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Der Junge gab keine Antwort, und als Simon die Frage wiederholte, wandte er den Kopf ab.

»Fragen später«, erklärte Binabik und stand auf. »Schnelligkeit brauchen wir jetzt. Kannst du dieses Mädchenkind tragen, Simon?«

»Ich denke schon.«

»Also los!«

Sie bahnten sich einen Weg in nordwestlicher Richtung durch den dichten Forst. Die sinkende Sonne stach durch die Äste. Simon fragte den Troll nach dem Mann namens Ingen und seiner merkwürdigen Redeweise.

»Schwarz-Rimmersmann, denke ich«, erwiderte Binabik. »Sie sind ein seltenes Volk, wenig zu sehen außer in den Siedlungen des äußersten Nordens, in die sie manchmal zum Handeln kommen. Sie sprechen nicht die Sprache von Rimmersgard. Es heißt, sie leben am Rand des Landes, das den Nornen gehört.«

»Schon wieder die Nornen«, brummte Simon und duckte sich unter einem Ast, der Malachias aus der unachtsamen Hand gesprungen war. Er drehte sich um und sah den Troll an. »Was wird hier eigentlich gespielt? Wieso haben solche Leute an uns Interesse?«

»Gefährliche Zeiten, Freund Simon«, meinte Binabik nur. »Durch gefährliche Zeiten gehen wir.«

Mehrere Stunden vergingen, und die Schatten des Nachmittages wurden immer länger. Die Stücke Himmel, die durch die Baumwipfel schimmerten, färbten sich langsam von Blau zu Muschelrosa. Die kleine Gruppe wanderte weiter. Das Land war überwiegend flach und bildete nur manchmal kleine Senken, flach wie Bettelschalen. Über ihnen in den Zweigen führten Eichhörnchen und Häher ihre endlosen Debatten; im Blattgewirr unter ihren Füßen summten die Heuschrecken. Einmal sah Simon eine große, graue Eule, die wie ein Gespenst durch die ineinander verschlungenen Äste über ihnen schwebte. Später bemerkte er eine zweite, der ersten so ähnlich wie eine Zwillingsschwester.

Wenn sie Lichtungen überquerten, beobachtete Binabik sorgfältig den Himmel und ließ sie etwas stärker in Richtung Osten schwenken. Bald erreichten sie einen schmalen Waldbach, der über tausend kleine Hindernisse aus hineingefallenen Ästen dahingurgelte. Eine Zeitlang gingen sie durch das dichte Gras, das seine Ufer säumte; als ihnen ein dicker Baumstamm den Weg versperrte, wichen sie ihm aus und liefen auf dem Rücken der Steine weiter, die im seichten Bachbett verstreut lagen.

Als ein zweiter kleiner Wasserlauf einmündete, erweiterte sich das Bachbett, und gleich darauf hob Binabik die Hand als Zeichen zum Anhalten. Sie hatten gerade eine Biegung des Wasserlaufes umrundet; an dieser Stelle fiel der Bach jäh nach unten und rauschte als kleiner Wasserfall über eine Reihe von Felsblöcken.

Sie standen am Rand einer großen Mulde. Eine sanft abfallende, baumbestandene Fläche führte hinab zu einem weiten, dunklen See. Die Sonne war untergegangen, und in der insektensummenden Dämmerung erschien das Wasser purpurn und tief. Baumwurzeln ringelten sich ins Wasser wie Schlangen. Eine Ahnung von Stille lag über dem Wasser, von stummen, nur den endlosen Bäumen zugeflüsterten Geheimnissen. Am anderen Ufer des Sees stand, in der zunehmenden Dunkelheit unbestimmt und nicht genau zu erkennen, eine große, strohgedeckte Hütte, die sich so über dem Wasser erhob, daß es auf den ersten Blick aussah, als schwebe sie in der Luft. Dann aber stellte Simon fest, daß sie auf Stelzen über der Wasseroberfläche errichtet war. In zwei kleinen Fenstern schimmerte buttergelbes Licht.

»Geloës Haus«, verkündete Binabik, und sie machten sich auf den Weg in die baumbewachsene Senke. Mit lautlosem Flügelschlag schoß aus den Wipfeln über ihnen eine graue Gestalt, kreiste zweimal tief über dem See und verschwand im Dunkel neben der Hütte. Einen Augenblick schien es Simon, als sehe er die Eule in die Hütte fliegen, aber seine Lider waren schwer vor Übermüdung, so daß er es nicht mit Sicherheit sagen konnte. Ringsum stieg das Abendlied der Grillen auf, und die Schatten wurden länger. Am Seeufer entlang kam etwas in großen Sprüngen auf sie zu.

»Qantaqa!« lachte Binabik und rannte ihr entgegen.

XXVI

In Geloës Haus

Die Gestalt, die dort eingerahmt vom warmen Licht der Türöffnung stand, regte sich nicht und sagte kein Wort, als die Gefährten die lange Balkenbrücke betraten, die von der Türschwelle zum Ufer des Sees führte. Als Simon, die kleine Leleth sorgsam auf dem Arm, hinter Binabik herging, konnte er nicht umhin, sich zu wundern, weshalb Geloë nicht einen etwas dauerhafter erbauten Eingang für ihre Hütte besaß, zumindest mit einem Seil als Handlauf. Seinen müden Füßen fiel es schwer, sich auf der schmalen Brücke zu halten. Vermutlich hat sie ja auch nicht viel Besuch, dachte er und sah zu dem sich rasch verfinsternden Wald hinüber.

Vor der obersten Stufe blieb Binabik stehen und verbeugte sich, wobei er Simon um ein Haar in das stille Gewässer gestoßen hätte.

»Valada Geloë«, verkündete er, »Binbines Mintahoqis erbittet Eure Hilfe. Ich bringe Euch Reisende.«

Die Gestalt in der Tür trat zurück und gab den Weg frei.

»Verschone mich mit diesen Nabbanai-Phrasen, Binabik.« Es war eine rauhe und doch melodische Stimme mit starkem, fremdartigem Akzent, doch unzweifelhaft eine Frauenstimme. »Ich wußte, daß du kommst. Qantaqa ist schon seit einer Stunde hier.« Die Wölfin am Ende der Rampe spitzte die Ohren. »Natürlich seid ihr willkommen. Glaubst du, ich würde euch abweisen?«

Binabik trat ins Haus. Simon, einen Schritt hinter ihm, fragte: »Wohin soll ich das kleine Mädchen bringen?«

Er duckte sich unter der Tür durch und gewann den schnellen Eindruck eines hohen Daches und langer, von vielen Kerzenflammen geworfener, flackernder Schatten, dann stand Geloë vor ihm. Sie trug ein grobes Gewand aus graubraunem Stoff, mit einem Gürtel ungeschickt zusammengehalten. Ihre Größe lag zwischen der Simons und des Trolls. Das Gesicht war breit und sonnengebräunt und voller Falten um Augen und Mund. Ihr dunkles Haar war überall mit Grau durchsetzt und kurz abgeschnitten, so daß sie fast wie ein Priester aussah. Aber es waren ihre Augen, die Simon fesselten, runde, schwerlidrige gelbe Augen mit großen, kohlschwarzen Pupillen. Es waren alte, wissende Augen, die Augen eines würdigen Vogels aus dem Hochgebirge, und es lag eine Macht in ihnen, die Simon wie angewurzelt stehenbleiben ließ. Sie schien sein vollständiges Maß zu nehmen, sein Innerstes zuäußerst zu kehren und ihn zu schütteln wie einen Sack, alles im selben Augenblick. Als sich ihr Blick endlich dem verletzten Mädchen zuwandte, fühlte er sich leer wie ein trockener Weinschlauch.

»Dieses Kind ist verwundet.« Es war keine Frage.

Simon ließ hilflos zu, daß sie ihm Leleth aus den Armen nahm. Binabik kam herbei.

»Sie ist von Hunden angefallen worden«, erklärte der Troll. »Hunden mit dem Brandzeichen von Sturmspitze.«

Wenn er einen Blick voller Überraschung oder Furcht erwartet hatte, wurde er enttäuscht. Geloë drängte sich energisch an ihm vorbei und ging zu einem Strohsack am Boden, wo sie das Mädchen niederlegte. »Sucht euch etwas zu essen, wenn ihr hungrig seid«, sagte sie. »Ich muß jetzt an die Arbeit. Ist man euch gefolgt?«

Binabik berichtete ihr rasch die Ereignisse der letzten Stunden, während Geloë den teilnahmslosen Körper des Kindes entkleidete. Endlich kam auch Malachias herein. Er hockte sich neben den Strohsack und blieb auch dort, als Geloë Leleths Wunden säuberte. Als er ihr dabei zu nahe kam und ihre Bewegungen hinderte, berührte die Valada mit ihrer sommersprossigen Hand den Jungen leicht an der Schulter. Einen Augenblick hielt sie ihn fest und sah ihn an, bis Malachias aufblickte und zurückzuckte. Gleich darauf schlug er noch einmal die Augen zu Geloë auf, und die beiden schienen eine stumme Botschaft auszutauschen, bevor sich Malachias abwandte und an die Wand setzte.

Binabik schürte das Feuer, das in einem geschickt angelegten, tiefen Schacht im Boden brannte. Der Rauch – von dem es erstaunlich wenig gab – zog zur Decke hin ab. Simon überlegte, daß es in den Schatten dort oben einen verborgenen Schornstein geben mußte.