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Die Hütte selbst, die eigentlich nur aus einem einzigen, großen Raum bestand, erinnerte ihn in mancherlei Weise an Morgenes' Studierzimmer. An den lehmbestrichenen Wänden hingen lauter merkwürdige Dinge: zu sorgfältigen Bündeln geschnürte belaubte Zweige, Säckchen mit getrockneten Blumen, die ihre Blütenblätter verstreuten, und Halme, Schilfrohr und lange, glitschige Wurzeln, die alle aussahen, als hätten sie recht widerwillig den See unter ihnen verlassen. Das Feuerlicht flackerte auch über eine Vielzahl kleiner Tierschädel, deren helle, glattpolierte Oberflächen es beschien, ohne in die Dunkelheit der Augen einzudringen.

Eine ganze Wand war zwischen Boden und Decke durch ein gürtelhohes Bord aus über Rahmen gespannter Baumrinde geteilt. Es war ebenfalls mit sonderbaren Gegenständen bedeckt: Tierfellen und kleinen Bündeln aus Stöckchen und Knochen, schönen, vom Wasser glattgeschliffenen Kieseln in allen Formen und Farben und einer sorgsam aufgeschichteten Sammlung von Schriftrollen mit den Griffen nach außen, die aussahen wie ein Bündel Brennholz. Es war alles so vollgestopft, daß Simon eine Weile brauchte, bis er merkte, daß es eigentlich gar kein Bord, sondern ein Schreibtisch war; neben den Schriftrollen lagen ein Stapel Pergament und ein Federkiel in einem aus einem weiteren Tierschädel gefertigten Tintenfaß.

Qantaqa winselte leise und stieß mit der Nase gegen seinen Oberschenkel. Simon kraulte ihr die Schnauze. Sie hatte Rißwunden an Gesicht und Ohren, aber das Fell war säuberlich von getrocknetem Blut gereinigt worden. Simon wandte sich vom Tisch ab und der langen Wand zu, deren beide kleine Fenster auf den See hinausgingen. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und das hinausströmende Kerzenlicht warf zwei lange, unregelmäßige Rechtecke auf das Wasser. In einem davon konnte Simon seine eigene, schlaksige Silhouette sehen wie die Pupille eines hellen Auges.

»Ich habe etwas Suppe gewärmt«, sagte Binabik hinter ihm und bot ihm eine hölzerne Schale. »Ich habe sie selbst nötig«, lächelte der Troll, »und du und alle anderen auch. Ich hoffe, daß ich nie wieder einen Tag erleben werde, der diesem gleicht.«

Simon pustete auf die heiße Flüssigkeit und brachte dann etwas davon über die Lippen. Sie war würzig und ein klein wenig bitter, wie der gewürzte Apfelmost zu Elysiameß.

»Schmeckt gut«, sagte er und nahm einen weiteren Schluck. »Was ist es?«

»Besser nicht zu fragen, vielleicht«, grinste Binabik schalkhaft.

Geloë sah vom Strohsack auf, die Augenbrauen schräg zum scharfen Nasenrücken hin zusammengezogen, und heftete einen durchbohrenden Blick auf Binabik.

»Laß das, Troll, der Junge bekommt ja Magenschmerzen«, schnaubte sie ärgerlich. »Honiglocke, Löwenzahn und Steingras, mehr ist nicht darin, Junge.«

Binabik schien beschämt. »Entschuldigungen, Valada.«

»Mir schmeckt es«, bemerkte Simon, der fürchtete, sie unbeabsichtigt beleidigt zu haben, und fügte gleich darauf hinzu: »Seid bedankt, daß Ihr uns aufgenommen habt. Mein Name ist Simon.«

»Aha«, brummte Geloë und fuhr fort, die Wunden des Mädchens zu reinigen. Der verwirrte Simon trank so geräuschlos er konnte seine Brühe aus. Binabik nahm ihm die Schale ab und füllte sie nochmals, und Simon leerte sie fast ebenso schnell wie das erste Mal.

Binabik machte sich jetzt daran, mit den kurzen, kräftigen Fingern Qantaqas Fell zu strählen. Kletten und Zweige, die er herausholte, warf er ins Feuer. Geloë legte Leleth schweigend Verbände an, und Malachias, dem das strähnige schwarze Haar ins Gesicht hing, schaute zu. Simon fand einen verhältnismäßig freien Platz, an dem er sich an die Hüttenwand lehnen konnte.

Eine Legion von Grillen und anderen nächtlichen Sängern füllte die Hohlräume der Nacht, als Simon in einen Schlaf der Erschöpfung sank, und sein Herz schlug in ihrem langsamen Rhythmus mit.

Es war immer noch Nacht, als er aufwachte. Er schüttelte tranig den Kopf, um die klebrigen Überreste eines zu kurzen Schlummers daraus zu vertreiben. Er mußte sich erst einmal verstohlen in dem unvertrauten Raum umschauen, bis ihm wieder einfiel, wo er war.

Geloë und Binabik unterhielten sich leise. Die Frau saß auf einem hohen Schemel, der Troll wie ein Schüler mit gekreuzten Beinen zu ihren Füßen. Hinter ihnen auf dem Strohsack lag etwas Dunkles, Unförmiges, das Simon schließlich als Malachias und Leleth erkannte, die sich im Schlaf aneinanderschmiegten.

»Es kommt nicht darauf an, ob du klug gehandelt hast oder nicht, junger Troll«, meinte die Frau. »Du hast Glück gehabt, und das ist mehr wert.«

Simon beschloß, sie wissen zu lassen, daß er wach war. »Wie geht es der Kleinen?« erkundigte er sich gähnend.

Geloë richtete den verschleierten Blick auf ihn. »Sehr schlecht. Sie ist schwer verletzt und hat Fieber. Die Nornenhunde … nun, es ist nicht gut, von ihnen gebissen zu werden. Sie fressen unreines Fleisch.«

»Die Valada hat alles getan, was getan werden kann, Simon«, erklärte Binabik. Er hielt etwas in der Hand: einen neuen Lederbeutel, den er beim Sprechen zusammennähte. Simon fragte sich, wo der Troll wohl neue Dornen finden würde. Hätte er doch nur ein Schwert … oder wenigstens ein Messer! Menschen in Abenteuern besaßen immer Schwerter oder wenigstens einen scharfen Verstand. Oder Zauberkraft.

»Hast du…« Simon zögerte. »Hast du ihr von Morgenes erzählt?«

»Ich wußte es schon.« Geloë starrte ihn an. Der Feuerschein färbte ihre hellen Augen rot. Als sie weitersprach, geschah es mit kraftvoller Bedächtigkeit. »Du warst bei ihm, Junge. Ich kenne deinen Namen, und ich fühlte Morgenes' Zeichen auf dir, als ich dir das Kind abnahm und dich berührte.« Wie um es ihm zu beweisen, streckte sie die breite, schwielige Hand aus.

»Ihr kanntet meinen Namen?«

»Ich weiß viele Dinge, die mit dem Doktor im Zusammenhang stehen.« Geloë beugte sich vor und stocherte mit einem langen, verkohlten Stock im Feuer. »Wir haben einen großen Mann verloren, einen Mann, den wir schlecht entbehren können.«

Simon zögerte, bis endlich doch die Neugier den Sieg über seine Ehrfurcht vor der Valada davontrug. »Was meint Ihr?« Er kroch näher, bis er neben dem Troll saß. »Ich meine, was bedeutet wir

»›Wir‹ bedeutet ›wir alle‹«, antwortete sie. »›Wir‹ meint all die, die das Dunkel nicht willkommen heißen.«

»Ich habe Geloë berichtet, was uns widerfahren ist, Freund Simon«, sagte Binabik ruhig. »Es ist kein Geheimnis, daß ich kaum eine Erklärung dafür habe.«

Geloë machte ein schiefes Gesicht und zog das grobe Gewand enger um den Körper. »Und ich kann nichts hinzufügen … noch nicht. Allerdings ist mir jetzt klar, daß die Wetterzeichen, die ich selbst hier an meinem einsamen See bemerkt habe, die Gänse auf dem Flug nach Norden, die schon vor vierzehn Tagen über mich hätten hinwegziehen sollen, alle Dinge, die mich in dieser seltsamen Jahreszeit nachdenklich gemacht haben«, sie preßte die Handflächen aneinander, als wollte sie beten, »Wirklichkeit sind – und mit ihnen die Veränderung, die sie prophezeien. Schreckliche Wirklichkeit.« Sie ließ die Hände schwer in den Schoß sinken und starrte darauf.

»Binabik hat recht«, fuhr sie endlich fort. Der Troll neben ihr nickte ernsthaft mit dem Kopf, aber Simon sah ein zufriedenes Glitzern in den Augen des kleinen Mannes, als habe man ihm ein großes Kompliment gemacht. »Hier geht es um weit mehr als nur den Kampf eines Königs mit seinem Bruder. Der Streit von Königen kann das Land zerstören, kann Bäume entwurzeln und Felder in Blut baden« – prasselnd und funkenstiebend brach ein Scheit auseinander, und Simon fuhr erschreckt in die Höhe –, »aber die Kriege der Menschen bringen keine schwarzen Wolken aus dem Norden oder senden die hungrigen Bären im Maia-Monat in ihre Höhlen zurück.«

Geloë stand auf und streckte sich, und die weiten Ärmel ihres Gewandes hingen an ihr herunter wie Vogelschwingen. »Morgen werde ich versuchen, ein paar Antworten für euch zu finden. Jetzt soll schlafen, wer kann, denn ich fürchte, das Fieber des Kindes wird heute nacht mit aller Stärke wiederkehren.«