Выбрать главу

Er setzte sich vor den Computer, ordnete seine Notizhefte und verschiedene Nachschlagewerke auf einem Tisch zu seiner Linken an. Die Neun Pforten und das Dossier von Varo Borja legte er nach rechts. Dann lehnte er sich in den Stuhl zurück, zündete eine Zigarette an und ließ sie fünf Minuten lang in seinen Fingern vor sich hinqualmen, ohne sie zum Mund zu führen. Während dieser Zeit tat er nichts als schluckweise den restlichen Gin zu trinken, auf den leeren Bildschirm zu starren und auf das Pentagramm, das den Deckel des Buches schmückte. Endlich gab er sich einen Ruck, drückte den Zigarettenstummel in einem Aschenbecher aus, rückte seine verbogene Brille auf der Nase zurecht und begann zu arbeiten. Varo Borjas Dossier stimmte mit Crozets Enzyklopädie der Drucker und der kuriosen Buchraritäten überein:

TORCHIA, Aristide. Venezianischer Buchdrucker, Graveur und Buchbinder (l620-1667). Signet: eine Schlange und ein Baum, in den der Blitz einschlägt. Lehre in der Werkstatt der Elzeviers in Leiden (Holland). Nach Venedig zurückgekehrt, gibt er eine Reihe von kleinformatigen Werken (Duodezformat, Sedezformat) zu Themen der Philosophie und des Okkultismus heraus, die großen Anklang finden.

Besonders hervorzuheben sind Die Geheimnisse der Weisheit von Nicola Tamisso (3 Bde., Duodezformat, Venedig 1650) und ein kurioser Schlüssel zum Gefängnis der Gedanken (1 Bd., 132 x 75 mm, Venedig 1653). Die drei Bücher über die Kunst von Paolo d’Este (6 Bde., Oktavformat, Venedig 1658), Ausführliche Erklärung der Hieroglyphen und Arcana (1 Bd., Oktavformat, Venedig 1659), ein Nachdruck von Bernardo Trevisanos Das Zauberwort (1 Bd., Oktavformat, Venedig 1661) und Die neun Pforten ins Reich der Schatten (1 Bd., in Folio, Venedig 1666). Der Druck des letztgenannten Buches führt zu seiner Verhaftung durch die Inquisition. Seine Werkstatt wird mit dem gesamten gedruckten oder noch zu druk-kenden Material zerstört. Torchia erleidet dasselbe Schicksal wie sein Werk. Wegen Schwarzer Magie und Hexerei zum Tode verurteilt, stirbt er am 17. Februar 1667 auf dem Scheiterhaufen.

Corso legte den Ordner beiseite, um die erste Seite des Buches zu studieren, das den Venezianer das Leben gekostet hatte. DE UMBRARUM REGNI NOVEM PORTIS lautete der Titel. Darunter folgte das sogenannte Signet, das Zeichen des Druk-kers, das manchmal nur die Form eines simplen Monogramms hat, aber auch eine komplizierte Illustration sein kann. Im Fall Aristide Torchias bestand es aus einem Baum, von dem der Blitz einen Ast abspaltet. Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, ein ouroboros, kringelte sich um seinen Stamm. Die Abbildung wurde von dem Motto Sie Luceat Lux begleitet: So erstrahle das Licht. Am Fuß der Seite Ort, Name und Datum: Venetiae, apud Aristidem Torchiam. Gedruckt in Venedig, im Hause von Aristide Torchia. Und darunter: M.DC.LX.VI. Cum superiorum privilegio veniaque. Mit Privileg und Genehmigung der Obrigkeiten. Corso tippte weiter:

Exemplar ohne Exlibris und ohne handschriftliche Anmerkungen. Dem Auktionskatalog der Terral-Coy-Sammlung (Claymore, Madrid) zufolge vollständig. Fehler bei Mateu (spricht von 8 statt 9 Holzschnitten in diesem Exemplar). In Folio. 299 x 215 mm. Unbedruckter Vorsatz, 160 Seiten und 9 Holzschnitte außerhalb des Textes, von I bis VIIII durchnumeriert. Seiten: 1 Titelseite mit Druckermarke, 157 Textseiten. Die letzte weiß, ohne Kolophon. Holzschnitte alle Recto, blattgroß. Verso weiß.

Er untersuchte genauestens eine Abbildung nach der anderen. Varo Borja zufolge stammten die Originalzeichnungen ja aus der Feder des leibhaftigen Teufels. Jeder Holzschnitt wurde von einer römischen Ordinalzahl und ihrer jeweiligen Entsprechung im Hebräischen und Griechischen begleitet, sowie von einem lateinischen Satz, der mit Abkürzungen verschlüsselt war. Corso fuhr fort zu schreiben:

I.    NEM. PERV.TQVIN.NLEG. CERT.RIT: Ein Ritter reitet auf eine Stadt zu, die mit einer Stadtmauer umgeben ist. Er legt den Zeigefinger an die Lippen, als gemahne er zur Vorsicht oder zum Schweigen.

II.    CLAVS. PAT.T: Ein Eremit, der zwei Schlüssel in der Hand hält, steht vor einer verschlossenen Tür. Auf dem Boden steht eine Laterne. Er wird von einem Hund begleitet. Neben ihm ist ein Zeichen abgebildet, das dem hebräischen Buchstaben Teth ähnelt.

III.    VERB. D.SVM C.S.TARCAN.: Ein Wanderer oder Pilger geht auf eine Brücke zu, die über einen Fluß führt.

Sie ist an beiden Enden mit einem Turm bewehrt, dessen Tore verschlossen sind. Von einer Wolke aus zielt ein Bogenschütze auf den Weg, der zu der Brücke führt.

IIII. Die lateinische Zahl ist so dargestellt, nicht in ihrer üblichen Form IV) FOR. N.N OMN. A.QVE: Ein Narr mit Schellenkappe steht vor einem Labyrinth aus Stein, dessen Eingangstür auch hier verschlossen ist. Auf dem Boden liegen drei Würfel, von denen jeweils drei Seiten mit einem, zwei und drei Punkten zu sehen sind.

V. FR.ST.A: Ein Geizhals oder Kaufmann zählt einen Sack Goldstücke ab. Hinter seinem Rücken steht der Tod, in einer Hand eine Sanduhr und in der anderen eine Heugabel.

VI.    DIT.SCO M.R.: Hier ist die Figur des Gehängten dargestellt, wie man ihn aus den Tarotkarten kennt. Er hat die Hände auf dem Rücken gefesselt und hängt an einem Bein von der Mauerzinne einer Burg. Neben ihm ein Turm mit verschlossenem Tor. Aus einer Schießscharte des Turmes reckt ein Arm mit Panzerhandschuh ein brennendes Schwert heraus.

VII.    DIS.S P.TI.R M.: Ein König und ein Bettler spielen Schach. Das Schachbrett hat ausschließlich weiße Felder. Durch ein Fenster, das sich neben einer verschlossenen Tür befindet, scheint der Mond in den Raum. Unter dem Fenster raufen zwei Hunde.

VIII.    VIC. I.T VIR.: Ein Scharfrichter mit erhobenem Schwert schickt sich an, eine Frau zu enthaupten, die mit entblößtem Hals vor einer Stadtmauer kniet. Im Hintergrund ein Glücksrad, auf dem sich drei menschliche Figuren in unterschiedlichen Positionen befinden: eine auf dem Scheitelpunkt, eine in aufsteigender, eine in absteigender Richtung.

VIIII. (Auch diese Zahl ist so dargestellt, anstatt des üblichen IX) N.NC SC.O TEN.BR. LVX: Auf einem siebenköpfigen Drachen reitet eine nackte Frau, die ein geöffnetes Buch in der Hand hält. Ein Halbmond, der in ihrem Schoß liegt, verdeckt ihr Geschlecht. Im Hintergrund eine brennende Burg auf einem Hügel, deren Tor - wie die Türen der anderen acht Holzschnitte - verschlossen ist.

Er hörte auf zu tippen, streckte seine steifen Glieder und gähnte. Vom Lichtkegel seiner Arbeitslampe und dem Bildschirm des Computers abgesehen, lag das Zimmer im Dunklen. Durch die Scheiben der Glasveranda drang das schwache Licht der Straßenlaternen zu ihm herauf. Er trat auf den Balkon, um in die Nacht hinauszuspähen, obwohl er eigentlich nicht wußte, was er dort zu sehen erwartete. Vielleicht einen Wagen mit gelöschten Scheinwerfern, an den Bordstein geparkt, und die Umrisse einer schwarzen Gestalt hinterm Steuer. Aber bis auf die Sirene eines Krankenwagens, die sich zwischen den massigen dunklen Häuserblocks verlor, fiel ihm nichts auf. Sein Blick wanderte zur Uhr eines nahegelegenen Kirchturms: Es war fünf Minuten nach Mitternacht.