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Tatsächlich waren Beine, Arme und Hals der Menken auf dem Foto entblößt, was in der damaligen Zeit wohl einem Skandal gleichkam. Die junge Frau, die der Kamera mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem Objekt ihrer Umarmung, hatte den Kopf an die mächtige Schulter des Greises gelehnt. Und was diesen selbst betraf, so kündete sein Gesicht von einem langen Leben in Saus und Braus. Er hatte die drallen Wangen eines Genußmenschen, und um seine Lippen spielte ein sattes, ironisches Lächeln. Die Augen betrachteten den Fotografen mit spöttischem Hintersinn, als wolle er ihn zu seinem Verbündeten machen. Der dickleibige Alte mit dem unzüchtigen, feurigen Mädchen, das ihn wie eine seltene Trophäe vorzeigte - ihn, dessen Romanhelden und Abenteuer so viele Frauen zum Träumen brachten: Man hatte den Eindruck, der alte Dumas bitte um Verständnis dafür, daß er der Grille einer jungen Göre nachgab, die sich partout mit ihm fotografieren lassen wollte - aber sie war auch verdammt hübsch, die Kleine mit der samtigen Haut und den glühenden Lippen, die ihm das Leben auf dem letzten Wegabschnitt, drei Jahre vor seinem Tod, noch beschert hatte. Der alte Lüstling.

Corso schloß das Buch mit einem Gähnen. Seine Armbanduhr, ein altmodischer Chronometer, den er oft aufzuziehen vergaß, war auf Viertel nach zwölf stehengeblieben. Er trat auf die Veranda hinaus, öffnete eines der Schiebefenster und sog die frische Nachtluft ein. Die Straße machte nach wie vor einen völlig ausgestorbenen Eindruck.

>Wie seltsam das alles istx, dachte er, während er zu seinem Schreibtisch zurückging, um den Computer abzuschalten. Seine Augen fielen auf den Aktenordner mit dem DumasManuskript, er schlug ihn mechanisch auf und nahm sich noch einmal die fünfzehn Blätter mit den zweierlei Handschriften vor: elf waren hellblau und vier weiß. >Apres des nouvelles presque désespérées du roi ...< >Nach den fast hoffnungslos klingenden Nachrichten über das Befinden des Königs ...< Corso ging zu dem Stoß Bücher auf dem Boden und wählte einen dicken roten Wälzer aus - eine anastatische Ausgabe von J. C. Lattes, 1988 -, der die gesamte Trilogie der Drei Musketiere enthielt sowie den Grafen von Monte Christo in der kurz nach Dumas’ Tod erschienenen Ausgabe von Le Vasseur mit Kupferstichen. Auf Seite 144 fand er das Kapitel mit der Überschrift Le vin d’Anjou und begann zu lesen, wobei er mit der Originalhandschrift verglich. Bis auf ein paar kleine Errata waren die beiden Texte identisch. Im Buch war das Kapitel mit zwei Zeichnungen von Maurice Leloir illustriert, die Huyot gestochen hatte: König Ludwig XIII. eilt mit zehntausend Mann zur Belagerung von La Rochelle. Im Vordergrund vier Reiter seines Geleits, Musketen in der Hand, mit breitkrempigem Hut und Uniformrock der Kompanie de Tréville; bei dreien von ihnen handelte es sich mit Sicherheit um Athos, Porthos und Aramis. Kurz darauf würden sie sich mit ihrem Freund d’Artagnan treffen, der als einfacher Kadett in der Gardekompanie des Herrn Des Essarts dient. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Gascogner noch nicht, daß die Flaschen mit Anjouwein ein vergiftetes Geschenk seiner Todfeindin Milady de Winter sind, mit denen sie sich dafür rächen will, daß d’Artagnan sie so schmählich gekränkt hat. Diesem ist es nämlich mit einem Täuschungsmanöver gelungen, sich Zugang ins Bett der Spionin Richelieus zu verschaffen und in den Genuß einer Liebesnacht zu kommen, die eigentlich dem Grafen von Wardes zugestanden hätte. Als wäre das nicht genug, hat d’Artagnan zufällig auch noch das schreckliche Geheimnis Miladys entdeckt: die Lilie auf ihrer Schulter, das Schandmal, mit dem sie vom Henker gebrandmarkt worden ist.

In Anbetracht dieser Vorgeschichte und des Charakters von Milady versteht man auch die Szene, die auf dem zweiten Kupferstich dargestellt ist: Vor den erschrockenen Augen d’Artagnans und seiner Kameraden verendet ihr Diener Brisemont unter fürchterlichen Qualen, weil er von dem Wein getrunken hat, der für seinen Herrn bestimmt war. Völlig im Bann der spannenden Erzählung, die er seit zwanzig Jahren nicht mehr gelesen hatte, gelangte Corso zu der Stelle, in der die drei Musketiere und d’Artagnan über Milady sprechen:

»Ihr seht, lieber Freund«, sagte d’Artagnan zu Athos, »es ist ein Krieg aufleben und Tod!«

Athos schüttelte den Kopf. »Ja, das sehe ich. Aber glaubt Ihr, sie ist es?«

»Das steht fest!«

»Doch ich muß Euch eingestehen, ich zweifle noch immer daran.«

»Und die Lilie auf der Schulter?«

»Vielleicht eine Engländerin, die irgendein Verbrechen in Frankreich begangen hat und dafür gebrandmarkt worden ist.«

»Aber ich sage Euch, es ist Eure Frau, Athos«, antwortete d’Artagnan. »Erinnert Ihr Euch nicht, wie sehr sich die beiden Beschreibungen gleichen?«

»Ich glaubte, sie wäre tot; ich hatte sie so gut gehenkt!« D’Artagnan schüttelte nun den Kopf.

»Aber was läßt sich jetzt tun?« fragte er.

»Man kann nicht ewig mit einem Damoklesschwert über dem Haupt leben«, sagte Athos. »Man muß aus dieser Lage herauskommen.«

»Aber wie?«

»Hört! Sucht mit ihr zusammenzukommen und Euch mit ihr auseinanderzusetzen! Sagt zu ihr: Entweder Krieg oder Frieden! Mein Wort als Edelmann, daß ich nie etwas von Euch sagen, nie etwas gegen Euch unternehmen werde. Dafür schwört mir feierlich, daß Ihr mir gegenüber neutral bleiben wollt. Wenn nicht, so suche ich den Kanzler, den König, den Henker auf; ich hetze den Hof gegen Euch, zeige Euch als gebrandmarkt an, lasse Euch vor Gericht stellen, und wenn man Euch freispricht, so töte ich Euch, so wahr ich ein Edelmann bin, am nächsten besten Eckstein, gerade wie ich einen tollen Hund töten würde.«

»Das wäre mir schon recht«, sagte d’Artagnan.

Eine Erinnerung zieht andere Erinnerungen nach sich. Auf einmal war es Corso, als husche eine vertraute Gestalt durch seine Gedanken. Er schaffte es, sie zu fixieren, bevor sie ihm entschwinden konnte. Es war wieder der Typ in der schwarzen Livree, der Chauffeur des Jaguars vor Liana Taillefers Haus, der Fahrer des Mercedes in Toledo ... Der Mann mit der Narbe. Und es war Milady gewesen, die ihn aus seinem Gedächtnis heraufbeschworen hatte. Er dachte verwirrt über diesen Umstand nach. Und plötzlich stand klar und deutlich ein Bild vor seinen Augen. Milady, natürlich. Milady de Winter, wie d’Artagnan sie zum erstenmal sieht: im ersten Kapitel des Romans, den Kopf wie eingerahmt im Fenster ihrer Kutsche vor dem Gasthof in Meung. Milady im Gespräch mit einem Unbekannten ... Corso blätterte das Buch rasch durch und hatte die betreffende Stelle bald gefunden:

... ein etwa vierzig- bis fünfundvierzigjähriger Mann mit stechenden schwarzen Augen, bleicher Gesichtsfarbe, stark hervortretender Nase und schwarzem, sauber gestutztem Schnurrbart.

Rochefort. Der üble Geheimagent des Kardinals, der Feind d’Artagnans, der es soweit bringt, daß man im ersten Kapitel mit Stöcken, Schaufeln und Feuerzangen über den jungen Gascogner herfällt, der Edelmann, der ihm den Empfehlungsbrief an Herrn de Treville stiehlt und der indirekt daran schuld ist, daß d’Artagnan sich beinahe mit Athos, Porthos und Aramis duelliert ... Nach dieser Gedächtnispirouette, die zu einer ungewöhnlichen Assoziation von Gedanken und Figuren geführt hatte, kratzte Corso sich ratlos am Kopf. Was verband den Begleiter Miladys mit dem Chauffeur, der ihn in Toledo hatte überfahren wollen? Und dann die Narbe - in dem Abschnitt, den er soeben gelesen hatte, war keine Rede davon. Und doch mußte Rochefort ein Mal im Gesicht gehabt haben, daran erinnerte er sich gut. Er blätterte in dem Buch herum, bis er im dritten Kapitel die Bestätigung seiner Vermutung fand, dort, wo d’Artagnan Herrn de Treville von seinem Abenteuer erzählt: