Выбрать главу

Der Troll wühlte in seinem Rucksack und hielt mit der anderen Hand Qantaqas dickes Nackenfell gepackt.

»Halt sie fest!« rief er Simon zu. »Wenn wir sie jetzt loslassen, greift sie zu früh an. Dann werden sie sie niederreißen und sofort töten.« Simon hockte sich hin und legte der Wölfin den Arm um den breiten Hals. Sie bebte vor Erregung; Simon fühlte sein eigenes Herz im selben schnellen Rhythmus schlagen – es war alles so unwirklich! Erst heute morgen hatte er friedlich neben Binabik und der Wölfin am Feuer gesessen…

Der Ruf der Meute wurde drängender; sie kamen den Berg hinaufgeschwärmt, wie weiße Ameisen aus einem bröckelnden Nest fliehen. Qantaqa machte einen Satz nach vorn und zerrte Simon auf die Knie.

»Hinik Aia!« schrie Binabik und gab ihr mit dem hohlen Knochenröhrchen einen Klaps auf die Nase. Dann ließ er das Röhrchen fallen, zog ein Stück Seil aus den Tiefen seines Rucksacks und machte sich daran, eine Schlinge zu knüpfen. Simon, der ihn zu verstehen glaubte, warf einen Blick nach rückwärts über den Rand der Schlucht und schüttelte verzweiflungsvoll den Kopf. Es ging viel zu tief hinunter, mehr als doppelt so weit, wie Binabiks Seil die glatte Felswand hinabreichte. Dann sah er etwas und spürte, wie sich trotz allem Hoffnung in ihm regte.

»Schau, Binabik!« Er deutete mit der Hand. Obwohl ein Abstieg unmöglich war, schlang der Troll sein Seil um einen Baumstumpf, der keinen Meter vom Rand der Schlucht im Boden saß. Als er fertig war, blickte er auf, Simons Zeigefinger nach.

Weniger als hundert Schritte von der Stelle entfernt, an der sie sich duckten, lag eine riesige, alte Schierlingstanne, die in den Abgrund gekippt war. Das Wurzelende balancierte auf der diesseitigen Kante der Schlucht, der Wipfel auf halber Höhe der gegenüberliegenden Wand, wo er sich an einem Felsvorsprung verfangen hatte.

»Wir können auf die andere Seite hinüberklettern!« erklärte Simon. Aber der Troll schüttelte den Kopf.

»Wenn wir mit Qantaqa dort hinunterkommen, können sie es auch. Und es führt nirgendwo hin.« Er machte eine Handbewegung.

Der Vorsprung, an dem der Baum sich verhakt hatte, war nur ein breites Band an der Felswand. »Aber es ist eine gewisse Hilfe.«

Binabik stand auf und zog an dem Seil, um den Knoten um den Baumstumpf zu prüfen. »Nimm Qantaqa mit dort hinunter, wenn du kannst. Nicht zu weit, nur etwa zehn Ellen. Halt sie so lange fest, bis ich rufe, verstanden?«

»Aber…«, begann Simon und sah dann wieder hinab. Die weißen Gestalten, insgesamt etwa ein Dutzend, würden sie bald erreichen. Er erwischte die unwillige Qantaqa beim Kragen und drängte sie nach der umgestürzten Schierlingstanne.

Es lag noch ein genügend großes Stück des Baumes auf dem Schluchtrand, um Raum zwischen dem Wurzelgewirr und der Felskante zu lassen. Es war nicht leicht, dabei das Gleichgewicht zu halten, wenn man auch noch die Wölfin packen mußte. Sie schauderte und wich knurrend zurück; der Laut ging im Lärm der näherkommenden Hunde fast unter. Er schaffte es nicht, sie auf den breiten Stamm hinaufzulocken. Ratlos drehte er sich zu Binabik um.

»Ummu!« schrie der Troll heiser, und sofort sprang Qantaqa, noch immer grollend, auf die Tanne. Simon setzte sich, so gut er konnte, rittlings auf den Stamm, wobei ihm die Keule im Gürtel recht hinderlich war. Er rutschte auf dem Hinterteil rückwärts weiter und hielt dabei immer noch Qantaqa fest, bis er den Rand der Schlucht ein gutes Stück zurückgelassen hatte. Genau in diesem Augenblick schrie der Troll auf, und als Qantaqa den Ton seiner Stimme hörte, fuhr sie jäh herum. Simon hing mit beiden Armen an ihrem Hals und preßte seine Knie an die rauhe Borke. Ihm war auf einmal kalt, so kalt! Er vergrub das Gesicht in ihrem Pelz, roch ihren starken, wilden Geruch und flüsterte ein Gebet.

»… Elysia, Mutter unseres Erlösers, sei uns gnädig, beschütze uns…«

Binabik stand, ein zusammengerolltes Stück des Seiles in der Hand, genau einen Schritt vor dem Abgrund. »Hinik, Qantaqa!« rief er, und dann waren die Hunde aus den Bäumen heraus und jagten das letzte Stück den Abhang hinauf.

Von dort, wo er saß und die strampelnde Wölfin festhielt, konnte Simon recht wenig von ihnen sehen – nur lange, schmale weiße Rücken und scharfe Ohren. Die Bestien rannten im Galopp auf den Troll zu und machten dabei ein Geräusch, als schleife man Metallketten über einen Schieferboden.

Was hat Binabik nur vor? dachte Simon, der vor lauter Panik kaum atmen konnte. Warum läuft er nicht weg, warum macht er keinen Gebrauch von seinen Dornen – warum tut er nicht irgend etwas!

Es war, als kehre sein schlimmster Alptraum zurück, von Morgenes, der zwischen Simon und Elias' tödlicher Hand in Flammen stand. Er konnte nicht hier sitzen bleiben und zusehen, wie Binabik vor seinen Augen zerrissen wurde. Gerade wollte er den Stamm wieder hinaufrutschen, als die Hundemeute den Troll ansprang.

Nur sekundenlang nahm Simon die langen, fahlen Schnauzen, die leeren, perlweißen Augen und das Aufblitzen roter, gerollter Zungen und roter Lefzen wahr, dann sprang Binabik nach hinten und hinab in die Schlucht –

»Nein!« kreischte Simon, außer sich vor Entsetzen. Die fünf oder sechs Tiere, die Binabik am nächsten gewesen waren, schossen vorwärts, konnten nicht mehr bremsen und purzelten in einem aufjaulenden Gewirr weißer Beine und Schwänze die Klippe hinunter. Hilflos sah Simon, wie der Klumpen winselnder Hunde gegen die steile Felswand prallte und dann senkrecht tief in die Bäume hinabstürzte. Brechende Äste krachten wie bei einer Explosion. Er fühlte, wie ein neuer würgender Aufschrei aus seiner Brust stieg …

»Jetzt, Simon! Laß sie los!«

Mit aufgesperrtem Mund schaute Simon nach unten und erblickte Binabiks gegen die Wand der Schlucht gestemmte Füße. Der Troll hing an dem um seine Mitte geschlungenen Seil, keine zwei Dutzend Fuß unter der Stelle, an der er hinabgesprungen war.

»Laß sie los!« wiederholte er, und Simon löste endlich den Arm von Qantaqas Nacken. Die verbliebenen Hunde drängten sich über Binabiks Kopf am Rand zusammen, schnüffelten am Boden und starrten in die Tiefe. In ohnmächtiger Wut bellten sie den kleinen Mann an, der so quälend nahe hing.

Noch während sich Qantaqa den breiten Rücken der Schierlingstanne hinaufbewegte, richtete einer der weißen Hunde winzige Augen wie beschlagene Spiegel auf den Baum und Simon, stieß ein lautes, rasselndes Knurren aus und rannte auf ihn zu; die anderen folgten ihm sofort.

Noch bevor jedoch die jappende Meute die Tanne erreicht hatte, tat die graue Wölfin die letzten Schritte und landete mit einem prachtvollen Sprung auf dem Rand des Abgrundes. Einen Herzschlag später war der erste Hund an ihr, zwei weitere dicht dahinter. Das knurrende Kampflied der Wölfin stieg in die Höhe, im Bellen und Heulen der Hunde ein tieferer Ton.

Simon, einen Augenblick lang unentschlossen, begann sich dem Schluchtrand zuzuschieben. Der Stamm war so breit, daß ihm die gespreizten Beine weh taten. Er überlegte, ob er sich auf die Knie aufrichten und kriechen, seinen festen Halt am Baum also der Schnelligkeit opfern sollte. Die Baumwipfel tief unter ihm waren ein höckriger, grüner Teppich. Die Entfernung machte ihn schwindlig; sie war weit größer als der Sprung von der Mauer zum Grünengel-Turm. In seinem Kopf drehte es sich; er wandte den Blick ab und beschloß, seine Knie dort zu lassen, wo sie waren. Als er wieder aufschaute, sprang vom Rand eine weiße Gestalt auf die breite Tanne.

Der Hund grollte und kam rasch vorwärts. Seine Krallen kratzten über die Rinde. Simon blieb nur eine Sekunde, um seinen Ast mit dem Knorren herauszureißen, bevor das Untier die vielleicht ein Dutzend Fuß zurückgelegt hatte und ihn ansprang. Einen Moment verhakte sich der Ast in seinem Gürtel, aber Simon hatte das schmale Ende nach unten gesteckt, und das rettete ihm wahrscheinlich das Leben.