Sie konnte schon von ganz unten im Korridor sehen, daß es Graf Fengbald war – und zwar in allerschlechtester Laune. Sein mit den Armen ausschwingender Gang, wie bei einem kleinen Jungen, den man vom Abendbrottisch wegschickt, und das laute, absichtliche Aufknallen der Stiefelabsätze auf dem Boden verkündeten seine Stimmung wie Trompetenstöße.
Sie streckte den Arm aus und zupfte Jael am Ellenbogen. Als das kuhäugige Mädchen aufblickte, schon jetzt überzeugt, irgend etwas falsch gemacht zu haben, deutete Rachel mit einer Geste auf den sich nähernden Grafen von Falshire.
»Stell lieber den Eimer da weg, Mädchen.« Sie nahm Jael den Schrubber aus der Hand. Der Eimer mit dem Seifenwasser stand mitten im Gang, dem sich nähernden Edelmann genau im Weg.
»Schnell doch, dumme Trine!« zischte Rachel, einen Unterton von Alarm in der Stimme. Kaum waren die Worte heraus, als sie auch schon wußte, daß sie besser geschwiegen hätte. Fengbald fluchte vor sich hin, das Gesicht zu einer Grimasse gekränkter Wut verzogen. Jael, in fieberhafter, aber schlecht durchdachter Hast, ließ den Eimer aus den nassen Fingern rutschen. Mit lautem Krachen schlug er auf dem Boden auf, und ein Schwall seifigen Wassers schwappte über den Rand und spritzte in den Gang. Fengbald, jetzt unmittelbar vor ihnen, trat mitten in die sich ausbreitende Pfütze. Für einen Augenblick verlor er das Gleichgewicht, warf im Ausrutschen die Arme in die Höhe und klammerte sich halt suchend an einem Wandteppich fest, während Rachel in hilflosem, ahnungsvollem Entsetzen zusah. Es war ein glücklicher Zufall, daß der Wandbehang Fengbalds Gewicht so lange aushielt, bis er sein Gleichgewicht zurückgewonnen hatte, trotzdem riß der Teppich einen Augenblick später an einer oberen Ecke ab und glitt langsam die Wand hinunter, um in der Seifenpfütze zu landen.
Nur eine Sekunde sah Rachel dem Grafen von Falshire in das knallrot anlaufende Gesicht, bevor sie sich zu Jael umdrehte. »Raus, du ungeschickte Kuh. Weg mit dir, aber sofort!« Jael warf einen hoffnungslosen Blick auf Fengbald, machte kehrt und rannte, wobei ihr dickes Hinterteil mitleiderregend hin und her wackelte.
»Komm zurück, du Schlampe!« kreischte Fengbald, dessen Kinn vor Wut zitterte. Das lange schwarze Haar war außer Fasson geraten und hing ihm ins Gesicht. »Das werde ich dir heimzahlen, du … heimzahlen!«
Rachel, ein Auge auf den Grafen geheftet, bückte sich und hob die durchnäßte Ecke des Wandbehanges aus dem Wasser. Sie konnte ihn im Augenblick nicht wieder aufhängen und stand nur da, sah zu, wie er tropfte, und hörte sich Fengbalds Toben an.
»Schau! Schau dir meine Stiefel an! Dafür lasse ich dieser dreckigen Hure den Hals abschneiden!« Der Graf richtete den Blick auf Rachel. »Wie kannst du es wagen, sie fortzuschicken?«
Rachel schlug die Augen nieder, was nicht schwierig war, weil der junge Edelmann sie um mindestens einen Fuß überragte. »Es tut mir leid, Herr«, erwiderte sie, und ehrliche Furcht legte einen überzeugenden Klang von Respekt in ihre Stimme. »Sie ist ein dummes Mädchen und wird ihre Prügel bekommen, aber ich bin die Oberste der Kammerfrauen, und die Verantwortung, Gebieter, liegt bei mir. Es tut mir leid, sehr leid.«
Fengbald starrte einen Augenblick auf sie herunter, und seine Augen wurden schmal. Dann hob er pfeilschnell den Arm und schlug Rachel ins Gesicht. Ihre Hand flog an das rote Mal, das sich auf ihrer Wange ausbreitete und wuchs wie die Pfütze auf den Steinplatten.
»Dann gib das der fetten Schlampe«, fauchte Fengbald, »und sag ihr, wenn sie mir noch einmal begegnet, drehe ich ihr den Hals um.« Er warf der obersten der Kammerfrauen einen bösen Blick zu und ging dann schnell weiter die Halle hinunter. Er hinterließ eine feuchtschimmernde Absatz-und-Spitzen-Spur auf den Fliesen.
Und er brächte es fertig, überlegte Rachel später, als sie auf ihrem Bett saß und sich einen nassen Waschlappen an die brennende Wange hielt. Auf der anderen Seite der Halle schluchzte Jael im Mägdeschlafsaal. Rachel hatte nicht das Herz gehabt, sie auch nur anzuschreien, aber der Anblick von Rachels geschwollenem Gesicht war Strafe genug gewesen und hatte das plumpe, weichherzige Mädchen in einen fürchterlichen Weinkrampf fallen lassen.
Süße Rhiap und Pelippa, lieber lasse ich mich nochmals schlagen, als mir dies Geblubber anzuhören.
Rachel rollte sich auf ihren harten Strohsack – sie hatte ein Brett darunter gelegt, weil ihr ständig der Rücken weh tat – und zog sich die Decke über den Kopf, um das Geräusch von Jaels Heulerei zu dämpfen. Im Schutz der Decke konnte sie ihren eigenen warmen Atem auf dem Gesicht fühlen.
So muß es der Wäsche im Korb zumute sein, dachte sie und schalt sich sogleich ob solcher Einfältigkeit. Du wirst alt, alte Frau … alt und nutzlos. Plötzlich merkte sie, daß ihr die Tränen kamen, die ersten, die sie seit der Nachricht über Simon vergossen hatte.
Ich bin einfach müde. Manchmal glaube ich, ich falle um, wo ich gerade stehe, kippe diesen jungen Ungeheuern vor die Füße wie ein zerbrochener Besen – in meiner Burg trampeln sie herum, behandeln uns wie Dreck – würden mich wahrscheinlich am liebsten mit dem Staub hinauskehren. So müde … wenn nur … wenn…
Die Luft unter der Decke war dick und warm. Rachel hatte aufgehört zu weinen – was nützten schon Tränen? Die laßt den törichten, leichtsinnigen Mädchen – und fühlte jetzt, wie sie in Schlaf fiel, seiner Schwere erlag, als ertrinke sie in warmem, klebrigem Wasser.
Und in ihrem Traum war Simon nicht tot, war nicht in dem schrecklichen Feuer gestorben, das auch Morgenes getötet hatte und mehrere von den Wachen, die herbeigeeilt waren, um zu löschen. Sogar Graf Breyugar, hieß es, war bei der Katastrophe umgekommen, erschlagen, als das brennende Dach einstürzte … Nein, Simon war am Leben und gesund. Etwas an ihm war anders, aber Rachel konnte nicht sagen, was – der Blick, die härtere Kinnlinie? –, doch darauf kam es auch nicht an. Es war Simon, lebendig, und während sie so träumte, war Rachels Herz wieder voll. Sie sah ihn, den toten Jungen – ihren Jungen eigentlich, denn hatte sie ihn nicht großgezogen wie eine Mutter, bevor er ihr genommen wurde? –, und er stand an einem Ort von fast fleckenlosem Weiß und starrte einen großen, weißen Baum hinauf, der in die Lüfte ragte wie eine Leiter zu Gottes Thron. Und obwohl er so entschlossen dastand, den Kopf zurückgeworfen, die Augen auf den Baum gerichtet, konnte Rachel nicht umhin zu bemerken, daß sein Haar, dieses dicke, rötliche Gestrüpp, dringend geschnitten werden mußte … nun, darum würde sie sich schon kümmern, kein Zweifel … der Junge brauchte eine feste Hand…
Als sie aufwachte und sich ganz erschreckt die erstickende Decke herunterriß, nur um festzustellen, daß es um sie herum noch dunkler war – diesmal mit der Dunkelheit des Abends –, glitt die Last des Verlustes und des Kummers von neuem auf sie herunter wie ein nasser Wandteppich. Sie setzte sich im Bett auf, um langsam auf die Füße zu kommen. Der Waschlappen fiel hinunter, trocken wie Herbstlaub. Sie hatte nicht das Recht, hier herumzuliegen und sich zu grämen wie ein verwirrtes kleines Mädchen. Es gab Arbeit, die getan werden mußte, ermahnte Rachel sich selber, und keine Ruhe diesseits vom Himmel.
Das Tamburin rasselte, und der Lautenspieler zupfte sanft die Saiten, bevor er mit dem letzten Vers begann.
Der Musikant endete mit einem Wirbel lieblicher Töne und verbeugte sich, als Herzog Leobardis Beifall klatschte. »Emettinshall!« sagte der Herzog zu Eolair, dem Grafen von Nad Mullagh, der mit pflichtschuldigem Applaus Leobardis' Beispiel gefolgt war. Insgeheim fand der Hernystiri, er hätte schon Besseres gehört. Die Liebesballaden, die am Hofe von Nabban so beliebt waren, begeisterten ihn nur mäßig.