Aber es sollte nicht sein. Die Räuber waren den Rimmersmännern gute zehn Minuten voraus und ihre Pferde frisch. Die Männer des Herzogs hatten sie nur einmal zu Gesicht bekommen, einen fließenden Schatten, der sich vom Rebenhügel in die Ebene hinunterzog und durch die flachen Hügel auf die Weldhelm-Straße zubewegte. Der Anblick hatte Isgrimnurs Truppen neu belebt, und sie hatten die Pferde den Hang hinab- und in die Täler der Vorberge des Weldhelms gespornt. Ihre Reittiere schienen von der Erregung angesteckt und griffen auf letzte Kraftreserven zurück; eine kleine Weile hatte es ausgesehen, als könnten sie die Wegelagerer einholen und von hinten über sie kommen wie eine rächende Wolke, die über die Ebene zieht.
Statt dessen hatte sich etwas Seltsames ereignet. Eben noch waren sie bei Sonnenschein dahingaloppiert, als sich auf einmal die Welt merklich verdunkelte. Als sich daran nichts änderte und eine halbe Meile weiter die Hügel ringsum immer noch leblos und grau waren, hatte Isgrimnur nach oben geblickt und über sich am Himmel einen Knoten stahlgrauer, wirbelnder Wolken gesehen, eine Schattenfaust vor der Sonne. Ein unbestimmtes, grollendes Krachen, und plötzlich schüttete der Himmel Regen über sie aus – zuerst plätschernd, dann in Sturzbächen.
»Woher kam das?« hatte Einskaldir zu ihm herübergerufen; zwischen ihnen hatte sich ein Vorhang aus zischendem Nebel gebildet. Isgrimnur wußte es nicht, war jedoch äußerst beunruhigt – noch nie hatte er an einem so verhältnismäßig klaren Himmel derart schnell ein Gewitter heraufziehen sehen. Als einen Augenblick später ein Pferd auf dem nassen, verfilzten Gras ausgerutscht und gestolpert war und seinen Reiter abgeworfen hatte – der, Ädon sei Dank, ohne Schaden zu nehmen gelandet war –, hatte Isgrimnur die Stimme erhoben und seinen Männern zugebrüllt, haltzumachen.
So kam es, daß sie sich entschlossen hatten, ihr Lager an dieser Stelle aufzuschlagen, nur etwa eine Meile von der Weidhelm-Straße entfernt. Der Herzog hatte kurz erwogen, zur Abtei zurückzureiten, aber Menschen und Pferde waren müde, und das Feuer, das bei ihrem Fortreiten aus den Hauptgebäuden gelodert hatte, ließ vermuten, daß nicht mehr viel dasein würde, zu dem man zurückkehren konnte. Nur der verwundete Einskaldir, der – was Isgrimnur freilich besser wußte – manchmal keinerlei Gefühle außer einer allumfassenden Wildheit zu besitzen schien, war noch einmal losgeritten, um Hoves Leichnam zu holen und alles von dort mitzubringen, was einen Hinweis auf die Identität oder die Beweggründe der Angreifer geben konnte. Der Herzog, der Einskaldir und seine Art kannte, hatte rasch eingewilligt und nur verlangt, daß er Sludig mitnehmen müsse, der nicht ganz so ein Feuerkopf war. Sludig war ein ausgezeichneter Kämpfer, schätzte aber trotzdem die eigene Haut hoch genug ein, um ein Gegengewicht zu dem leicht entflammbaren Einskaldir zu bilden.
Und hier stehe ich nun, dachte Isgrimnur müde und angewidert, und röste mir den Arsch am Lagerfeuer, während die jungen Kerle die Arbeit tun. Verflucht sei das Alter, verflucht mein schmerzender Rücken, verflucht Elias, verflucht diese elenden Zeiten! Er sah auf die Erde hinunter, bückte sich und hob das Stück Holz wieder auf, das dort lag und von dem er gehofft hatte, irgendein Wunder würde ihm helfen, es in einem Baum zu verwandeln, den seine Frau Gutrun auf der Brust tragen könnte, wenn er zu ihr zurückkehrte. Und verflucht sei das Schnitzen! Er übergab das Holzstück den Flammen.
Isgrimnur war gerade dabei, Kaninchenknochen ins Feuer zu werfen – er fühlte sich jetzt ein wenig besser, weil er gegessen hatte –, als plötzlich Hufschläge herandonnerten. Der Herzog ließ die Hände sinken, um sich das Fett am Kittel abzuwischen, und seine Lehnsmänner taten das gleiche, denn eine schlüpfrige Hand an der Axt oder am Schwert war gefährlich. Es klang nach einer ganz kleinen Reiterschar, höchstens zwei oder drei, aber trotzdem entspannte sich keiner der Männer, bevor Einskaldir und sein weißes Roß klar aus der Dämmerung hervortraten. Sludig ritt gleich hinterher und führte ein drittes Pferd, über dessen Sattelknopf etwas hing … zwei Körper.
Zwei Körper, aber, wie Einskaldir auf seine knappe Art erklärte, nur eine Leiche.
»Ein Junge«, grunzte Einskaldir, dessen dunkler Bart bereits von Kaninchenfett glänzte. »Fand ihn beim Herumschnüffeln. Dachte, wir sollten ihn mitbringen.«
»Warum?« brummte Isgrimnur. »Sieht nach nichts anderem als einem Leichenfledderer aus.«
Einskaldir zuckte die Achseln. Sein Begleiter, der blondhaarige Sludig, grinste: Seine Idee war es nicht gewesen.
»Keine Häuser in der Nähe. In der Abtei haben wir keinen Jungen gesehen. Woher ist er gekommen?« Einskaldir schnitt sich mit dem Messer ein weiteres Stück ab. »Als wir ihn packten, schrie er nach jemandem. Klang wie ›Bennah‹ oder ›Binnock‹, kann's nicht genau sagen.«
Isgrimnur wandte sich ab, um einen kurzen Blick auf Hoves Leichnam zu werfen, den man auf einen Mantel gebettet hatte. Er war ein Verwandter gewesen, Vetter der Frau seines Sohnes Isorn – kein naher Verwandter, aber nach den Bräuchen des kalten Nordens nahe genug für Isgrimnur, um einen schmerzhaften Stich von Reue zu empfinden, als er auf das schneeblasse Gesicht des jungen Mannes mit dem dünnen gelben Bart starrte.
Dann drehte er sich zu dem Gefangenen um, der noch immer an den Händen gefesselt war. Man hatte ihn vom Pferd gehoben und an einen Felsen gesetzt. Der Junge zählte nur ein paar Jahre weniger als Hove. Er war mager, aber drahtig, und der Anblick seines sommersprossigen Gesichtes und des rötlichen Haarschopfes weckten in Isgrimnur eine schwache Erinnerung. Aber es wollte ihm nichts dazu einfallen. Der Junge war von dem Hieb, den Einskaldir ihm gegeben hatte, noch immer betäubt. Er hatte die Augen geschlossen, der Mund hing schlaff.
Sieht aus wie jeder arme Bauerntölpel, dachte der Herzog, außer den Stiefeln – und ich wette, die hat er in der Abtei gefunden. Warum im Namen von Memurs Quell hat Einskaldir ihn hergeschleppt? Was soll ich mit ihm anfangen? Ihn töten? Ihn behalten? Ihn hierlassen, damit er verhungert?
»Wir wollen Steine suchen gehen«, sagte der Herzog endlich. »Hove wird einen Hügel brauchen – die Gegend sieht mir nach Wölfen aus.«
Es war Nacht geworden; die Felsgruppen, die über die verlassene Ebene am Fuß des Weidhelms verstreut lagen, bildeten nur Klumpen dichteren Schattens. Man hatte das Feuer hoch aufgeschürt, und die Männer lauschten Sludig, der ein unanständiges Lied sang. Isgrimnur wußte nur zu gut, warum Männer, deren Blut geflossen war und die einen der Ihren verloren hatten – Hoves unauffälliger Steinhaufen war einer der Schattenklumpen jenseits des Feuerscheines –, den Drang fühlten, sich auf so törichte Weise zu belustigen. Wie er selbst vor Monaten gesagt hatte, als er König Elias an seiner Tafel gegenüberstand, lagen Gerüchte in der Luft, die den Menschen angst machten. Hier auf der offenen Ebene, mehr erdrückt als beschützt von den düster aufragenden Bergen, ließen sich Dinge, die man sich auf dem Hochhorst oder in Erchester als Geschichten von Reisenden, als Geistermärchen zur Belebung eines langweiligen Abends anhörte, nicht ohne weiteres mit einer lachenden Bemerkung abtun. Darum sangen die Männer, und ihre Stimmen erzeugten einen unmelodischen, aber sehr menschlichen Lärm in der Wildnis der Nacht.
Und einmal ganz abgesehen von irgendwelchen Geistergeschichten, wir sind heute angegriffen worden, dachte Isgrimnur, und ich weiß einfach keinen Grund dafür. Sie haben auf uns gewartet. Was im Namen des süßen Usires hat das zu bedeuten?
Es war möglich, daß die Räuber einfach auf die nächste Gruppe von Reisenden gewartet hatten, die in der Abtei abstieg – aber warum? Wenn sie nur auf Raub und Beute aus waren, wieso plünderten sie dann nicht die Abtei selbst, in der es bestimmt zumindest ein paar schöne Reliquienkästchen gab? Und warum warteten sie ausgerechnet in einem Kloster auf zufällig des Weges Kommende, an einem Ort, an dem es naturgemäß für jede Art von Diebstahl und Raub Zeugen geben mußte?