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»Der kommt von allein wieder zu uns zurück«, sagte sie und betrachtete Corso, bevor ihr Blick auf den Fluß hinausschweifte. »Sieh zu, daß du nächstes Mal vorsichtiger bist.«

Corso nahm die feuchte Zigarette aus dem Mund und begann sie zwischen den Fingern zu zerbröseln.

»Ich dachte, daß ...«

»Alle Menschen denken immer, daß ... Bis sie auf die Schnauze fallen.«

Auf einmal merkte Corso, daß das Mädchen verletzt war. Nichts Größeres: nur ein dünner Faden Blut, der ihr aus der Nase auf die Oberlippe rann und von dort zum Kinn.

»Deine Nase blutet«, stellte er scharfsinnig fest.

»Ich weiß«, entgegnete sie gelassen und wischte es mit der Hand ab, um dann ihre blutigen Finger zu betrachten.

»Wie hat er das gemacht?«

»Eigentlich bin ich selbst schuld daran.« Sie strich die Hand an der Hose ab.

»Ich bin am Anfang auf ihn gesprungen, und dabei habe ich mir etwas weh getan.«

»Wer hat dir solche Sachen beigebracht?«

»Was für Sachen?«

»Ich habe dich gesehen, wie du dort drüben Stellung bezogen hast.« Corso imitierte plump die Geste, die sie mit den Händen vollführt hatte. »Und wie du dann auf ihn losgegangen bist.«

Er sah, daß sie schwach lächelte, während sie aufstand und sich den Hosenboden ihrer Jeans abklopfte.

»Ich habe einmal mit einem Erzengel gekämpft. Er hat gewonnen, aber ich habe ihm seine Tricks abgeguckt.«

Aus ihrer Nase tropfte noch immer Blut. Nachdem sie sich Corsos Segeltuchtasche umgehängt hatte, streckte sie die Hand aus und zog ihn hoch. Er wunderte sich über ihren festen Griff. Als er endlich wieder auf den Beinen war, taten ihm alle Knochen weh.

»Ich dachte immer, Erzengel kämpfen mit Lanzen und Schwertern.«

Sie zog das Blut durch die Nase hoch und legte den Kopf zurück, um die Blutung zum Stillstand zu bringen. Dabei sah sie ihn etwas gereizt aus den Augenwinkeln an.

»Du hast zu viele Kupferstiche von Dürer gesehen, Corso. Und das kommt dann davon.«

Über die Pont Neuf und die Straße durch den Louvre gelangten sie ohne weitere Zwischenfälle zu ihrem Hotel zurück. Auf einem beleuchteten Wegabschnitt sah Corso, daß sie immer noch blutete. Er zog ein Taschentuch heraus, aber als er sich damit ihrem Gesicht näherte, nahm sie es ihm aus der Hand und drückte es sich selbst an die Nase. Sie schritt gedankenversunken vor sich hin, ohne daß Corso erraten konnte, worüber sie nachdachte, während er sie verstörtlen von der Seite her musterte: ihren langen nackten Hals, das perfekte Profil, die matte Haut, die im milchigen Licht der Straßenlaternen vor dem Louvre schimmerte. Ihr Kopf war beim Gehen leicht nach vorn geneigt, und das gab ihr etwas Entschlossenes, ja beinahe Eigensinniges. Wenn sie um dunkle Ecken bogen, spähte sie wachsam nach allen Seiten. Später, unter den beleuchteten Arkaden der Rue de Rivoli, wirkte sie dann etwas gelöster. Ihre Nase hatte aufgehört zu bluten, und sie gab Corso das fleckige Taschentuch zurück. Jetzt schien sie es ihm sogar nachzusehen, daß er sich so idiotisch hatte austricksen lassen. Beim Gehen legte sie ihm ein paarmal die Hand auf die Schulter, als wären sie alte Kameraden, die von einem Spaziergang zurückkommen. Vielleicht war sie auch so kaputt, daß sie ein wenig Stütze brauchte. Corso, dem der Fußmarsch wieder zu einem einigermaßen klaren Kopf verholfen hatte, gefiel die Berührung zunächst. Später wurde sie ihm etwas lästig. Die Hand auf seiner Schulter weckte ein seltsames Gefühl, nicht gerade unangenehm, aber unerwartet. Es war, als wäre er innen weich, wie ein Kaubonbon.

In dieser Nacht hatte Grüber Dienst. Er nahm sich die Freiheit, einen forschenden Blick über das Paar gleiten zu lassen, über den schmutzigen, feuchten Mantel und die kaputte Brille des Bücherjägers und über das blutverschmierte Gesicht des Mädchens. Aber er zeigte keinerlei Reaktion, zog nur höflich eine Augenbraue hoch und drückte mit einer stummen Verbeugung aus, daß er ganz zu Corsos Verfügung stehe, bis dieser ihn mit einer knappen Geste beruhigte. Darauf legte der Portier einen verschlossenen Umschlag und zwei Schlüssel auf die Rezeption. Sie betraten den Lift, und Corso wollte gerade den Briefumschlag öffnen, als die Nase des Mädchens erneut zu bluten begann. Also steckte er die Nachricht in seine Manteltasche und förderte wieder das Taschentuch zutage. Im Stockwerk des Mädchens angekommen, schlug er vor, einen Arzt zu rufen, aber sie schüttelte nur den Kopf und verließ den Aufzug. Nach kurzem Zögern folgte er ihr in den Korridor. Auf dem Teppichboden hinterließ sie eine dünne Blutspur. Als sie in ihrem Zimmer waren, befahl er ihr, sich aufs Bett zu setzen, während er selbst ins Bad ging und ein Handtuch mit Wasser tränkte.

»Schieb dir das in den Nacken, und leg den Kopf zurück.« Sie gehorchte ihm wortlos. Die außergewöhnliche Energie, die sie am Seineufer bewiesen hatte, war restlos verschwunden, was auch von dem Nasenbluten kommen konnte. Corso zog ihr den Mantel und die Tennisschuhe aus, drückte sie ins Bett zurück und stopfte ihr das Kopfkissen unters Kreuz; sie ließ alles mit sich geschehen wie ein völlig erschöpftes kleines Kind. Bevor er alle Lichter löschte, bis auf die Lampe im Bad, sah er sich kurz um: Auf der Ablage unter dem Waschbeckenspiegel befand sich eine Zahnbürste, eine Tube Zahnpasta und eine kleine Flasche Shampoo. Davon abgesehen konnte er kaum persönliche Habseligkeiten entdecken, nur ihren Rucksack, der offen auf einem Sessel lag, die Postkarten, die sie am Vortag zusammen mit den Drei Musketieren gekauft hatte, einen grauen Wollpullover, zwei T-Shirts, ein paar weiße Slips, die zum Trocknen auf dem Heizkörper lagen, und natürlich ihren Kapuzenmantel. Corso sah das Mädchen etwas ratlos an. Er war unentschlossen, ob er sich auf die Bettkante oder sonstwohin setzen sollte. Das Gefühl einer heraufziehenden Gefahr, das er bereits in der Rue Rivoli gehabt hatte, meldete sich auch jetzt wieder zu Wort, in seinem Bauch oder wo auch immer. Aber er konnte sich nicht einfach aus dem Staub machen -nicht, solange es ihr schlecht ging. Schließlich blieb er einfach unentschlossen im Raum stehen. Seine Hände waren in den Manteltaschen vergraben, und eine drückte den leeren Flachmann. Er warf einen gierigen Blick auf die Minibar, die noch mit der Hotelbanderole versiegelt war. »Du warst echt gut dort unten am Fluß«, stieß er hervor, nur um irgend etwas zu sagen. »Ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt.«

Sie lächelte matt und schläfrig, aber ihre Augen, deren Pupillen aufgrund der schummrigen Beleuchtung geweitet waren, hatten jede Bewegung Corsos aufmerksam verfolgt.

»Was läuft hier eigentlich ab?« fragte er.

Sie gab ihm mit einem ironischen Blick zu verstehen, daß seine Frage absurd war:

»Die sind offensichtlich hinter etwas her, das du hast.«

»Das Dumas-Manuskript? Die Neun Pforten?«

Das junge Mädchen seufzte leise, als wollte sie sagen: Vielleicht geht es ja um etwas ganz anderes.

»Du bist doch ein intelligenter Mensch, Corso«, meinte sie schließlich. »Hast du denn gar keine Hypothese?«

»Hypothesen habe ich viele. Was mir fehlt, sind Beweise.«

»Man braucht nicht immer Beweise.«

»Das gilt nur für Kriminalromane: Sherlock Holmes oder Poirot reicht es, sich vorzustellen, wer der Mörder ist und wie er das Verbrechen begangen hat. Dann erfinden sie den Rest dazu und erzählen die Geschichte, als wäre sie wirklich so passiert. Watson oder Hastings applaudieren ihnen begeistert und jubeln: >Bravo, Meister, genauso ist es gewesene Und der Mörder, dieser Idiot, gesteht.«

»Ich wäre auch bereit, dir zu applaudieren.«

Diesmal steckte keine Ironie in ihrer Bemerkung. Sie beobachtete ihn gespannt und wartete auf ein Wort von ihm oder eine Geste.

Corso trat verlegen von einem Bein aufs andere.

»Ich weiß«, sagte er. Das Mädchen sah ihm unverwandt in die Augen, als habe sie tatsächlich nichts zu verbergen. »Und ich frage mich, warum.«