»Ich habe kein Bedauern, es dir nicht gesagt zu haben; hätte ich mich nicht dazu gezwungen gefühlt, wüßtest du es noch nicht.« Er rieb einen Finger voll Salbe in die Wunde, dann gab er sein Reittier frei. Sofort beugte sie sich hinunter und fing an, das Bein zu belecken und daran herumzubeißen. »Ich wußte, daß sie das tun würde«, erklärte der Troll mit mildem Vorwurf und setzte dann ein nachsichtiges Lächeln auf. »Wie du, glaubt sie nicht, daß ich mein Handwerk verstehe.«
Simon merkte, daß auch er unbewußt an seinen Verbänden gezupft hatte und lehnte sich nach vorn. »Los, Binabik, sag mir, was hier vorgeht. Woher weißt du von Morgenes? Woher kommst du wirklich?«
»Ich komme genau dorther, wo ich es sage«, entgegnete der Troll entrüstet. »Ich bin ein Qanuc. Und ich weiß nicht nur von Morgenes, ich bin ihm sogar einmal begegnet. Er ist ein guter Freund meines Meisters. Sie sind … Kollegen, sagen die gelehrten Männer dazu, denke ich.«
»Was soll das heißen?«
Binabik setzte sich an den Felsen. Obwohl gerade kein Regen fiel, vor dem man sich schützen mußte, war schon der schneidende Wind Grund genug, in der Nähe der Felsgruppe zu bleiben. Der kleine Mann schien sich seine Worte sorgfältig zu überlegen. Simon fand, er sehe müde aus, die dunkle Haut lose und einen Ton blasser als sonst.
»Zuerst«, begann der Troll endlich, »mußt du etwas über meinen Meister wissen. Sein Name war Ookequk. Er war der … Singende Mann, wie ihr es wohl nennen würdet, unseres Berges. Mit der Bezeichnung Singender Mann meinen wir nicht jemanden, der nur singt, sondern einen Mann, der sich an die alten Lieder und die alte Weisheit erinnert. Wie Doktor und Priester in einem, scheint mir.
Ookequk wurde mein Meister, weil die Ältesten in mir gewisse Dinge zu sehen glaubten. Es war eine große Ehre, derjenige zu sein, der Ookequks Weisheit teilen sollte – ich nahm drei Tage kein Essen zu mir, als man es mir sagte, nur um die richtige Reinheit zu erlangen.« Binabik lächelte. »Als ich das voller Stolz meinem neuen Meister erzählte, schlug er mich aufs Ohr. ›Du bist zu jung und zu dumm, um dich vorsätzlich auszuhungern‹, sagte er zu mir. ›Es ist Hochmütigkeit. Verhungern darfst du nur zufällig.‹«
Binabiks Grinsen wurde breiter und verwandelte sich in Gelächter; als Simon einen Augenblick darüber nachgedacht hatte, lachte auch er ein wenig.
»Auf jeden Fall«, fuhr Binabik fort, »werde ich dir eines Tages von meinen Jahren des Lernens bei Ookequk erzählen – er war ein großer, fetter Troll, Simon, der mehr wog als du und doch nur so hoch war wie ich –, jetzt müssen wir leider schneller zur Sache kommen.
Ich weiß nicht mit Genauigkeit, wann mein Meister Morgenes das erste Mal begegnete, doch es war lange bevor ich in seine Höhle kam. Sie waren aber Freunde, und mein Meister lehrte Morgenes die Kunst, Botschaften von Vögeln überbringen zu lassen. Sie hatten viele Gespräche in Briefen, mein Meister und dein Doktor. Sie hatten viele gemeinsame … Vorstellungen über den Lauf der Welt.
Vor gerade zwei Sommern kamen meine Eltern ums Leben. Ihr Tod geschah im Drachenschnee des Berges, den wir das Näschen nennen, und als sie nicht mehr da waren, widmete ich all mein Denken – oder doch fast alles – dem Lernen von Meister Ookequk. Als er mir letztes Tauwetter sagte, ich sollte ihn auf einer großen Reise nach Süden begleiten, war ich voller Aufregung. Es schien mir ganz klar, daß das die Prüfung meiner Würdigkeit sein sollte.
Was ich allerdings nicht wußte«, fuhr der Troll fort und stocherte mit seinem Wanderstab vor sich im lehmigen Gras – fast zornig, dachte Simon, aber es lag kein Zorn in Binabiks Stimme –, »was ich nicht erfuhr, war, daß Ookequk wichtigere Reisegründe hatte als den Abschluß meiner Lehrzeit. Er hatte Nachricht von Doktor Morgenes erhalten … und von einigen anderen … über Dinge, die ihn beunruhigten, und er fand, es sei Zeit, den Besuch zu erwidern, den Morgenes ihm vor langen Jahren gemacht hatte, als ich gerade neu zu ihm gekommen war.«
»Was für ›Dinge‹?« fragte Simon. »Was hatte ihm Morgenes mitgeteilt?«
»Wenn du es noch nicht weißt«, meinte Binabik ernst, »dann gibt es vielleicht noch Wahrheiten, die du nicht benötigst. Darüber muß ich nachdenken, aber für jetzt laß mich erzählen, was ich kann.« Simon, zurückgewiesen, nickte steif.
»Ich will dich auch nicht mit der langen Geschichte unserer Reise nach Süden belasten. Mir wurde schon sehr bald klar, daß mein Meister mir auch nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Er machte sich Sorgen, große Sorgen, und wenn er die Knochen warf oder bestimmte Zeichen am Himmel und im Wind las, wurden sie noch größer. Außerdem hatten wir ein paar äußerst üble Erlebnisse. Du weißt ja, daß ich schon viel allein gereist bin, größtenteils bevor ich der Diener meines Meisters wurde; nie aber habe ich so schlechte Zeiten für Reisende gesehen. Ein Abenteuer ganz ähnlich dem deinen letzte Nacht hatten auch wir, gerade unterhalb des Drorshullvenn-Sees in der Frostmark.«
»Du meinst diese … Bukken?« fragte Simon. Selbst am hellen Tage war der Gedanke an die krallenden Hände grauenvoll lebendig.
»Allerdings«, nickte Binabik, »und das war … ist … ein schlechtes Zeichen, daß sie so angreifen. Es ist nicht in Erinnerung meines Volkes, daß die Boghanik, so lautet unser Name für sie, eine Gruppe bewaffneter Männer überfallen, und das auf so furchterregende Weise. Ihre übliche Gewohnheit ist, Tieren und einzelnen Reisenden aufzulauern.«
»Was sind sie?«
»Später, Simon, wirst du vieles lernen, wenn du Geduld mit mir hast. Auch mein Meister hat mir nicht alles gesagt – womit ich nicht meine, bitte beachte, daß ich dein Meister wäre –, aber er war in größter Unruhe. Auf unserer ganzen Reise durch die Frostmark habe ich ihn nicht schlafen sehen. Wenn ich einschlief, war er immer noch wach, und der Morgen fand ihn vor mir auf den Beinen. Und er war nicht mehr jung; schon als ich zu ihm kam, war er alt, und ich war mehrere Jahre bei ihm und studierte.
Eines Tages, als wir endlich die nördliche Grenze von Erkynland überschritten hatten, bat er mich, Wache zu stehen, damit er die Straße der Träume gehen konnte. Wir waren an einem Ort ganz ähnlich diesem hier«, Binabik zeigte mit der Hand auf die öde Ebene am Fuß der Berge, »der Frühling war gekommen, hatte sich aber noch nicht durchgesetzt. Es war, oh, ungefähr zur Zeit des Allernarrentages oder einen Tag davor.«
Am Vorabend des Allernarrentages … Simon versuchte zurückzudenken, sich zu erinnern. Die Nacht, in der dieser furchtbare Lärm die ganze Burg aufschreckte. Die Nacht bevor … der Regen kam …
»Qantaqa war auf der Jagd, und der alte Widder Einauge – groß, fett und geduldig genug, Ookequk zu tragen! – schlief am Feuer. Wir waren allein, nur wir und der Himmel. Mein Meister aß von der Traumborke, die aus dem Marschland von Wran im Süden zu ihm gekommen war. Er verfiel in eine Art Schlummer. Er hatte mir nicht gesagt, warum er das tat, aber ich konnte mir denken, daß er nach Antworten suchte, die er auf andere Weise nicht finden konnte. Die Boghanik hatten ihm angst gemacht, weil ihr Verhalten ein falsches war.
Bald fing er an vor sich hin zu murmeln, wie er es gewöhnlich tat, wenn sein Herz auf der Straße der Träume wandelte. Vieles war unverständlich, aber ein paar Dinge, von denen er sprach, hat auch Bruder Dochais erwähnt; das ist der Grund, weshalb du mir vielleicht Erstaunen angemerkt hast.«
Simon mußte ein saures Lächeln unterdrücken. Und er hatte geglaubt, es wäre seine eigene, von den fieberwirren Worten des Hernystiri angefachte Furcht, die so deutlich für alle gewesen wäre!
»Auf einmal«, fuhr der Troll fort und bohrte immer noch verbissen mit seinem Stab im schlammigen Gras, »schien es mir, als hätte ihn etwas gepackt – wieder eine Ähnlichkeit mit Bruder Dochais. Aber mein Meister war stark, stärker im Herzen, glaube ich, als fast jeder andere, Mensch oder Troll, und er wehrte sich. Er kämpfte und kämpfte immer weiter, den ganzen Nachmittag lang und in den Abend hinein, während ich daneben stand und nicht helfen konnte, außer ihm die Stirn zu befeuchten.« Binabik riß eine Handvoll Gras aus, warf sie in die Luft und schlug mit dem Stock danach. »Dann, kurze Zeit nach der Mitte der Nacht, sagte er einige Worte zu mir – ganz ruhig, als säße er mit den anderen Ältesten in der Stammeshöhle beim Trinken – und starb.
Ich glaube, es war schlimmer für mich als bei meinen Eltern, denn sie waren plötzlich verschwunden – einfach in einer Schneelawine verschüttet, ohne eine Spur. Ich begrub Ookequk dort an einem Berghang. Keines der geziemenden Rituale wurde ordnungsgemäß vollzogen, und das ist eine Schande für mich. Einauge wollte nicht fort von seinem Herrn; soweit ich wissen kann, ist er vielleicht immer noch bei ihm. Ich hoffe es.«
Der Troll schwieg eine Weile und starrte verbissen auf das zerkratzte Leder an den Knien seiner Hose. Sein Schmerz war Simons eigenem Leid so ähnlich, daß dem Jungen keine Worte einfielen, die für jemand anderen als ihn selbst sinnvoll gewesen wären. Etwas später öffnete Binabik stumm seinen Rucksack und bot ihm eine Handvoll Nüsse an. Simon nahm sie und auch den Wasserschlauch.
»Dann«, fing Binabik wieder an, fast als habe er keine Pause gemacht, »geschah etwas Seltsames.« Simon kuschelte sich in seinen Mantel und schaute in das Gesicht des Trolls, der fortfuhr: »Zwei Tage hatte ich an der Grabstätte meines Meisters zugebracht. Es war eigentlich ein schöner Ort, der unter freiem Himmel lag, aber trotzdem tat mir das Herz weh, weil ich wußte, daß er hoch oben im Gebirge glücklicher gewesen wäre. Ich dachte nach, was ich nun anfangen sollte, zu Morgenes nach Erchester Weiterreisen oder zu meinem Volk zurückkehren und verkünden, daß der Singende Mann Ookequk tot war.
Am Nachmittag des zweiten Tages entschied ich mich dafür, umzukehren. Ich wußte nicht, wie wichtig die Unterredung meines Meisters mit Doktor Morgenes war – bedauerlicherweise weiß ich es immer noch nicht recht –, und ich hatte andere … Verantwortlichkeiten.
Als ich nach Qantaqa rief und den treuen Einauge ein letztes Mal zwischen den Hörnern kraulte, flatterte ein kleiner, grauer Vogel herab und landete auf Ookequks Grab. Ich erkannte ihn als einen der Botenvögel meines Meisters; er war sehr müde, weil er eine schwere Bürde trug, seine Botschaft und … und noch etwas anderes. Als ich zu ihm hinging, um ihn einzufangen, kam Qantaqa krachend durch das Unterholz gestürmt. Der Vogel, es ist nicht erstaunlich, war erschreckt und flog auf. Ich erwischte ihn um Haaresbreite. Es war eine Knappheit, Simon, aber ich fing ihn.
Die Botschaft war von Morgenes geschrieben, und sie handelte von dir, mein Freund. Sie sagte dem Leser – der mein Meister hätte sein sollen –, daß du in Gefahr seist und allein vom Hochhorst nach Naglimund reisen würdest. Sie bat meinen Meister, dir zu helfen, wenn möglich ohne dein Wissen. Und noch ein paar andere Dinge.«
Simon lauschte gebannt; hier war ein fehlendes Stück seiner eigenen Geschichte. »Was für ›andere Dinge‹?« wollte er wissen.
»Dinge nur für die Augen meines Meisters.« Binabiks Ton war freundlich, aber fest. »Man braucht wohl nicht zu erwähnen, daß jetzt alles anders aussah. Sein alter Freund bat meinen Meister um einen Gefallen … aber nur ich konnte ihm diesen Gefallen noch tun. Auch das war schwierig, aber sobald ich Morgenes' Nachricht gelesen hatte, wußte ich, daß ich seine Bitte erfüllen mußte. Also brach ich am selben Tage, noch vor Einbruch der Dämmerung, nach Erchester auf.«
Die Botschaft lautete, daß ich allein reisen würde. Morgenes hat nie geglaubt, daß er fliehen könnte. Simon fühlte, wie ihm die Tränen kamen, und versteckte die Mühe, die es ihn kostete, sie zu unterdrücken, hinter einer Frage.
»Aber wie solltest du mich finden?«
Binabik lächelte. »Mit Hilfe harter Qanuc-Arbeit, Freund Simon. Ich mußte deine Fährte aufspüren – Zeichen, daß ein junger Mann vorbeigekommen war, ohne festes Ziel, dergleichen Dinge. Harte Qanuc-Arbeit und eine Größe von Glück führten mich zu dir.«
In Simons Herz stieg jäh eine Erinnerung auf, grau und furchterregend selbst aus weiter Ferne. »Bist du mir auf der Begräbnisstätte gefolgt? Dort vor den Stadtmauern?« Es war nicht alles ein Traum gewesen, das wußte er. Etwas hatte seinen Namen gerufen.
Aber das runde Gesicht des Trolls blieb enttäuschend leer.
»Nein, Simon«, antwortete er und überlegte sorgfältig. »Ich habe deine Spur erst, denke ich, auf der Alten Forststraße entdeckt. Warum?«
»Es ist nicht wichtig.« Simon stand auf, streckte sich und blickte auf das feuchte Flachland hinaus. Dann setzte er sich wieder hin und griff nach dem Wasserschlauch. »Also gut. Ich denke, ich verstehe jetzt … aber ich muß mir über so vieles erst noch klarwerden. Es sieht ganz danach aus, als sollten wir doch nach Naglimund gehen, oder was meinst du?«
Binabik machte ein besorgtes Gesicht. »Ich bin nicht sicher, Simon. Wenn sich die Bukken in der Frostmark zeigen, ist die Straße zur Feste Naglimund für zwei einzelne Reisende zu gefährlich. Ich muß gestehen, daß ich mir große Sorgen mache. Ich wünschte, wir hätten deinen Doktor Morgenes hier, um uns einen Rat zu geben. Bist du in so großer Gefahr, Simon, daß wir nicht wenigstens irgendeine Botschaft an ihn wagen können? Ich glaube nicht, daß er will, daß ich dich durch so schreckliche Gefahren führe.«
Es dauerte einen Augenblick, bis Simon begriff, daß der ›er‹, von dem Binabik sprach, immer noch Morgenes war. Gleich darauf kam ihm die verblüffende Erkenntnis, daß der Troll ja gar nicht wußte, was vorgefallen war.
»Binabik«, begann er und hatte im selben Augenblick ein Gefühl, als füge er dem anderen eine Wunde zu, »er ist tot. Doktor Morgenes ist tot.«
Eine Sekunde lang riß der Kleine weit die Augen auf. Zum ersten Mal war das Weiß um die braune Iris sichtbar. Dann erstarrte Binabiks Miene sofort zur leidenschaftslosen Maske.
»Tot?« wiederholte er endlich, und seine Stimme war so kalt, daß es Simon ganz sonderbar zumute war – als müßte er sich verteidigen, als wäre das alles irgendwie seine Schuld –, und dabei hatte er doch so bitterlich um den Doktor geweint!
»Ja.« Simon überlegte kurz und ging dann bewußt ein Risiko ein. »Er starb, um Prinz Josua und mir aus der Burg zu helfen. König Elias hat ihn getötet – das heißt, er ließ ihn von Pryrates töten, der sein Gefolgsmann ist.«
Binabik starrte Simon in die Augen und sah dann zu Boden. »Ich wußte von Josuas Gefangenschaft. Es stand in dem Brief. Alles weitere sind … Neuigkeiten, und zwar sehr schlimme.« Er stand auf, und der Wind zerrte an seinem glatten, schwarzen Haar. »Laß mich jetzt ein Stück gehen, Simon. Ich muß nachdenken, was das alles bedeutet … ich muß nachdenken…«
Mit immer noch ausdruckslosem Gesicht entfernte sich der kleine Mann von der Felsgruppe. Sofort sprang Qantaqa ihm nach. Binabik wollte sie erst verscheuchen, zuckte dann aber die Achseln. Sie umkreiste ihn in weiten, trägen Bögen, während er langsam weiterging, den Kopf gesenkt, die kleinen Hände in den Ärmeln versteckt. Simon dachte, er sehe viel zu klein aus für das Gewicht, das auf ihm lastete.