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Simon dachte stoisch darüber nach, während Binabik seine Kochutensilien in den Rucksack packte.

In einem Punkt hatte Binabik unzweifelhaft recht gehabt. Als sie den Bergkamm erreicht hatten, konnten sie buchstäblich nichts anderes sehen als die unendliche dunkle Weite des Aldheortes, der sich grenzenlos vor ihnen ausdehnte – ein grünschwarzes Meer, erstarrt in der Sekunde, bevor seine Wellen am Fuß der Berge anbrandeten. Allerdings erschien Altherz Simon eher wie die See, gegen die das Land selbst vergeblich anstürmen würde.

Simon konnte nicht umhin, vor Staunen tief Luft zu holen. Die Bäume unter ihnen erstreckten sich so weit in die Ferne, daß sie am Horizont im Nebel verschwanden, so als überschreite der Wald auf geheimnisvolle Weise die Grenzen der Erde.

Binabik, der seine großen Augen sah, meinte: »Von allen Zeitpunkten, an denen es wichtig ist, auf mich zu hören, ist dies der wichtigste: Wenn wir einander dort drin verlieren, wird es vielleicht kein Wiederfinden geben.«

»Ich war schon in diesem Wald, Binabik.«

»Nur an seinem Rand, Freund Simon. Jetzt aber betreten wir sein Inneres.«

»Quer durch?«

»Ha! Nein, das würde Monate dauern – ein Jahr, wer kann es wissen? Aber wir entfernen uns weit von seinen Grenzen, darum müssen wir hoffen, daß er uns gestattet, seine Gäste zu sein.«

Simon starrte hinab und fühlte ein Prickeln auf der Haut. Die dunklen, schweigenden Bäume, die düsterschattigen Pfade, die nie das Geräusch von Schritten vernommen hatten … alle Geschichten eines Volkes von Burg- und Stadtbewohnern stiegen in seiner Phantasie auf und ließen sich nur allzu leicht ins Gedächtnis zurückrufen.

Und doch muß ich dorthin, dachte er, und ich glaube auch nicht, daß der Wald böse ist. Er ist nur alt … uralt. Und argwöhnisch gegenüber Fremden – oder wenigstens gibt er mir dieses Gefühl. Aber nicht böse.

»Gehen wir«, sagte er mit seiner klarsten, kräftigsten Stimme.

Aber als Binabik ihm den Berg hinunter voranlief, machte Simon auf seiner Brust das Zeichen des Baumes – nur um ganz sicherzugehen.

Sie waren vom Berg hinuntergestiegen und näherten sich der Kette grasiger Hügel, die sanft zum Rand des Aldheortes hin abfiel, als Qantaqa plötzlich den zottigen Kopf schief legte und stehenblieb. Es war nach Mittag, die Sonne stand hoch am Himmel und hatte einen großen Teil des über dem Boden liegenden Dunstes weggebrannt. Simon und der Troll gingen zu der Wölfin, die reglos wie ein graues Standbild verharrte, und blickten sich nach allen Seiten um. Nirgends unterbrach eine Bewegung die erstarrte Wellenform des Landes.

Als sie näher kamen, winselte Qantaqa und legte lauschend den Kopf auf die andere Seite. Binabik stellte vorsichtig seinen Rucksack ab, brachte die darin leise klappernden Knochen und Steine zum Schweigen und spitzte selber die Ohren.

Gerade wollte der Troll, dem das Haar strähnig in die Augen hing, den Mund öffnen und etwas sagen, da hörte Simon es auch: ein dünnes, schwaches Geräusch, an- und abschwellend, als zöge eine Kette schreiender Gänse meilenhoch über ihnen vorbei, weit über den Wolken. Aber das Geräusch schien nicht vom Himmel zu kommen; vielmehr klang es, als rollte es den langen Gang zwischen Wald und Bergen hinunter, ob von Norden oder Süden, konnte Simon nicht sagen.

»Was …?« wollte er fragen. Qantaqa winselte erneut und schüttelte den Kopf, als sei ihr der Ton unangenehm in den Ohren. Der Troll hob die kleine braune Hand und lauschte einen weiteren Moment. Dann schulterte er seinen Rucksack wieder und winkte Simon, ihm zu den dämmrigen Ausläufern des Waldes zu folgen.

»Hunde, denke ich«, erklärte er. Die Wölfin trottete in unregelmäßigen Ovalen um sie herum, kam näher und sprang wieder fort. »Mir scheint, sie sind noch weit weg, südlich der Berge … draußen in der Frostmark. Trotzdem, je schneller wir in den Wald kommen, desto besser…«

»Vielleicht«, sagte Simon, der gut vorwärtskam, als er mit langen Schritten neben dem kleinen Mann herlief, der seinerseits halb trabte, »aber sie klangen nach keinem Hund, den ich je gehört habe.«

»Das«, grunzte Binabik, »ist auch mein Gedanke … und der Grund, weshalb wir so schnell laufen, wie wir können.«

Simon dachte über Binabiks Worte nach und fühlte eine kalte Hand nach seinen Eingeweiden greifen.

»Halt«, sagte er und hielt an.

»Was tust du?« zischte der Kleine. »Sie sind noch weit hinter uns, aber…«

»Ruf Qantaqa.« Simon stand geduldig da. Binabik musterte ihn kurz und pfiff dann der Wölfin, die schon zu ihm zurücktrottete.

»Ich hoffe, du wirst mir bald erklären…«, begann der Troll.

Simon zeigte auf Qantaqa.

»Reite auf ihr. Schnell, steig auf! Wenn wir uns beeilen müssen, kann ich rennen – aber deine Beine sind zu kurz.«

»Simon«, sagte Binabik mit Zornfältchen um die Augen, »ich rannte über die schmalen Grate von Mintahoq, als ich noch ein kleines Kind war…«

»Aber hier ist flacher Boden, und es geht bergab. Bitte, Binabik, du hast gesagt, wir müßten uns beeilen!«

Der Troll sah ihn an, machte dann kehrt und schnalzte Qantaqa etwas zu, die sich sogleich im kargen Gras niederließ. Binabik warf ein Bein über ihren breiten Rücken und setzte sich zurecht, indem er ihr dickes Nackenfell als Sattelknopf benutzte. Wieder schnalzte er, und die Wölfin stand auf – erst mit den Vorder-, dann mit den Hinterfüßen –, wobei Binabik auf ihrem Rücken schwankte.

»Ummu, Qantaqa«, befahl er kurz, und sie setzte sich in Marsch. Simon verlängerte seine Schritte und begann neben ihnen herzutraben. Sie konnten jetzt außer dem Geräusch ihres eigenen Laufens nichts mehr hören, aber der Gedanke an das Heulen in der Ferne verursachte ein Prickeln in Simons Nacken, und Aldheortes dunkles Antlitz kam ihm immer mehr wie das Willkommenslächeln eines Freundes vor. Binabik duckte sich tief über Qantaqas Hals und wollte Simon lange Zeit nicht in die Augen sehen.

Seite an Seite rannten sie den langen Hang hinunter. Endlich, als die flache, graue Sonne schon auf die Berge hinter ihnen zu sinken begann, erreichten sie die erste Baumreihe, eine Schar schlanker Birken – blasse Dienstmägde, die Besucher ins Haus ihres dunklen, alten Gebieters geleiteten.

Obwohl es draußen in den Hügeln noch hell vom schrägen Sonnenlicht war, tauchten die Gefährten, sobald die Bäume über ihnen aufzuragen begannen, schon bald in düsteres Dämmerlicht ein. Der weiche Waldboden dämpfte ihre Schritte, und sie rannten stumm wie Gespenster durch den schütteren äußeren Forst.

Lichtsäulen drangen wie Speere durch das Astwerk, und hinter ihnen stieg Staub auf, der glitzernd zwischen den Schatten schwebte.

Simon wurde jetzt schnell müde. Schweiß rann ihm in schmutzigen Bächen über Gesicht und Hals.

»Weiter müssen wir«, rief ihm Binabik von seinem schwankenden Halt auf Qantaqas Rücken zu. »Schon bald wird dieser Weg so zugewachsen sein, daß keine Schnelligkeit möglich ist, und das Licht zu schwach dafür. Dann werden wir rasten.«

Simon antwortete nicht, sondern kämpfte sich weiter. Sein Atem brannte in den Lungen.

Als der Junge endlich langsam wurde und in einen unregelmäßigen Trott fiel, rutschte Binabik vom Rücken der Wölfin und rannte neben ihm her. Ringsum glitt die schiefe Sonne die Baumstämme hinauf und ließ den Waldboden im Dunkel, während gleichzeitig die oberen Äste leuchtende Heiligenscheine bekamen und aussahen wie auf den buntfarbigen Fenstern der Hochhorstkapelle. Schließlich, als sich die Erde vor ihnen in Finsternis auflöste, stolperte Simon über einen halb begrabenen Stein. Als Binabik ihn am Ellenbogen packte, blieb er stehen.

»Nun setz dich hin«, sagte der Troll. Wortlos glitt Simon zu Boden und fühlte, wie unter ihm leicht das lockere Erdreich nachgab. Gleich darauf umkreiste sie Qantaqa. Sie schnüffelte die unmittelbare Umgebung ab und setzte sich dann hin, um Simon den Schweiß vom Nacken zu lecken. Es kitzelte, aber Simon war zu erschöpft, um sich ernstlich dagegen zu wehren.