihn nur flüchtig gesehen, nicht länger als drei Sekunden, aber lange genug, um zu erkennen, wer ihn da soeben fast überfahren hätte: Diesmal war es kein Jaguar, sondern ein schwarzer Mercedes, aber am Steuer saß ein dunkelhaariger Mann mit Schnurrbart und einer Narbe im Gesicht. Der Typ aus Makarovas Bar. Derselbe, der ihm zeitunglesend und in Chauffeursuniform vor dem Haus Liana Taillefers aufgefallen war.
IV. Der Mann mit der Narbe
Woher er kommt, weiß ich nicht.
Aber wohin er geht, das kann ich Euch sagen:
Er geht zur Hölle.
A. Dumas, Der Graf von Monte Christo
Corso kam mit Einbruch der Dunkelheit nach Hause. Die geprellte Hand in seiner Manteltasche pochte schmerzhaft. Er ging ins Bad, hob seinen zerknüllten Schlafanzug und ein Frotteetuch vom Boden auf und hielt sein Handgelenk fünf Minuten unters kalte Wasser. Danach öffnete er in der Küche zwei Konservenbüchsen und aß im Stehen zu Abend.
Es war ein seltsamer Tag gewesen, seltsam und gefährlich. Corso dachte immer noch etwas verwirrt über seine Erlebnisse nach, wenngleich er im Grunde eher neugierig als besorgt war. Er nahm unvorhergesehenen Ereignissen gegenüber die Haltung eines Fatalisten ein, der gelassen daraufwartet, daß das Leben den nächsten Schritt tut. Dieser Abstand zum Geschehen, diese Neutralität, schloß von vornherein aus, daß er sich für irgend etwas verantwortlich fühlte. Bis zum heutigen Vormittag in der schmalen Gasse von Toledo hatte er immer nur die Rolle des Vollstreckers gespielt. Die Opfer waren andere gewesen. Wenn er jemanden belog oder mit ihm verhandelte, so geschah dies in völlig distanzierter Weise, ohne moralischen Bezug zu Menschen oder Dingen, die lediglich Gegenstand seiner Arbeit waren. Lucas Corso blieb am Rande - ein Söldner, der sich für seine Dienste bezahlen ließ, mit der Sache an sich aber nichts zu tun hatte. Ein Außenstehender. Wahrscheinlich erlaubte ihm gerade diese Haltung, sich immer in Sicherheit zu fühlen, genau wie wenn er seine Brille abnahm und die Menschen und Dinge vor seinen Augen verschwam-men: hatten sich ihre festen Umrisse einmal aufgelöst, so konnte er sie einfach ignorieren - als existierten sie überhaupt nicht. Nun kündigten jedoch der konkrete Schmerz in seiner Hand und die Ahnung einer Gefahr, die gewaltsam in sein Leben, nicht in das eines anderen, einzubrechen drohte, besorgniserregende Änderungen an. Lucas Corso, der so oft den Henker gespielt hatte, war an die Rolle des Opfers nicht gewöhnt. Und das machte ihn ratlos.
Seine verletzte Hand brannte, seine verkrampften Muskeln schmerzten, und seine Kehle war wie ausgedörrt. Er öffnete also eine Flasche Gin und suchte in der Segeltuchtasche nach Aspirintabletten. Davon trug er immer einen kleinen Vorrat mit sich herum, neben Bleistiften und Kugelschreibern, halb vollgeschriebenen Notizheften, einem Schweizer Offiziersmesser, Paß und Geld, einem prallen Telefonbüchlein sowie eigenen und bestellten Büchern. Mit dieser Ausstattung konnte er jederzeit wie eine Schnecke mit ihrem Haus verschwinden, ohne etwas zurückzulassen. Die Segeltuchtasche ermöglichte es ihm, ein provisorisches Lager aufzuschlagen, wo immer der Zufall oder seine Arbeit ihn auch hinführten: in Flughäfen, Bahnhöfen, staubigen Buchhandlungen und Hotelzimmern, die in seiner Erinnerung zu einem einzigen Raum mit austauschbaren Wänden verschmolzen. Erwachen ohne Anhaltspunkte, Herzklopfen in der Dunkelheit, wenn er nach dem Lichtschalter tastete und das Telefon umstieß, Konfusion. Augenblicke, die sich dem Leben und dem Bewußtsein entziehen. Corso war sich dann in nichts sicher, nicht einmal seiner selbst, wenn er die Augen aufschlug, während der ersten dreißig Sekunden, in denen der Körper schneller wach wird als das Denk- oder Erinnerungsvermögen.