Die Keule war frei, als der Hund über ihn kam. Gelbe Zähne blitzten, als er nach Simons Gesicht schnappte. Dem Jungen gelang es, mit dem Ast so weit auszuholen, daß er den Angreifer mit seinem Hieb streifte und dadurch ablenkte. Einen Zollbreit von seinem linken Ohr klappten die Zähne in der Luft zusammen und bespritzten ihn mit Geifer. Die Hundepfoten standen auf seiner Brust, und der fürchterliche Aasgeruch des Atems wehte ihm in die Nase; Simon war im Begriff, den Halt zu verlieren. Er versuchte die Keule wieder hochzureißen, aber sie blieb zwischen den gestreckten Vorderläufen des Tiers stecken. Als die lange, geifernde Schnauze ein zweites Mal auf sein Gesicht zustieß, beugte er sich rückwärts und versuchte den Ast freizuzerren. Ein sekundenlanger Widerstand, dann hatte er dem weißen Hund eine Pfote unter der Schulter weggeschlagen – und das Tier verlor das Gleichgewicht. Es jaulte auf, torkelte zur Seite, kratzte einen Augenblick mit den Pfoten über die Borke und riß die Keule mit sich, als es vom Baumstamm abrutschte, um kopfüber in die Schlucht zu stürzen.
Simon sank nach vorn, klammerte sich mit den Händen am Baum fest und hustete, um den stinkenden Atem des Hundes aus seiner Nase zu vertreiben. Ein dumpfes Knurren unterbrach ihn. Langsam hob er den Kopf und sah einen zweiten Hund auf dem Stamm stehen, gerade hinter den Wurzeln. Die milchigen Augen glänzten wie bei einem blinden Bettler. Der Hund entblößte die Zähne zu einem schäumenden, scharlachzüngigen Grinsen. Simon hob hilflos die leeren Hände, als sich das Tier langsam den Baumstamm vortastete. Unter dem kurzen Fell traten die Muskeln hervor wie Stricke.
Der Hund drehte sich um, schnappte nach seiner Flanke, zerrte einen Augenblick an seinem Fell und richtete dann von neuem den unheimlich leeren Blick auf Simon. Schließlich machte er einen weiteren Schritt, schwankte, tat noch einen unsicheren Schritt, sank zusammen – und rutschte von der Schierlingstanne hinunter ins Vergessen.
»Der schwarze Dorn schien mir am sichersten«, rief Binabik. Der kleine Mann stand ein paar Meter hangab unter dem verdorrten Wurzelballen des Baumes. Gleich darauf hinkte Qantaqa herbei und stellte sich neben ihn. Ihre Schnauze troff von dunkelrotem Blut. Simon stierte die beiden an und begriff allmählich, daß sie es überstanden hatten.
»Jetzt langsam«, befahl der Troll. »Hier, ich werfe dir das Seil zu. Es wäre unvernünftig, dich nun zu verlieren, nach allem, was wir hinter uns gebracht haben…« Das Seil beschrieb einen weiten Bogen und glitt über den Stamm auf Simon zu. Der Junge griff dankbar danach, und seine Hände zitterten, als litte er an Schüttellähmung.
Binabik drehte den Hund mühsam mit dem Fuß um. Es war einer, den er mit einem Dorn erlegt hatte; der Wollpfropf ragte aus dem glatten weißen Fall am Hals des Tieres hervor wie ein winziger Pilz.
»Sieh hier«, sagte der Troll. Simon beugte sich ein Stück näher. Der Hund glich keinem Jagdhund, den er je gesehen hatte: Die schmale Schnauze und das fliehende Kinn erinnerten ihn eher an die um sich schlagenden Haie, welche die Fischer aus dem Kynslagh zogen. Die schillernden weißen Augen, die nun blicklos vor sich hinstarrten, schienen Fenster zu irgendeiner innerlichen Krankheit zu sein.
»Nein, das meine ich.« Binabik deutete mit dem Finger. Auf der Brust des Hundes, schwarz in die kurzen Haare eingebrannt, war ein schlankes Dreieck mit schmaler Grundlinie zu erkennen – ein Brandzeichen, wie es die Männer der Thrithinge mit im Feuer erhitzten Speeren in die Flanken ihrer Pferde sengten.
»Das ist das Zeichen von Sturmspitze«, erklärte Binabik ruhig. »Es ist die Marke der Nornen.«
»Und wer ist das?«
»Ein seltsames Volk. Ihr Land liegt noch höher im Norden als Yiqanuc und Rimmersgard. Ein großer Berg steht dort – sehr hoch und ganz bedeckt mit Schnee und Eis –, den die Rimmersmänner Sturmspitze nennen. Die Nornen meiden die Gefilde von Osten Ard. Manche sagen, sie seien Sithi, aber ich weiß nicht, ob das der Wahrheit entspricht.«
»Wie kann das sein?« fragte Simon. »Schau dir das Halsband an.« Er bückte sich und schob vorsichtig einen Finger unter das weiße Leder, um es vom steifwerdenden Fleisch des toten Hundes hochzuheben.
Binabik lächelte verlegen. »Schande über mich! Ich habe das Halsband übersehen, weiß auf weiß, wie es ist – ich, der seit frühester Kindheit gelernt hat, im Schnee zu jagen!«
»Aber schau es dir doch an!« drängte Simon. »Fällt dir die Schnalle nicht auf?«
Die Schnalle des Halsbandes war in der Tat ungewöhnlich: ein Stück gehämmertes Silber in Gestalt eines geringelten Drachens.
»Das ist der Drachen der königlichen Hundezwinger«, erklärte Simon mit fester Stimme. »Ich muß es wissen – ich war oft genug bei Tobas dem Hundewärter.«
Binabik hockte sich nieder und musterte den Kadaver. »Ich glaube dir. Doch was das Zeichen von Sturmspitze betrifft, so braucht man die Tiere nur anzusehen, um zu erkennen, daß diese Hunde keine Geschöpfe sind, die in eurem Hochhorst gezüchtet wurden.« Er stand auf und trat einen Schritt zurück. Qantaqa kam heran, um die Leiche zu beschnüffeln, und wich sofort mit grollendem Knurren wieder zurück.
»Ein Geheimnis, dessen Lösung warten muß«, bemerkte der Troll. »Im Augenblick können wir uns glücklich preisen, daß wir am Leben sind und noch alle unsere Glieder haben. Wir wollen uns wieder auf den Weg machen; ich hege nicht den Wunsch, dem Herrn dieser Hunde zu begegnen.«
»Ist es noch weit zu Geloë?«
»Irgendwo hat man uns von unserem Weg abgedrängt, aber es läßt sich noch gutmachen. Wenn wir jetzt aufbrechen, müßten wir immer noch schneller sein als die Dunkelheit.«
Simon sah auf die lange Schnauze und die bösartigen Kiefer des Hundes hinab, auf den kraftvollen Körper und das trüb werdende Auge.
»Hoffentlich«, meinte er leise.
Sie fanden nirgends eine Stelle, an der sie die Schlucht überqueren konnten, und entschlossen sich endlich widerwillig dazu, den langen Hang wieder hinunterzuklettern und sich nach einem anderen, leichteren Abstieg als der nackten Felswand vor ihnen umzuschauen. Simon war fast kindisch froh, daß er nicht hinabklimmen mußte; er hatte immer noch ein so schwaches Gefühl in den Knien wie nach einem Fieber. Er verspürte auch keine Lust, noch einen Blick in den Schlund der Schlucht zu werfen, unter sich nichts als den tiefen, tiefen Absturz. Es war eine Sache, im Hochhorst auf Mauern und Türme zu klettern, die rechtwinklige Ecken und Ritzen für die Maurer hatten – ein Baumstamm, der wie ein schwaches Zweiglein über dem Nichts hing, war etwas ganz anderes.
Als sie nach einer Stunde wieder am Fuß des langen Hanges angekommen waren, hielten sie sich nach rechts und suchten sich einen Weg nach Nordwesten. Sie hatten noch keine fünf Achtelmeilen zurückgelegt, als ein hoher, klagender Schrei messerscharf durch die Nachmittagsluft schnitt. Qantaqa spitzte die Ohren und grollte. Der Laut wiederholte sich.
»Es klingt wie ein schreiendes Kind«, erklärte Simon und drehte den Kopf, um den Ursprung des Geräusches zu orten.
»Der Wald spielt einem oft solche Streiche«, begann Binabik. Von neuem erhob sich der klagende Laut. Gleich darauf ertönte ein wütendes Bellen, das ihnen nur allzu vertraut war.
»Qinkipas Augen!« fluchte Binabik, »wollen sie uns den ganzen Weg bis nach Naglimund hetzen?« Das Gebell schwoll an, und er lauschte. »Es klingt nach nur einem Hund. Das ist wenigstens ein Glück.«
»Es hört sich an, als komme es von dort unten.« Simon deutete auf eine etwas entfernte Stelle, an der die Bäume dichter zusammenstanden. »Laß uns nachsehen.«
»Simon!« Binabiks Stimme war rauh vor Überraschung. »Was sagst du da? Wir fliehen um unser Leben!«
»Du hast gesagt, es klingt nur nach einem. Wir haben Qantaqa. Da wird jemand angegriffen. Wie können wir wegrennen?«