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Simon hatte den Atem angehalten. Jetzt stieß er die Luft aus. »Und weißt du jetzt, wo wir sind?« erkundigte er sich. Binabik drehte sich um und lächelte zufrieden.

»Morgengrüße. Ja, ich glaube, ich weiß es jetzt auf das hübscheste. Wir dürften kaum Schwierigkeiten haben – aber einen langen Fußweg vor uns, bis wir Geloës Haus erreichen.«

»Haus?« fragte Simon. »Ein Haus im Aldheorte? Wie sieht es aus?«

»Ah«, meinte Binabik, streckte die Beine aus und rieb sich die Waden, »es ist anders als alle Häuser, die du…« Er verstummte und starrte wie gebannt über Simons Schulter. Erschreckt fuhr der Junge herum, aber es war nichts zu sehen.

»Was ist?«

»Pssst.« Binabik starrte immer noch. »Dort. Hörst du?«

Eine Sekunde später hörte er es: das ferne Gebell, das sie auf ihrem Weg durch die Grashügel zum Wald schon vernommen hatten.

Simon fühlte, wie er eine Gänsehaut bekam.

»Wieder die Hunde!« sagte er. »Aber es hört sich an, als seien sie noch weit weg.«

»Du begreifst noch nicht.« Binabik sah auf die Feuergrube, dann hinauf nach dem Morgenlicht, das durch die Baumwipfel heruntersickerte, rot wie Blut. »Sie sind in der Nacht an uns vorbeigezogen. Sie müssen die ganze Nacht gerannt sein. Und jetzt, wenn mir meine Ohren keinen Streich spielen, laufen sie wieder zu uns zurück!«

»Wessen Hunde sind das?« Simon merkte, daß seine Handflächen feucht wurden von Schweiß und wischte sie am Mantel ab. »Verfolgen sie uns? Sie können uns doch nicht im Wald jagen, oder?«

Binabik scharrte mit seinem kleinen Stiefel die Federn auseinander und begann seinen Rucksack zu packen. »Ich weiß es nicht«, entgegnete er. »Ich kenne auf alle drei Fragen keine Antwort. Es ist eine Macht in diesem Wald, die vielleicht Jagdhunde verwirrt macht – gewöhnliche Hunde. Aber ich bezweifle, daß irgendein Baron aus dieser Gegend, der sich ein Jagdvergnügen machen will, seine Hunde die ganze Nacht lang rennen läßt, und ich habe noch nie von Hunden gehört, die dazu imstande wären.«

Binabik rief Qantaqa. Simon setzte sich auf und zog rasch seine Stiefel an. Er fühlte sich am ganzen Körper wie zerschlagen und ahnte doch, daß er schon bald wieder würde rennen müssen.

»Es ist Elias, nicht wahr?« fragte er grimmig und zuckte zusammen, als er seinen mit Blasen bedeckten Fuß auf den Stiefelabsatz hinabschob.

»Vielleicht.« Qantaqa trottete herbei, und Binabik warf ein Bein über ihren Rücken und zog sich hinauf. »Aber was macht den Gehilfen eines Doktors so wichtig für ihn – und wo findet der König Hunde, die zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang zwanzig Meilen laufen?« Binabik setzte seinen Rucksack vor sich auf Qantaqas Rücken und reichte Simon seinen Wanderstab. »Bitte verlier ihn nicht. Ich wünschte, wir hätten für dich ein Pferd zum Reiten gefunden.«

Die beiden stiegen den Hang hinunter bis an den Wasserlauf, dann auf der anderen Seite wieder nach oben.

»Sind sie schon nah?« fragte Simon. »Und wie weit ist es noch?«

»Weder Hunde noch Haus sind nah«, erwiderte Binabik. »Ich werde neben dir herrennen, sobald Qantaqa müde wird. Kikkasut!« fluchte er, »wie sehr ich mir doch ein Pferd wünsche!«

»Ich auch«, schnaufte Simon.

So zogen sie den ganzen Morgen weiter nach Osten, immer tiefer in den Wald hinein. Sie stiegen Felsentäler hinauf und hinunter, und hinter ihnen wurde das Bellen minutenlang leiser, nur um dann noch lauter als zuvor wieder zu ertönen. Binabik hielt Wort und sprang von Qantaqas Rücken, als die Wölfin langsamer wurde. Nun trottete er neben ihr her, und seine kurzen Beine benötigten zwei Schritte für jeden Schritt Simons. Er hatte die Zähne entblößt, und seine Wangen blähten sich und wurden wieder flach.

Als die Sonne den Mittag fast erreicht hatte, hielten sie an, um Wasser zu trinken und sich ein wenig auszuruhen. Simon riß von seinen beiden Päckchen Streifen ab, um die Blasen an seinen Fersen zu verbinden. Dann gab er Binabik die Bündel, damit er sie in seinen Rucksack steckte; denn Simon hielt es einfach nicht mehr aus, sie beim Gehen und Rennen gegen seinen Oberschenkel schlagen zu fühlen. Als sie sich mit den letzten muffigen Tropfen aus dem Wasserschlauch die Backentaschen ausspülten und mühsam wieder zu Atem zu kommen versuchten, war das Geräusch der Verfolgung wieder zu hören. Diesmal klang der unverwechselbare Lärm der Hunde soviel näher, daß sie sich sofort, wenn auch schwankend, wieder in Trab setzten.

Schon bald führte sie ihr Weg eine lange Steigung hinauf. Je höher sie kamen, desto felsiger wurde der Boden, und selbst die Baumarten schienen sich zu verändern. Simon stolperte über den unebenen Hang und merkte, wie sich ein Übelkeit erregendes Gefühl der Niederlage in seinem Körper ausbreitete wie Gift. Binabik hatte ihm erklärt, es würde zumindest später Nachmittag werden, bis sie zu dieser Geloë kamen; aber sie hatten das Rennen jetzt schon verloren, und die Sonne über den schützenden Bäumen stand noch nicht einmal im Mittag. Der Lärm ihrer Verfolger blieb immer gleich, ein aufgeregtes Heulen, so laut, daß sich Simon, noch während er den entmutigenden Hang hinauftaumelte, wundern mußte, woher sie den Atem nahmen, gleichzeitig zu rennen und zu bellen. Was für eine Art Hunde war das?

Simons Herz schlug so schnell wie Vogelflügel. Nur allzu bald würden er und der Troll vor ihren Jägern stehen. Und bei diesem Gedanken wurde ihm schlecht.

Endlich war durch die Baumstämme des Horizontes ein schmaler Streifen Himmel zu sehen: die Höhe des Abhanges. Sie hinkten an der letzten Baumreihe vorbei. Qantaqa, die vor ihnen herlief, hielt plötzlich inne und bellte, ein scharfer, hoher Laut aus tiefer Kehle.

»Simon!« schrie Binabik, warf sich nieder und schlug dem Jungen die Beine weg, so daß er mit einem Ächzen gewaltsam den Atem ausstieß und stürzte. Als sich gleich darauf der schwarze Tunnel seines Blickfeldes erweiterte, lag er auf seinen Ellenbogen und sah über eine zerklüftete Felswand in eine tiefe Schlucht hinunter. Unter seiner Hand lösten sich ein paar Stücke Geröll aus dem Fels und hüpften und polterten die Steilwand hinab, um tief unten in den grünen Wipfeln der Bäume zu verschwinden.

Das Gebell war wie die eherne Fanfare von Kriegstrompeten. Simon und der Troll schoben sich vom Rand der Schlucht fort, ein paar Fuß bergab, und standen auf.

»Schau!« zischte Simon, dessen blutende Hände und Knie jetzt unwichtig für ihn waren. »Binabik, schau!« Er deutete den langen Abhang hinunter, den sie gerade erst erklommen hatten. Ein dichter Mantel aus Bäumen bedeckte ihn.

Über die Lichtungen huschte, viel, viel weniger als eine halbe Meile hinter ihnen, ein Schwarm weißer, dicht über dem Boden laufender Gestalten: die Hunde.

Binabik nahm Simon den Stab ab, drehte ihn auseinander, schüttelte die Dornen heraus und gab dem Jungen das Ende mit dem Messer.

»Schnell«, sagte er, »schneide dir einen Ast als Keule ab! Wenn wir unser Leben verkaufen müssen, soll der Preis ein hoher sein.«

Die kehligen Stimmen der Hunde brandeten den Berg hinauf, ein stetig anschwellendes Lied vom Ende der Jagd und vom Tod.

XXV

Der geheime See

Wie ein Wahnsinniger hieb und hackte er, bog den Ast mit seinem ganzen Gewicht nach unten, das Messer schlüpfrig in den zitternden Fingern. Viele kostbare Sekunden brauchte Simon, bis er einen Ast abgeschnitten hatte, der ihm geeignet schien – eine so armselige Verteidigung er auch sein mochte –, und jede Sekunde brachte die Hunde näher heran. Der Ast, den er endlich abbrach, war so lang wie sein Arm und hatte an einem Ende, dort, wo ein anderer Ast abgefallen war, einen Knorren.