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Binabik hockte sich nieder und untersuchte ihren Rastplatz. Sie befanden sich auf halber Höhe einer kleinen Mulde, durch die sich unten ein schlammiges Bachbett schlängelte, in dessen Mitte ein dunkles Wasserrinnsal floß.

»Wenn du wieder atmest«, meinte er, »denke ich, wir sollten vielleicht dorthin gehen.« Mit dem Finger zeigte er auf eine etwas höher gelegene Stelle, an der eine große Eiche stand, deren Wurzelgeflecht die Annäherung anderer Bäume verhindert hatte, so daß rings um ihren dicken, knotigen Stamm eine Steinwurfweite freier Raum war. Simon, immer noch nach Luft ringend, nickte. Nach einer Weile stand er mühsam auf und schleppte sich mit dem kleinen Mann hangaufwärts bis zu dem Baum.

»Weißt du, wo wir sind?« fragte er und sank nieder, um sich an eine der verschlungenen, halb begrabenen Wurzeln zu lehnen.

»Nein«, meinte Binabik fröhlich. »Aber morgen, wenn die Sonne scheint und ich Zeit habe, gewisse Dinge zu tun … dann werde ich es wissen. Hilf mir jetzt ein paar Steine und Stöcke suchen, damit wir ein Feuerchen anzünden können. Und später«, Binabik erhob sich aus seiner Hockstellung und machte sich im schwindenden Tageslicht auf die Suche nach gefallenem Holz, »später wird es eine angenehme Überraschung für dich geben.«

Binabik hatte eine Art dreiseitiger Steinkiste um das Feuerloch gebaut, um das Licht zu verdecken, aber trotzdem knisterte es auf höchst ermutigende Weise. Der rote Schimmer warf sonderbare Schatten auf den Troll, der in seinem Rucksack wühlte. Simon sah ein paar einsamen Funken nach, die wirbelnd nach oben kreisten.

Sie hatten sich aus getrocknetem Fisch, Hartkuchen und Wasser eine karge Mahlzeit zubereitet. Simon fand, er habe seinen Magen nicht so gut behandelt, wie er es gern getan hätte, aber es war doch besser, hier zu liegen und den dumpfen Schmerz in seinen Beinen der Wärme auszusetzen, als weiter zu laufen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals eine so lange Zeit oder eine so weite Strecke gerannt zu sein, ohne einmal anzuhalten.

»Ha!« gluckste Binabik vergnügt und hob sein vom Feuerschein gerötetes Gesicht triumphierend aus dem Rucksack. »Eine Überraschung habe ich dir versprochen, Simon, und eine Überraschung habe ich!«

»Eine angenehme Überraschung, hast du gesagt. Von der anderen Sorte habe ich für mein Lebtag genug.«

Binabik grinste, und sein rundes Gesicht schien sich bis zu den Ohren zu verbreitern. »Nun, das mußt du selbst entscheiden. Hier, versuch das.« Er gab Simon einen kleinen Tonkrug.

»Was ist das?« Simon hielt den Krug ans Feuer. Er fühlte sich gewichtig an, trug jedoch keinen Hinweis auf seinen Inhalt. »Ein Trollding?«

»Öffne ihn!«

Simon steckte den Finger oben hinein und stellte fest, daß die Öffnung mit etwas Wachsartigem versiegelt war. Er kratzte ein Loch hindurch und hielt dann den Krug an die Nase, um vorsichtig daran zu riechen. Dann bohrte er den Finger in das Loch, zog ihn wieder heraus und steckte ihn in den Mund.

»Marmelade!« sagte er entzückt.

»Sicher aus Weintrauben«, meinte Binabik, der sich über Simons Reaktion freute. »Einige davon fand ich in der Abtei, aber die Aufregungen der letzten Zeit haben sie aus meinem Kopf vertrieben.«

Nachdem er mehrere Finger voll verspeist hatte, reichte Simon die Marmelade, wenn auch ungern, Binabik, der sie ebenfalls recht wohlschmeckend fand. Es dauerte nicht lange, da hatten sie alles aufgegessen und überließen Qantaqa den klebrigen Krug zum Auslecken.

Simon rollte sich neben den warmen Steinen des erlöschenden Feuers in seinen Mantel. »Könntest du nicht ein Lied singen, Binabik«, bat er, »oder eine Geschichte erzählen?«

Der Troll sah zu ihm hinüber. »Besser keine Geschichte, Simon, denn wir müssen schlafen und früh aufstehen. Vielleicht ein kurzes Lied.«

»Das wäre schön.«

»Aber wenn ich es mir recht überlege«, wandte Binabik ein und zog sich die Kapuze über die Ohren, »würde ich gern einmal ein Lied von dir hören. Natürlich leise gesungen.«

»Von mir? Ein Lied?« Simon überlegte. Durch eine Lücke in den Bäumen glaubte er das schwache Glitzern eines Sterns zu erkennen. Eines Sterns … »Also gut«, erklärte er, »weil du mir auch ein Lied vorgesungen hast, von Sedda und der Decke aus Sternen … ich denke, ich kann dir etwas singen, das mir als Kind die Kammerfrauen beigebracht haben.« Er drehte und wendete sich ein wenig, um es sich bequemer zu machen. »Hoffentlich weiß ich die Worte noch alle. Es ist ein lustiges Lied.«

Tief im Altherzental rief Hans Mundwald einmal seine Männer vom Wald nah und fern. Eine Krone es galt und den Ruhm dort im Wald, für den Mann, der ihm fing einen Stern.
Da stand Beornoth auf, rief »Ich klettre hinauf auf den höchsten der Baumwipfel hier! Und ich hole den Stern für die Krone von fern, und dann reichst du die Goldene mir.«
Und er klettert in Hast auf den obersten Ast einer Birke und sprang weiter noch wie im wildesten Traum, von Baumstamm zu Baum, doch der Stern stand am Himmel zu hoch.
Osgal lachte derweil und versprach einen Pfeil in den obersten Himmel hinein. »Ich schieß ihn vom Zelt, daß herunter er fällt, und die Krone, die Krone ist mein…«
Zwanzig Pfeile, das Schaf! Doch kein einziger traf auf den Stern voller Hohn in der Nacht. Zwanzig Pfeile hinab. Osgal wünscht sich ins Grab und versteckt hinter Hans sich, der lacht.
Jetzt versucht's jeder Mann, und ein Streiten hebt an, und die Mühe wird schnell ihnen leid; da tritt aus dem Chor Schön Hruse hervor, und sie glättet bedächtig ihr Kleid.
»Es ist wahrlich nicht viel, was Hans Mundwald da will«, sagt sie lächelnd, ein Blitzen im Blick, »doch wenn ihr sie nicht wollt, die Krone aus Gold, will ich lösen das Rätsel mit Glück.«
Ein Netz ließ sie jetzt sich bringen zuletzt, und sie warf es hinaus in den See. Wasser wallte empört und hätt beinah zerstört das Abbild des Sterns in der Höh.
Doch es währte nicht lang, da lag stille ihr Fang, und sie lächelt: »Dein Spiel, Hans, ist aus. Dein Stern zappelt im See, ist gefangen, o weh, und wenn du ihn willst, hol ihn raus!«
Und Hans lachte sich krumm, und der Menge ringsum rief er zu: »Diese Frau will ich frein! Für den Stern ist ihr Lohn meine goldene Kron, und mein Leben, das gibt's obendrein.« Ja, sie holte den Stern für die Krone von fern, und Hans Mundwald, der nahm sie zum Weib…

Aus der Dunkelheit konnte er Binabiks Lachen hören, leise und leicht. »Ein Lied zum Freuen, Simon. Sei bedankt.«

Bald verstummte das Zischen der Glut, und das einzige Geräusch war das Atmen des Windes in den endlosen Bäumen.

Noch bevor er die Augen aufschlug, vernahm Simon seltsame, eintönige Laute, die gleich neben seinem Lager an- und abschwollen. Er hob den Kopf, fühlte sich klebrig vom Schlaf und erblickte Binabik, der mit untergeschlagenen Beinen vor dem Feuer saß. Die Sonne war gerade erst aufgegangen; blasse Nebelranken umwanden ringsum den Wald.

Binabik hatte einen Kreis aus Federn sorgfältig um die Feuerstelle gelegt, Federn vieler verschiedener Vögel, als hätte er sie im ganzen Wald zusammengesammelt. Die Augen geschlossen, beugte er sich über das kleine Feuer und sang in seiner Heimatsprache vor sich hin, die Laute, die Simon wach gemacht hatten.

»… Tutusik-Ahyuq-Chuyuc-Qachimak,

Tutusik-Ahyuk-Chuyuk-Qaqimak…« Immer und immer wieder. Das schmale Rauchband, das vom Lagerfeuer aufstieg, begann zu flattern wie in einem kräftigen Wind, aber die winzigen Federchen blieben flach am Boden liegen und rührten sich nicht. Mit immer noch geschlossenen Augen begann Binabik mit der Handfläche einen flachen Kreis über dem Feuer zu beschreiben; das Rauchband bog sich, als habe es jemand verschoben, und fing an, stetig in eine Ecke der Grube zu wehen. Der Troll öffnete die Augen und sah eine kleine Weile dem Rauch nach, dann beendete er das Kreisen seiner kleinen Hand. Gleich darauf stieg der Rauch wieder auf wie gewöhnlich.