Выбрать главу

»Simon, wir wissen nicht, ob das Schreien eine List ist … oder es könnte ein Tier sein.«

»Und wenn es das nicht ist?« fragte Simon. »Wenn dieses Untier nun irgendein Holzfällerkind gefunden hat, oder … etwas anderes?«

»Ein Holzfällerkind? So weit entfernt vom Waldrand?« Binabik starrte ihn enttäuscht und zornig an. Simon gab den Blick trotzig zurück. »Ha!« sagte Binabik mit Nachdruck. »Dann soll es so sein, wie du wünschst.«

Simon machte kehrt und lief auf die dichter stehenden Bäume zu.

»Mikmok hanno so gijiq, sagen wir in Yiqanuc!« rief Binabik ihm hinterher. »Wer ein hungriges Wiesel in der Tasche trägt, ist selber schuld!« Der Junge drehte sich nicht um. Binabik schlug seinen Wanderstab gegen einen Baum und folgte ihm.

Innerhalb von hundert Schritten war er wieder an Simons Seite; zwanzig Schritte weiter hatte er seinen Stab aufgeschraubt und den Beutel mit den Dornen herausgeholt. Mit einem gezischten Befehl holte er die vorausstürmende Qantaqa zurück und rollte dann im Laufen geschickt grobe Wolle um einen der Dornen mit dunkler Spitze.

»Könntest du dich nicht selber vergiften, wenn du stolpern und hinfallen würdest?« wollte Simon wissen.

Binabik warf ihm einen sauren, besorgten Blick zu und bemühte sich, Schritt zu halten.

Als sie endlich den Ort des Geschehens erreichten, sah es dort täuschend harmlos aus: Am Fuß einer weitverzweigten Esche hockte ein Hund und starrte hinauf zu einer dunklen Gestalt, die sich über ihm auf einem Ast duckte. Es hätte einer der Burghunde aus dem Hochhorst sein können, der eine Katze auf einen Baum gejagt hatte, nur daß Hund und Beute beide wesentlich größer waren.

Sie waren keine hundert Schritte mehr entfernt, als der Hund sich ihnen zuwandte. Er zog die Lefzen hoch und bellte, ein bösartiges, rohes, gellendes Geräusch. Noch einmal schaute er nach dem Baum, streckte dann die langen Beine und trottete auf die Neuankömmlinge zu. Binabik wurde langsamer und blieb stehen. Er setzte das hohle Röhrchen an die Lippen. Qantaqa trabte an ihm vorbei. Als der Hund näherkam, blies der Troll die Backen auf und pustete. Falls der Dorn ihn getroffen hatte, ließ es sich der Hund nicht anmerken; statt dessen rannte er knurrend weiter, Qantaqa ihm entgegen. Dieser Hund war noch größer als die anderen, ebenso groß, wenn nicht gar noch etwas größer als die Wölfin.

Die beiden Tiere umkreisten einander nicht, sondern stürzten sofort aufeinander los. Gleich darauf wälzten sie sich fauchend am Boden, ein tobendes, zappelndes Knäuel aus grauem und weißem Fell. Neben Simon fluchte Binabik erbost: Vor lauter Hast, einen neuen Dorn aufzudrehen, war ihm das lederne Päckchen aus der Hand gefallen. Die Elfenbeinnadeln verteilten sich am Boden zwischen Blättern und Moos.

Das Knurren der Kämpfer war schriller geworden. Der lange weiße Kopf des Hundes stieß vor und zurück, einmal, zweimal, dreimal, wie eine Viper, die zuschlägt. Beim letzten Mal war Blut auf der bleichen Schnauze.

Simon und der Troll liefen auf die Tiere zu, als Binabik plötzlich einen seltsamen, erstickten Laut von sich gab.

»Qantaqa!« schrie er und sprang vor. Simon sah Binabiks Messer mit dem Knochengriff aufblitzen, dann warf der Troll sich, kaum zu glauben, zwischen die sich windenden, schnappenden Tiere, stieß mit dem Messer zu, riß es hoch, stieß nochmals zu. Simon, der um das Leben seiner beiden Gefährten fürchtete, riß das Röhrchen vom Boden, wo Binabik es fallen gelassen hatte, und hastete näher. Er kam rechtzeitig, um zu sehen, wie der Troll sich aufrichtete, Qantaqa an ihrem dicken, grauen Rückenfell packte und zog. Die beiden Tiere lösten sich voneinander. Beide waren voller Blut. Qantaqa stand langsam auf; sie zog ein Bein nach. Der weiße Hund lag still.

Binabik kauerte sich nieder, legte der Wölfin den Arm um den Hals und preßte seine Stirn an ihre. Simon, sonderbar gerührt, ging an ihnen vorüber auf den Baum zu.

Die erste Überraschung war, daß dort oben in den Ästen der Weißesche nicht eine Person saß, sondern zwei: ein Junge mit weitgeöffneten Augen, auf dem Schoß eine kleinere, stumme Gestalt. Die zweite Überraschung war, daß Simon den Größeren kannte.

»Du bist es!« Er starrte voller Erstaunen auf das schmutzverkrustete, blutige Gesicht. »Du! Mal … Malachias!«

Der Knabe sagte nichts, sondern schaute mit einem Blick voller Qual zu ihm hinunter, wobei er die kleine Gestalt auf seinem Schoß sanft hin- und herwiegte. Sekundenlang war das kleine Gehölz still und regungslos, als hätte jemand die Nachmittagssonne über den Bäumen in ihrem Lauf angehalten. Dann zerschmetterte das Gellen eines Horns die Stille.

»Schnell!« rief Simon zu Malachias hinauf. »Herunter! Du mußt herunterkommen!« Hinter ihm erschien Binabik mit der humpelnden Qantaqa.

»Jägerhorn, kein Zweifel«, war alles, was er sagte.

Malachias, als begreife er endlich, fing an, über den langen Ast auf den Stamm zuzurutschen, wobei er seine kleine Begleiterin sorgsam festhielt. Als er die Gabelung erreicht hatte, zögerte er einen Moment, dann reichte er Simon das schlaffe Bündel hinunter. Es war ein kleines, schwarzhaariges Mädchen, nicht älter als zehn Jahre. Sie bewegte sich nicht; die Augen in dem viel zu bleichen Gesicht waren geschlossen. Als Simon sie auffing, fühlte er etwas Klebriges auf der ganzen Vorderseite ihres groben Kleides. Gleich darauf ließ sich auch Malachias vom Ast gleiten, fiel die letzten paar Fuß hinunter, stolperte, kam aber fast sogleich wieder auf die Füße.

»Was jetzt?« fragte Simon und versuchte, das kleine Mädchen an seiner Brust zurechtzusetzen. Irgendwo am Rand der hinter ihnen liegenden Schlucht ertönte von neuem das Echo des Horns und jetzt auch das erregte Jappen weiterer Hunde.

»Wir können nicht gegen Männer und Hunde kämpfen«, bemerkte der Troll, dessen müdem Gesicht deutlich seine Erschöpfung anzusehen war. »Wir können auch nicht schneller rennen als Pferde. Wir müssen uns verstecken.«

»Wie?« fragte Simon. »Die Hunde werden uns riechen.«

Binabik beugte sich vor und nahm Qantaqas verletzte Pfote in die kleine Hand. Er bog sie vor und zurück. Die Wölfin wehrte sich einen Moment und saß dann schnaufend da, bis der kleine Mann seine Untersuchungen beendet hatte.

»Schmerzhaft ist es, aber nicht gebrochen«, erklärte er Simon, um sich dann an die Wölfin zu wenden. Malachias hob den Blick von Simons Last und starrte den Troll an. »Chok, Qantaqa«, sagte Binabik, »ummu chok Geloë!«

Die Wölfin brummte tief in der Brust und sprang dann sofort in nordwestlicher Richtung davon, weg von dem Lärm, der hinter ihnen immer lauter wurde. Sekunden später war sie, das blutbespritzte Vorderbein schonend, unter den Bäumen verschwunden.

»Ich hoffe«, erläuterte Binabik, »daß das Durcheinander von Gerüchen hier«, er deutete auf den Baum, dann auf den davor liegenden riesigen Hund, »sie verwirrt und der Geruch, dem sie dann folgen, der von Qantaqa ist. Ich denke, daß sie meine tapfere Freundin nicht fangen können, selbst wenn sie lahmt – zu schlau ist sie.«

Simon sah sich um. »Wie ist es mit dort drüben?« fragte er und deutete auf einen Spalt im Berghang, gebildet von einem großen Rechteck gebänderter Steine, die abgebrochen und hingestürzt waren, als hätte ein riesiger Keil sie gespalten.

»Nur daß wir nicht wissen, welche Richtung sie einschlagen werden«, erwiderte Binabik. »Wenn sie hier den Berg hinunterkommen, haben wir Glück. Wenn sie weiter hinten absteigen, werden sie genau an diesem Loch vorbeireiten. Das ist zu unsicher.«

Simon fiel das Denken schwer. Der Lärm der herannahenden Hunde war furchterregend. Hatte Binabik recht? Würde man sie auf der ganzen Strecke nach Naglimund verfolgen? Nicht, daß sie noch viel länger fliehen konnten, müde und zerschlagen wie sie waren.

»Dort!« sagte er plötzlich. In einiger Entfernung von ihnen ragte ein weiterer Felsfinger aus dem Waldboden auf, etwa dreimal so hoch wie ein Mann. Sein Sockel war dicht von Bäumen umstanden, die ihn umringten wie kleine Kinder ihren Großvater, dem sie helfen wollen, zum Abendbrottisch zu humpeln.