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Als er das zweite Mal erwachte, spritzte ihm Wasser in Augen und Nase. Er schnappte nach Luft und riß die Lider auf. Die Sterne über ihm waren so säuberlich ausgelöscht, als sei der Deckel auf eine Juwelentruhe gefallen. Es regnete; die Wolken standen jetzt genau über ihm. Simon brummte, wischte sich das Wasser vom Gesicht und drehte sich auf die Seite. Die Decke zog er sich wie eine Kapuze über den Kopf. Ein Stückchen weiter entfernt, konnte er auch den Posten wieder sehen, der sein Gesicht mit der Hand schützte und in den Regen hinaufstarrte.

Gerade wollten Simon die Augen wieder zufallen, als der Mann einen merkwürdigen, ächzenden Laut von sich gab und den Kopf senkte, um auf den Boden zu schauen. Etwas in seiner Haltung, etwas, das den Anschein erweckte, als ringe er mit jemanden, obwohl er so unbeweglich stand wie ein Felsblock, veranlaßte Simon, genauer hinzusehen. Der Regen begann in Strömen zu fließen, und in der Ferne grollte der Donner. Simon strengte sich an, in dem brodelnden Wolkenbruch den Posten zu erkennen. Der Mann stand immer noch am selben Fleck, aber jetzt entstand zu seinen Füßen eine Bewegung, etwas, das sich regte und damit aus der allgemeinen Schwärze herausgelöst hatte. Simon setzte sich auf. Ringsum klatschten und spritzten die Regentropfen auf die Erde.

Jäh erhellte ein Lichtblitz die Nacht und ließ die Felsen grell aufleuchten wie die bemalten Holzkulissen eines Usires-Spieles. Das ganze Lager war deutlich zu erkennen – die dampfenden Überreste des Feuers, die zusammengerollten schlafenden Gestalten der Rimmersmänner –, aber was Simon in jenem Bruchteil einer Sekunde ins Auge sprang, war der Posten, dessen Gesicht zu einer grauenerregenden, stummen Maske totalen Entsetzens verzerrt war.

Donner krachte, dann wurde der Himmel aufs neue von Blitzen erfüllt. Die Erde um den Posten herum kochte, warf große Sandblasen auf. Simons Herz machte einen Satz in seiner Brust, als der Mann in die Knie sank. Wieder rollte der Donner; dreimal hintereinander blitzte es auf. Noch immer sprühte die Erde wie ein Springbrunnen, aber jetzt waren überall Hände und lange dünne Arme, die bläßlich im Regen glitzerten, als sie sich am Körper des knienden Mannes hinauftasteten und ihn hinunterzerrten, kopfüber in das schwarze Erdreich. Im grellen Himmelslicht brandete eine neue, noch größere Welle an, eine Horde dunkler Wesen, die aus der Erde hervorquoll, dürre, zerlumpte Geschöpfe mit fuchtelnden Armen, weißen, glotzenden Augen, – gräßlich klar, als der Blitz über den Himmel zuckte und der Regen herunterzischte – verfilzten Bärten und Kleiderfetzen. Als der Donner nachließ, schrie Simon laut auf, verschluckte sich am Wasser, schrie wieder.

Es war schlimmer als jede Höllenvision. Die Rimmersmänner, aufgeschreckt von Simons Entsetzensschrei, wurden auf allen Seiten von hüpfenden, auf sie einschlagenden Körpern angegriffen. Die Wesen schwärmten aus dem Boden wie Ratten – und wirklich, während sie durch das Lager huschten, war die Luft von dünnen, wimmernden Quäklauten erfüllt, die nach Tunneln und Blindheit und feiger Bosheit klangen.

Einer der Nordmänner stand aufrecht, über und über von den Wesen bedeckt. Keines von ihnen war auch nur so groß wie Binabik, aber ihre Zahl war gewaltig, und noch während der Nordmann das Schwert zog, rissen sie ihn nieder. Simon glaubte das Aufblitzen scharfer Gegenstände in ihren Händen zu sehen, die sich hoben und senkten.

»Vaer! Vaer Bukken!« brüllte ein Rimmersmann von der anderen Seite des Lagers. Die Männer waren jetzt alle auf den Beinen, und wenn es blitzte, konnte Simon das bleiche Feuer ihrer Schwerter und Äxte sehen. Er trat mit den Füßen die Decke fort und sprang auf, wobei er sich verzweifelt nach einer Waffe umblickte. Die Wesen waren überall, auf ihren dünnen Beinen staksig wie Insekten, laut rufend, dünne Schreie ausstoßend, wenn die Axt eines Rimmersmannes zubiß. Ihre Schreie klangen fast wie eine Sprache, und das war mitten in diesem Alptraum beinahe das Grauenhafteste.

Simon duckte sich hinter den Felsen, der ihm Schutz gewährt hatte, drehte sich im Kreis und suchte fieberhaft nach etwas, mit dem er sich verteidigen könnte. Eine Gestalt rannte auf ihn zu, nur um einen Schritt vor ihm zu Boden zu taumeln – einer der Nordmänner, das halbe Gesicht eine feuchte Masse. Simon sprang vor, um die Axt aus seiner verkrampften Hand zu reißen; der Mann, noch nicht tot, gurgelte, als der Junge ihm die Waffe wegzerrte. Eine Sekunde später spürte Simon einen knochigen Griff am Knie und fuhr herum. Hinter der Greifkralle gewahrte er ein gräßliches kleines, menschenähnliches Gesicht mit weißlich starrenden Augen. Er schwang die Axt danach, so hart er konnte, und hörte ein Knirschen wie von einem zertretenen Käfer. Die steifen Finger lösten sich, und Simon sprang zur Seite. Er würgte.

Das Licht vom Himmel wechselte zwischen Aufblühen und Vergehen, so daß es so gut wie unmöglich war festzustellen, was sich abspielte. Die schwankenden Gestalten der Rimmersmänner standen überall, aber die Menge der hüpfenden, pfeifenden Dämonen war viel größer. Anscheinend war der beste Ort –

Ohne Warnung wurde Simon umgeworfen. Eine Greifpfote krallte sich um seinen Nacken. Er fühlte, wie sein Gesicht seitlich in den Schlamm gedrückt wurde, schmeckte ihn, bäumte sich auf gegen das Ding auf seinem Rücken. Eine grobe Klinge sauste an ihm vorbei und bohrte sich mit saugendem Geräusch in die Erde. Simon kämpfte sich auf die Knie, aber eine zweite Hand griff ihm ins Gesicht und hielt ihm die Augen zu. Sie stank nach Schlamm und fauligem Wasser, und die Finger wanden sich wie Nachtkriecher. Wo ist die Axt? Ich habe die Axt fallenlassen!

Wacklig kam er auf die Füße, die Beine auf dem schlüpfrigen Boden weit gespreizt, und versuchte, die klammernden Finger von seiner Luftröhre wegzureißen. Er stolperte vorwärts und wäre um ein Haar wieder gefallen. Es gelang ihm nicht, das schreckliche, würgende Wesen von seinem Rücken abzustreifen. Die Knochenhand schnitt ihm die Luft ab, die spitzen Knie bohrten sich in seine Rippen; ihm war, als hörte er das klebrige Geschöpf triumphierend quäken. Er schaffte noch ein paar Schritte, ehe er in die Knie sank; der Lärm der Schlacht hinter ihm wurde leiser. In seinen Ohren dröhnte es; aus seinen Armen und dem Körper rann die Kraft wie Mehl aus einem zerrissenen Sack.

Ich sterbe … mehr konnte er nicht denken. Vor seinen Augen war nur noch ein stumpfes rotes Licht.

Dann war der schnürende, kratzende Griff um seine Kehle plötzlich weg. Simon sackte schwer auf Brust und Gesicht und lag keuchend da.

Schnaufend blickte er auf. Von einem flachen Blitz auf den schwarzen Himmel gemalt, zeichnete sich ein Umriß des Wahnsinns ab: ein kleiner Mann auf einem Wolf.

Binabik!

Simon sog Luft in seinen zerfetzten Hals und wollte sich aufrichten, schaffte es aber nur bis zu den Ellenbogen, bevor der kleine Mann an seiner Seite war. Einen Schritt weiter lag der Körper des Erdwesens, zusammengekrümmt wie eine versengte Spinne, die blinden Augen himmelwärts gerichtet.

»Sag nichts!« zischte Binabik. »Wir müssen fort! Schnell!« Er half Simon in eine sitzende Stellung, aber der Junge winkte ihm, sich zu entfernen, schlug mit säuglingsschwachen Händen auf den Troll ein.

»Muß … muß…« Simon deutete mit zitternder Hand nach dem Chaos, das kaum zwanzig Schritte entfernt im Lager tobte.

»Lächerlich!« schnappte Binabik. »Die Rimmersmänner können sich selber wehren. Meine Pflicht ist es, dich in Sicherheit zu bringen. Nun komm!«

»Nein«, beharrte Simon verbissen. Binabik hielt seinen hohlen Stab in der Hand; der Junge begriff, was seinen Angreifer überwältigt hatte. »Wir m-müssen ihnen … h-helfen.«