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Und was, fragte der Graf sich innerlich, wollt Ihr mir damit sagen, gnädigste Herrin? Daß ich in Hernystir bleiben und Euren Gatten – und Euer Herzogtum – in Frieden lassen soll? Kurzum: zurück zu meinesgleichen?

Sehnsüchtig beobachtete Eolair, wie Leobardis und Fluiren miteinander debattierten. Man hatte ihn ausmanövriert, das wußte er; es gab keine höfliche Art, wie er die Herzogin übergehen und am Gespräch der beiden teilnehmen konnte. Inzwischen redete der alte Fluiren auf den Herzog ein und überschüttete ihn mit Elias' süßen Worten. Und seinen Drohungen? Nein, wahrscheinlich nicht. Dazu hätte Elias nicht den würdigen Fluiren geschickt. Für solche Zwecke hielt er erforderlichenfalls Guthwulf bereit, die Königliche Hand.

Eolair ergab sich in sein Schicksal und führte eine leichte Unterhaltung mit der Herzogin, aber sein Herz war nicht bei der Sache. Er war jetzt überzeugt, daß sie seine Mission kannte und ihr ablehnend gegenüberstand. Benigaris war ihr Augapfel, und er hatte Eolairs Gesellschaft den ganzen Abend gemieden. Nessalanta war eine ehrgeizige Frau und zweifellos der Ansicht, daß das Wohlergehen Nabbans sicherer wäre, wenn die Macht von Erkynland dahinterstünde – selbst eines dominierenden, tyrannischen Erkynlandes –, als in einem Bündnis mit den Heiden von Hernystir.

Und, wurde Eolair plötzlich klar, sie hat selber eine heiratsfähige Tochter, die Herrin Antippa. Vielleicht ist ihre Anteilnahme an Miriamels Gesundheit nicht nur die einer freundlichen Tante an ihrer Nichte?

Er wußte, daß die Herzogstochter Antippa bereits einem Baron Devasalles versprochen war, einem jungen adligen Gecken, der sich just in diesem Augenblick am untersten Ende der Tafel in einer Weinpfütze mit Benigaris im Armdrücken maß. Aber vielleicht hatte Nessalanta Größeres im Auge.

Wenn Prinzessin Miriamel nicht heiraten will – oder kann –, grübelte Eolair, dann erhoffte sich die Herzogin vielleicht Fengbald als Gatten für ihre Tochter. Der Graf von Falshire wäre eine weit bessere Partie als dieser Nabbanai-Baron aus den hinteren Rängen. Und Herzog Leobardis wäre mit stählernen Seilen an Erkynland gefesselt.

Das hieß, begriff der Graf, daß man sich nicht nur darüber Sorgen machen mußte, wo Josua geblieben war, sondern auch über Miriamel. Was für ein Durcheinander!

Wenn das der alte Isgrimnur sehen könnte, der sich immer über die vielen Intrigen beschwert! Sein Bart würde Feuer fangen!

»Sagt mir doch, Vater Dinivan«, fragte der Graf, indem er sich dem Priester zuwandte, »was hat Euer heiliges Buch über die Kunst des Politisierens zu sagen?«

»Nun«, einen Augenblick überschattete ein Ausdruck der Konzentration Dinivans schlichte, intelligente Züge, »das Buch Ädon spricht oft von den Prüfungen der Völker.« Er dachte eine weitere Sekunde nach. »Eine meiner Lieblingsstellen war immer diese hier: So der Feind mit dem Schwert in der Hand zu dir kommt, öffne ihm die Tür und sprich mit ihm, doch halte dein eigenes Schwert bereit. Kommt er mit leeren Händen, so empfange ihn ebenso. Kommt er aber mit Geschenken, so stelle dich auf deine Mauern und wirf Steine auf ihn hinab.« Dinivan wischte sich die Finger an seiner schwarzen Priesterkutte ab.

»Fürwahr, ein Buch voller Weisheit«, nickte Eolair.

XXIII

Zurück ins Herz

Der Wind schleuderte ihnen Regen ins Gesicht, als sie durch die Dunkelheit ostwärts und auf die unsichtbaren Vorberge zurannten. Der Lärm aus Isgrimnurs Lager blieb hinter ihnen zurück, erstickt unter einer Decke aus Donner.

Während sie so über die nasse Ebene liefen, begann Simons fieberhafte Erregung abzunehmen; das ekstatische Gefühl von Energie, die Vorstellung, er könne nun immer weiter durch die Nacht springen wie ein Hirsch, wurde nach und nach vom Regen und dem erbarmungslosen Gegenwind abgekühlt. Eine halbe Meile weiter hatte sich sein Galopp zum schnellen Schritt verlangsamt, und bald kostete auch dieser Mühe. An der Stelle, wo die Knochenhand sein Knie umklammert hatte, fühlte er das Gelenk steif werden wie ein verrostetes Scharnier; schmerzhafte Ringe um seinen Hals stachen bei jedem tiefen Atemzug.

»Morgenes … hat dich geschickt?« rief er.

»Später, Simon«, japste Binabik. »Alles wird später erzählt.«

Sie rannten und rannten, stolperten und spritzten über den durchnäßten Grasboden.

»Und was…«, keuchte Simon, »was waren das für … Wesen?«

»Die … euch angegriffen haben?« Selbst im Rennen machte der Troll eine seltsame Gebärde mit der Hand nach dem Mund. »Bukken … Gräber nennt man … sie auch.«

»Was sind sie?« fragte Simon und wäre um ein Haar auf einer schlammigen Stelle ausgeglitten. Einen Augenblick lang rutschte er plattfüßig nach vorn.

»Übel.« Binabik verzog das Gesicht. »Nichts mehr, das jetzt berichtet werden müßte.«

Als sie nicht mehr rennen konnten, gingen sie, stapften weiter, bis sich die Sonne hinter der Wolkenbank nach oben schob wie eine Kerze hinter einem grauen Laken. Vor ihnen ragte der Weidhelm auf, und seine Umrisse zeichneten sich vor der bleichen Dämmerung ab wie die gebeugten Rücken betender Mönche.

Im kargen Schutz einer Ansammlung runder Granitfelsen, die übergangslos aus dem Grasmeer wuchsen, als wollten sie die hinter ihnen liegenden Berge nachahmen, schlug Binabik eine Art Lager auf. Nachdem er auf der Suche nach einer Stelle, die den besten Schutz von dem aus unterschiedlichen Richtungen kommenden Regen bot, um die Felsen herumgegangen war, half er Simon in eine Lücke hinunter, die von zwei aneinanderlehnenden Blöcken gebildet wurde. Sie formten einen Winkel, in dem sich der Junge mit einem Mindestmaß an Bequemlichkeit niederlegen konnte. Schnell fiel Simon in schlaffen, erschöpften Schlaf.

Von den Spitzen der Blöcke sprangen fliegende Regentropfen. Binabik hockte am Boden, stopfte den Mantel des Jungen, den der Troll mit dem Rest ihrer Habseligkeiten den ganzen langen Weg von Sankt Hoderund mitgeschleppt hatte, um ihn herum und wühlte dann in seinem Rucksack nach etwas Trockenfisch zum Kauen und nach seinen Knöcheln. Qantaqa kam von einem Erkundungszug durch ihr neues Revier zurück und rollte sich auf Simons Schienbeinen zusammen. Der Troll nahm die Knöchel heraus und warf sie, wobei ihm der Rucksack als Tisch diente.

Pfad im Schatten. Binabik grinste ein bitteres Grinsen. Dann Herrenloser Widder und noch einmal Pfad im Schatten. Er fluchte leise, aber ausführlich. Nur ein Narr konnte eine so deutliche Botschaft unbeachtet lassen. Binabik wußte, daß er viele Eigenschaften besaß, zu denen gelegentlich auch die Torheit gehörte, aber jetzt war weder Zeit noch Ort für solche Wagnisse.

Er zog sich die Pelzkapuze wieder über die Ohren und legte sich neben Qantaqa. Für jeden Vorüberkommenden, wenn er denn in dem schwachen Licht und mit dem Regen im Gesicht überhaupt etwas bemerkt hätte, würden die drei Gefährten kaum anders ausgesehen haben als ungewöhnliche graubraune Flechten auf der Windschattenseite der Felsen.

»Also was für ein Spiel hast du nun mit mir gespielt, Binabik?« erkundigte Simon sich unfreundlich. »Woher weißt du von Doktor Morgenes?« In den wenigen Stunden, die er geschlafen hatte, war aus der fahlen Dämmerung ein kalter, düsterer Morgen geworden, ohne tröstendes Lagerfeuer oder Frühstück. Der wolkengeschwollene Himmel hing so dicht über ihnen wie eine niedrige Zimmerdecke.

»Es ist kein Spiel, das ich spiele«, erwiderte der Troll. Er hatte Simons Hals- und Beinwunden gereinigt und verbunden und versorgte jetzt geduldig Qantaqa. Nur eine der Verletzungen der Wölfin war ernsterer Natur, ein tiefer Riß an der Innenseite eines Vorderlaufes. Während Binabik den Sand aus der Haut entfernte, beschnüffelte Qantaqa seine Finger, vertrauensvoll wie ein Kind.