Nicht daß noch viele Zeugen übrig sind, verdammte Kerle. Einer vielleicht, wenn sich herausstellt, daß dieser Junge etwas gesehen hat.
Es ergab einfach keinen Sinn. Warten und dann eine Schar Reisender zu überfallen, die sich selbst in diesen unsicheren Zeiten durchaus als Wachen des Königs entpuppen konnten – und sich ja wirklich als bewaffnete, kampferprobte Nordmänner erwiesen hatten …
Also mußte man die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß man es tatsächlich auf ihn und seine Männer abgesehen hatte. Aber warum? Und ebenso wichtig: wer? Isgrimnurs Feinde, allen voran Skali von Kaldskryke, waren ihm wohlbekannt, und keiner der Räuber war als einer von Skalis Männern erkannt worden. Außerdem war Skali längst wieder in Kaldskryke; wie hätte er erfahren sollen, daß Isgrimnur das faule Leben so tödlich satt gehabt und um die Sicherheit seines Herzogtums gefürchtet hatte, daß er sich endlich doch aufgerafft hatte, Elias gegenüberzutreten, um nach einem Wortwechsel die – wenn auch widerwillige – königliche Erlaubnis von ihm zu erhalten, seine Männer nach Norden zu führen?
»Wir brauchen dich hier, Onkel«, hat er zu mir gesagt. Er wußte, daß ich das schon längst nicht mehr glaubte. Wollte mich nur im Auge behalten, nehme ich an.
Trotzdem hatte Elias bei weitem nicht so heftigen Widerstand geleistet, wie der Herzog befürchtet hatte; der Wortwechsel war ihm als bloße Formsache erschienen, als hätte der junge König vorher gewußt, daß es zu dieser Auseinandersetzung kommen würde, und sich bereits entschieden nachzugeben.
Zornig über seine Gedanken, die sich ständig im Kreise drehten, wollte Isgrimnur gerade aufstehen und zu seinen Schlafdecken gehen, als Frekke zu ihm trat. Das Feuer im Rücken des alten Soldaten verwandelte ihn in einen hageren, schwankenden Schatten. »Einen Augenblick, herzogliche Gnaden?«
Isgrimnur unterdrückte ein Grinsen. Der alte Bastard mußte betrunken sein. So förmlich drückte er sich nur aus, wenn er einen in der Krone hatte.
»Ja?«
»Es ist der Junge, Gebieter, den Einskaldir mitgebracht hat. Er ist wach. Dachte, vielleicht wollten Euer Gnaden ein wenig mit ihm plaudern.« Er torkelte leicht, machte aber schnell eine Gebärde daraus, als wollte er sich die Hosen hochziehen.
»Na ja, vielleicht sollte ich das.« Der Wind wehte stärker. Isgrimnur zog sein Wams enger um sich und wollte sich eben umdrehen, als er noch einmal innehielt. »Frekke?«
»Herzogliche Gnaden.«
»Hab die verdammte Schnitzerei ins Feuer geworfen.«
»Das hab ich mir gedacht, Gebieter.«
Als Frekke auf dem Absatz kehrt machte, um sich zu seinem Bierkrug zurückzuverfügen, war Isgrimnur sicher, daß der alte Mann ein ganz kleines Lächeln auf den Lippen hatte.
Ach was, verdammt sollte er sein, er und sein Holz.
Der Junge hatte sich aufgesetzt und nagte das Fleisch von einem Knochen. Neben ihm auf einem Felsblock hockte Einskaldir und machte einen täuschend entspannten Eindruck – Isgrimnur hatte noch nie gesehen, daß der Mann sich wirklich entspannte. Der Feuerschein reichte nicht bis zu Einskaldirs tiefliegendem Blick, aber als der Junge aufschaute, war er großäugig wie ein am Waldteich überraschter Hirsch.
Als der Herzog näher kam, hörte der Junge auf zu kauen und musterte Isgrimnur einen Augenblick argwöhnisch mit halbgeöffnetem Mund. Dann aber sah Isgrimnur selbst im schwachen Glühen des Feuers, wie etwas über das Gesicht des Jungen ging … war es Erleichterung? Isgrimnur wurde unruhig. Er hatte trotz Einskaldirs Verdacht – der Mann war vor lauter Mißtrauen stachlig wie ein Igel – erwartet, einen verängstigten Bauernjungen vorzufinden, verschreckt oder zumindest voll dumpfer Furcht. Dieser hier sah zwar wie ein Bauer aus, der in zerlumpte Kleider gehüllte Sohn eines unwissenden Kätners, schmutzig am ganzen Leib, aber es lag eine gewisse Wachheit in seinem Blick, die den Herzog veranlaßte, sich zu fragen, ob Einskaldir nicht doch recht gehabt hatte.
»Also, Junge«, sagte er grob in der Westerlingsprache, »was hattest du vor, als du da in der Abtei herumgestochert hast?«
»Ich glaube, ich werde ihm jetzt den Hals abschneiden«, bemerkte Einskaldir in Rimmerspakk, und sein freundlicher Tonfall stand in schrecklichem Gegensatz zu den Worten. Isgrimnur warf ihm einen finsteren Blick zu und fragte sich, ob der Mann den Verstand verloren hatte, begriff dann aber, als der Junge weiter ohne besondere Furcht zu ihm aufsah, daß Einskaldir nur festzustellen versucht hatte, ob der Junge ihre Sprache verstand.
Wenn er es tut, hat er wohl den kühlsten Kopf, den ich je gesehen habe, dachte Isgrimnur. Nein, das war von der Einbildungskraft zuviel verlangt, sich vorzustellen, daß ein Junge dieses Alters mitten in einem Lager bewaffneter Fremder Einskaldirs eiskalte Worte verstanden haben sollte, ohne darauf irgendeine Reaktion zu zeigen.
»Er versteht nicht«, sagte der Herzog in ihrer Rimmersgard-Sprache zu seinem Lehnsmann. »Aber er ist erstaunlich ruhig, nicht wahr?« Einskaldir grunzte zustimmend und kratzte sich durch den dunklen Bart das Kinn.
»Also, Junge«, begann der Herzog von neuem. »Ich habe dich schon einmal gefragt. Sprich! Was hat dich zu der Abtei geführt?«
Der Junge senkte den Blick und legte den Knochen, an dem er genagt hatte, auf den Boden. Wieder fühlte Isgrimnur, wie etwas an seinem Gedächtnis zupfte, aber immer noch konnte er sich nicht erinnern.
»Ich habe … ich suchte … ein Paar neue Schuhe zum Anziehen.« Der Junge deutete auf seine sauberen, gepflegten Stiefel. Der Herzog erkannte ihn an der Aussprache als Erkynländer und noch etwas anderes … aber was?
»Und wie ich sehe, hast du welche gefunden.« Der Herzog hockte sich nieder, so daß sie Auge in Auge waren. »Weißt du, daß man gehängt werden kann, wenn man die unbegrabenen Toten bestiehlt?«
Endlich eine befriedigende Reaktion! Das Zusammenzucken des Jungen bei dieser Drohung konnte nicht vorgetäuscht sein, davon war Isgrimnur überzeugt. Gut!
»Es tut mir leid … Herr. Ich habe es nicht böse gemeint. Ich war hungrig vom Laufen, und meine Füße taten weh…«
»Vom Laufen woher?« Jetzt hatte er es: Der Junge drückte sich zu gewandt aus für ein Holzfällerbalg. Er mußte ein Priesterschüler oder der Sohn eines Ladenbesitzers oder etwas in dieser Richtung sein.
Einen Moment lang hielt der Junge Isgrimnurs Blick stand; wieder hatte der Herzog das Gefühl, der Junge berechne etwas. War er vielleicht aus einer Priesterschule entlaufen oder aus einem Kloster? Was verbarg er?
»Ich … ich habe meinen Meister verlassen, Herr. Meine Eltern … meine Eltern haben mich als Lehrling zu einem Wachszieher gegeben. Er schlug mich.«
»Was für ein Wachszieher? Wo? Schnell!«
»Mo … Malachias! In Erchester!«
Es klingt vernünftig, großenteils, entschied der Herzog. Bis auf zwei Einzelheiten.
»Und was tust du dann hier? Wie kamst du nach Sankt Hoderund? Und wer«, jetzt stieß Isgrimnur zu, »ist Bennah?«
»Bennah?«
Einskaldir, der mit halbgeschlossenen Augen zugehört hatte, beugte sich vor. »Er weiß es, Herzog«, sagte er in Rimmerspakk, »er hat ›Bennah‹ oder ›Binnock‹ gerufen, das steht fest.«
»Oder Binnock?« Isgrimnur ließ eine breite Hand auf die Schulter des Gefangenen fallen und empfand nur geringes Bedauern, als der Junge zusammenzuckte.
»Binnock? Ach so, Binnock … das ist mein Hund, Herr. Eigentlich gehört er meinem Meister. Er ist auch weggelaufen.« Und der Junge lächelte sogar, ein schiefes Grinsen, das er schnell wieder unterdrückte. Obwohl er ihm noch nicht recht traute, stellte der alte Herzog fest, daß ihm der Junge gefiel.