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»Wenn wir dort hinaufklettern können«, meinte Simon, »werden wir sogar noch höher sein als die Berittenen.«

»Ja«, antwortete Binabik und nickte. »Recht, du hast recht. Kommt, wir wollen klettern.« Er machte sich auf den Weg zu dem Felsblock, dicht gefolgt von dem schweigenden Malachias. Simon rückte das kleine Mädchen an seinem Körper zurecht und eilte hinterdrein.

Binabik kletterte ein Stück nach oben, hielt sich am Ast eines dicht am Felsen wachsenden Baumes fest und drehte sich dann um. »Reich mir die Kleine hoch.«

Simon streckte die Arme aus, so weit er konnte, und hob das Kind zu ihm empor. Dann wandte er sich um und wollte Malachias, der einen ersten Halt für seine Zehen suchte, stützend die Hand unter den Ellenbogen legen. Der Junge schüttelte Simons hilfreiche Geste ab und kletterte vorsichtig in die Höhe.

Simon war der letzte. Als er den ersten Absatz erreichte, hob er die stille Gestalt des kleinen Mädchens wieder auf und legte sie sanft über seine Schulter, um mit ihr zu der abgerundeten Kuppe des Felsens weiterzusteigen. Dort angelangt, legte er sich wie die anderen unter die Blätter und Zweige, so daß sie hinter einem Schirm von Ästen verborgen waren. Sein Herz hämmerte vor Erschöpfung und Furcht. Ihm war, als befinde er sich schon ewig auf der Flucht, ewig in Verstecken.

Noch wälzten sie sich hin und her, um eine bequemere Lage für alle vier Körper zu finden, als das Gejaul der Hunde zu fürchterlicher Lautstärke anschwoll. Gleich darauf war der Wald unter ihnen erfüllt von hin- und herschießenden weißen Gestalten.

Simon ließ das kleine Mädchen bei Malachias, der es fest in den Armen hielt, und schob sich leise vorwärts, bis er neben Binabik am vorspringenden Rand des Felsens lag und mit dem Troll durch eine Lücke im Laubwerk spähen konnte. Die Hunde, witternd und bellend, waren überall; mindestens zwanzig von ihnen rannten aufgeregt zwischen dem Baum, der Leiche ihres Gefährten und dem Fuß des Felsens hin und her. Eines der Tiere schien sogar direkt zu Simon und Binabik hinaufzustarren; die leeren weißen Augen glänzten, das rote Maul grinste wild. Doch gleich darauf trottete es zu seinen schaumbedeckten Artgenossen zurück.

Das Horn klang jetzt ganz nah. Eine Reihe von Pferden erschien und suchte sich einen Pfad durch den dicht bewaldeten Berghang. Jetzt hatten die Runden der Hunde einen vierten Bezugspunkt, und sie rannten mit wildem Geheul zwischen den steingrauen Beinen des Leitpferdes hindurch, das so ruhig weiterschritt, als wären sie ein paar Nachtschmetterlinge. Die folgenden Pferde waren nicht ganz so gelassen; eines, das unmittelbar hinterherkam, scheute leicht, und sein Reiter scherte mit ihm aus der Reihe aus und spornte es den letzten kurzen Hang hinab, um es in der Nähe des Felsblockes zu einem stampfenden, schnaubenden Halt zu bringen.

Der Reiter war jung und glattrasiert, mit kräftigem Kinn und lockigen Haaren von der kastanienbraunen Farbe seines Rosses. Über der silberglänzenden Rüstung trug er einen Wappenrock in Blau und Schwarz mit einem Abzeichen aus drei gelben Blumen, das schräg von der Schulter zur Taille führte. Er machte ein mürrisches Gesicht.

»Noch einer tot«, fauchte er. »Was haltet Ihr davon, Jegger?« Seine Stimme nahm einen hämischen Ton an. »Oh, verzeiht mir, ich meinte Meister Ingen

Simon war verblüfft, wie deutlich die Worte des Mannes zu verstehen waren, so als spreche er unmittelbar zu den verborgenen Lauschern. Er hielt den Atem an.

Der Gepanzerte starrte auf etwas außerhalb ihres Gesichtsfeldes, und sein Profil kam Simon plötzlich ungemein bekannt vor. Er war überzeugt, diesen Mann schon gesehen zu haben, höchstwahrscheinlich auf dem Hochhorst. Dem Akzent nach war er auf alle Fälle ein Erkynländer.

»Es kommt nicht darauf an, wie Ihr mich nennt«, erwiderte eine andere Stimme, eine tiefe, glatte, kalte Stimme. »Nicht Ihr habt Ingen Jegger zum Jägermeister dieser Jagd gemacht. Ihr seid hier … aus Höflichkeit, Heahferth. Weil es Euer Land ist.«

Jetzt wußte Simon, wen er vor sich hatte: Er kannte Baron Heahferth als einen ständigen Gast an Elias' Hof und Kumpan von Graf Fengbald. Der zweite Sprecher lenkte sein graues Roß in die Lücke, durch die Simon und Binabik hindurchstarrten. Erregte weiße Hunde umwimmelten die Pferdehufe.

Der Mann, der Ingen hieß, war ganz in Schwarz gekleidet, Waffenrock, Hosen und Hemd im selben tristen, stumpfen Ton. Auf den ersten Blick hielt man ihn für weißbärtig; dann aber zeigte sich, daß der kurzgestutzte Bart in dem harten Gesicht von so lichtem Gelb war, daß er fast farblos wirkte – so farblos wie die Augen, fahle, bleiche Flecken im dunklen Antlitz. Sie mochten blau sein.

Simon starrte auf die von der schwarzen Kapuze umrahmten kalten Züge, auf den kraftvollen, muskulösen Körper und spürte eine Furcht, die anders war als alles, was er an diesem ganzen Tag voller Gefahren erlebt hatte. Wer war dieser Mann? Er sah aus wie ein Rimmersmann, und sein Name war einer aus Rimmersgard; aber er sprach eigenartig, mit einem langsamen, fremdklingenden Akzent, den Simon noch nie gehört hatte.

»Mein Land endet am Rand des Waldes«, erklärte Heahferth jetzt und trieb sein widerspenstiges Reittier wieder an seinen Platz zurück. Ein halbes Dutzend Männer in leichter Rüstung war nacheinander auf die Lichtung geritten und saß nun wartend auf den Pferden. »Und dort, wo mein Land aufhörte«, fuhr Heahferth fort, »war auch meine Geduld zu Ende. Das ist ein schlechter Witz. Überall liegen tote Hunde herum wie Spreu…«

»Und zwei Gefangene sind entkommen«, schloß Ingen.

»Gefangene!« spottete Heahferth. »Ein Junge und ein kleines Mädchen! Glaubt Ihr, das seien die Verräter, hinter denen Elias so eifrig her ist? Glaubt ihr, ein solches Pärchen hätte das fertiggebracht?« Und er nickte mit dem Kopf zum Kadaver des großen Hundes hinüber.

»Die Hunde haben irgend etwas gejagt.« Ingen Jegger starrte auf den toten Kampfhund hinunter. »Schaut selbst. Seht Euch die Wunden an. Es waren weder Bär noch Wolf, die das getan haben. Es war unsere Beute, und noch ist sie flüchtig. Und nun, dank Eurer Dummheit, rennen auch unsere Gefangenen.«

»Wie könnt Ihr es wagen?« fuhr Baron Heahferth ihn mit erhobener Stimme an. »Wie könnt Ihr es wagen?! Mit einem Wort könnte ich Euch von Pfeilen starren lassen wie einen Igel von Stacheln.«

Ingen sah langsam vom Leichnam des Hundes auf. »Aber das werdet Ihr nicht«, versetzte er gelassen. Heahferths Pferd scheute und bäumte sich auf. Als der Baron es wieder gebändigt hatte, tauschten die beiden Männer einen langen Blick.

»Oh … also gut«, sagte Heahferth. Seine Stimme klang ganz anders, als er jetzt von dem Schwarzgekleideten wegsah und in den Wald hineinblickte. »Aber was nun?«

»Die Hunde haben eine Spur«, erklärte Ingen. »Wir werden tun, was wir müssen. Folgt mir.« Er hob das Horn, das an seiner Seite hing, und stieß einmal hinein. Die Hunde, die sich am Rand der Lichtung zusammengedrängt hatten, gaben Laut und rannten dorthin, wo Qantaqa verschwunden war; wortlos ritt Ingen Jeggers Grauroß hinterher. Baron Heahferth winkte fluchend seinen Männern und folgte. Keine hundert Herzschläge, und der Wald unter dem Felsen war wieder leer und still. Trotzdem ließ Binabik alle noch eine Weile still liegen, bevor er ihnen erlauben mochte, herunterzuklettern.

Unten am Boden untersuchte er rasch das kleine Mädchen, öffnete ihr mit behutsamem, stämmigem Finger die Augen und beugte sich über sie, um ihrem Atem zu lauschen.

»Sehr schlecht geht es ihr, der Kleinen. Wie ist ihr Name, Malachias?«

»Leleth«, erwiderte der Junge und betrachtete das blasse Gesicht. »Meine Schwester.«

»Unsere einzige Hoffnung ist, sie schnell in Geloës Haus zu bringen«, sagte Binabik. »Und daß Qantaqa diese Männer in die Irre führt, damit wir lebendig dorthin kommen.«

»Was machst du eigentlich hier, Malachias?« wollte Simon jetzt wissen. »Und wie bist du Heahferth entkommen?«