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»Auf einmal«, fuhr der Troll fort und bohrte immer noch verbissen mit seinem Stab im schlammigen Gras, »schien es mir, als hätte ihn etwas gepackt – wieder eine Ähnlichkeit mit Bruder Dochais. Aber mein Meister war stark, stärker im Herzen, glaube ich, als fast jeder andere, Mensch oder Troll, und er wehrte sich. Er kämpfte und kämpfte immer weiter, den ganzen Nachmittag lang und in den Abend hinein, während ich daneben stand und nicht helfen konnte, außer ihm die Stirn zu befeuchten.« Binabik riß eine Handvoll Gras aus, warf sie in die Luft und schlug mit dem Stock danach. »Dann, kurze Zeit nach der Mitte der Nacht, sagte er einige Worte zu mir – ganz ruhig, als säße er mit den anderen Ältesten in der Stammeshöhle beim Trinken – und starb.

Ich glaube, es war schlimmer für mich als bei meinen Eltern, denn sie waren plötzlich verschwunden – einfach in einer Schneelawine verschüttet, ohne eine Spur. Ich begrub Ookequk dort an einem Berghang. Keines der geziemenden Rituale wurde ordnungsgemäß vollzogen, und das ist eine Schande für mich. Einauge wollte nicht fort von seinem Herrn; soweit ich wissen kann, ist er vielleicht immer noch bei ihm. Ich hoffe es.«

Der Troll schwieg eine Weile und starrte verbissen auf das zerkratzte Leder an den Knien seiner Hose. Sein Schmerz war Simons eigenem Leid so ähnlich, daß dem Jungen keine Worte einfielen, die für jemand anderen als ihn selbst sinnvoll gewesen wären. Etwas später öffnete Binabik stumm seinen Rucksack und bot ihm eine Handvoll Nüsse an. Simon nahm sie und auch den Wasserschlauch.

»Dann«, fing Binabik wieder an, fast als habe er keine Pause gemacht, »geschah etwas Seltsames.« Simon kuschelte sich in seinen Mantel und schaute in das Gesicht des Trolls, der fortfuhr: »Zwei Tage hatte ich an der Grabstätte meines Meisters zugebracht. Es war eigentlich ein schöner Ort, der unter freiem Himmel lag, aber trotzdem tat mir das Herz weh, weil ich wußte, daß er hoch oben im Gebirge glücklicher gewesen wäre. Ich dachte nach, was ich nun anfangen sollte, zu Morgenes nach Erchester Weiterreisen oder zu meinem Volk zurückkehren und verkünden, daß der Singende Mann Ookequk tot war.

Am Nachmittag des zweiten Tages entschied ich mich dafür, umzukehren. Ich wußte nicht, wie wichtig die Unterredung meines Meisters mit Doktor Morgenes war – bedauerlicherweise weiß ich es immer noch nicht recht –, und ich hatte andere … Verantwortlichkeiten.

Als ich nach Qantaqa rief und den treuen Einauge ein letztes Mal zwischen den Hörnern kraulte, flatterte ein kleiner, grauer Vogel herab und landete auf Ookequks Grab. Ich erkannte ihn als einen der Botenvögel meines Meisters; er war sehr müde, weil er eine schwere Bürde trug, seine Botschaft und … und noch etwas anderes. Als ich zu ihm hinging, um ihn einzufangen, kam Qantaqa krachend durch das Unterholz gestürmt. Der Vogel, es ist nicht erstaunlich, war erschreckt und flog auf. Ich erwischte ihn um Haaresbreite. Es war eine Knappheit, Simon, aber ich fing ihn.

Die Botschaft war von Morgenes geschrieben, und sie handelte von dir, mein Freund. Sie sagte dem Leser – der mein Meister hätte sein sollen –, daß du in Gefahr seist und allein vom Hochhorst nach Naglimund reisen würdest. Sie bat meinen Meister, dir zu helfen, wenn möglich ohne dein Wissen. Und noch ein paar andere Dinge.«

Simon lauschte gebannt; hier war ein fehlendes Stück seiner eigenen Geschichte. »Was für ›andere Dinge‹?« wollte er wissen.

»Dinge nur für die Augen meines Meisters.« Binabiks Ton war freundlich, aber fest. »Man braucht wohl nicht zu erwähnen, daß jetzt alles anders aussah. Sein alter Freund bat meinen Meister um einen Gefallen … aber nur ich konnte ihm diesen Gefallen noch tun. Auch das war schwierig, aber sobald ich Morgenes' Nachricht gelesen hatte, wußte ich, daß ich seine Bitte erfüllen mußte. Also brach ich am selben Tage, noch vor Einbruch der Dämmerung, nach Erchester auf.«

Die Botschaft lautete, daß ich allein reisen würde. Morgenes hat nie geglaubt, daß er fliehen könnte. Simon fühlte, wie ihm die Tränen kamen, und versteckte die Mühe, die es ihn kostete, sie zu unterdrücken, hinter einer Frage.

»Aber wie solltest du mich finden?«

Binabik lächelte. »Mit Hilfe harter Qanuc-Arbeit, Freund Simon. Ich mußte deine Fährte aufspüren – Zeichen, daß ein junger Mann vorbeigekommen war, ohne festes Ziel, dergleichen Dinge. Harte Qanuc-Arbeit und eine Größe von Glück führten mich zu dir.«

In Simons Herz stieg jäh eine Erinnerung auf, grau und furchterregend selbst aus weiter Ferne. »Bist du mir auf der Begräbnisstätte gefolgt? Dort vor den Stadtmauern?« Es war nicht alles ein Traum gewesen, das wußte er. Etwas hatte seinen Namen gerufen.

Aber das runde Gesicht des Trolls blieb enttäuschend leer.

»Nein, Simon«, antwortete er und überlegte sorgfältig. »Ich habe deine Spur erst, denke ich, auf der Alten Forststraße entdeckt. Warum?«

»Es ist nicht wichtig.« Simon stand auf, streckte sich und blickte auf das feuchte Flachland hinaus. Dann setzte er sich wieder hin und griff nach dem Wasserschlauch. »Also gut. Ich denke, ich verstehe jetzt … aber ich muß mir über so vieles erst noch klarwerden. Es sieht ganz danach aus, als sollten wir doch nach Naglimund gehen, oder was meinst du?«

Binabik machte ein besorgtes Gesicht. »Ich bin nicht sicher, Simon. Wenn sich die Bukken in der Frostmark zeigen, ist die Straße zur Feste Naglimund für zwei einzelne Reisende zu gefährlich. Ich muß gestehen, daß ich mir große Sorgen mache. Ich wünschte, wir hätten deinen Doktor Morgenes hier, um uns einen Rat zu geben. Bist du in so großer Gefahr, Simon, daß wir nicht wenigstens irgendeine Botschaft an ihn wagen können? Ich glaube nicht, daß er will, daß ich dich durch so schreckliche Gefahren führe.«

Es dauerte einen Augenblick, bis Simon begriff, daß der ›er‹, von dem Binabik sprach, immer noch Morgenes war. Gleich darauf kam ihm die verblüffende Erkenntnis, daß der Troll ja gar nicht wußte, was vorgefallen war.

»Binabik«, begann er und hatte im selben Augenblick ein Gefühl, als füge er dem anderen eine Wunde zu, »er ist tot. Doktor Morgenes ist tot.«

Eine Sekunde lang riß der Kleine weit die Augen auf. Zum ersten Mal war das Weiß um die braune Iris sichtbar. Dann erstarrte Binabiks Miene sofort zur leidenschaftslosen Maske.

»Tot?« wiederholte er endlich, und seine Stimme war so kalt, daß es Simon ganz sonderbar zumute war – als müßte er sich verteidigen, als wäre das alles irgendwie seine Schuld –, und dabei hatte er doch so bitterlich um den Doktor geweint!

»Ja.« Simon überlegte kurz und ging dann bewußt ein Risiko ein. »Er starb, um Prinz Josua und mir aus der Burg zu helfen. König Elias hat ihn getötet – das heißt, er ließ ihn von Pryrates töten, der sein Gefolgsmann ist.«

Binabik starrte Simon in die Augen und sah dann zu Boden. »Ich wußte von Josuas Gefangenschaft. Es stand in dem Brief. Alles weitere sind … Neuigkeiten, und zwar sehr schlimme.« Er stand auf, und der Wind zerrte an seinem glatten, schwarzen Haar. »Laß mich jetzt ein Stück gehen, Simon. Ich muß nachdenken, was das alles bedeutet … ich muß nachdenken…«

Mit immer noch ausdruckslosem Gesicht entfernte sich der kleine Mann von der Felsgruppe. Sofort sprang Qantaqa ihm nach. Binabik wollte sie erst verscheuchen, zuckte dann aber die Achseln. Sie umkreiste ihn in weiten, trägen Bögen, während er langsam weiterging, den Kopf gesenkt, die kleinen Hände in den Ärmeln versteckt. Simon dachte, er sehe viel zu klein aus für das Gewicht, das auf ihm lastete.

Simon hatte halb und halb gehofft, der Troll würde bei seiner Rückkehr vielleicht eine fette Holztaube oder etwas ähnliches mitbringen. Doch er wurde enttäuscht.

»Tut mir leid, Simon«, meinte der kleine Mann, »aber wir hätten auch wenig davon gehabt. Mit nichts als nassem Gestrüpp ringsum hätten wir kein rauchloses Feuer machen können, und ich glaube, ein Feuer mit Rauchzeichen ist im Augenblick nicht günstig für uns. Iß ein Stück Trockenfisch.«