»Ich glaube.« Simon war sich nicht ganz sicher, hatte aber genügend Balladen über Nerulagh gehört, um die meisten Namen wiederzuerkennen. »Lies weiter.«
»Das werde ich. Laß mich nur die Stelle finden, die ich dir vorlesen wollte.« Er überflog die Seite. »Ho!«
»Und so führte, als die Sonne hinter dem Berg Onestris versank, die letzte Sonne für achttausend tote und sterbende Männer, der junge Camaris, dessen Vater Benidrivis-sá-Vinitta erst vor einer Stunde von seinem sterbenden Bruder Ardrivis den Stab des Imperators übernommen hatte, den Angriff von fünfhundert Berittenen an, dem Rest der kaiserlichen Garde, begierig nach Rache…«
»Binabik?« unterbrach Simon.
»Ja?«
»Wer übernahm was von wem?«
Binabik lachte. »Verzeih mir. Es ist ein Netz voller Namen für einen einzigen Fang, nicht wahr? Ardrivis war der letzte Imperator von Nabban, obwohl sein Kaiserreich, verstehst du, nicht größer war als das heutige Herzogtum Nabban. Ardrivis überwarf sich mit Johan dem Priester, vermutlich, weil Ardrivis wußte, daß Johan ein vereinigtes Osten Ard anstrebte und es eines Tages zum Krieg kommen würde. Ich will dich nicht mit allen diesen Kämpfen langweilen, aber du weißt ja, daß es ihre letzte Schlacht war. Imperator Ardrivis wurde von einem Pfeil getötet und sein Bruder Benidrivis der neue Imperator … allerdings nur für den Rest dieses Tages, der mit der Unterwerfung Nabbans endete. Camaris war Benidrivis' Sohn. Er war damals noch sehr jung, vielleicht fünfzehn Jahre, und so wurde er für diesen Nachmittag der letzte Nabbanai-Prinz, wie er auch manchmal in den Liedern heißt … hast du jetzt verstanden?«
»Besser. Es waren diese vielen ›Arise‹ und ›Ivise‹, die mich einen Augenblick nicht mitkommen ließen.«
Binabik nahm das Pergament wieder auf und las weiter.
»Als nun Camaris auf das Schlachtfeld ritt, war das ermüdete Heer von Erkynland sehr bestürzt. Die Truppen des jungen Prinzen waren zwar nicht frisch, aber Camaris selbst glich einem Wirbelwind, einem tödlichen Sturm, und das Schwert Dorn, das ihm sein sterbender Onkel gegeben hatte, war wie ein schwarzzackiger Blitz. Selbst zu diesem späten Zeitpunkt, heißt es in den Aufzeichnungen, hätten die Streitkräfte von Erkynland noch aufgerieben werden können. Da aber trat Johan der Priester auf den Plan, Hellnagel fest in der behandschuhten Faust, und hieb sich einen Weg durch die Kaiserliche Garde von Nabban, bis er dem tapferen Camaris gegenüberstand.«
»Jetzt kommt das, worauf ich dich besonders aufmerksam machen möchte«, sagte Binabik und blätterte um zur nächsten Seite.
»Das ist ja großartig«, meinte Simon. »Spaltet Johan der Priester ihn ihn zwei Hälften?«
»Lächerlich!« schnaubte der Troll. »Wie sollten sie denn dann die engsten und ruhmreichsten Freunde werden? In zwei Hälften spalten! Pah!« Er fuhr fort.
»In den Balladen heißt es, sie hätten den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein gefochten, aber das möchte ich stark bezweifeln. Bestimmt kämpften sie lange, aber zweifellos waren Dämmerung und Dunkelheit ohnehin nicht mehr fern, und es kam nur einigen der müde gewordenen Zuschauer so vor, als hätten diese beiden großen Männer den ganzen Tag lang gegeneinander gestritten…«
»Was für Überlegungen dein Doktor anstellt!« kicherte Binabik belustigt.
»Wie aber die Wahrheit auch lauten mag, sie tauschten Schlag um Schlag, klirrten und hämmerten auf die Rüstung des anderen ein, bis die Sonne sank und die Raben sich gütlich taten. Keiner der Männer konnte die Oberhand gewinnen, obwohl Johans Truppen inzwischen Camaris' Garde längst besiegt hatten. Aber keiner der Erkynländer wagte sich einzumischen. Endlich trat Camaris' Pferd zufällig in ein Loch, brach sich das Bein und stürzte mit gellendem Aufschrei nieder, wobei es den Prinzen unter sich begrub. In diesem Augenblick hätte Johan ein Ende machen können, und wenige hätten ihn darum getadelt; statt dessen jedoch, so schwören die Zuschauer einmütig, half er dem gefallenen Nabbanai-Ritter unter seinem Roß hervor, gab ihm sein Schwert zurück und setzte, nachdem sich Camaris als unverletzt erwiesen hatte, den Kampf mit ihm fort.«
»Ädon!« hauchte Simon, tief beeindruckt. Natürlich hatte er die Geschichte schon gehört, aber es war etwas ganz anderes, sie jetzt in Morgenes' knappen, bestimmten Worten bestätigt zu bekommen.
»So stritten sie fort und fort, bis Johan der Priester – der schließlich gute zwanzig Jahre mehr als Camaris zählte – müde wurde und stolperte. Er stürzte vor den Füßen des Prinzen von Nabban zu Boden.
Camaris, von der Stärke und Ehrenhaftigkeit seines Gegners gerührt, verzichtete darauf, ihn zu töten. Statt dessen setzte er Johan das Schwert Dorn an die Kehle und forderte das Versprechen von ihm, Nabban von nun an unbehelligt zu lassen. Johan, der nicht erwartet hatte, daß man ihm seine eigene Barmherzigkeit in gleicher Weise vergelten würde, sah auf das Feld von Nerulagh hinaus, leer bis auf seine eigenen Krieger, überlegte einen Augenblick – und versetzte Camaris-sá-Vinitta einen überraschenden Fußtritt zwischen die Beine.«
»Nein!« rief Simon fassungslos. Qantaqa hob bei seinem Ausruf den schläfrigen Kopf. Binabik grinste nur und fuhr fort, weiter aus Morgenes' Aufzeichnungen vorzulesen.
»Nunmehr stellte sich Johan seinerseits über den schmerzhaft verwundeten Camaris und sprach zu ihm: ›Ihr habt noch viel zu lernen, aber Ihr seid ein tapferer und edler Mann. Ich will Eurem Vater und Eurem Hause jede Höflichkeit erweisen und gut für Euer Volk sorgen. Ich hoffe, daß Ihr wiederum die erste Lektion, die ich Euch heute erteilt habe, beherzigen werdet, nämlich diese: Ehre ist etwas Wunderbares, aber sie ist ein Mittel, kein Ziel. Ein Mann, der ehrenvoll verhungert, hilft damit nicht seiner Familie; ein König, der sich in Ehren in sein Schwert stürzt, rettet damit nicht sein Reich.‹
Als Camaris genas, war er so voll Ehrfurcht für seinen neuen König, daß er von diesem Tage an Johans treuester Gefolgsmann wurde.«
»Und warum hast du mir das vorgelesen?« fragte Simon. Er fühlte sich einigermaßen gekränkt über die Belustigung, die Binabik gezeigt hatte, als er ihm von dem üblen Verhalten des größten Herrschers über Simons Vaterland vorlas – aber immerhin waren es Morgenes' Worte gewesen, und wenn man es sich überlegte, machten sie den alten König Johan weit menschlicher und einer Marmorstatue Sankt Sutrins, die als Staubfänger an der Domfassade in Erchester stand, weniger ähnlich.
»Es schien mir von Interesse zu sein.« Binabik lächelte ein Koboldlächeln. »Nein, das war nicht der Grund«, fügte er rasch hinzu, als Simon die Stirn runzelte. »Was ich wirklich wollte, war, daß du etwas einsiehst, und ich dachte, Morgenes könnte es dir besser klarmachen als ich.
Du wolltest die Männer von Rimmersgard nicht im Stich lassen, und ich begreife dein Gefühl – es war vielleicht nicht die ehrenhafteste Art von Benehmen. Aber es bedeutete auch für mich keine Ehre, meine Pflichten in Yiqanuc unerfüllt zu lassen; und doch müssen wir manchmal gegen die Ehre handeln – oder sollte man sagen, gegen das, was uns auf den ersten Blick ehrenhaft erscheint … verstehst du mich?«
»Nicht besonders gut.« Aus Simons Stirnrunzeln wurde ein spöttisches, liebevolles Lächeln.
»Aha.« Binabik zuckte philosophisch mit den Schultern. »Ko muhu-hok na mik aqa nop, sagen wir in Yiqanuc: ›Wenn es dir auf den Kopf fällt, weißt du, daß es ein Felsblock ist.‹«