»Ich liebe dieses Lied«, lächelte der Herzog. Das lange weiße Haar und die rosigen Wangen ließen ihn wie einen Lieblings-Großonkel von der Sorte aussehen, die bei den Festen zur Ädonszeit zuviel Starkbier trinkt und dann den Kindern das Pfeifen beibringen will. Nur das wallende, mit Lapislazuli und Gold besetzte weiße Gewand und der goldene Reif mit dem Perlmutt-Eisvogel auf seinem Kopf zeigten an, daß er sich von anderen Männern unterschied. »Kommt, Graf Eolair, ich habe immer gedacht, die Musik sei das Herzblut des Taig. Hält Lluth sich nicht für den größten Gönner der Harfner in ganz Osten Ard und Euer Hernystir für die natürliche Heimat aller Musikanten?« Der Herzog beugte sich über die Lehne seines himmelblauen Sessels und klopfte Eolair leicht auf die Hand.
»Allerdings hat König Lluth stets seine Harfner um sich«, stimmte der Graf zu. »Ich bitte Euch, Herzog, wenn ich zerstreut scheine, so liegt das gewiß nicht daran, daß es mir bei Euch an irgend etwas mangelte. Eure Freundlichkeit ist wahrhaft unvergeßlich. Nein, ich muß gestehen, daß ich mir noch immer Sorgen mache wegen der Dinge, über die wir vorhin gesprochen haben.«
In die milden blauen Augen des Herzogs trat ein betroffener Ausdruck. »Ich habe Euch gesagt, mein Eolair, daß solche Dinge ihre Zeit brauchen. Es ist gewiß ermüdend, wenn man warten muß, aber so ist es nun einmal.« Leobardis winkte dem Lautenspieler zu, der geduldig auf ein Knie gestützt ausgeharrt hatte. Der Musikant stand auf, verbeugte und entfernte sich. Sein phantastisch kunstvolles Gewand umwogte ihn, als er zu einer Gruppe von Höflingen trat, die in ebenso üppig bestickte Gewänder und Tuniken gekleidet waren. Die Damen hatten ihre Ausstattung noch durch exotische Hüte ergänzt, mit Flügeln wie Seevögel oder Kämmen wie die Flossen bunter Fische. Auch die Farben des Thronraumes waren gedämpft wie die der Hoftrachten: geschmackvolle Blautöne, gelbliche Sahnefarben, Rosa-, Weiß- und Schaumgrün-Schattierungen. Der Gesamteindruck war der eines aus köstlichen Meerkieseln erbauten Palastes, in dem die Macht des Ozeans alles geglättet und abgerundet hatte.
Hinter den Damen und Herren des Hofes lagen die hohen Bogenfenster, die auf das bewegte, sonnengefleckte grüne Meer hinausgingen; sie nahmen die ganze Südwestwand gegenüber dem Sessel des Herzogs ein. Die See, die unaufhörlich gegen das felsige Vorgebirge anbrandete, auf dem sich der herzogliche Palast erhob, war ein bebender, lebender Teppich. Eolair, der den ganzen Tag zugeschaut hatte, wie das wandernde Licht auf der Wasseroberfläche tanzte oder stille Seeflächen enthüllte, die schwer und durchscheinend waren wie Jade, wünschte sich oft, er könnte die Höflinge einfach beiseite fegen und übereinanderpurzelnd und quiekend aus dem Saal scheuchen, damit nichts mehr ihm diese Aussicht versperrte.
»Ihr mögt recht haben, Herzog Leobardis«, erklärte Eolair nach einer Pause. »Man muß irgendwann mit dem Reden aufhören, sogar wenn es um lebenswichtige Dinge geht. Vermutlich sollte ich mir hier, wo ich sitze, den Ozean als Beispiel nehmen. Er braucht nicht hart zu arbeiten, um zu bekommen, was er will; irgendwann wird er die Felsen abgetragen haben … die Küsten … selbst die Berge.«
Diese Art Unterhaltung sagte Leobardis mehr zu. »Ja, das Meer ändert sich nie, nicht wahr? Und doch herrscht dort ein ständiger Wechsel.«
»Das stimmt, Herr. Und es ist nicht immer ruhig. Manchmal gibt es Stürme.«
Der Herzog warf einen schrägen Blick auf den Hernystiri; er wußte nicht recht, ob diese Bemerkung mehr andeutete, als sich unmittelbar daraus entnehmen ließ. In diesem Augenblick betrat sein Sohn Benigaris den Raum, nickte einigen der Höflinge, die ihn begrüßten, kurz zu und näherte sich dem Sessel des Herzogs.
»Mein herzoglicher Vater; Graf Eolair«, sagte er und machte beiden eine Verbeugung. Eolair lächelte und streckte die Hand zum Händedruck aus.
»Es tut gut, Euch zu sehen«, sagte der Hernystiri. Benigaris war größer als beim letzten Mal, als er ihm gegenübergestanden hatte, aber damals war der Herzogssohn auch erst siebzehn oder achtzehn Jahre alt gewesen. Fast zwei Jahrzehnte waren seither vergangen, und Eolair war nicht traurig festzustellen, daß er zwar gute acht Jahre älter war als Benigaris, daß aber dieser und nicht er sich um den Gürtel gerundet hatte. Nichtsdestoweniger war der Sohn des Herzogs hochgewachsen und breitschultrig und hatte aufmerksame, dunkle Augen unter dichten, schwarzen Brauen. In seiner gegürteten Tunika und der gesteppten Weste machte er eine recht eindrucksvolle Figur – ein kraftvoller Gegensatz zu seinem liebenswürdigen Vater.
»Heja, es ist lange her«, stimmte Benigaris zu. »Wir wollen uns heute beim Abendessen darüber unterhalten.« Eolair hatte nicht das Gefühl, daß der andere von dieser Aussicht besonders hingerissen war. Benigaris wandte sich zu seinem Vater: »Herr Fluiren möchte Euch sprechen. Im Augenblick ist er beim Kämmerer.«
»Ach, der gute alte Fluiren! Das wird Euch wie Ironie vorkommen, Eolair. Einer der größten Ritter, die Nabban je hervorgebracht hat.«
»Nur Euren Bruder Camaris nannte man je größer«, unterbrach Eolair, der nicht ungern Erinnerungen an ein kriegerischeres Nabban weckte.
»Ja, mein lieber Bruder.« Leobardis lächelte ein trauriges Lächeln. »Aber wenn man sich vorstellt, daß Fluiren als Gesandter von Elias zu mir kommt!«
»Es liegt eine gewisse Ironie darin«, erwiderte Eolair leichthin. Benigaris kräuselte ungeduldig die Lippen. »Er erwartet Euch. Ich denke, Ihr solltet ihn schnellstens empfangen – ein Zeichen Eurer Achtung für den Hochkönig.«
»So, so!« Leobardis warf Eolair einen belustigten Blick zu. »Hört Ihr, wie mein Sohn mich herumkommandiert?« Doch kam es Eolair vor, als liege noch etwas anderes als Erheiterung in Leobardis' Blick – Zorn? Sorge?
»Also gut, sag meinem alten Freund Fluiren, ich würde ihn empfangen … laß mich überlegen … ja, im Ratssaal. Wollt Ihr uns begleiten, Eolair?«
Benigaris drängte sich dazwischen. »Vater, ich glaube nicht, daß Ihr selbst einen so vertrauenswürdigen Freund wie den Grafen auffordern solltet, geheime Mitteilungen des Hochkönigs mit anzuhören!«
»Und warum, wenn ich fragen darf, sollte es notwendig sein, Geheimnisse vor Hernystir zu haben?« erkundigte sich der Herzog, dessen Stimme einen zornigen Unterton bekommen hatte. »Mit Verlaub, Herzog, ich habe ohnehin noch Dinge zu erledigen. Ich werde später nachkommen, um Fluiren zu begrüßen.« Eolair stand auf und verbeugte sich.
Als er beim Durchqueren des Thronsaales noch einmal innehielt, um die herrliche Aussicht zu genießen, hörte er hinter sich die in gedämpftem Streit erhobenen Stimmen von Leobardis und seinem Sohn.
Wellen erzeugen weitere Wellen, wie die Nabbanai sagen, dachte Eolair. Es sieht aus, als sei Leobardis' Gleichgewicht empfindlicher, als ich dachte. Bestimmt ist das der Grund dafür, daß er nicht offen mit mir über seine Schwierigkeiten mit dem König reden will. Nur gut, daß Leobardis ein zäherer Bursche ist, als es nach außen scheint.
Hinter sich hörte er die Höflinge tuscheln und sah, als er sich umdrehte, daß mehrere in seine Richtung blickten. Er lächelte und nickte ihnen zu. Die Frauen erröteten und bedeckten den Mund mit den fließenden Ärmeln; die Männer nickten ernsthaft und wandten rasch den Blick ab. Er wußte, was sie dachten – er war ein Gegenstand ihrer Neugierde, ein bäuerlicher, ungebildeter Mann aus dem Westen, selbst wenn er ein alter Freund des Herzogs war. Ganz gleich, was er anziehen und wie fehlerlos er sprechen mochte, daran würde sich nichts ändern. Plötzlich überkam Eolair tiefe Sehnsucht nach seiner Heimat in Hernystir. Er war schon viel zu lange an diesen fremdländischen Höfen.
Unten brandeten die Wellen an die Felsen, als wäre das Meer so lange nicht zufrieden, bis seine ungeheuerliche Geduld endlich den Palast in seine wäßrige Umklammerung stürzen ließ.