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»Sie werden es überleben«, erklärte Binabik grimmig. Qantaqa war ihrem Herrn gefolgt und schnüffelte jetzt besorgt an Simons Wunde. »Ich bin für dich verantwortlich.«

»Was meinst du…«, begann Simon, als Qantaqa zu grollen anfing; ein tiefer, bedrohlicher Laut der Unruhe.

Binabik sah auf. »Tochter der Berge!« stöhnte er. Simon folgte seinem Blick.

Ein Klumpen der tieferen Dunkelheit hatte sich aus dem wirbelnden Getümmel gelöst und bewegte sich rasch auf sie zu. Man konnte schlecht sagen, wie viele der Wesen das hüpfende Gewirr aus Armen und Augen enthalten mochte, aber es waren mehr als nur einige.

»Nihut, Qantaqa!« schrie Binabik. Sofort sprang die Wölfin auf sie zu; sie quäkten in pfeifendem Entsetzen, als das große Tier über sie kam.

»Wir haben keine Zeit mehr zu vergeuden, Simon«, fauchte der Troll. Donner krachte über die Ebene, als er das Messer aus dem Gürtel riß und Simon in die Höhe zerrte. »Die Männer des Herzogs halten jetzt stand, aber ich habe keine Möglichkeit zu vermeiden, daß du in diesem letzten Ringen getötet wirst.«

Inmitten der Erdgräber stand Qantaqa, eine graupelzige Todesmaschine. Ihre gewaltigen Kiefer bissen zu, sie schüttelte sich und biß von neuem um sich; dünne schwarze Körper wurden nach allen Seiten geschleudert und stürzten in vernichteten Haufen übereinander. Weitere strömten heran, während das Knurren der Wölfin das Tosen des Sturms übertönte.

»Aber … aber…« Simon blieb stehen, als Binabik zu seinem Reittier gehen wollte.

»Es war mein festes Versprechen, dich zu schützen«, erklärte Binabik und zog ihn mit sich fort. »So lautete Doktor Morgenes' Wunsch.«

»Doktor … du kennst Doktor Morgenes?«

Simon starrte ihn mit bebendem Mund an. Binabik blieb stehen und pfiff zweimal. Mit einem letzten verzückten Schauder schüttelte Qantaqa zwei der Wesen zur Seite und sprang zu ihrem Herrn zurück.

»Nun lauf, närrischer Junge!« rief Binabik. Sie rannten, Qantaqa voran – in großen Sätzen wie ein Hirsch, die Schnauze schwarz von Blut –, Binabik hinterher. Als letzter kam Simon, stolpernd und taumelnd über die schlammige Ebene, und der Sturm schrie Fragen, auf die es keine Antwort gab.

XXII

Ein Wind von Norden

»Nein, ich brauche verdammt noch mal gar nichts!« Guthwulf, Graf von Utanyeat, spuckte Citrilsaft auf den Steinfußboden, und der Page huschte mit weitaufgerissenen Augen eilig aus dem Zimmer. Guthwulf sah ihm nach und bereute seine übereilten Worte – nicht, weil ihm der Junge leid getan hätte, sondern weil ihm plötzlich eingefallen war, daß er vielleicht doch etwas brauchte. Schon fast eine Stunde wartete er vor dem Thronsaal, ohne daß er einen Tropfen zum Trinken gehabt hätte, und Ädon allein wußte, wie lange er hier noch herumsitzen und vor sich hin modern mußte.

Wieder spie er aus. Der scharfe Citril brannte auf Zunge und Lippen. Fluchend wischte er sich einen Speichelfaden vom langen Kinn. Im Gegensatz zu einem Großteil der Männer, die er befehligte, hatte Guthwulf nicht die Angewohnheit, ständig ein Stück der bitteren Wurzel aus dem Süden in der Backentasche zu tragen, aber in diesem unheimlichen, feuchten Frühling, in dem er sich tagelang auf dem Hochhorst eingesperrt fand und darauf wartete, daß der König einen Auftrag für ihn hatte, war ihm jede Ablenkung, und sei es auch nur die eines verbrannten Gaumens, willkommen.

Außerdem kam es ihm vor – was zweifellos an der feuchten Witterung lag –, als röchen die Hallen des Hochhorsts nach Schimmel, Schimmel und … nein, Verwesung war ein zu überspannter Ausdruck. Jedenfalls schien das starke Citrilaroma dagegen zu helfen.

Gerade hatte sich Guthwulf erhoben und seinen Stuhl verlassen, um das ohnmächtig-grimmige Hin- und Herwandern wieder aufzunehmen, mit dem er den größten Teil der Wartezeit verbracht hatte, als die Thronsaaltür knarrte und nach innen schwang. In der Öffnung erschien Pryrates' plumper Kopf mit den schwarzen Augen, flach und glänzend wie bei einer Echse.

»Ah, guter Utanyeat!« Pryrates zeigte sein Gebiß. »Wie lange wir Euch warten ließen. Der König ist jetzt bereit, Euch zu empfangen.« Der Priester zog die Tür weiter nach innen, so daß sein Scharlachgewand und ein Stück der hohen Halle hinter ihm sichtbar wurden. »Bitte«, sagte er.

Beim Eintreten mußte Guthwulf sehr dicht an Pryrates vorbei. Er zog die Brust ein, um die Berührung möglichst flüchtig zu halten. Warum stellte sich der Mann so eng neben ihn? Wollte er Guthwulf ärgern – zwischen der Hand des Königs und dem königlichen Ratgeber herrschte keinerlei Zuneigung –, oder versuchte er, die Tür so gut wie möglich geschlossen zu halten? Die Burg war kalt in diesem Frühjahr, und wenn jemand ein wenig Wärme verdient hatte, dann Elias. Vielleicht wollte Pryrates nur keine Kälte in den weitläufigen Thronsaal lassen.

Nun, wenn das seine Absicht war, hatte er vollständig versagt. Kaum hatte Guthwulf die Schwelle überschritten und die Tür im Rücken, als er fühlte, wie sich kalte Luft auf ihn herabsenkte und die Haut seiner kräftigen Arme in Gänsehaut verwandelte. Er warf einen Blick hinter den Thron und bemerkte, daß mehrere der Oberlichte offenstanden, mit Stöcken festgeklemmt. Die kalte Nordluft, die von dort hereindrang, zerrte an den Flammen der Fackeln und ließ sie in ihren Glutpfannen tanzen.

»Guthwulf!« dröhnte Elias und erhob sich halb von seinem Sessel aus vergilbten Knochen. Über seiner Schulter grinste der gewaltige Drachenschädel. »Ich schäme mich, daß ich dich warten ließ. Komm näher!«

Guthwulf schritt über den fliesenbelegten Mittelgang und gab sich Mühe, nicht zu zittern. »Ihr müßt Euch um vieles kümmern, Majestät. Das Warten macht mir nichts aus.«

Elias setzte sich auf seinem Thron zurecht, und der Graf von Utanyeat beugte vor ihm das Knie. Der König trug ein schwarzes, grün und silbern besticktes Hemd. Stiefel und Hosen waren ebenfalls schwarz. Hoch auf der bleichen Stirn saß Fingils eiserne Krone, und in der Scheide an seiner Seite hing das Schwert mit dem seltsam gekreuzten Griff. Seit Wochen hatte man ihn nicht mehr ohne es gesehen, aber Guthwulf hatte keine Ahnung, woher es stammte. Der König hatte nie etwas darüber gesagt, und es war etwas Wunderliches und Unheimliches an der Klinge, das Guthwulf am Fragen hinderte.

»Setz dich.« Elias deutete auf eine Bank, wenige Schritte hinter der Stelle, an der der Graf kniete. »Seit wann macht dir das Warten nichts mehr aus, Wolf? Denk nicht, daß ich blind und dumm geworden bin, nur weil ich jetzt König heiße.« Elias grinste schief.

»Ich bin sicher, wenn ihr etwas für Eure Königliche Hand zu tun habt, werdet Ihr es mir mitteilen.«

Zwischen Guthwulf und seinem alten Freund Elias hatte sich viel verändert, und der Graf von Utanyeat war darüber nicht glücklich. Elias war nie verschlossen gewesen, jetzt aber spürte Guthwulf gewaltige verborgene Strömungen unter der Oberfläche des Alltäglichen, Strömungen, von denen der König vorgab, daß sie gar nicht existierten. Alles war anders geworden, und Guthwulf wußte genau, wer daran schuld war. Er schaute über Elias' Schulter auf Pryrates, der ihn mit starrem Blick beobachtete. Als ihre Augen sich trafen, hob der rotgekleidete Priester eine haarlose Braue, als wolle er eine spöttische Frage stellen.

Der König rieb sich kurz die Schläfen. »Du wirst bald Arbeit genug und übergenug haben, das verspreche ich dir. Ach, mein Kopf. Eine Krone ist wahrlich eine schwere Last, Freund. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte sie ablegen und einfach fortgehen, wie wir es früher so oft getan haben – als freie Gefährten der Straße!« Elias wandte sein grimmiges Lächeln von Guthwulf zu seinem Ratgeber. »Priester, mein Kopf schmerzt mich wieder. Bringt mir Wein, ja?«

»Sofort, Herr.« Pryrates verschwand im Hintergrund des Thronsaales.

»Wo sind Eure Pagen, Majestät?« fragte Guthwulf. Der König sah entsetzlich müde aus, fand er. Auf seinen unrasierten Wangen traten die Stoppeln hervor, schwarz auf der fahlen Haut. »Und warum, mit Verlaub, verkriecht Ihr Euch in diesem Eiskeller? Hier drin ist es kalt wie im schwarzen Arsch des Teufels; außerdem riecht es nach Schimmel. Laßt mich ein Feuer im Kamin anzünden.«