»Nein.« Elias bewegte abwehrend die breite Hand. »Ich möchte es nicht wärmer haben. Mir ist schon warm genug. Pryrates sagt, es ist nur ein Schüttelfrost. Aber was immer es auch sein mag, ich empfinde die kalte Luft als angenehm. Und es weht von überall kräftig herein, so daß man weder Stickigkeit noch üble Launen fürchten muß.«
Pryrates war mit dem Pokal des Königs zurückgekommen. Elias leerte ihn in einem Zug und trocknete sich mit dem Ärmel die Lippen ab.
»In der Tat, es weht kräftig, Majestät.« Guthwulf grinste säuerlich. »Nun, mein König, Ihr … und Pryrates … wißt es am besten und braucht gewiß nicht den Rat eines schlichten Kriegsmannes. Kann ich Euch auf andere Weise dienen?«
»Ich denke, du kannst es, obwohl dir die Aufgabe vielleicht nicht sonderlich angenehm sein mag. Doch sag mir erst, ob Graf Fengbald zurückgekehrt ist.«
Guthwulf nickte. »Ich habe heute morgen mit ihm gesprochen, mein König.«
»Ich habe ihn rufen lassen.« Elias hielt den Becher hin, und Pryrates brachte die Kanne und goß ihm mehr Wein ein. »Aber da du ihn schon gesehen hast, sag mir, ob er gute Nachrichten mitbringt?«
»Ich fürchte, nein. Der Spion, den Ihr sucht, Herr, Morgenes' Helfershelfer, ist noch immer auf freiem Fuß.«
»Gottes Fluch über ihn!« Elias rieb eine Stelle neben seiner Augenbraue. »Hat er die Hunde nicht mitgenommen, die ich ihm gab? Und den Jägermeister?«
»Doch Majestät, und er hat sie weiterjagen lassen. Doch um Fengbald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich sagen, daß Ihr ihm eine fast unlösbare Aufgabe gestellt habt.«
Elias' Augen wurden schmal, und sekundenlang hatte Guthwulf das Gefühl, ein Fremder sitze ihm gegenüber. Dann brach das Klirren der Kanne gegen den Pokal die Spannung, und Elias lockerte sich. »Nun ja doch«, meinte er, »höchstwahrscheinlich hast du recht. Ich werde achtgeben müssen, daß ich meine Enttäuschung nicht an Fengbald auslasse. Er und ich … wir beide teilen ein Mißgeschick.«
Guthwulf nickte und beobachtete den König. »Ja, Majestät, die Nachricht von der Erkrankung Eurer Tochter hat mich sehr beunruhigt. Wie geht es Miriamel?«
Der König sah kurz zu Pryrates hinüber, der mit dem Eingießen fertig war und zurücktrat. »Es ist freundlich von dir zu fragen, Wolf. Wir glauben nicht, daß Gefahr besteht, aber Pryrates ist überzeugt, die Seeluft von Meremund sei die beste Kur für ihre Beschwerden. Trotzdem ist es schade, die Hochzeit zu verschieben.« Der König starrte in seinen Weinbecher wie in einen Brunnen, in den gerade etwas Wertvolles hineingefallen ist. In den geöffneten Fenstern pfiff der Wind.
Nachdem ein paar lange Sekunden vergangen waren, fühlte der Graf von Utanyeat sich gezwungen, etwas zu sagen. »Ihr meintet, es gebe da eine Kleinigkeit, die ich für Euch erledigen könnte, mein König?«
Elias blickte auf. »Ah. Natürlich. Ich möchte, daß du nach Hernysadharc reitest. Seit ich gezwungen war, die Steuern zu erhöhen, um mit der verfluchten, elenden Dürre fertigzuwerden, trotzt mir dieser alte Berghamster von Lluth. Er hat mir den aufgeplusterten Eolair geschickt, der mich mit honigsüßen Worten beschwichtigen soll; aber die Zeit der Worte ist vorbei.«
»Vorbei, Herr?« Guthwulf zog eine Braue hoch.
»Vorbei«, grollte Elias. »Ich möchte, daß du ein Dutzend Männer mitnimmst – nicht mehr, sonst bleibt Lluth nichts anderes übrig, als Widerstand zu Leisten – und dich nach dem Taig begibst, um den alten Geizhals in seinem Bau zu stellen. Sag ihm, mir das rechtmäßig Geschuldete zu verweigern, sei ein Schlag ins Gesicht … als spucke er auf den Drachenbeinthron selbst. Aber sei listig, sag vor seinen Gefolgsleuten kein Wort zu ihm, das ihn so beschämt, daß er sich wehren muß. Mach ihm aber klar, daß eine weitere Ablehnung zur Folge haben kann, daß ihm das Dach über dem Kopf angezündet wird. Jag ihm Angst ein, Guthwulf!«
»Das kann ich tun, Herr.«
Elias lächelte verkniffen. »Gut. Und wenn du schon dort bist, halt ein Auge offen, ob du irgendwelche Hinweise auf Josuas Verbleib entdecken kannst. Man hört nichts Neues aus Naglimund, obwohl meine Spione es umzingelt haben. Es kann durchaus sein, daß mein verräterischer Bruder bei Lluth ist. Es mag sogar sein, daß er es ist, der den steifnackigen Hernystiri anstachelt.«
»Ich werde Euer Auge so gut wie Eure Hand sein, mein König.«
»Mit Verlaub, König Elias?« Neben dem König hob Pryrates einen Finger.
»Sprecht, Priester.«
»Ich möchte noch vorschlagen, daß unser Herr von Utanyeat sich auch nach dem Jungen umsieht. Es wäre eine zusätzliche Hilfe für Fengbald. Wir brauchen diesen Jungen, Majestät – was nützt es, die Schlange zu töten, wenn ihre Brut entkommt?«
»Wenn ich die kleine Viper finde«, grinste Guthwulf, »werde ich sie mit Vergnügen zertreten.«
»Nein!« schrie Elias mit einer Heftigkeit, die Guthwulf verblüffte.
»Nein! Der Spion muß am Leben bleiben und mit ihm alle seine Gefährten, bis wir sie sicher hier auf dem Hochhorst haben. Es gibt Fragen, die wir ihnen stellen müssen.«
Elias, als sei er verlegen über seinen Ausbruch, richtete seltsam flehende Augen auf seinen alten Freund. »Das verstehst du doch, oder?«
»Natürlich, Majestät«, antwortete Guthwulf schnell.
»Man muß sie nur noch atmend zu uns bringen«, sagte Pryrates, so gelassen wie ein Bäcker, der über Mehl redet. »Dann werden wir alles von ihnen erfahren.«
»Genug.« Elias rutschte auf seinem Knochensitz nach hinten. Guthwulf war erstaunt, Schweißperlen auf seiner Stirn zu sehen, während er selbst in der eisigen Luft schauderte. »Geh jetzt, alter Freund. Bring mir Lluths vollständige Bündnistreue; wenn nicht, werde ich dich zurücksenden, mir seinen Kopf zu holen. Geh!«
»Gott schütze Euch, Majestät.« Guthwulf beugte neben der Bank das Knie, erhob sich dann und ging rückwärts den Mittelgang hinunter. Die Banner über seinem Kopf, vom Wind gepeitscht, schwangen hin und her; in den fließenden Schatten, die von den flackernden Fackeln geworfen wurden, schienen die Stammestiere und Wappengeschöpfe einen unheimlichen, zuckenden Tanz aufzuführen.
Im Vorsaal stieß Guthwulf auf Fengbald. Der Graf von Falshire hatte sich den Straßenstaub aus Gesicht und Haar gebadet, seit sie einander am Morgen begegnet waren, und trug jetzt ein rotes Samtwams mit dem in Silber getriebenen Adler seines Hauses auf der Brust, dessen Federn sich zu einem kunstvollen Muster verschlangen.
»Ho, Guthwulf! Hast du ihn gesehen?« fragte er. Der Graf von Utanyeat nickte. »Ja, und du wirst ihn auch sehen. Gottes Fluch, er ist es, der in Meremund Salzluft atmen sollte, nicht Miriamel! Er sieht aus ... ich weiß nicht, er sieht elend krank aus. Und der Thronsaal ist kalt wie Frost.«
»Dann stimmt es also?« erkundigte sich Fengbald mürrisch. »Das mit der Prinzessin? Ich hatte gehofft, er hätte es sich anders überlegt.«
»Nach Westen ans Meer gereist. Dein großer Tag wird noch ein bißchen warten müssen, so wie es aussieht.« Guthwulf grinste hämisch. »Ich bin überzeugt, du wirst etwas finden, das dein Interesse warmhält, bis die Prinzessin wiederkommt.«
»Darum geht es nicht.« Der Mund des Grafen von Falshire verzog sich, als ob er auf etwas Saures gebissen hätte. »Ich fürchte nur, daß er sich aus seinem Versprechen herauswinden will. Ich habe gehört, keiner hätte von ihrer Krankheit gewußt, bevor sie abreiste.«
»Du machst dir zuviel Sorgen«, antwortete Guthwulf. »Das sind Frauensachen. Elias braucht einen Erben. Sei dankbar, daß du seinen Vorstellungen von einem Schwiegersohn besser entsprichst als ich.« Guthwulf zeigte mit höhnischem Lächeln die Zähne. »Ich würde nach Meremund reiten und sie mir holen.« Er tat, als salutierte er, schlenderte davon und ließ Fengbald vor den hohen Eichentüren des Thronsaales stehen.