»Ich will nach Naglimund, Herr«, fuhr dieser rasch fort. »Ich hatte gehört, die Abtei würde Reisenden wie mir zu essen geben. Als ich die … Leichen sah, die toten Männer, bekam ich Angst … aber ich brauchte Stiefel, Herr, ich brauchte wirklich welche. Diese Mönche waren gute Ädoniter, Herr – es hätte ihnen nichts ausgemacht, nicht wahr?«
»Naglimund?« Die Augen des Herzogs wurden schmaler, und er spürte, daß Einskaldir neben dem Jungen noch etwas angespannter wurde, soweit das überhaupt ging. »Wieso Naglimund? Warum nicht Stanshire oder das Hasutal?«
»Ich habe einen Freund dort.« Hinter Isgrimnur wurde Sludigs Stimme lauter und grölte aus vollem Hals einen abschließenden trunkenen Kehrreim. Der Junge machte eine Handbewegung nach dem Feuerkreis hinüber. »Er ist ein Harfner, Herr. Er hat mir gesagt, falls ich einmal von … Malachias weglaufen würde, sollte ich zu ihm kommen, und er würde mir helfen.«
»Ein Harfner? In Naglimund?« Isgrimnur starrte ihn durchbohrend an, aber das Gesicht des Jungen, obzwar im Schatten, war unschuldig wie frische Sahne. Isgrimnur war die ganze Sache plötzlich zuwider. Schaut mich an! Verhöre einen Wachszieherjungen, als ob er ganz allein den Hinterhalt in der Abtei befehligt hätte. Was für ein verdammter Tag heute!
Einskaldir war noch nicht zufrieden. Er näherte sein Gesicht dem Ohr des Jungen und fragte in seinem schweren Akzent: »Wie heißt der Harfner in Naglimund?«
Der Junge drehte sich erschreckt um, wenn auch anscheinend mehr durch Einskaldirs plötzliche Nähe als durch die Frage, denn er antwortete sofort:
»Sangfugol.«
»Bei Frayas Zitzen!« fluchte Isgrimnur und stand schwerfällig auf. »Den kenne ich. Das reicht. Ich glaube dir, Junge.« Einskaldir hatte sich auf seinem Felsensitz umgedreht, um den Männern zuzusehen, die lachend und debattierend am Feuer saßen. »Du kannst bei uns bleiben, wenn du willst, Junge«, sagte der Herzog. »Wir werden in Naglimund haltmachen, und dank diesen Hurensöhnen von Bastarden haben wir ein reiterloses Pferd. Dies ist ein hartes Land für einen jungen Burschen, der es allein durchquert, und heutzutage bedeutet es schon beinahe, sich selber die Kehle durchzuschneiden, wenn man nicht in Gesellschaft reist. Hier.« Er trat zu einem der Pferde und zog eine Satteldecke herunter, die er dem Jungen zuwarf. »Schlaf, wo du willst, nur bleib in der Nähe. Es ist leichter für den Mann, der Posten steht, wenn wir nicht überall herumliegen wie eine verstreute Schafherde.«
Isgrimnur starrte auf das Distelflaumhaar, das wirr nach allen Seiten stand, und die hellen Augen. »Einskaldir hat dir zu essen gegeben. Brauchst du noch etwas?« Der Junge blinzelte – wo hatte er ihn schon gesehen? Wahrscheinlich in der Stadt.
»Nein«, antwortete er. »Ich hoffe nur, daß … daß Binnock sich ohne mich nicht verläuft.«
»Verlaß dich auf mich, Junge. Wenn er dich nicht findet, dann jemand anderen, das ist ganz bestimmt so.«
Einskaldir hatte sich bereits entfernt. Nun stampfte auch der Herzog davon. Simon rollte sich in die Decke und legte sich vor dem Felsen nieder.
Ich habe die Sterne schon eine ganze Weile nicht mehr richtig gesehen, überlegte Simon und schaute aus seiner Decke nach oben. Die hellen Spitzen schienen in der Luft zu hängen wie erstarrte Glühwürmchen. Es ist etwas anderes hier draußen, als wenn man durch die Bäume sieht – als läge man auf einer Tischplatte.
Er dachte an Seddas Decke, und dabei fiel ihm wieder Binabik ein. Ich hoffe nur, er ist in Sicherheit … aber er hat mich den Rimmersmännern überlassen.
Es war ein glücklicher Zufall gewesen, daß es Herzog Isgrimnur war, in dessen Gefangenschaft er geraten war, aber trotzdem hatte es Augenblicke puren Entsetzens gegeben, als er im Lager zu sich gekommen war, umgeben von hart aussehenden, bärtigen Männern. Vermutlich konnte er es dem Troll nicht einmal übelnehmen, daß er sich davongemacht hatte – wenn er überhaupt gesehen hatte, daß Simon entführt worden war, und er kannte ja schließlich die Abneigung zwischen Binabiks Volk und den Rimmersmännern. Trotzdem tat es weh, auf diese Art einen Freund zu verlieren. Er würde härter werden müssen: Gerade erst hatte er angefangen, sich auf den kleinen Mann zu verlassen, damit er ihm sagte, was richtig und zu tun war, so wie er einst gebannt Doktor Morgenes gelauscht hatte. Nun, er hatte seine Lektion gelernt: Von nun an würde er sein eigener Herr sein, nur auf sich selbst hören und seinen Weg gehen.
Eigentlich hatte er Isgrimnur sein wahres Ziel nicht nennen wollen, aber der Herzog war scharfsinnig, und Simon hatte mehrmals das Gefühl gehabt, der alte Soldat wäge ihn auf Messers Schneide – ein falscher Schritt, und er wäre abgestürzt.
Außerdem, dieser Dunkle, der die ganze Zeit neben mir saß, sah aus, als würde er mir liebend gern den Hals umdrehen, wie er vielleicht ein Kätzchen ertränkt, wenn er Lust dazu hat.
Darum hatte er dem Herzog, soweit es ohne Nachteil möglich war, die Wahrheit erzählt und damit auch Erfolg gehabt. Nunmehr stellte sich die Frage, was er weiter unternehmen sollte. Bei den Rimmersmännern bleiben? Es schien töricht, es nicht zu tun, aber dennoch … Simon war sich immer noch nicht ganz sicher, auf wessen Seite der Herzog eigentlich stand. Isgrimnur wollte nach Naglimund, aber was war, wenn er dort Josua verhaftete? Alle Leute auf dem Hochhorst hatten dauernd davon geredet, wie treu Isgrimnur dem alten König Johan gewesen war, wie er den Königsfrieden höher hielt als sein eigenes Leben. Wie stand er zu Elias?
Unter keinen Umständen wollte Simon davon erzählen, welche Rolle er bei Josuas Flucht aus dem Hochhorst gespielt hatte; aber manchmal rutschte einem eben doch etwas heraus. Simon starb vor Neugier nach Neuigkeiten aus der Burg, nach dem, was nach Morgenes' letztem Schachzug geschehen war – hatte Pryrates überlebt? Inch? Was hatte Elias den Leuten über den Vorfall erzählt? Aber es waren genau diese Fragen, so listig man sie auch stellen mochte, die einen in Teufels Küche bringen konnten.
Simon war zu aufgedreht zum Schlafen. Er blickte zu den verstreuten Sternen auf und dachte an die Knochen, die er Binabik morgens hatte werfen sehen. Der Wind strich über sein Gesicht, und auf einmal waren die Sterne selbst wie Knochen – in wildem Durcheinander über das dunkle Feld des Himmels verteilt. Einsam war es hier draußen unter lauter Fremden, unter der grenzenlosen Nacht. Er sehnte sich nach seinem gemütlichen Bett in der Dienstbotenunterkunft, nach den Tagen, bevor all diese Dinge geschehen waren. Seine Sehnsucht war wie die durchdringende Musik von Binabiks Flöte: ein kühler Schmerz, der dennoch das einzige Ding auf der weiten, weiten Welt war, an das er sich klammern konnte.
Er war ein wenig eingenickt, als das Geräusch ihn weckte. Sein Herz klopfte. Noch immer brannten die Sterne tief in der Schwärze. Jähe Panik schnürte ihm die Kehle zu, als eine dunkle, unbegreiflich hohe Gestalt vor ihm aufragte. Wo war der Mond?
Eine Sekunde später erkannte er, daß es nur der Wachtposten war, der mit dem Rücken zu Simons Decke einen Augenblick stehengeblieben war. Der Posten hatte sich seine eigene Satteldecke um die Schultern geschlungen, so daß die runde Oberseite seines helmlosen Kopfes aus den Falten herausschaute.
Der Wächter ging, ohne nach unten zu sehen, vorüber. In seinem breiten Gürtel steckte eine Axt, eine bösartig, scharfe, schwere Waffe. Außerdem trug er einen Speer, der länger als er selber war; das hintere Ende schleifte im Staub, während der Rimmersmann seine Runden machte.
Simon wickelte sich fester in die Decke und duckte sich vor dem scharfen Wind, der über die Ebene wehte. Der Himmel hatte sich verändert: Wo er zuvor klar gewesen war, so daß sich die Sterne in strahlender Schärfe von seiner unergründlichen Schwärze abgehoben hatten, trübten ihn jetzt Wolkenbänder, milchige Fühler aus dem Norden, die wie Finger nach ihm griffen. Auf der anderen Seite des Himmels hatten sie die am tiefsten stehenden Sterne schon zugedeckt – wie Sand, den man über die Kohlenglut eines Feuers schüttet. Vielleicht fängt Sedda heute nacht ihren Gatten, dachte Simon schläfrig.