Er setzte sich wieder vor den Computer und das Buch und betrachtete noch einmal die erste Abbildung, das Signet auf der Titelseite mit der Schlange, die Aristide Torchia sich als Symbol ausgewählt hatte. Sic Luceat Lux. Schlangen und Teufel, Beschwörungsformeln und okkulte Zeichen. Corso hob sein Glas und trank voller Sarkasmus auf das Andenken des Druckers. Er mußte entweder sehr mutig oder sehr dumm gewesen sein. Im Italien des 17. Jahrhunderts bezahlte man solche Scherze teuer, auch wenn man cum superiorum privilégia veniaque druckte.
Moment mal ... Corso starrte in eine Ecke des dunklen Zimmers und verfluchte sich laut. Warum war er da nicht früher draufgekommen? Mit Privileg und Genehmigung der Obrigkeiten? Das konnte ja gar nicht sein!
Seine Augen blickten unverwandt auf die Buchseite, während er sich zurücklehnte und noch eine seiner zerknitterten Zigaretten anzündete. Ihr Rauch stieg spiralförmig im Lichtschein der Lampe auf und bildete einen dünnen, grauen Vorhang, hinter dem die gedruckten Zeilen sich wellten.
Dieses cum superiorum privilégia veniaque war völlig absurd! Oder aber meisterhaft subtil. Unmöglich, daß dieses Imprimatur, diese Druckerlaubnis, von einer der herkömmlichen Obrigkeiten erteilt worden war. Die katholische Kirche hätte im Jahr 1666 niemals ein Buch genehmigt, dessen unmittelbarer Vorgänger - das Delomelanicon - bereits seit fünfundfünfzig Jahren auf dem Index der verbotenen Schriften stand. Demnach bezog Aristide Torchia sich also nicht auf eine Druckerlaubnis der kirchlichen Zensoren. Und auch nicht auf die der weltlichen Behörde, die dafür zuständig gewesen wäre, die Regierung der Republik Venedig. Er mußte zweifellos anderen Obrigkeiten gehorcht haben ...
Corso wurde vom Läuten des Telefons unterbrochen. Es war Flavio La Ponte, der ihm erzählen wollte, daß er zusammen mit einem Posten Bücher - En-bloc-Angebot: alles oder nichts -eine Kollektion europäischer Straßenbahnfahrscheine gekauft hatte. 5 775, um genau zu sein. Alle Nummern Palindrome, in Schuhkartons nach Ländern geordnet. Ja, das meinte er im Ernst. Der Sammler war vor kurzem gestorben, und seine Familie hatte den Plunder loswerden wollen. Kannte Corso nicht jemanden, der eventuell daran interessiert war? Natürlich, La Ponte wußte, daß es nur einem Fanatiker oder Irren einfallen konnte, 5775 Fahrscheine mit Zahlenpalindromen zusammenzutragen, ein absolut nutzloses Unternehmen. Wer sollte so einen Quatsch kaufen? Doch, die Idee war vielleicht gut: das Londoner Verkehrsmuseum. Diese Engländer mit ihren Perversionen ... Ob Corso sich um diese Sache kümmern könnte?
Was das handschriftliche Kapitel Dumas’ betraf, so war auch La Ponte etwas besorgt. Er hatte zwei anonyme Telefonanrufe erhalten - ein Mann und eine Frau, die sich für den Vin d’Anjou interessierten, und das war seltsam, denn er hatte in Erwartung des Gutachtens mit keinem über diese Angelegenheit gesprochen. Corso berichtete ihm von seiner Unterhaltung mit Liana Taillefer und davon, daß er selbst ihr gesagt hatte, wer der neue Besitzer des Manuskripts war.
»Sie kannte dich von deinen Besuchen bei dem Verblichenen, und übrigens«, fiel ihm wieder ein, »sie möchte eine Kopie deiner Quittung haben.«
Am anderen Ende der Leitung erklang dröhnendes Gelächter. Eine Quittung, das konnte sie sich aus dem Kopf schlagen. Taillefer hatte ihm die Handschrift verkauft und damit basta. Aber wenn die Witwe die Sache noch einmal persönlich mit ihm besprechen wollte - La Ponte lachte anzüglich -, so stand dem von seiner Seite nichts im Wege. Corso fragte ihn, ob es nicht möglich sei, daß der Verleger vor seinem Tod mit irgend jemandem über das Manuskript gesprochen habe, aber sein Freund war skeptisch. Taillefer hatte nachdrücklich darauf bestanden, daß er den Mund hielt, bis er selbst ihm einen entsprechenden Hinweis geben würde. Und das hatte er zum Schluß unterlassen, es sei denn, man interpretierte seinen Selbstmord als Hinweis.
»Warum nicht?« fragte Corso. »Das wäre doch kein schlechter Hinweis.«
La Ponte ließ ein zynisches Lachen vernehmen und wollte dann nähere Einzelheiten über den Besuch bei Liana Taillefer wissen, den er mit obszönen Bemerkungen kommentierte. Dann beendeten beide das Gespräch, ohne daß Corso ihm von seinem Erlebnis in Toledo berichtet hätte.
Nachdem er eingehängt hatte, wandte sich der Bücherjäger wieder den Neun Pforten zu, aber es wollte ihm nicht mehr gelingen, sich darauf zu konzentrieren. Seine Gedanken kreisten um das Dumas-Manuskript. Eine innere Stimme sagte ihm, daß zwischen dem Vin d’Anjou und dem Anschlag, der in Toledo auf ihn verübt worden war, eine Verbindung bestand, auch wenn er diese Ahnung nicht begründen konnte. Er wußte nur, daß er seit seinem Besuch bei der Witwe Taillefer eine seltsame Unruhe mit sich herumtrug. Schließlich holte er den Ordner mit den blauen und weißen Blättern, massierte sich die schmerzende Hand und rief die DUMAS-Dateien im Computer auf. Der Bildschirm begann zu blinken. Unter dem Dateinamen BIO fand er folgendes:
Dumas, Alexandre (Alexandre Davy de la Pailleterie). Geboren am 24.7.1802. Gestorben am 5.12.1870. Sohn des Thomas Alexandre Dumas, General der Republik. Autor von 257 Romanen, Memoiren und anderen Erzählungen. 25 Theaterstücke. Hat exotische Gesichtszüge, da väterlicherseits Mulatte. Außeres Erscheinungsbild: groß gewachsen,
kraftstrotzend, mächtiger Hals, Kraushaar, fleischige Lippen, lange Beine. Charaktereigenschaften: vergnügungssüchtig, dominant, schwindlerisch, unzuverlässig, jovial. Hatte mindestens 27 Geliebte, zwei eheliche und vier uneheliche Kinder. Verdiente mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein Vermögen, das er für Feste, Reisen, teure Weine und Blumenarrangements verschwendete oder sich von den Geliebten, Freunden und Schmarotzern abknöpfen ließ, die ihn in seinem Schloß belagerten. Seine Freigebigkeit brachte ihn schließlich an den Rand des Ruins. Nicht politische Gründe, wie im Fall seines Freundes Victor Hugo, sondern die Gläubiger zwangen ihn zur Flucht aus Paris. Freunde: Hugo, Lamartine, Michelet, Gérard de Nerval, Nodier, George Sand, Berlioz, Théophile Gautier, Alfred de Vigny u. a. Feinde: Balzac, Badère u. a.
Nein, das brachte ihn nicht weiter. Unzählige Fährten, die falsch oder nutzlos waren: Corso hatte das Gefühl, im dunkeln zu tappen. Und doch mußte es irgendwo einen Anhaltspunkt geben. Mit seiner gesunden Hand gab er den Dateinamen DUMAS.NOV ein:
Romane von Alexandre Dumas, die in Fortsetzungen erschienen sind: 1831: Historische Szenen (Revue des Deux Mondes). 1834: Jacques I et Jacques II (Journal des Enfants). 1835: lsabel de Bavière (Dumont). 1836: Murat (La Presse). 1837: Pascal Bruno (La Presse). Die Geschichte eines Tenors (Gazette Musicale). 1838: Lecomte Horace (La Presse). La salle d’armes (Dumont). Le capitaine Paul (Le Siècle). 1839: Jacques Ortis (Dumont). Leben und Abenteuer des John Davis (Revue de Paris).Le capitaine Panphile (Dumont). 1840: Mémoires d’un maître d’armes (Revue de Paris). 1841: Der Chevalier von Harmental (Le Siècle). 1843: Sylvandire (La Presse). Das Brautkleid (La Mode). Albine (Revue de Paris). Ascanio (Le Siècle). Fernande (Revue de Paris). Amaury (La Presse). 1844: Die drei Musketiere (Le Siècle). Gabriel Lambert (La Chronique). Eine Tochter des Regenten (Le Commerce). Eine korsische Familie (Démocratie Pacifique).Der Graf von Monte Christo (Journal des Débats). La comtesse Berthe (Hetzel). Die Geschichte eines Nußknackers (Hetzel). Die Königin Margot (La Presse). 1845: Nanon de Lartigues (La Patrie). Zwanzig Jahre nachher (Le Siècle). Der Chevalier von Maison-Rouge (Démocratie Pacifique). Die Dame von Monsoreau (Le Constitutionnel). Madame de Condé (La Patrie). 1846: La vicomtesse de Cambes (La Patrie). Der Bastard von Mauleon (Le Commerce). Joseph Balsamo (La Presse). L’abbesse de Pessac (La Patrie). 1847: Die Fünfundvierzig (Le Constitutionnel). Der Graf von Bragelonne (Le Siècle). 1848: Das Halsband der Königin (La Presse). 1849: Die fünf Ehen des Vaters Olifus (Le Constitutionnel). 1850: Gott lenkt (Événement). Die schwarze Tulpe (Le Siècle). Histoire d’une colombe (Le Siècle). Ange Pitou (La Presse). 1851: Olympia von Clèves (Le Siècle).1852: Gott und Teufel (Le Pays). Die Gräfin von Charny (Cadot). Isaak Laquedem